„Zeit für die Minimierung des maximalen Risikos“

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Meine Kolumne bei WirtschaftsWoche Online ist aus der Sommerpause zurück. Hier mein neuester Kommentar.

Der harmlos erscheinende Börsensommer trügt: Die Probleme der Investoren sind nicht kleiner, sondern größer geworden. Der finale Margin Call steht uns noch bevor. Zeit, Risiken abzubauen in allen Märkten. 

Willkommen zurück aus den Sommerferien. Viel verpasst haben wir als Anleger eigentlich nicht. Die Zinsen sind weiter tief, der Aufwärtstrend an den Börsen noch intakt, vor allem in den USA konnten wir neue Höchststände feiern. Gold hält sich wacker, der Euro auch. Die italienischen Banken sind immer noch nicht gerettet, und wie es um die anderen Banken im Euroraum steht, kann man nur vermuten.

Glaubt man der Studie des ZEW, geht es unseren Banken weniger gut, als uns die EZB und die Politiker weismachen wollen. Nicht verwunderlich, ist doch das zugrunde liegende Problem der Überschuldung auch in der sommerlichen Hitze nicht weggeschmolzen. Wenig tröstlich, dass die Politiker in Brüssel sich lieber mit der undurchsichtigen Vergabe von Lizenzen für die Stabilimenti – die privaten Badeanlagen – an italienischen Stränden beschäftigen und ansonsten an der Politik der unumkehrbaren Einigung Europas und der Abschaffung von Grenzen festhalten, Brexit hin oder her.

Angesichts dieser kaum veränderten Lage wäre es durchaus verführerisch, weiter im Sommermodus zu verharren und nichts zu tun. Der wieder etwas nüchternere Blick des Alltags zeigt uns jedoch, dass unsere Probleme als Investoren nicht kleiner, sondern größer geworden sind.

Immer mehr Anleihen notieren mit negativem Zins. Nach letzten Schätzungen immerhin weltweit Anleihen im Volumen von 13,4 Billionen US-Dollar. Wer kauft diese Anleihen? Zunächst jene, die es müssen und die es nicht mit ihrem eigenen Geld tun, also Pensionskassen und Lebensversicherungen. Dabei versuchen sie natürlich negative Zinsen zu vermeiden und scheuen nicht davor zurück, Anleihen von Ländern wie Irland und Belgien mit hundertjähriger Laufzeit zu kaufen, wie hier schon deutlich kritisiert.

Andere bezahlen dem deutschen Staat lieber Geld für die Aufbewahrung der Ersparnisse, als es dem Bail-in-Risiko bei der Bank auszusetzen. Sparer aus den Krisenländern hoffen, das Risiko eines Austritts des eigenen Landes aus dem Euro abzufedern, indem sie Forderungen gegen den deutschen Staat erwerben.

Ein weiteres Motiv ist die Furcht, dass die Wirtschaft wieder zurück in Rezession und Deflation fällt. Wenn wir in der westlichen Welt weiter in das japanische Szenario abgleiten, sind Staatsanleihen in der Tat noch immer ein Kauf. Die Gründe für die Flucht in die vermeintliche Sicherheit sind also vielfältig.

Fest steht jedoch: Niemand kauft diese Anleihen mit dem Ziel, einen laufenden Ertrag zu erzielen.

Die Mehrzahl der Käufer dürfte darauf spekulieren, dass die Zinsen noch weiter fallen. Sie hoffen auf den nächsten Käufer, der noch negativere Zinsen akzeptiert, im Zweifel eben die EZB. Damit ändert sich der Charakter des Anleihenmarktes fundamental. Investoren, die am laufenden Ertrag interessiert sind, handeln wenig. Investoren, die auf Kursgewinne angewiesen sind, ziehen rasch die Notbremse, wenn der Trend kippt.

