Globale Folgen einer Rezession in China

Immer wieder habe ich bei bto über die Bedeutung Chinas für die Weltwirtschaft geschrieben. Dabei scheint sich eine interessante Entwicklung abzuzeichnen: Die hoch verschuldete chinesische Wirtschaft soll umgebaut werden, was ein riskantes Unterfangen ist. Hier platzt nun der Handelskrieg der USA rein und damit ein Szenario einer Rezession in China mit erheblichen Auswirkungen auf die Welt – auch für uns hier in Deutschland. Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefökonom des IWF diskutiert die Szenarien bei der FINANZ und WIRTSCHAFT:

Er stellt die entscheidende Frage: „Wenn es in China letzten Endes zur unvermeidlichen Rezession kommt – die angesichts der massiven Verschuldung der Wirtschaft mit ziemlicher Sicherheit durch eine Finanzkrise verstärkt werden wird –, wie wird der Rest der Welt davon betroffen sein?“ – bto: eine sehr wichtige Frage, dürfte doch auch die Zukunft des Euro (mit) davon abhängen.

  • „Dem IWF zufolge werden die akuten Belastungen aber stärker regional konzentriert und begrenzt sein, als es bei einer tiefen Rezession in den USA der Fall wäre. Bedauerlicherweise könnte es sich dabei um Wunschdenken handeln.“
  • „Globale Investoren mögen angesichts der Aussichten für das Gewinnwachstum zwar weiche Knie bekommen, doch ein Einbruch des chinesischen Wachstums würde die Situation deutlich verschlechtern. (…) ausländische Unternehmen erwirtschaften nach wie vor enormen Gewinn aus Verkäufen in China.“ – bto: Man denke nur an die deutschen Autobauer.
  • „Die hohen asiatischen Sparquoten in den vergangenen zwei Jahrzehnten waren ein wesentlicher Faktor für das insgesamt niedrige reale Zinsniveau sowohl in den USA als auch in Europa, da die unterentwickelten asiatischen Kapitalmärkte die Sparüberschüsse einfach nicht konstruktiv aufnehmen können. (…) Statt zu niedrigeren globalen Realzinsen zu führen, könnte eine Abschwächung der chinesischen Wirtschaft, die sich in ganz Asien ausbreitet, paradoxerweise anderenorts höhere Zinsen bewirken – vor allem dann, wenn eine zweite asiatische Finanzkrise einen starken Abbau der Zentralbankreserven nach sich zieht. Somit könnte sich eine chinesische Rezession für die globalen Kapitalmärkte leicht als doppelter Rückschlag erweisen.“ – bto: Es wirkt also wie ein globaler Liquiditätsentzug.
  • „(Der) Zusammenhalt der politisch und wirtschaftlich fragilen Einheitswährung (…) wäre ohne die extrem niedrigen globalen Zinsen nahezu unmöglich gewesen, die es den politisch gelähmten Vertretern der Eurozone ermöglicht haben, nötigen Schuldenabschreibungen und Umstrukturierungen in der Peripherie zu entgehen.“ – bto: So ist es!
  • „Heute ist die Verschuldung (in den Schwellenländern) deutlich höher, und ein markanter Anstieg der globalen Realzinsen würde die Krisen, die sich derzeit zusammenbrauen, mit ziemlicher Sicherheit über die wenigen bereits betroffenen Länder (unter anderem Argentinien und die Türkei) hinaus erweitern.“ – bto: Es wäre ein weltweiter Schock für alle, die mit (zu) hohem Leverage unterwegs sind.
  • „Auch die USA sind nicht immun. Im Moment können sie ihre Billionen-Dollar-Defizite zu relativ niedrigen Kosten finanzieren. Aber die relativ kurzen Laufzeiten ihrer Anleihen – weniger als vier Jahre, wenn man die Bilanz des Fed einbezieht – bedeuten, dass steigende Zinsen bald dazu führen würden, dass der Schuldendienst notwendige Ausgaben in anderen Bereichen verdrängt.“ – bto: ein weltweites Problem – Schulden, wohin man blickt.
  • „Eine Rezession in China, verstärkt durch eine Finanzkrise, würde den dritten Teil des Schulden-Superzyklus bilden, der 2008 in den USA begann und 2010 nach Europa kam. Bisher ist es den chinesischen Behörden bemerkenswert gut gelungen, die unvermeidliche wirtschaftliche Abschwächung hinauszuzögern. Bedauerlicherweise dürfte die Welt, wenn der Abschwung kommt, feststellen, dass Chinas Wirtschaft eine noch größere Rolle spielt, als die meisten dachten.“ – bto: Kann dies noch verhindert werden? Klar, wenn China und die USA sich einigen sollten, dürfte es zunächst eine Entspannung geben. Doch ändert das nichts an den hier diskutierten grundsätzlichen Problemen.

→ fuw.ch: „Globale Folgen einer Rezession in China“, 27. November 2018

16 Kommentare
  1. Dietmar Tischer sagte:

    >(Der) Zusammenhalt der politisch und wirtschaftlich fragilen Einheitswährung (…) wäre ohne die extrem niedrigen globalen Zinsen nahezu unmöglich gewesen, die es den politisch gelähmten Vertretern der Eurozone ermöglicht haben, nötigen Schuldenabschreibungen und Umstrukturierungen in der Peripherie zu entgehen.“ – bto: So ist es!>

    Genauso zwingend ist der Umkehrschluss:

    Bei einer Rezession in China, so sie etwas tiefer geht und durch eine Finanzkrise verstärkt wird, kann die Eurozone nicht überleben zumal sie schon JETZT, noch vor einem solchen Szenario in einem angeschlagenen Zustand ist.

    Das Deprimierende dabei, bei den Entscheidern wohl nur in den Hinterstuben ganz unten abgelegt, um ja keine Unruhe aufkommen zu lassen:

    Wir haben es NICHT in der Hand, ob es zu einer derartigen Rezession in China kommt oder auch nicht.

    Die gelebte Schlussfolgerung:

    Am besten wir machen so weiter wie bisher.

    Wenn wir damit in der Vergangenheit nichts falsch gemacht haben, werden wir mit Blick auf die Zukunft auch nichts falsch machen.

    Das ist die richtige Einstellung, um Probleme nicht zu Kenntnis nehmen zu müssen.

    Je länger wir in der Wohlfühlblase schweben, desto mehr verstärkt sich der Eindruck.

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    • Wolfgang Selig sagte:

      @DT: Ihre Kritik am „Weitermachen“ ist nachvollziehbar, aber was soll ein Politiker aktuell auch noch machen? Keiner weiß, wann die chinesische Rezession kommt und es mangelt ja nicht an kurzfristigen Problemen. Ich wüsste auch nicht, wie ich als Politiker aktuell reagieren würde. Ich glaube, viele Politiker haben Angst davor, in einem geschlossenen Raum „Feuer“ zu rufen und eine Panik (wie z.B. einen bank run) auszulösen.

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      • troodon sagte:

        @ WS
        „Ich wüsste auch nicht, wie ich als Politiker aktuell reagieren würde.“

        Aus meiner Sicht hat Hr. Dr. Stelter genügend sinnvolle Vorschläge gemacht, was man machen sollte. Zuletzt hier:
        https://think-beyondtheobvious.com/stelter-in-den-medien/die-hoffnung-stirbt-zuletzt/

        Viele Politiker dürften da aber gar nicht durchblicken, da das nicht ihr Fachgebiet ist. Deshalb gibt es das „weiter so“, bis es eben nicht mehr weiter geht…
        An der Börse gilt zwar grundsätzlich richtigerweise: „The trend is your friend until it ends.“ Leider übertragen das viele offensichtlich auch auf die Politik, die eigentlich aber anders funktionieren sollte.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Wolfgang Selig

        Ihre Frage ist berechtigt, wobei ich @ troodon zustimme, dass es nicht an Vorschlägen fehlt, was zu machen sei. Nicht alle, aber schon einige dürften durchblicken, um was es geht.

        Allerdings – und das ist mein Punkt, durchaus auch von einem gewissen Verständnis getragen:

        Politiker können nicht unbefangen bzw. objektiv über Risiken reden, ohne dass sie weg vom Fenster sind.

