Droht der „Minsky Moment“?

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Die Frage ist ja: Wie lange geht es noch gut an den Finanzmärkten? Der verstorbene Wirtschaftswissenschaftler Hyman Minsky hat wohl am besten verstanden, wie billiges Geld und Euphorie in Wirtschaft und Finanzmärkten wirken. Sie setzen eine zunehmende Spekulation in Gang bis zum „Minsky-Moment“,  bei dem es zum Crash kommt. Ich würde immer annehmen, dass dieser eintritt, sobald die Wertsteigerung des auf Kredit gekauften Gutes unter die Kosten der Finanzierung sinkt. Droht uns diese Situation jetzt auch  so wie schon am kanadischen Immobilienmarkt? Ich denke ja, wobei es bekanntlich mit dem Timing so eine Sache ist. Die FT betrachtet die Sache so:

  • „The case for optimism is that the global economy is growing reasonably well, with the eurozone performing better than many forecasters were expecting (…). Even the benighted Italian economy appears to be gaining momentum in the light of revisions to the GDP numbers.“ bto: Daneben gingen die politischen Risiken zurück und Europa macht Fortschritte bei der Bankenrettung.
  • „(…) there are high hopes that the US corporate sector will deliver enough earnings growth to justify heady stock market valuations. Emerging markets, meantime, have picked up (…) That amounts to a relatively benign backdrop for the markets and for financial stability.“ bto: Alles spricht dafür, dass wir keinen Minsky-Moment fürchten müssen, wenn man es so betrachtet.
  • „(…) the absence of volatility has as much to do with monetary policy (…) as with global growth or the robustness of financial systems. Sustained low volatility also gives rise to complacency, which is one reason why it might be time to revisit Hyman Minsky’s famous financial instability hypothesis.“ bto: Es sind in der Tat das billige Geld und die geringe Volatilität, die zur Spekulation verleiten.
  • „Low volatility encourages carry trading, which can involve mismatching of currencies, and a search for yield regardless of risk. The compression of spreads in credit markets this year is striking evidence of investors’ insouciance. So, too, is the lack of concern about geo-political risk.bto: Es herrscht der Glaube an die unbegrenzte Kraft der Notenbanken. Zu Recht?
  • „We are still in a world where it is difficult to generate growth without the fuel of debt. (…) And global imbalances continue to mar the global economy as big companies rack up excessive savings. (…) the single currency has locked southern Europe into overvalued real exchange rates. Together with German-driven fiscal austerity this creates a low growth equilibrium that will continue to feed populism. (…) the monetary union is set to stagger from one crisis to another. Eurozone banks remain worryingly under-capitalised.“ bto: Ich muss anmerken, dass man das genauso schon seit Jahren macht. Die genannten Faktoren stehen auch hinter der Politik, mit billigem Geld alle Probleme zu verdecken.
  • „For a Minsky-style financial meltdown to take place there would have to be complacency on the part of central banks and regulators as well as market practitioners. The last financial crisis is still too close for that to be plausible. (…) If there is trouble in store it relates more to the current level of equity markets than financial fragility as such.“ bto: Die Bewertung ist also so perfekt, dass es noch perfekter nicht geht?
  • „The weakness of the US payroll data (…) raises a question, once again, about the strength of a US economy where the recovery is relatively mature and the Trump reflation has stalled. As yet businesses are not investing (…) Should the economy turn out to be more robust, then (…) the age of ultra low interest in the advanced countries is perceived to be coming to an end (…) Given the extraordinary accumulation of debt since 2008 that will bring considerable discomfort.“ bto: Dieses Szenario habe ich schon vor einigen Monaten mit meinen bto-Lesern diskutiert. Rezession oder Zinsanstieg sind gleichermaßen schlecht für die Märkte und damit auch für die Realwirtschaft.

Fazit FT: „And rest assured: the period of ultra low volatility will not last for ever. In the interim the risk of complacency is real.“ bto: Wer würde da wiedersprechen?

FT (Anmeldung erforderlich): „A ‘Minsky moment’ isn’t imminent, but investors should be wary“, 6. Juni 2016

11 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Wer morgen Zeit haben sollte: Es findet ein hochkarätiges Symposium statt, das live übertragen wird. Mit dabei: Axel Weber, Barry Eichengreen, Stephen Cecchetti, Jaime Caruana, Ottmar Issing… http://www.bundesbank.de/Redaktion/EN/Termine/Research_centre/2017/2017_06_14_frankfurt.html?startpageId=Startseite-DE&startpageAreaId=Teaserbereich&startpageLinkName=2017_06_14_frankfurt+391846

    LG Michael Stöcker

    Antworten
  2. Dietmar Tischer says:

    >„For a Minsky-style financial meltdown to take place there would have to be complacency on the part of central banks and regulators as well as market practitioners.>

    Dieser Satz ist meiner Ansicht nach falsch.