Sollten die Kursgewinne ausbleiben, könnte es zu einer drastischen Umkehr an den Märkten kommen. Schon die kleinen Korrekturen in den letzten Monaten haben zu deutlichen Verlusten geführt, die allerdings nur vorübergehend waren. Dies muss jedem klar sein, der in dem Markt mitspielt. Es geht nur so lange gut, wie die meisten daran glauben, dass es gut geht.
Der finale Margin Call

Und dieser Glaube hängt an den Notenbanken. In der letzten Kolumne vor der Sommerpause habe ich gezeigt, wie sehr sich die Finanzmärkte in einem Paralleluniversum befinden und nur noch auf die Notenbanken setzen. Dabei müssen wir im Hinterkopf haben, dass der Grenznutzen billigen Geldes abnimmt. Jede weitere Dosis hat eine geringere Wirkung als die vorangegangene. Asymptotisch nähern wir uns dem Punkt der Wirkungslosigkeit. In der Realwirtschaft ist dieser Punkt schon lange überschritten. In den Finanzmärkten nur eine Frage der Zeit. Haben all die, die mit Blick auf die Geldpolitik investieren können und wollen, investiert, droht die Umkehr. Der finale Margin-Call für das Finanzsystem, wie ich es nenne.

Zu glauben, dieser sei unmöglich, weil die Notenbanken ohnehin alles kaufen, ist meines Erachtens naiv. Vor die Wahl gestellt, die ökonomischen Realitäten anzuerkennen oder die eigene Existenz zu beenden, werden die Notenbanken für die eigene Rettung votieren. Die Tatsache, dass sich die Stimmen aus den Notenbanken mehren, die für mehr Staatsausgaben zur Überwindung der Krise plädieren, ist ein deutliches Signal. Diese können dann gerne in einem letzten Aufgebot mit Helikopter-Geld finanziert werden. Doch das war es dann.

Die große Depression in Zeitlupe, in der wir uns befinden, die Eiszeit, wie ich sie nenne, wird man auch so nicht beenden können. Das überschuldete System kommt so vielleicht noch ein paar Runden weiter, doch dann wird der Knall am Ende nur umso lauter.

Die faulen Schulden müssen aus der Welt und – leider – damit auch die vermeintlich werthaltigen Forderungen. In der Geschichte gab es für diese „Vermögensbereinigung“ drei Wege:

• die Hyperinflation
• die faktische Enteignung, entweder offen oder über hohe Steuern auf Vermögen und Erbschaften
• die Zahlungseinstellung der Schuldner mit einer Welle an Bankpleiten.

Letzteres haben wir 2009 gerade noch verhindert. Doch ohne das zugrunde liegende Problem zu lösen. Die schleichende Enteignung durch Null- und Negativzins ist der Versuch, einen weiteren, vierten, Weg für die Bereinigung der faulen Schulden zu finden. Doch dieser funktioniert nur vordergründig. Zwar verlieren Sparer jedes Jahr Milliarden an Erträgen. Auf der anderen Seite müssen wir Privaten mehr für das Alter zurücklegen, und die Unternehmen die Lücken in ihren Pensionskassen schließen, anstatt zu investieren.

Negativzinsen schaden der Realwirtschaft letztlich mehr, als sie ihr nutzen. Auch genügen sie nicht, um das Wachstum der Schulden in den Griff zu bekommen. Weltweit, so hat McKinsey vorgerechnet, sind die Schulden seit 2007 um mehr als 55 Billionen US-Dollar gewachsen.

Weil der vierte Weg nicht funktionieren wird, müssen wir uns auf die drei unschönen Alternativen einstellen. Allen drei Wegen der Enteignung ist gemein, dass sie erst im Zuge des nächsten Aufflammens der Krise akut werden. Es muss also erst wieder zu heftigen Einbrüchen an den Märkten kommen, bis die nächsten Schritte kommen und wir klarer sehen, in welche Richtung es geht. Am anfälligsten schauen da in der Tat die Märkte für Unternehmensanleihen und Anleihen (relativ) unsolider Staaten aus, gefolgt von den Aktienbörsen.

Hier schon mal damit zu beginnen, Risiken abzubauen, ist sicherlich keine schlechte Idee. Noch scheint es immer weiter nach oben zu gehen, doch der Herbst ist traditionell volatiler. Unsere Allokation in Gold halten wir durch, bei Goldminen hingegen bietet es sich nach einem sehr guten Jahr hier und da an, Gewinne mitzunehmen. Ein paar taktische Vorkehrungen in dem großen Spiel um den Vermögenserhalt, welches in eine weitere Runde geht.

