Warum investieren wir nicht?

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Ohne Investitionen in Infrastruktur, Maschinen und Anlagen, Forschung und Bildung kann eine alternde und schrumpfende Bevölkerung den Wohlstand nicht halten, geschweige denn, bestehende Schulden bedienen und zukünftige Versprechen einhalten. Wirtschaftswachstum ergibt sich aus zwei Faktoren: der Anzahl der Menschen, die arbeitet (Erwerbsbevölkerung) und ihrer Produktivität (BIP pro Kopf). So stagniert beispielsweise seit Jahren das BIP Japans angesichts einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung und einem kompensierenden Anstieg des BIP pro Kopf.

Noch nie war Geld so billig wie heute. Staaten wie die USA, Deutschland, Frankreich, England können sich faktisch umsonst finanzieren – die Kehrseite der finanziellen Repression der Sparer. Auch Unternehmen profitieren von günstigen Finanzierungskosten und zugleich rekordhohen Gewinnen. Fast überall liegt der Anteil der Unternehmensgewinne am BIP auf Höchstniveau. Theoretisch müssten wir einen Investitionsboom erleben. Tun wir aber nicht, im Gegenteil schrumpfen sowohl die privaten wie die öffentlichen Investitionen:

FT (Anmeldung erforderlich): US public investment falls to lowest level since war, 3. November 2013
FT (Anmeldung erforderlich): Corporate investment: A mysterious divergence, 24. Juli 2013

Woran liegt das?

Für die Zurückhaltung der Staaten kann man verschiedene Gründe ausmachen:

  •  Viele Staaten haben einen so hohen Schuldenstand, dass sie sich trotz günstiger Finanzierungskosten keine weiteren Schulden mehr leisten können. In einigen Ländern sind die Finanzierungskosten zudem deutlich höher (Italien, Spanien, Portugal).
  • Die Politik müsste in so einem Umfeld von Konsum zu Investitionen umsteuern. Klartext: weniger Sozialausgaben, mehr Infrastruktur und Bildung sowie Forschungsausgaben. Doch das ist unpopulär und kostet Wählerstimmen. Da ist es viel bequemer, investive Ausgaben zu streichen. Zudem die Bürger es erst langsam merken – wenn überhaupt: Kaputte Straßen werden moniert, Lehrermangel merkt nur noch ein Teil der Bevölkerung, und fehlende Forschungsunterstützung wirkt sich erst in Jahrzehnten aus.
  • Die Bevölkerung selber wird immer feindlicher gegenüber Investitionen. Man denke nur an den Protest gegen Flughäfen und Bahnhöfe. Eine alternde und kinderarme Gesellschaft neigt zu Konsum statt Investition, haben doch viele keine Kinder, deren Zukunft ihnen am Herzen liegt.
  • Spektakuläre Skandale mit Großprojekten – siehe Berliner Flughafen – machen es für Politiker zusätzlich unattraktiv sich solcher Themen anzunehmen.

Letztlich ist die fehlende Investitionsbereitschaft und -fähigkeit der öffentlichen Hand die Folge der Schuldenwirtschaft der letzten Jahrzehnte. Wenn ein Großteil des Budgets für Soziales und Zinsen fest verbucht ist, schrumpft der Bewegungsspielraum. Dabei wäre es gerade heute an der Zeit, genau anders zu handeln: Wir brauchen Investitionen und Kapital ist günstig. Eine vertane Chance!

Doch bleibt die Frage, weshalb der Privatsektor nicht investiert. Billiges Geld und hohe Profite sollten doch Anreiz genug sein? Ich habe das bereits vor ein paar Tagen diskutiert. Die Ursachen vermutet man hier:

  • Die Anreizsysteme für Manager fokussieren auf kurzfristige Ergebnisse, nicht auf langfristige Wertsteigerung. Insofern würde sich die Wirtschaft nicht viel anders verhalten als die Politik. Hier die Aktionäre, dort die Wähler und alle gemeinsam zu kurzfristig orientiert?
  • Es ist immer riskanter, in neue Dinge zu investieren, als Bestehendes durch Effizienzprogramme und Kostensenkung zu optimieren.
  • Interessanterweise liegen die Investitionsquoten von nicht an der Börse gelisteten Unternehmen höher – offensichtlich haben die Eigentümer dieser Unternehmen einen längeren Atem, was die Investitionen betrifft.
  • Angesichts der Finanzkrise liegt das BIP in vielen Ländern noch deutlich unter dem Trendwachstum von vor der Krise, und die Kapazitäten sind nicht ausgelastet.
  • Die wirtschaftliche und politische Unsicherheit hat eher zu- als abgenommen in den letzten Jahren: Eurokrise, Syrienkonflikt, US-Haushaltsstreit, Energiewende in Deutschland. Alle diese Faktoren führen zu Unsicherheit und damit zu Investitionszurückhaltung.
  • In einigen Branchen gibt es vermutlich zu wenig Wettbewerb. Unternehmen haben es sich in Oligopolen gemütlich gemacht, in denen Erträge optimiert werden, fundamentale Kämpfe um Marktanteile jedoch unterbleiben.
  • Oder ist es nur ein statistischer Effekt? Gewinne sind vielleicht gar nicht so hoch wie ausgewiesen, und ein immer höherer Anteil der Investitionen geht in immaterielle Vermögensgüter (Beispiel: Markenname), die unzureichend in der Statistik erfasst werden. Ich bin diesbezüglich skeptisch, da sich solche Investitionen in den Kosten niederschlagen müssten mit entsprechend geringeren Margen.

Letztlich spielt es keine Rolle, weshalb Unternehmen unzureichend investieren. Die Wirkung bleibt verheerend mit Blick auf die vor uns liegenden Herausforderungen. Aber auch mit Blick auf die Überwindung der aktuellen Wachstumsschwäche ist das Thema relevant. In einer Volkswirtschaft gibt es vier Sektoren, die gesamthaft das Wachstum bestimmen:

  • die privaten Haushalte mit Konsum
  • die Unternehmen mit Investitionen
  • der Staat mit Konsum und Investitionen
  • der Außenhandel mit Überschuss (= die Inländer sparen mehr, als sie ausgeben) oder Defizit (= die Inländer konsumieren mehr, als sie einnehmen)

Wenn nun Privathaushalte einen zu hohen Schuldenstand abbauen müssen (Deleveraging) und der Staat tendenziell dasselbe tut, verbleiben nur der Außenhandel (mehr exportieren als importieren) und der Unternehmenssektor (mehr investieren), um den Nachfragerückgang der anderen Sektoren aufzufangen. Wenn in einer solchen Situation, Unternehmen statt zu investieren, ebenfalls sparen, fällt die Anpassung nur auf den Außenhandel, oder aber die Wirtschaft gerät in eine Rezession, und der Staat verfehlt sein Sparziel wegen fallender Steuereinnahmen und steigenden Sozialkosten.

Insofern ist es eine ungesunde Anomalie, dass der Unternehmenssektor trotz Rekordgewinnen spart und die Staaten weiterhin Defizite machen.

Eine Lösung kann darin liegen, die Investitionen der Unternehmen zu fördern: über steuerliche Bevorteilung von Investitionen gegenüber Ausschüttungen und Aktienrückkäufen, über verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten. Bleibt es bei der derzeitigen Situation, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Staaten auch im Unternehmenssektor die Steuerschraube wieder anziehen. So gesehen, ist es auch im Unternehmensinteresse, dass Geld lieber im eigenen Geschäft zu investieren.

Doch vielleicht ist die Zeit auch reif für ein ganz anderes Modell: dem Privatsektor die Investitionen auch im Bereich der öffentlichen Infrastruktur zu überlassen. Geld und Kompetenz sind dort vorhanden. Vernünftige Regulierung vorausgesetzt, kann sich daraus eine Win-win-Situation ergeben.

2 Kommentare
  1. Burkhardt Brinkmann says:

    „Letztlich spielt es keine Rolle, weshalb Unternehmen unzureichend investieren.“
    Doch, gerade DAS ist entscheidend, wenn man das Gesamtsystem „Wirtschaft“ und die längere Frist in den Blick, und vielleicht sogar in den Griff, bekommen will.

    Was nützt es denn, Investitionen steuerlich zu fördern, wenn die Produkte vielleicht nicht nachgefragt werden?
    Und es wäre ja immerhin möglich, dass sie (auch) deshalb nicht nachgefragt werden, weil die Steuereinnahmen nicht an die Kleinen verteilt werden (wo sie nachfragewirksam würden), sondern an die Unternehmen.

    Oder was hilft es, staatliche Investitionsaufgaben zu privatisieren, wenn hinterher der von den Benutzern zu entrichtende „Tribut“ an die Vermögensbesitzer die Kaufkraft weiter schmälert.

    Einige der von Ihnen oben genannten Gründe für die Investitionsschwäche der westlichen Gesellschaften klingen zwar plausibel.
    Ich vermute indes, dass der Hauptgrund die Überakkumulation bei den Besitzenden (vielleicht auch bei den Pensionsfonds) sein könnte.

    Wenn es in großem Umfang Geldbesitzer gibt, die ihr Geld nicht mehr ausgeben (wollen oder können), sondern es nur noch verleihen wollen (und das dabei eingenommene Geld dann wiederum nicht ausgeben), dann stoppt zwangsläufig der monetäre Blutkreislauf einer Volkswirtschaft.

    Leider scheint sich die Wirtschaftswissenschaft aber heftig dagegen zu sträuben, diese Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen. Lieber wird an den unwahrscheinlichsten Stellen gesucht, als die relativ einfache „Unterkonsumtionstheorie“ auch nur in Erwägung zu ziehen. Obwohl doch jeder Monopoly-Spieler weiß, wie das funktioniert.
    Und obwohl für die erste Weltwirtschaftskrise die Unterkonsumtionstheorie durchaus von einer Reihe von Wirtschaftswissenschaftlern zur Erklärung herangezogen worden war.
    (Ich persönlich spreche lieber von „Überakkumulation“, weil es zunächst einmal gleichgültig ist, ob die Nachfrage im Konsum- und/oder im Investitionsbereich fehlt.)

    Norbert Häring hat wohl Recht, wenn er von der „Lebenslüge der heutigen Ökonomen“ spricht und sagt:
    „Ihre Vorgänger haben zu Anfang des 20. Jahrhunderts scheinbar das Politische aus dieser Sozialwissenschaft verbannt, wie es im ursprünglichen englischen Namen „Political Economy“ zum Ausdruck kommt. In Wahrheit habe sie das Politische ihres Fachs aber nur so tief im Fundament der grundlegenden Annahmen vergraben, dass heutige Ökonomen nicht einmal mehr erkennen, dass sie die Interessen der Bezieher von Kapitaleinkommen zu Lasten der Interessen der Arbeitnehmer vertreten. Sie bilden sich tatsächlich ein, sie betrieben werturteilsfreie Wissenschaft.“

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