    SELBSTGEFÄLLIGKEIT bei den Zentralbanken, Regulatoren und Marktteilnehmern ist nicht der AUSLÖSER für die Kernschmelze des Finanzsystems nach der Auffassung von Minsky.

    Selbstgefälligkeit ist auch nicht die Bedingung dafür, dass es überhaupt zu einer Kernschmelze kommen kann.

    Selbstgefälligkeit als sozusagen nachlässige Verhaltensweise ist als Erklärung völlig fehl am Platze hier.

    Der Auslöser erfolgt, wenn RATIONAL begründete Erwartungen in einer BESONDEREN Situation NICHT eintreten, etwa so:

    Jemand hat in der Erwartung, dass Assets wie zurückliegend weiter im Wert steigen, einen Kredit aufgenommen, den ihm eine Bank mit Blick auf ihre Renditemaximierung gewährt hat. Das ist rationales Verhalten beider Parteien. Wenn, bei einer Immobilie z. B., der Kredit wegen Mietausfalls oder Zinserhöhungen nicht mehr bedient werden kann, wartet der Immobilienbesitzer auf eine weitere Wertsteigerung, wie sie in der Vergangenheit stattgefunden hat. Auch das ist rationales Verhalten. Tritt sie nicht ein, wird er evtl. verkaufen müssen (auf Druck der Bank), was rational ist aus deren Sicht. Damit kommen die Immobilienpreise unter Druck und lösen eine Verkaufswelle aus, die – falls sie das gesamte Finanzsystem erfasst – zu dessen Kernschmelze führt.

    Kurzum:

    Hier ist nur rationales Verhalten im Spiel, übrigens auch bei der Notenbank, die in einer bestimmten Situation die Zinsen niedrig halten muss, und bei den Regulierern, die sich stark wachstumshemmende Restriktionen für die Kreditvergabe nicht leisten können.

    Minsky ist der Auffassung, dass der Kapitalismus als SYSTEM den Krisenmechanismus in sich trägt und nicht Penner die Krise auslösen.

    Antworten
    • Johannes says:

      „Minsky ist der Auffassung, dass der Kapitalismus als SYSTEM den Krisenmechanismus in sich trägt und nicht Penner die Krise auslösen.“

      Den Bezug auf die Rolle der Selbstgefälligkeit verstehe ich so, dass das an sich rationale Verhalten der handelnden Akteure (Zentralbanken und Regulierungsbehörden) „übersteuert“ wird, durch ein rational nicht begründetes Vertrauen in die „Vollmacht“ des eigenen Handelns (schließlich haben diese Akteure – zumindest aus ihrer Perspektive – die 2007er Krise „gelöst“ und sorgen gerade für einen moderaten „Aufschwung“). Die von Selbstgefälligkeit gesättigten Akteure können sich schlicht nicht vorstellen, dass ihr Handel nicht die von ihnen gewünschten Effekte aufweist. So gesehen könnte die Selbstgefälligkeit zu dem letzten kleinen Dominostein werden, der ursächlich für die nächste Krise wird.

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Man kann sich lange darüber unterhalten, wo Selbstgefälligkeit anfängt und wo sie aufhört und doch nicht zu einer einvernehmlichen Sichtweise zu gelangen.

        Ich sehe es so und meine, dass dies für viele unvorhergesehene Zustände auch in anderen Bereichen gilt, die wir Krise nennen:

        Institutionen verfügen über Instrumente, die sie im Rahmen ihrer Befugnisse einsetzen, um Ziele zu erreichen.

        Wenn sie dies tun, ist es prinzipiell rationales Verhalten auch dann, wenn sie sich irren hinsichtlich der Wirkmechanismen, der Instrumente und vielleicht auch der Ziele.

        Irren ist jedenfalls nicht irrational.

        Es kann nun sein, dass sie mit ihren Maßnahmen im komplexen Gesamtsystem etwas bewirken, dass sie nicht erkennen konnten, und das – weil andere wiederum rational reagiert haben – eine Krise verursacht.

        Ich sehe so die Sub-Prime-Krise in USA:

        Die Notenbanken haben eine lockere Geldpolitik betrieben, die rational begründbar war, weil es keine Inflationsrisiken gab (Globalisierungsdruck auf die Löhne in USA) und die wissenschaftlichen Erkenntnissen nach förderlich für gewünschtes Wachstum ist. Gleichermaßen die Deregulierung im Finanzwesen und das Verhalten der Banken (bis zu einem gewissen Grad jedenfalls).