→ WiWo.de: „Zeit für die Minimierung des maximalen Risikos“, 1. September 2016

12 Kommentare
  1. Axel says:

    Sehr geehrter Hr. Stelter
    Negative Zinsen vermindern Staatsschulden. Negativer Einlagezins beschert der EZB Milliardeneinkünfte, welche wiederum zu 27(?)% den Deutschen zukommen. Das ist doch nur linke Tasche, rechte Tasche. Staatsschulden sind Bürgerschulden. Das Geld, welches ihnen durch Zinsen auf dem Sparbuch und unrentable Lebensversicherungen verloren geht, wird dadurch kompensiert, daß es ihnen am „Zahltag“ nicht über Vermögensabgaben wieder entzogen wird. Was bringen also die Zinseinkünfte, wenn die Staatsschulden mitsteigen und im Reinigungsprozess nachträglich wieder einkassiert werden?

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  2. Dietmar Tischer says:

    >Es geht nur so lange gut, wie die meisten daran glauben, dass es gut geht…. Und dieser Glaube hängt an den Notenbanken.>

    Er ist offensichtlich intakt.

    Was m. A. n. übersehen wird:

    1. >Negativzinsen schaden der Realwirtschaft letztlich mehr, als sie ihr nutzen.>

    Das betrifft insbesondere die Banken. Wenn das Finanzsystem weiter kontinuierlich geschwächt wird, helfen irgendwann auch keine „Stresstests“ mehr. Die Banken werden sich vermehrt mit Gebührenerhöhungen bei den Kunden schadlos halten wollen und diese werden das möglicherweise nicht einfach ergeben mitmachen. Dann – schleichender bank run – sind auch die Notenbanken machtlos. Und die Politik kann nicht sicher sein, dass die Merkel/Steinbrück-Nummer wie nach der Lehman-Krise zieht.

    2. Da die Notenbanken mit der bisher gezeigten Geldpolitik zumindest in der Eurozone und in Japan kein Wachstum erzeugen können – für die USA sieht es ein wenig besser aus – werden sie möglicherweise auf eine andere Geldpolitik umsteigen – vermutlich auf Helikoptergeld. Auch das birgt hohe Risiken. Es ist ein Experiment!

    3. Da durch die Notenbanken praktisch kein Wachstum generiert werden kann und die strukturellen Probleme durch die Politik nicht gelöst werden, wird es politische Umbrüche geben, denen die Notenbanken nichts entgegensetzen können.

    Egal, wie sich das genau entwickelt, das eine oder andere wird vehement durchschlagen auf die Kapitalmärkte.

    Deshalb ist es für Anleger sehr ratsam, sich vom Glauben an die Notenbanken zu lösen.

    Je früher, desto besser.

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  3. Nana Albert says:

    Hallo, hier ein paar Informationen (don´t miss it…):

    Gold hat ein ähnliches Nebengeschmäckli wie Pelze.
    Dies hat mehrere Gründe.. Zumeist und an vordester Stelle, wird dabei die enorme Umweltzerstörung genannt, die beim Abau dieses Metalls auftritt. Dazu kommen die Menschenrechtsverletzungen durch Enteignung, Vertreibung und Sklavenarbeit.
    https://www.regenwald.org/files/de/gold-fakten-download.pdf
    und
    https://www.google.com.br/search?q=Gold+Umweltzers1983 brach am Dnister (Moldavien) der Damm eines Rückhaltebeckens für Minenabfälle und vernichtete auf 200 Kilometern das Leben in diesem Fluss.
    1992 brach in Colorado (USA) der Damm eines Beckens, in dem eine Goldmine giftige Schlämme lagerte. Im Alamosa River starb auf 25 Kilometern Länge alles Leben. Der Betreiber meldete kurz darauf Konkurs an. Die Sanierung kostete rund 80 Millionen US Dollar und wurde aus amerikanischen Steuergeldern bezahlt.
    1995 brach das Rückhaltebecken der Omai-Goldgrube in Guyana (Südamerika), 4,2 Millionen Kubikmeter giftigen Schlamms flossen in den Essequibo-Fluss. Der nationale Notstand wurde ausgerufen, Trinkwasser rationiert, der Export von Fischen verboten.
    1998 stürzte an der Goldmine Kumtor in Kirgisien ein LKW mit seiner Zyanidladung auf dem Weg zur Goldmine um und verseuchte den Issyk-Kul-See, den größten Gebirgssee der Welt.
    Im April 1998 brach bei Aznalcollar (Andalusien, Spanien) der Damm eines Rückhaltebeckens für giftige Bergwerkschlämme. Rund fünf Millionen Kubikmeter Giftschlamm mit Schwermetallen wie Zink, Blei, Kupfer, