„Warum Anleihekäufe der EZB der Euro-Zone schaden“

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Mein eigentlicher Titel für den Beitrag bei manager magazin online lautete „EZB: die Illusion der beschränkten Haftung“. Denn letztlich ist es das Ziel, mittels einer vermeintlichen Haftungsbeschränkung die in Wirklichkeit stattfindende Sozialisierung der Schulden zu verklären. „Dies kann nur glauben, wer die Dynamik der Eurozonen-Politik unterschätzt und Schaden zudem nur in der Form von Abschreibungen definiert. Doch im Einzelnen:

  1. An der grundsätzlichen Kritik, dass QE im Umfeld der Eurozone nichts bringt, ändert auch das geänderte Vorgehen nicht. Es wird etwas gemacht, was realwirtschaftlich keine Wirkung hat und letztlich nur Staaten, Banken und Spekulanten nutzt.
  2. Kauft eine lokale Notenbank, zum Beispiel die Banca d’Italia die Staatsanleihen des eigenen Landes, so haftet der italienische Staat für diese Forderungen. Im Klartext: ein auf die Pleite zulaufendes Land verschuldet sich bei der eigenen Notenbank und garantiert dieser selbst die Rückzahlung. Zu Zeiten der Lira hat das funktioniert, im Euroraum geht es nur, wenn die Käufe dauerhaft fortgesetzt werden. Die dann resultierenden Effekte für den Geldwert träfen alle Bewohner der Eurozone, nicht nur die Italiener.
  3. Kommt es wirklich zu einer Schuldenkrise in einem der Mitgliedsländer – und davon ist angesichts der ungebremsten Schuldendynamik mit Sicherheit auszugehen – steht die Eurozone vor der Wahl: die Pleite zuzulassen, offiziell Schulden zu vergemeinschaften oder aber zuzulassen, dass die nationale Notenbank die Forderungen gegen den eigenen Staat abschreibt. Forderungen in diese Richtung gibt es schon seit einiger Zeit. Sie dürften dann unüberhörbar sein.
  4. Es ist naiv anzunehmen, dass die Politiker der anderen Euroländer dann nicht auf eine Gleichbehandlung drängen. Sollte die italienische Notenbank die Forderungen abschreiben, dürfte in Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien und anderen Ländern das gleiche passieren. Und letztlich auch in Deutschland.“

Deshalb bleibe ich bei meiner Sicht, dass es auf eine Lösung über die Bilanz der EZB hinaus läuft: „Wer jetzt denkt, dies sei doch alles zu schwarz gemalt, den möchte ich an die Vorgänge in Irland im Jahre 2013 erinnern. Verpackt in einigen komplizierten Transaktionen – wohl mit der Absicht es zu verschleiern, wie die Financial Times bemerkte – hat damals die irische Notenbank den Staat direkt finanziert. Immerhin 31 Milliarden Euro – nicht ganz 20 Prozent des irischen BIP – konnte sich der Staat damals direkt von der Notenbank leihen. Die Anleihen haben eine Laufzeit zwischen 25 und 40 Jahren, sind zunächst tilgungsfrei und die Zinsen werden von der Notenbank direkt wieder als Gewinn an den Staat ausgeschüttet. Urteil der Financial Times: ‚Das ist direkte Staatsfinanzierung‘. Die EZB hat dies damals ‚nur zur Kenntnis‘ genommen und wohl erwartet, dass niemand dies durchdringt. Dabei war es nur eine Frage der Zeit, bis auch andere Krisenländer diesen Weg gehen wollen.“

Den vollständigen Beitrag finden Sie hier:

manager-magazin.de: „Warum Anleihekäufe der EZB der Euro-Zone schaden“, 20. Januar 2015

10 Kommentare
  1. Philipp H. says:

    Guten Tag Herr Stelter,

    ich frage mich wirklich, was denn passieren wird, wenn in der Eurozone direkte Staatsfinanzierung per Zentralbank getrieben wird. Klar ist, dass irgendwann einmal das Zimbabwe-Szenario droht. Dies vor allem bei einer starken und andauernden Staatsfinanzierung „per Druckerpresse“ und bei Verfügbarkeit alternativer Währungen (und wenn auch nur auf dem Schwarzmarkt).

