„Bad debt cannot simply be ‚socialized‘“

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Aktuelle Meldung: Die Verschuldung Chinas ist auf einen neuen Rekordwert gestiegen –  251 Prozent des BIP (von einem Wert von 147 Prozent in 2008 kommend). Damit liegt China auf einem Niveau mit den westlichen Industrieländern und deutlich über dem Wert anderer Schwellenländer. „China hat sich verschuldet, bevor es reich wurde.“ Besonders der rasche Anstieg der Schulden gibt Anlass zur Sorge, weil Fehlinvestitionen die Folge sind (siehe die Geisterstädte).

Schon vor einiger Zeit habe ich in dem Zusammenhang von der chinesischen Schuldenwirtschaft nach westlichem Vorbild gesprochen. Deshalb wundert es nicht, dass China das Kreditwachstum nicht begrenzt. Allen Beteuerungen zum Trotz wachsen die Schulden weiter, zu groß sind die Sorgen, das Wirtschaftswachstum weiter zu belasten. Doch ein immer größerer Anteil der neuen Kredite dient nur noch dazu, bestehende Kredite zu bedienen.

FT (Anmeldung erforderlich): China debt tops 250 % of national income, 21. Juli2014

Michael Pettis ist ein ausgewiesener China-Experte. Er beschäftigt sich intensiv mit den Folgen der hohen Verschuldung und ist ähnlich wie George Magnus sehr skeptisch. Sein Beitrag ist von Anfang bis Ende lesenswert. Ich fasse hier nur seine Sicht auf die Wirkung von Schulden zusammen. Er spricht von China. Ich sehe die Argumente voll und umfänglich auch als für Europa zutreffend. Lesen Sie es mit diesem Gedanken im Hinterkopf.

Schulden wirken ….

  1. Das BIP wird größer ausgewiesen, als es ohne Schulden wäre. (bto: Alleine die Tatsache, Schulden machen zu können, treibt das BIP.) Hätte die chinesische Wirtschaft die uneinbringlichen Schulden in voller Höhe abgeschrieben, läge das BIP um 20 bis 30 Prozent tiefer. (bto: In Europa machen wir gerade vor, wie das Aufschieben fauler Schulden in die Ewigkeit funktioniert … naja, zumindest temporär.)
  2. Dies verzerrt alle Wirtschaftsdaten, so auch die Produktivität pro Kopf. (bto: in Europa selbst nach dieser Schuldenmanipulation rückläufig!!!)
  3. Dummerweise verschwinden die Schulden nicht dadurch, dass man sie immer wieder verlängert. Je länger man sie hat, desto größer der Schaden. Gut in Europa zu beobachten!
  4. Auch wenn es gelingt, den Schaden zu verschleiern, muss doch jemand dafür aufkommen. Eine Kernthese auch von mir. Geht man den Weg der negativen Realzinsen (Financial Repression), verlieren die Sparer und konsumieren deshalb zukünftig weniger. Folge: weniger Wirtschaftswachstum.
  5. Solange die Verluste nicht realisiert werden, wird ein zu hohes Wirtschaftswachstum ausgewiesen. Wir gaukeln uns also etwas vor.
  6. In der nachfolgenden Phase der Abschreibung fauler Schulden ist das BIP dann tiefer, als es ohne diese Verluste wäre.
  7. Leider ist es nicht symmetrisch. Der Verlust ist größer. Dahinter stehen der Stress im Finanzsystem und Nebenwirkungen für die Realwirtschaft. Pettis führt Japan als Beispiel an: Der Anteil Japans am globalen BIP stieg von zehn Prozent (1980) auf 17 Prozent (1990), um auf heute neun Prozent zu fallen. Die Blase brachte letztlich nichts.
  8. Der einzige Weg, wie Überschuldung bereinigt werden kann, ist durch die Verteilung der Verluste. Man muss also klar sagen, wer die Kosten trägt (genau das Problem in Europa!). Vergemeinschaftung löst das Problem nicht. Am Ende muss immer jemand zahlen (und so wie wir uns zur Zeit anstellen, wird ein großer Teil beim deutschen Steuerzahler landen).
  9. Private Haushalte, Unternehmen und der Staat können die Verluste übernehmen. Ich selbst würde den Staat aus der Liste nehmen, weil auch beim Staat letztlich die anderen beiden bezahlen. Also Verluste für Unternehmen (die zur Zeit sehr viel Geld besitzen) und Private (da passt Piketty wieder).
  10. China kann entscheiden, wer die Kosten trägt. Europa auch. Wenn man die privaten Haushalte belastet, schwächt das den Konsum und erschwert ein „Rebalancing“, welches China eigentlich möchte. Weniger Exportindustrie und mehr Binnennachfrage.
  11. Wenn China dennoch die Haushalte belastet, wird es noch mehr abhängig von der Exportwirtschaft. Dies kann nicht gewollt sein. Deshalb glaubt Pettis nicht an eine schmerzfreie Lösung.
  12. Eine Belastung der privaten Unternehmen würde diese erneut schwächen, kann also nicht im Interesse der Politik sein.
  13. Bleibt der Staatssektor, der dafür allerdings fundamentale Reformen durchführen müsste. Politisch sehr schwierig.

Quintessenz: Es ist nicht so einfach, wie die Chinaoptimisten glauben, aus der Überschuldung zu entkommen. Siehe Europa.

Michael Pettis: „Bad debt cannot simply be socialized„, 14. Juli 2014

1 Antwort
  1. Dieter Krause says:

    Ja, Pettis legt den Finger – als echter China-Insider – auf den Punkt! Neue Produktivitätsgewinne in einer Industrie 4.0 sind aber wesentlich schwieriger zu erreichen als im bisher extrem exportgetriebenen technologischen Nachahmermodell Chinas durch niedrige Löhne. Auch die Umstellung auf Binnenkonsum setzt erst mal eine funktionierende staatliche Altersversorgung voraus. Sonst wird weiter gespart, gespart, gespart! – Ich glaube im übrigen nicht an Kondratjew-Zyklen. Jedenfalls nicht als Vorhersagen für die Zukunft! Weil wirkliche Basisinnovationen kaum noch zu erwarten sind. Und nur selten Produkte wie das iPhone und iPad von Apple, die wirklich völlig neue Produktkategorien geschaffen haben. Es wird sich vieles mehr mit Me-too-Produkten auf ungesättigte Märkte (Asien, Lateinamerika, Afrika) verschieben und damit die Einkommen über die nächsten Jahrzehnte global etwas angleichen. China ist in diesen Märkten aber wohl viele expansiver vertreten als Europa – und wohl auch als die USA.

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