        Die Leute wollen es nicht hören, z. T. auch weil sie schon zu sehr belastet sind bzw. sich so fühlen.

        Wenn auch der Sache nach nicht angebracht, ist demnach ein Weiter so durchaus plausibel.

        Nicht über Risiken zu reden, ist nicht Lügen.

        Insoweit kreide ich den Politikern nichts an.

        Demagogie und wider besseres Wissen in der Öffentlichkeit Stimmung zu machen, ist aber wieder was anderes.

        Man muss differenzieren, um den gegebenen Sachverhalten und dem demonstriertem Verhalten gerecht zu werden.

      • troodon sagte:

        @ DT
        „Politiker können nicht unbefangen bzw. objektiv über Risiken reden, ohne dass sie weg vom Fenster sind.

        Die Leute wollen es nicht hören…“

        Ja, insofern ist es auch verständlich und aus Eigennutz richtig, wenn Politiker so handeln, richtig für D ist diese kurzfristige Sichtweise aber nicht.
        Für eine andere Vorgehensweise bräuchte man (mehr) Politiker, die nicht wirtschaftlich von ihrer Karriere als Parteisoldat abhängig sind. Die gibt es nicht in genügender Anzahl, deshalb „Weiter so“.

      • Wolfgang Selig sagte:

        @troodon: Nichts für ungut, aber die Vorschläge von Herrn Dr. Stelter sind für einen Politiker selbstmörderisch. Man hat doch gesehen, wie selbst auf einen CDU-Parteitag jetzt in Hamburg die Mehrheit ins Gähnen kommt, wenn Herr Merz die wirtschaftlichen Themen anspricht. Und jetzt reden wir noch gar nicht von den Leuten, die grün / rot / dunkelrot wählen oder repräsentieren. In anderen Zeiten hätte Merz dafür bei der Union 95 % bekommen.

        Daher bleibe ich bei meiner These: ich wüsste auch nicht, was ich tun würde, denn Leute wie Herr Dr. Stelter wären in einer Partei schneller von jedem Posten abberufen als sie ihren Namen buchstabieren können.

    • SB sagte:

      @troodon:

      An Hellmeyer muss man mit einer gesunden Portion Skepsis, die freilich bei jeder Prognose angebracht ist, herangehen. Er ist einerseits „glühender EUropäer“ (= Globalist) und unkritischer Anhänger des Seidenstraßenprojekts und somit andererseits ganz überwiegend ein unsachlicher Trump-Basher. Diese ideologische Ausrichtung beeinflusst auch seine ökonomische Logik. Für ihn läufts in der Euro-Zone echt super und in Amiland echt mies. Trump ist der, der gegen die Regeln verstößt und China und die EU sind die rechtstreuen Wunderknaben.

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      • troodon sagte:

        @ SB
        „Für ihn läufts in der Euro-Zone echt super und in Amiland echt mies. “

        Diese Darstellung erachte ich als deutlich übertrieben. Hellmeyer weist im Bezug zur USA, aus meiner Sicht richtigerweise, darauf hin, dass die gute wirtschaftliche Entwicklung massiv von dem enormen Haushaltsdefizit profitiert. Dies wird sich so nicht dauerhaft durchhalten lassen und dann kommen auch dort wieder die tiefer liegenden Probleme zum Vorschein.

        Ein langfristig großer Vorteil der USA ist dann aber „Der US$ ist unsere Währung, aber euer Problem“.

  2. Michael Stöcker sagte:

    „Aber die relativ kurzen Laufzeiten ihrer Anleihen – weniger als vier Jahre, wenn man die Bilanz des Fed einbezieht – bedeuten, dass steigende Zinsen bald dazu führen würden, dass der Schuldendienst notwendige Ausgaben in anderen Bereichen verdrängt.“

    Die (Real)Zinsen werden nicht weiter steigen: http://acemaxx-analytics-dispinar.blogspot.com/2018/12/usa-versus-china-dichotomie-auf.html

    Und wenn sich die Konjunktur weltweit weiter abschwächen sollte, dann gibt es keinen Grund für steigende Preise und somit ebenfalls nicht für höhere (Nominal)Zinsen. Hohe Zinsen sind ein Phänomen der Vergangenheit.

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