    Aber so extrem wird man es ja wahrscheinlich dann doch nicht treiben wollen. Nehmen wir an, der Einfachheit halber, alle ausstehenden Staatsanleihen würden komplett von der EZB gekauft und abgeschrieben (bzw. zinsfrei gestellt, oder sonst etwas elegantes). Die Gläubiger erhalten den heutigen (weit überhöhten) Marktwert und sind glücklich. Die Staaten sind schuldenfrei und können bei Null wieder anfangen, sich neu zu verschulden.

    Und jetzt kommt dann wohl der Haken: Was wird in der weitern Zukunft passieren bzw. was glauben die Leute, dass in der weiteren Zukunft passieren wird? Falls man politisch glaubwürdig machen kann, dass das alles „einmalig“ war, dann müssten die Zinsen für neue Schulden langsam ansteigen … je nach Risiko des Schuldners. Also in Richtung Normalisierung. Falls das aber nicht gelingt, dann geht die Spekulation weiter (im Zweifelsfall springt halt wieder die Zentralbank ein). Steigt dann die Inflation an?
    Ist es überhaupt möglich, eine deutliche – aber begrenzte und damit kontrollierte – Inflation zu erreichen?

    Ein weiterer Haken ist natürlich, dass die Zentralbank kaum die privaten Schulden aufkaufen kann (will?). Was passiert hier? Inflation wäre gut für die Schuldner, aber kann Inflation kommen solange der Privatsektor zu hoch verschuldet ist? Müsste man – ggf. über die Zentralbank oder über staatliche Vehikel- Refinanzierungen anbieten (so wie es in USA ja die privaten Anbieter dauernd tun)?

    Irgendwie muss ich gestehen, dass hier mein ökonomisches Verständnis komplett aussetzt. Intuituiv ist es klar: Staatsfinanzierung per Zentralbank KANN nicht gehen. Sonst könnte man ja gleich jedem Menschen auf der Erde eine Million schenken, und alle Probleme wären gelöst? Aber wenn man systematischer überlegt, dann ist überhaupt nicht so klar, was eigentlich passieren würde…

    Viele Grüsse aus der Franken-Zone!

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Zunächst Glückwunsch zur Frankenzone! Viele Fragen:

      „Falls man politisch glaubwürdig machen kann, dass das alles “einmalig” war, dann müssten die Zinsen für neue Schulden langsam ansteigen … je nach Risiko des Schuldners. Also in Richtung Normalisierung.“ – ja, so sehen das die Befürworter. Haken: die Umlaufgeschwindigkeit ist historisch tief (wegen der tiefen Zinsen und der Unsicherheit). Sollte die nach der „Lösung“ wieder steigen, könnten die NB nicht mehr das Geld einsammeln, weil die Bilanz einen großen Verlustvortrag hätte (ausser die werten anderes auf, wie zum Beispiel Gold (??). Deshalb könnte das zu steigenden Preisen führen. Ob das passiert ist unklar. Wenn es wirklich einmalig wäre, alles ok. Doch wer glaubt den Politikern das?

      „Ist es überhaupt möglich, eine deutliche – aber begrenzte und damit kontrollierte – Inflation zu erreichen?“ nein. Kontrollieren ist schwer, weil Umlaufgeschwindigkeit ausserhalb der Kontrolle.

      „Ein weiterer Haken ist natürlich, dass die Zentralbank kaum die privaten Schulden aufkaufen kann (will?). Was passiert hier?“ ja, man müsste eine „zwangsumschuldung“ vornehmen. Also nicht nur bei der Bank abschreiben, sondern den Schnitt wirklich weiter geben.

      „Aber wenn man systematischer überlegt, dann ist überhaupt nicht so klar, was eigentlich passieren würde…“ trösten sie sich, das geht den Volkswirten genauso!

      LG

      DSt

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  2. Michael Stöcker says:

    Lieber Herr Stelter,

    ich teile Ihre Einschätzung zu QE weitestgehend und auch bei der besseren Alternative eines zentralbankfinanzierten Bürgergeldes sind wir uns einig; zwar nicht in der Höhe, aber dem Prinzip nach. Eine einschränkende Ergänzung möchte ich aber machen. Sie schreiben:

    „Die dann resultierenden Effekte für den Geldwert träfen alle Bewohner der Eurozone, nicht nur die Italiener.“

    Dies ist meines Erachtens nach nur dann der Fall, wenn es im Zusammenhang mit solchen Anleihekäufen auch wieder zu steigenden Leistungsbilanzdefiziten kommt. Hierauf müssen wir ein besonderes Augenmerk legen, auch wenn dies der deutschen Exportindustrie nicht gefallen wird. Die LB-Defizite sind jedoch seit einiger Zeit auf breiter Front rückläufig. Ausnahme ist allerdings das Schwergewicht Frankreich und auf der Gegenseite natürlich der unrühmliche Exportweltmeister, der in schizophrener Attitüde die (überwiegend ehemaligen) Importweltmeister mit erhobenem Zeigfinger rügt.

    Wie sehr das Thema QE für kollektive Verwirrung sorgt, haben ich heute anhand eines eigen Beitrags dargelegt: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/01/20/qe-versus-ml/

    LG Michael Stöcker

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  3. Allex says:

    Ein bescheidener Vorschlag:

    Es gäbe doch einen ganz anderen Weg, aus der Misere rauszukommen. Die EU verzichtet ganz auf Staatsanleihen der Mitgliedsländer und ihre Länder finanzieren ihren Staatshaushalt rein aus Steuereinnahmen. Die Banken werden wieder dann natürlich wieder Interesse an dem Geschäft mit Sicherheiten aus der Wirtschaft entwickeln, weil sie auch kein staatliches free lunch mehr erwarten können.
    Dafür könnte auch ein „QE“ der EZB dienen, um die gesammelten EU-Länderbonds dort auslaufen zu lassen.

    Vielleicht kann man ja weiterhin – und hier käme die Idee des „helicopter money“ ins Spiel – dann die finanziell geschädigten EU-Länder (vielleicht Deutschland uä) direkt via EZB kompensieren, zB durch %-Steuerrückzahlungen auf die letzten 10 Jahre.

    Tja, heutzutage brauch es unkonventioneller Massnahmen.

    Was mich noch verwundert ist, dass es Vielen so erscheint als seien die Pläne für ein europäisches QE neu, diese via die LandesZBen vorzunehmen. Dies ist doch schon so längst geschehen.

    Danke für den Blog, Daniel! Spannend.

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    • Johann Schwarting says:

      In Ihrem Posting schreiben Sie „ …ihre Länder finanzieren ihren Staatshaushalt rein aus Steuereinnahmen.“ Das hat in der Geschichte so noch nie funktioniert. Ich deute vielmehr die Machttheorie des Geldes von Paul C. Martin. Zwei Zitate: „ … Der moderne Staat (sub summa aller Staaten) ist ohne Vorfinanzierung nicht definierbar – ebenso wenig wie der Kapitalismus ohne Staat.“ … „ Der Staat hat per se ein Vorfinanzierungsproblem. D.h. er muss erst sein Machtsystem mit Abgabenzwang usw. etablieren (was kostet), bevor er zum Inkasso schreiten kann. … da der Staat bereits Auszahlungen leisten muss (Beamte erhalten z.B. zu Monatsbeginn ihre Bezüge), bevor er überhaupt Einzahlungen (Steuern usw.) erhalten kann.“
      Diese zentralen Aussagen finden Sie in dem längeren Beitrag von PCM: http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=78718 .

      Die Machttheorie des Geldes muss m. E. der Eigentumstheorie von H/S vorangestellt werden, um ein vollständiges Bild der ökonomischen Wirklichkeit zu gewinnen. Sie wird aber von Gunnar Heinsohn nicht angenommen.
      Ich vermute, dass in Zukunft viele Uneinbringlichkeiten von der EZB (FED, BoJ, BoE) nullverzinslich aufgekauft und dort „ruhig gestellt“ werden und die ZBen in Verbindung mit den Staaten zu einer vollständigen Kontrolle der Finanzökonomie mit Hilfe moderner digitaler Mittel (jetzt schon teilweises Verbot von Bargeld in der EU) kommen. So schnell wird der Herrschaftsapparat, der sehr einfallsreich ist, wenn es um seine Existenz geht, nicht auf seine Privilegien verzichten.
      Historisch gleicht die heutige Zeit dem Alten Rom im Übergang von der Republik zum Prinzipat.

      Antworten
      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Lieber Herr Schwarting,

        ich habe das Zitat „ …ihre Länder finanzieren ihren Staatshaushalt rein aus Steuereinnahmen.“ nicht in meinem Beitrag gefunden!

        Würde mich auch wundern. Ich bin ja ganz Schüler Heinsohns/Steigers/Martins/Maliks. Habe diese in meiner Diss vor 25 Jahren (! – ich war echt zu früh dran!!) beschrieben und dort sogar das Kreislaufmodell der VWL aufgemalt und das Finanzierungsproblem gezeigt. Nicht nur des Staates, sondern aller Unternehmer auch.

        Was das „ruhig stellen“ betrifft ist das genau der Vorschlag der „Streichung aus der NB-Bilanz“. Ich denke auch, es geht in diese Richtung. Nur kann das folgenlos bleiben? Erhalten wir so den Schuldenturm und die Wohlstandsillusion? Mit Bargeldverbot mag es gehen, aber dann finden wir Menschen etwas anderes oder gehen in jenen Teil der Welt, die privates Eigentum – und dazu ist frei verfügbares Geld zu zählen!! – noch hochhält.

        LG

        DST

  4. Johann Schwarting says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,
    vielen Dank für Ihre Antwort. Das Zitat bezog sich auf das vorangehende Posting von @Allex.
    Ich beschäftige mich seit einigen Jahren als Laie mit der E/Ö von H/S und bin danach durch das Gelbe Forum zum Debitismus von PCM gekommen. Mich haben die Aussagen und Zusammenhänge der dortigen ökonomischen Betrachtungen – ja, wie soll ich es sagen, im positiven Sinne „schockiert“ im Hinblick darauf, dass ich zeitlebens an wirtschaftlichen und politischen Fragen interessiert war und wohl völlig „falsche Ansichten“ aus den MSM und aus Vorträgen bezogen habe. Ich erinnere mich an irgendwelche „mathematischen“ Herleitungen der Quantitätsgleichung und den Folgerungen daraus. Na ja … . Die armen Studenten müssen es für ihre Prüfung lernen! Ich halte es für sehr wichtig, dass wir uns zuerst über ökonomischen Begriffe im Klaren werden: Geld, Zins, Kredit, Anleihe, Besitz, Eigentum, Tausch, Kontrakt, Wachstum, Wachstumszwang … usw. usf. . Wir reden sonst nur aneinander vorbei!
    Zur Frage nach der „Folgenlosigkeit“. Die Haftungsräume werden gemäß dem Debitismus unvermeidlich erweitert! Aus der deutschen Kleinstaaterei mit vielen Währungen wird im 19.Jh. das Deutsche Reich mit der Reichsmark und der Euro löst die nationalen Währungen in Europa ab. Bedeutet TTIP nicht vielleicht die Verzahnung Europas mit den USA zu einem Haftungs- und Währungsraum und einer Währung? Die Umrechnung wird ja schon einfacher: 1€ = 1$ =1sFr!
    Die USA, die sich immer wieder neu erfinden, würde ich nicht vorschnell abschreiben – die Einwohnerzahlen steigen, während die chinesische Bevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts um 300 Mio. zurückgeht!
    Ich vermute, dass unter dem amerikanischen Imperium und unter starker Einbeziehung anderer Wirtschaftsräume Ihr Vorschlag (Sind das brit. „consols“?) zum Tragen kommt. Kleinere Teile der Welt werden sich dem nicht wesentlich entziehen können!
    Mit freundlichen Grüßen
    Johann Schwarting

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