Die Last der Verschuldung muss gebrochen werden

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Eine der wichtigsten Studien zu den Folgen hoher Schulden wurde am Anfang der Finanzkrise viel zitiert, bis ein aufgedeckter Datenfehler die Glaubwürdigkeit der Aussagen erschütterte. Diese blieben auch nach Korrektur der Daten gleich, dennoch kam die Studie von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff aus der Mode. Sie hatten gezeigt, dass ab einer Staatsverschuldung von 90 Prozent des BIP die Wachstumsraten der Wirtschaft zurückgehen. Eigentlich kein überraschendes Ergebnis, führen doch steigende Staatsschulden zunächst zu mehr Wachstum, bis dann stagnierende oder gar rückläufige Staatsschulden an der Wachstumsrate knappern.

Nun zeigt eine neue Studie, dass die Schulden sehr wohl negativ wirken, die FT berichtet:

  • „(…) a thorough study just published in The Review of Economics and Statistics shows, there may be no threshold above which debt suddenly becomes onerous; but rising debt burdens do seem to slow down growth.“ bto: Wie bereits angemerkt, kann das doch niemanden verwundern. Die Wirkung der neuen Schulden nimmt ab, je größer der Anteil der Schulden ist, die nur noch der „Bedienung“ der vorhandenen Schulden dienen beziehungsweise unproduktiv verwendet werden.
  • „Given that the current predicament of most economies is a combination of a stubbornly slow recovery and large public and private debt burdens, it behoves policymakers to understand better the impact of debt and how to address it. Note, for example, the signs of high private sector vulnerability to debt service cost seven in relatively robust economies such as the US.“ bto: Das verwundert nicht, liegt doch die Verschuldung fast überall höher als 2008. Damit muss es per Definition eine höhere Empfindlichkeit mit Blick auf die Zinsen geben.
  • „Keiichiro Kobayashi provides theoretical explanations of how excessive debt burdens can cause persistent stagnation at the macroeconomic level. If businesses hit the limit of how much they are able to borrow, they may, after a shock (such as a financial crisis), end up producing at an inefficient scale, but still remain in existence while using their inefficient production to service debt. In such a situation, either liquidation or debt restructuring that allows the company to optimise its amount of borrowing or scale of production can increase productivity in the economy.“ bto: Man könnte es auch einfacher sagen: Zombies dämpfen die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Billige Zinsen und bankrotte Banken perpetuieren den Zombie-Status und damit das Problem. Sie sind eine der Ursachen für die Eiszeit.
  • „In their absence, banks have no incentive to forgive excessive debt burdens. This is because banks are satisfied with repayments from debt-ridden borrowers, even though the borrowers themselves suffer from inefficiency due to debt overhang, which in turn depresses the aggregate economy.bto: Die Wahrheit ist, sie können die Abschreibung selber nicht verkraften.
  • „Another new study examines the effect of the US government-sponsored mortgage companies in the run-up to the crisis. It finds that by increasing the amount of mortgage debt, such credit policies have a comparable effect to conventional stimulative monetary policy (low interest rates). In other words, policies that increase private sector debt add to aggregate demand even if monetary and fiscal policy remain restrained.“ bto: Auch dazu brauche ich keine Studie. Es war das erklärte politische Ziel, durch steigende Verschuldung des Privatsektors über stagnierende Einkommen hinwegzutäuschen.
  • „Active interventions by the government are therefore necessary to restore economic growth (…) by promoting debt restructuring or wealth redistribution from lenders to borrowers. Policy measures may include regulatory reforms to make bankruptcy procedures less costly and more debtor-friendly, promoting debt-for-equity conversions to reduce outstanding debt, and the injection of subsidies (or equity) in the banks that forgive debt and write off non-performing loans.“ bto: Ohne jetzt zu viel Eigenlob anzubringen, möchte ich schon darauf hinweisen, dass genau diese Forderung bereits in meinem Paper Back to Mesopotamia im Jahre 2011 zu lesen war. Hätten wir in diese Richtung gehandelt, stünden wir heute besser dar.
  • Most governments have pursued aggressive fiscal and monetary policies since the crisis. These have helped, but only up to a point: the recovery has been disappointing. The conclusion should not be to pull back, but rather to develop a third macroeconomic tool consisting of credit and debt management policies aimed at the private sector. Their goal should be large and immediate reductions in private sector indebtedness.“ bto: Bingo, genau darum geht es.
  • „All rich countries, and many emerging economies, are being held back by debt overhangs, but Europe is the most affected. As the eurozone works to finalise its policy on Italian banks, it should keep an eye on the prize: it can set an example for the world as well as remove a brake on growth.“ bto: aha. Und wer trägt die Kosten? Das ist doch der springende Punkt.

bto: Es ist ernüchternd, wie lange es braucht, bis sich die eigentlich triviale Erkenntnis durchsetzt, dass wir ohne einen Schuldenschnitt mit entsprechenden Verlusten für die Gläubiger die Krise nicht überwinden können. Von der FT bis in die Zirkel der Politik dürfte es noch Jahre und viele weitere Krisenausbrüche brauchen.

 FT (Anmeldung erforderlich): „In the throes of debt“, 3. Mai 2016

3 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    >Es ist ernüchternd, wie lange es braucht, bis sich die eigentlich triviale Erkenntnis durchsetzt, dass wir ohne einen Schuldenschnitt mit entsprechenden Verlusten für die Gläubiger die Krise nicht überwinden können. Von der FT bis in die Zirkel der Politik dürfte es noch Jahre und viele weitere Krisenausbrüche brauchen.>

    Ich bin sicher, dass die in der Tat triviale Erkenntnis längst in den Zirkeln der Politik angekommen ist.

    Schließlich geht es hier nicht um Geheimwissen.

    Die Politik kann allerdings nicht die notwendigen Konsequenzen ziehen, weil sie mit massiver Gläubigerbelastung (erst einmal) Destabilisierung hervorrufen würde.

    Das kann sie nicht wollen, wird sie nicht wollen.

    Und DANACH ein nachhaltiger Wachstumspfad eingeschlagen werden könnte, ist zumindest fraglich.

    Heilungs- und Heilsversprechen helfen nicht.

    Die „Lösung“ oder Lösung wird daher sein:

    Weiterwursteln bis es irgendwann irgendwo zu einem CRASH mit nicht mehr kontrollierbaren Folgen kommt, den niemand von den Politik- und Finanz-Managern auf dem Radar hatte – wie bei der Sub prime-Krise in USA –, weil bis zu diesem Zeitpunkt alles STABIL ist, weil in schwierigen Fällen IMMER WIEDER Stabilität hergestellt werden konnte (Griechenland, z. Z. mal die italienischen Banken, morgen dies oder das).

    Wollte man das Eintreten eines Crash bestreiten, müsste man auch bestreiten, dass immer weiter wachsende Verschuldung sich NICHT negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt, sondern sozusagen hinsichtlich seiner Effekte diesbezüglich neutral wäre.

    Solange ich auf diese Erkenntnis warten muss, habe ich keinen Grund, vom düsteren Szenario abzurücken.

    Zwischenzeitlich zur Erbauung die Überlegung, ob nicht der ganze Schlamassel darauf zurückzuführen ist, dass eine verblendete Welt bis heute unerschütterlich GLAUBT, wenn sich Nachfrage- und Angebotsseite in unterschiedliche Richtungen entwickeln, müsse man NUR die Angebotsseite stärken, um die Dinge im Gleichgewicht zu halten.

    Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus so funktioniert und auch nicht, dass er durch Akrobatik in der Geld- und Finanzpolitik unter den herrschenden Umständen zum Funktionieren gebracht werden kann als das, was er seiner Systematik nach ist: eine Wachstumsmaschine für mehr Wohlstand.

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  2. Wolfgang Selig says:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter, Sie schreiben, es dürfte noch Jahre und viele Krisenausbrüche brauchen, bis die Einsicht für einen Schuldenschnitt da ist. Ich behaupte, 1 Krise und 1 Jahr reicht unter Umständen, wenn die Krise denn groß genug ist.

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