«SNB sollte Gebühr auf Bargeld einführen»

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Nicht nur das Geldsystem wird diskutiert, sondern auch die Frage, wie man die derzeitige Notenbankpolitik durchsetzen kann. Eine Idee in dem Zusammenhang: das Verbot von Bargeld. In dem gestern bereits verlinkten Artikel zum Thema Geldsystem in der NZZ wurden auch die Ideen zum Bargeldverbot intensiver diskutiert:

  • Die Abschaffung von Noten und Münzen würde Anlegern die Möglichkeit nehmen, negative Zinsen auf Guthaben zu umgehen, indem sie Gelder abheben und in bar halten. Dadurch entfiele die Zinsuntergrenze von (leicht unter) null als Restriktion für die Geldpolitik, und die Zentralbank gewönne an Möglichkeiten, die Konjunktur zu stimulieren oder Kapitalflüsse zu steuern.“
  • Die NZZ meint, es ginge auch anders: “ Eine angekündigte schrittweise Anhebung (…) der Mehrwertsteuer schafft aus Sicht der Verbraucher dieselben Kaufanreize wie eine Senkung des Nominalzinses: Beide Massnahmen führen dazu, dass ein Vorziehen von Käufen attraktiver wird.“ ‒ bto: Sehe ich genauso.
  • „… selbst ohne Bargeld besteht durch das Vorauszahlen von Steuerrechnungen oder das vorzeitige Begleichen anderer Verbindlichkeiten die Möglichkeit, sich einen Zinssatz von mindestens null zu sichern. Um dies zu ändern, müssten Vorauszahlungen von Steuern verboten oder Gebühren unterworfen werden, und Zahlungen im privaten Geschäftsverkehr müssten Rabatte für Spätzahler vorsehen. Ohne derart drastische und ungewöhnliche Schritte bliebe selbst nach Abschaffung des Bargelds eine Form der Zinsuntergrenze bestehen.“
  • „Nach Ansicht der Befürworter bestünde ein Vorteil der Abschaffung von Bargeld darin, Steuerhinterziehung und kriminelle Aktivitäten wirkungsvoller bekämpfen zu können. Doch realistischerweise wäre ein solcher Erfolg keineswegs garantiert. Denn wer seine Transaktionen gegenüber dem Staat geheim halten wollte, wäre dazu noch immer in der Lage.“
  • „Realistischerweise würde eine solche Abschaffung nicht nur zu einer Zunahme elektronischer Zahlungen führen, sondern auch dazu, dass sich neue Tauschmittel etablieren: Man denke an Bons, Zigaretten oder Bargeld in ausländischer Währung. Dieser Substitutionsprozess liefe dem ursprünglichen Ziel diametral entgegen. Statt die Kontrolle des Staats und der Zentralbank über den Zahlungsverkehr und den Preis des Geldes zu stärken, ginge diese Kontrolle in Teilbereichen verloren.“

Fazit des Autors: „In einer freien Gesellschaft ist das mögliche Ausmass staatlicher Kontrolle über das Geldwesen durch die Bereitschaft der Bürger begrenzt, das staatlich bewirtschaftete Geld zu akzeptieren. Letztlich entscheidet also die Nützlichkeit des Geldes darüber, inwieweit der Staat dieses Geld Beschränkungen unterwerfen kann.“ ‒ bto: Das sehe ich genauso. Geld ist per Definition die Folge einer privaten Transaktion, wie die Theorie der Eigentumsökonomik sehr schön zeigt. So sollte es auch bleiben. Nur müssen die Exzesse im System verhindert werden. Die Forderungen nach dem Verbot von Bargeld werden in den kommenden Jahren noch lauter werden, solange die Krise nicht überwunden ist ‒ und dies setzt bekanntlich eine Bereinigung der Überschuldung voraus. Und wenn die Wirtschaftspolitik immer verzweifelter agiert, werden immer extremere Maßnahmen ergriffen werden.

NZZ: Notenbankgeld für alle?, 20. Februar 2015

Passend zum Thema die andere Idee: eine Gebühr auf Bargeld. Nach dem Motto, wenn ich es schon nicht verbieten kann, dann doch wenigstens besteuern. Die FINANZ und WIRTSCHAFT interviewt Miles Kimball, Wirtschaftsprofessor an der Universität Michigan:

  • „Auf eine zu starke Währung und ein schwaches Wirtschaftswachstum reagieren Zentralbanken besser mit negativen Zinsen statt einem Anleihenkaufprogramm (Quantitative Easing, QE). (…) . Als Antwort auf die Finanzkrise wären Negativzinsen von –4% angemessen gewesen, argumentiert (Miles Kimball).“ ‒ bto: Nur zur Übersetzung  ‒ dann wäre Geld billig genug, um zu weiterer Verschuldung zu animieren!
  • „Die einzige Untergrenze für Zinsen wird erreicht, wenn eine breite wirtschaftliche Erholung einsetzt. Solch eine Expansion – einschliesslich, im Fall der Schweiz, eines wettbewerbsfähigen Wechselkurses – würde dann negative respektive niedrige Zinsen unnötig machen. Es gibt nur diese Untergrenze – vorausgesetzt, es ist bekannt, dass der Wert von Banknoten unter den Nennwert fallen kann.“
  • „Ich habe eine Einlagengebühr für Bargeld vorgeschlagen. Der Pfad, dem die SNB folgt, lässt eine solche Gebühr ziemlich plausibel erscheinen. Die Nationalbank ist offen für neue Ansätze; das wird schon dadurch gezeigt, dass sie den Zins bis auf –0,75% gesenkt hat. Im jetzigen Umfeld wäre es angemessen, zu sagen: Wir sehen Anzeichen, dass immer mehr Banknoten bezogen werden, und wir wollen das verhindern. Wir werden die Arbitrage zu den Negativzinsen auf Einlagen verhindern, indem wir eine stetig steigende Einlagengebühr auf Papiergeld einführen. Wenn Banken das Bargeld bei der SNB einzahlen wollen, müssen sie diese Gebühr bezahlen. Ich sehe keinen Grund, warum die SNB eine solche Massnahme nicht rechtfertigen könnte.“ ‒ bto: Es gab so etwas ja schon mit dem Schwundgeld von Gesell in den 1930er-Jahren. Es geht immer darum, Sparer zum Konsum zu zwingen, um Schuldnern den Schuldendienst zu ermöglichen. Völlig logisch im Kettenbriefsystem des „Kapitalismus“, der eher Schuldenwirtschaft heißen sollte.
  • „Wenn wir einen Zins von –4% im Jahr 2009 in den USA gehabt hätten, wäre es bis Ende des Jahres zu einer robusten Wirtschaftserholung gekommen. Ein Zins von –3% hätte wahrscheinlich auch gereicht. Leuten, die das bezweifeln, antworte ich, dass die Notenbank so tief gehen kann, wie sie will. An einem Punkt wird die Wirtschaft mit grosser Geschwindigkeit Fahrt aufnehmen. Das bringt die Zinsen dann wieder nach oben. Die Grenze, wie tief die Geldpolitik die Zinsen herabsetzen kann, ist nur, dass dies ab einem bestimmten Punkt eine wirtschaftliche Erholung auslöst.“ ‒ bto: Wiederum ‒ es geht darum, Leute zur Verschuldung zu animieren. Doch was passiert, wenn sie es bei minus vier Prozent machen und dann kommt die nächste Rezession? Gehen wir dann auf minus zehn? Zur Erinnerung: Die Produktivität neuer Schulden sinkt immer mehr.
  • „Wenn die Zinsen hoch sind, kümmern sich Unternehmen nur um Projekte, die schnell rentieren, da sie sonst die Zinsen nicht zurückzahlen können. Sind die Zinsen jedoch niedrig, gehen Unternehmen und Einzelpersonen auch Investitionen ein, die einige Zeit brauchen, um zu rentieren, da die Zinslast gering ist. Wenn man lange auf seine Rendite warten kann, wird es entscheidend für die Bewertung von Projekten und Unternehmen, was man für die nächsten zehn oder zwanzig Jahre prognostiziert. Bei niedrigen Zinsen sind die Vermögenspreise damit nicht nur hoch, sondern sie schwanken auch stärker.“ ‒ bto: Das stimmt.
  • „Strengere Eigenkapitalvorschriften für Banken und Hypotheken würden explizit machen, wer das Risiko übernimmt. (…) In einer Rede hat Larry Summers gesagt, weil die volkswirtschaftliche Nachfrage so schwach sei, bräuchten wir vielleicht bei Nullzinsen ständig Blasen, um die Nachfrage noch stimulieren zu können. Aber negative Zinsen ermöglichen uns, die Blasen mit höheren Kapitalanforderungen einzuschränken, ohne uns um die Nachfrage sorgen zu müssen. Negative Zinsen sind mächtig genug, damit man nicht mehr auf Vermögensblasen angewiesen ist, um die Nachfrage zu stimulieren.“ ‒ bto: Das ist die säkulare Stagnation, die ja angeblich an einem Ersparnisüberhang liegt. Leser von bto wissen, es ist ein Schuldenüberhang.
  • „Die Schweiz sollte sich überlegen, einen Staatsfonds einzurichten. Das ist heute Standard für Staaten, die über ein Nettofinanzvermögen verfügen. Mit negativen Zinsen könnten grosse Summen ausgeliehen werden, vielleicht 4 oder 5 Bio. Fr., und diese könnten in börsengehandelte Fonds, ETF, investiert werden. Dadurch würde man vermeiden, in individuelle Unternehmen involviert zu sein. Das Geschäft wäre das einer Bank: günstig Geld aufnehmen, um es mit einer höheren Rendite zu investieren.“ ‒ bto: Vorschlag der F.A.Z. im Großen! Allerdings bin ich hier aus zwei Gründen nicht so skeptisch: a) die SNB druckt ihr Geld selber, b) im Unterschied zum Häuslebauer kann die Schweiz einen Zeithorizont von 100 Jahren und mehr einnehmen.

FINANZ und WIRTSCHAFT: «SNB sollte Gebühr auf Bargeld einführen», 17. Februar 2015

4 Kommentare
  1. Jürgen Eck says:

    „Es geht immer darum, Sparer zum Konsum zu zwingen, um Schuldnern den Schuldendienst zu ermöglichen.“

    Was ist das für ein System, das Verschwendung fördert? Und das die Natur damit schädigt?

    Wo sind die klugen Köpfe, Systeme ohne Wachstumszwang, mit Ausdehnung von Freizeit und Muße, bei verträglicher Fortentwicklung der Produktivität zu kreieren?

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    • Philipp H. says:

      Das ist, finde ich, ein wichtiger Aspekt. Leider ist der Zusammenhang noch nicht im öffentlichen Bewusstsein. Gerade Vertreter des linken Spektrums vertreten das hier diskutierte „Wachstum um jeden Preis“; gleichzeitig wird dann über die Lasten des Wachstums lamentiert. Interessant, dass man die beiden Themen nicht zusammen bekommt oder bekommen will.

      Ich denke: Die „säkulare Stagnation“ ist da, und vielleicht ist sie ja ein Segen. Vielleicht könnten wir ganz gut ohne oder mit viel weniger Wachstum leben. Klar, das Schuldenproblem müssen wir lösen. Aber danach wäre m.E. Stabilität durchaus auch in einer schrumpfenden Wirtschaft möglich. Halt sicher nicht mit schrankenlosem Kreditwachstum und Nullzinsen…

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  2. Klaus Meyer says:

    Hallo allerseits,

    man kann es drehen und wenden wie man will; alle Maßnahmen zur Konkursverschleppung des Debitismus, ob nun das Erweitern der Haftungsräume, oder die Abschaffung des Bargelds, marschieren stramm in Richtung Diktatur.
    Ein anderer Punkt sind die zu erwartenden Innovationen in den nächsten Jahren.
    Wer braucht alleinfahrende Autos, vernetzte Haushaltsgeräte, Staubsauger-Roboter und anderen Schnickschnack?
    Der Mensch in der debitistischen Welt wird immer mehr vom ursprünglichen Menschsein entwurzelt.
    Geschieht dann doch irgendwann mal der Kollaps, sind die Leute nicht mal mehr in der Lage, einen Brief zu schreiben, weil sie es in der Schule nicht mehr gelernt haben
    (http://www.welt.de/vermischtes/article136343117/In-Finnland-droht-das-Ende-der-Schreibschrift.html).

    MfG

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  3. Klaus Meyer says:

    Prof. Fredmund Malik schrieb einmal:
    „Wenn die Leute von Geld reden, meinen sie meistens Geld auf der Bank. Das ist aber kein Geld im engeren Sinne, sondern es ist bloss eine Forderung gegen die Bank. Falls die Bank bankrott macht, ist auch dieses “Geld” weg, weil die Bank nicht mehr auszahlen wird. Jedoch ist die Forderung so lange sicher, als die Bank gesund ist und auch die Spareinlage-Versicherung funktioniert. Aber es ist nicht wirklich Geld.

    Nur wenn ich Banknoten oder Münzen im Tresor der Bank habe, dann habe ich “Geld auf der Bank”, oder besser würde man sagen “Geld in der Bank”. Erst wenn man diesen Unterschied klar versteht, hat man den ersten – und schon einen grossen – Schritt zum Verstehen der Wirtschaft gemacht.“
    https://blog.malik-management.com/2011/09/geld-auf-der-bank-was-ist-das-eigentlich/

    Mit dem Horten von Bargeld kann man sich gegen sehr viele Schweinereien, die sich die Staatsmacht einfallen lassen wird, wappnen.
    Wenn allerdings schon im jetzigen Stadium der Staat das Bargeld allgemein, bzw. zum Bezahlen, verbieten würde, wäre man ihm noch mehr ausgeliefert, als man es ohnehin schon ist.

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