Wegbereiter der Umverteilung

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Thomas Piketty hat geschafft, was nur wenigen Ökonomen gelingt: Er hat in den USA „Rockstar-Status“ erreicht, wie die Financial Times berichtet. Und dies auch noch als Franzose. Mit seinem Buch „Capital in the Twenty-first Century“ hat er genau zum richtigen Zeitpunkt einen wunden Punkt der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung angesprochen. Die zunehmend ungleiche Vermögensverteilung in der Welt, allen voran die Vereinigten Staaten von Amerika. In der Datenfülle und Qualität der Analysen ist sein Buch durchaus gleichwertig zum Bestseller „This time is different“ von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff. Diese legten, ebenfalls mit gutem Gespür für das Timing, das Standardwerk zu Finanzkrisen pünktlich zum Höhepunkt der Krise im Jahr 2009 vor.

Unser Wirtschaftssystem fördert Vermögenskonzentration

Piketty hat sich die Mühe gemacht historische Daten aufzubereiten, um die Entwicklung von Vermögen und Vermögensverteilung über Jahrhunderte nachzuvollziehen. Dabei fand er heraus, dass das Gesamtvermögen in einer Volkswirtschaft zwischen dem Vier- und Sechsfachen der jährlichen Wirtschaftsleistung liegt. Dies ist unmittelbar einleuchtend, ist doch der Wert einer Volkswirtschaft wie bei einer Unternehmensbewertung der abgezinste Wert der zukünftigen Erträge. Phasen tiefen Zinsniveaus – wie heute – führen bei gegebenen Einnahmen zu entsprechend höheren Vermögenswerten und umgekehrt. Der Schwerpunkt der Analysen von Piketty liegt jedoch bei der Frage der Vermögensverteilung. Hier zeigen seine Analysen, wie es über Jahrhunderte immer wieder zu zunehmender Vermögenskonzentration gekommen ist und diese dann durch Kriege, Währungsreformen und Naturkatastrophen wieder nivelliert wurde. Piketty führt dies auf die strukturell höhere Verzinsung von Kapital relativ zum Wachstum der Wirtschaft zurück. Demnach müssten die Vermögen schneller zunehmen als die Wirtschaftsleistung und Kapitalbesitzer sich immer besser stellen als diejenigen, die nur auf Arbeitseinkommen angewiesen sind. Ewig kann ein solcher Prozess naturgemäß nicht andauern, was wiederum die regelmäßige Bereinigung der Vermögenskonzentration durch krisenhafte Ereignisse erklärt.

Das Phänomen der Vermögenskonzentration ist dabei nicht neu. Hatten bei der Gründung Roms alle Bürger die gleiche Startaustattung mit Grund und Boden („Roma Quadrata“), so war schon wenige Jahrzehnte später das Vermögen auf wenige Familien konzentriert. Offensichtlich waren nicht alle Bürger gleich erfolgreich in der Verwaltung ihres Startvermögens, und Misswirtschaft und auch Pech wie schlechte Ernten führten zu einem Prozess der zunehmenden Vermögenskonzentration. Die Folge waren zunehmende soziale Spannungen und letztlich Geldentwertung und Niedergang. Schon im Altertum haben die Könige von Mesopotamien Ähnliches beobachtet und einen drastischen Schluss gezogen: Alle dreißig Jahre kam es zu einem völligen Neustart durch Neuverteilung des vorhandenen Grund und Bodens und die Annullierung aller Schulden. Die Bibel beschreibt dies als Jubeljahr. Die Jubeljahre führten jedoch zu einem Anstieg des Zinsniveaus, so dass am Ende in Mesopotamien alle drei Jahre ein Neustart erforderlich war.

Die wirtschaftliche Freiheit und die enorme Innovationskraft unserer Wirtschaftsordnung, die auf geschütztem Privateigentum basiert, bedingt nun einmal, dass es erfolgreiche und weniger erfolgreiche Wirtschaftsteilnehmer gibt. Die Vermögensverteilung ist damit nur ein Symptom dieser Entwicklung und jene, die, wie der Harvard-Professor Greg Mankiw, die ungleiche Vermögensverteilung als Anreiz und Belohnung für herausragende Leistungen sehen, beleuchten sicherlich einen zutreffenden Aspekt.