        Niemand hat m. A. n. vorhersehen können, dass die Leute in diesem Ausmaß wie verrückt Immobilien kaufen würden, was letztlich zur Krise geführt hat.

        Was ich sagen will:

        Rationales Handeln selbst ALLER im System kann nicht verhindern, dass das System u. U. entgleist.

        Das gehört sozusagen der Charakter des Kapitalismus müsste m. A. n. die Ausgangsbasis jeder Erklärung sein.

        Auf dieser Basis kann man und muss man immer noch zu klären versuchen, ob nicht INDIVIDUELLES Handeln, das FALSCH war im Rahmen der Möglichkeiten, zur Krise geführt hat.

        Bei diesem Vorgehen ist man nicht sofort bei SCHULDIGEN, die es natürlich geben kann.

        Man befasst sich zuerst einmal mit den SCHWÄCHEN des Systems.

    • Michael Stöcker says:

      „Hier ist nur rationales Verhalten im Spiel, übrigens auch bei der Notenbank, die in einer bestimmten Situation die Zinsen niedrig halten muss, und bei den Regulierern, die sich stark wachstumshemmende Restriktionen für die Kreditvergabe nicht leisten können.“

      Nur? Insbesondere die japanischen Erfahrungen mit der Immobilienkrise sprechen doch eher für ein irrationales Verhalten der Notenbank (oder eben für ein fehlerhaftes Marktunfehlbarkeitsparadigma eines Alan Greenspan = Irrtum). Auch die Schweiz hatte ihre große Immobilienblase. Man kann die Zinsen niedrig halten und zugleich mit einem antizyklischen Kapitalpuffer sowie höheren EK-Vorschriften gegensteuern. Denn vielen größeren Finanzkrisen gingen kreditfinanzierte Immobilienblasen voraus. Benedikt Fehr hatte 2008 das (ir)rationale Verhalten sehr gut skizziert: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/analyse-der-weg-in-die-krise-1516156.html.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Ich will nicht behaupten, dass NIEMAND irrational gehandelt habe.

        Es ist aber kein Erklärungsansatz aus dem RÜCKBLICK, der es natürlich erlaubt klüger zu sein, zu schließen, dass irrational gehandelt worden sei bzw. sein MUSS, weil es eine Krise gegeben hat.

        Was man erklärend sagen kann, weil es richtig ist:

        Hätte man anders gehandelt, wäre dies oder das nicht geschehen, z. B. wäre es auf dem japanischen Immobilienmarkt nicht zu einer Krise gekommen.

        Der quasi-Automatismus, dass Irrationalität im Spiel sein MUSS, wenn es Krisen gibt, ist einfach falsch. Und zudem ist er unsinnig, weil er unterstellt, dass Idioten am Werke gewesen seien. Mitunter waren Betrüger am Werk, aber auch die haben nicht notwendigerweise irrational oder idiotisch gehandelt.

        Das tatsächliche Handeln muss nicht schon deshalb irrational sein, weil es zu einer Krise geführt hat.

        Es können auch nur Fehler gemacht, d. h. Irrtümer begangen worden sein, die zur Krise geführt haben.

        Und auch das:

        Es kann OHNE Irrtum rational gehandelt und dennoch zu einer Krise gekommen sein.

        Für eine Erklärung bei komplexen Sachverhalten muss auf das SYSTEM schauen und ERST einmal da die Ursache suchen.

        >Man kann die Zinsen niedrig halten und zugleich mit einem antizyklischen Kapitalpuffer sowie höheren EK-Vorschriften gegensteuern.>

        Kann man und sollte man, wenn man die ERFAHRUNG gemacht hat, dass es andernfalls unter den herrschenden Bedingungen zu einer Krise kommt.

        Wenn man die Erfahrung nicht gemacht hat – und die hat man in aller Regel nicht, weil die Bedingungen immer anders sind –, dann wird man möglicherweise der Einsicht folgen, dass ein antizyklischer Kapitalpuffer die Kreditkosten erhöht und auf dieses Hemmnis im Sinne eines möglichst hohen Wachstums verzichten.

        Das IST rational, auch wenn es dadurch zur Krise gekommen sein sollte.

        Zum Link:

        Wenn Fehr sagt, dass die Globalisierung, kurzsichtige Politik und ungehemmte Geldgier in die schwerste globale Finanzkrise geführt habe, widerspreche ich ihm nicht.

        Ich muss ihm auch nicht widersprechen und sagen, dass rationales Verhalten damit verbunden war.

        Ich muss es nicht, weil er nicht behauptet, dass die Krise mit obigem Handeln auf irrationalem Verhalten beruht.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.