Zunehmende Konzentration der Vermögen trägt zur Krise bei

Eine zunehmend ungleiche Vermögens- und Einkommensverteilung führt jedoch zu einer Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik. Eine solche diskutiert die Wirtschaftswissenschaft zur Zeit unter dem Stichwort der „säkularen Stagnation“, ein Begriff, den der ehemalige US-Finanzminister und Harvard-Professor Larry Summers erneut in die Diskussion gebracht hat. Demzufolge leidet die Welt an einem Ersparnisüberhang. Immer mehr Ersparnisse würden angeboten, führten aber zu keiner entsprechenden Nachfrage für Investitionen. Da diese Ersparnisse auch nicht in den Konsum fließen, sind immer geringere Kapitalerträge und zunehmende Spekulation an den Finanzmärkten die Folge. Der Lösungsvorschlag von Summers: Die Notenbanken sollen die Zinsen in den negativen Bereich treiben und die Staaten mehr Schulden machen, um über Investitionen das Wachstum anzukurbeln.

Dabei wird der entscheidende Zusammenhang jedoch verkannt: Das Wachstum von Vermögen und Vermögenskonzentration ist nur die eine Seite der Medaille. Spiegelbildlich zu den Vermögen sind auch die Schulden gewachsen. Zwar ist ein überwiegender Teil der Vermögen Eigenkapital, ein großer Teil sind jedoch Forderungen. Beispiel Deutschland: Das Vermögen der Deutschen wird auf zwölf Billionen Euro geschätzt, davon entfallen sechs Billionen auf Immobilien, eine Billion auf Gebrauchsgüter, und immerhin fünf Billionen sind sogenanntes Geldvermögen. Das ist jedoch nicht unter dem Kopfkissen, sondern zum großen Teil bewusst oder unbewusst verliehen. Und wie schon oft angesprochen, sind wir keine cleveren Kreditgeber, denn unsere Schuldner sind nicht immer in der Lage, ihren Verpflichtungen nachzukommen – siehe die enormen Verluste deutscher Banken mit Immobilienfinanzierung in den USA und die noch offene Rechnung für die Eurokrise.

Damit haben wir es nicht mit nur mit einem Ersparnisüberhang, sondern eben auch mit einem Schuldenüberhang zu tun. Es ist kein Zufall, dass der deutliche Anstieg von Vermögen und Schulden seit den 1970er-Jahren parallel verläuft. Seit damals hat sich die Verschuldung von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten in den Industrieländern relativ zum BIP mehr als verdoppelt. Piketty beschreibt für denselben Zeitraum den deutlichen Anstieg der Vermögenskonzentration.

Statt zu bremsen hat die Politik den Prozess verstärkt

Seit dem Altertum gab es Bemühungen, den Prozess der Vermögenskonzentration zu begrenzen. Progressive Einkommenssteuern und Erbschaftssteuern wurden auch aus diesem Grunde von der Politik eingeführt. Ebenso wichtig waren die Investitionen in die Bildung der nachfolgenden Generation. Piketty betont, dass die Breitenbildung neben der sehr hohen Besteuerung von Einkommen in den 50er- und 60er-Jahren in den USA ursächlich für die „fairere Vermögens- und Einkommensverteilung“ gewesen sei.

Seit den 1970er-Jahren hat sich dies geändert. Die Politik hat alles getan, um einen auf Verschuldung basierenden Wirtschaftsaufschwung zu befeuern: zunächst die Aufhebung der Goldbindung des Dollars und die Liberalisierung der Finanzmärkte. Das Bankensystem konnte so weitgehend ungebremst die Kreditvergabe ausweiten, was angesichts der mit diesem legalen Gelddrucken erzielbaren Gewinne immer aggressiver gemacht wurde. Der Höhepunkt wurde erst 2007 mit den Ninja-Loans erreicht: no income, no job, no assets – aber dennoch kreditwürdig. Hilfestellung gaben die Zentralbanken, die das Zinsniveau immer weiter nach unten trieben. Der Politik war dieser Kreditboom nur recht, konnten die stagnierenden Einkommen bedingt durch die Globalisierung der Arbeitsmärkte verdeckt werden.

Wie immer profitieren von der Schaffung neuen Geldes jene am meisten, die als erste den Zugriff auf das neu geschaffene Geld haben. Banken, Hedgefonds und die Private Equity Branche profitierten überproportional. Der Ersatz von Eigenkapital durch billige Kredite ergab den gewünschten Leverage-Effekt für die eigenen Investitionen. Kein Wunder, dass den Hitlisten der reichsten Menschen überproportional Vertreter dieser Branchen angehören. Zusätzlich befördert wird das von einer Politik, die Kapitalgewinne geringer besteuert als Arbeitseinkommen, was sogar Warren Buffet öffentlich anprangerte. Es ginge nicht, dass seine Sekretärin einem höheren Steuersatz unterliege, als er selbst.

Wegbereiter für Umverteilung

Damit passt Piketty mit seinem Buch perfekt in den Zeitgeist. Bereits vor einigen Wochen hat eine neue Studie des IWF gezeigt, dass Länder mit einer gleichmäßigeren Vermögensverteilung höhere Wachstumsraten aufweisen als Länder mit einer eher ungleichen Vermögensverteilung. Nicht in jeder Hinsicht überzeugen die Analysen. So werden die skandinavischen Länder als Beispiel für eine gleichmäßigere Vermögensverteilung und höhere Wachstumsraten gewählt. Der Grund für dieses höhere Wachstum kann jedoch an der ansonsten guten Politik dieser Länder liegen: herausragende Bildung, ausgezeichnete Sprachkenntnisse, guter Industriemix. Umgekehrt gibt es zahlreiche Beispiele für die Flucht von Erfolgreichen und Vermögenden aus diesen Ländern. Der Eigentümer von Ikea wohnt in der Schweiz, ebenso die Erfinder von Tetrapak. Sogar der Bestsellerautor Jonas Jonasson („Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“) lebt lieber im klimatisch und steuerlich schönen Tessin. Dann wäre die Korrelation von Vermögensverteilung und Wachstum nur ein weiteres Beispiel für die Mahnung aus dem Statistikunterricht: Eine Korrelation ist noch lange keine Kausalität.

Trotz dieser Bedenken werden die Argumente auch von höchst prominenter Stelle aufgegriffen. Martin Wolf kommt in der FT zu dem Schluss, dass es angesichts der Studien von Piketty und des IWF vernünftig sei, das Thema der Vermögensverteilung von politischer Seite anzugehen. Letztlich ließe sich nur so die Dynamik der freien Wirtschaft mit der breiten politischen Akzeptanz verbinden – und höhere Wachstumsraten erzielen. Den Weg dazu hat der IWF ebenfalls in einer Studie aufgezeigt: einmalige Vermögensabgaben. Ähnlich sehen das auch die Professoren Reinhart und Rogoff in einem Beitrag für den IWF, und die Bundesbank weist in  eine vergleichbare Richtung – zunächst für die Krisenländer Europas. Passend dazu auch die Warnungen vor einer deflationären Entwicklung , die letztlich zum Ziel haben, die Regierungen zum Handeln zu bewegen.

Damit scheint klar, wohin die Reise geht. Angesichts der ungelösten Überschuldungsproblematik – der anderen Seite der hohen Vermögen – wird über den geeigneten Weg nachgedacht, beides abzubauen: die Schulden und die Vermögen. Piketty, der IWF und die anderen Institutionen und Autoren liefern hierzu das theoretische Rüstzeug. Bis es soweit ist, kann es durchaus noch eine Weile dauern. Zunächst wird die heutige Politik des Spiels auf Zeit fortgesetzt. Je deutlicher jedoch wird, dass die Schuldendynamik angesichts geringer Wachstumsraten nicht in den Griff zu bekommen ist, desto wahrscheinlicher werden Maßnahmen, die Verschuldung und Vermögen im Zusammenhang sehen. Soll niemand sagen, er sei nicht gewarnt gewesen.

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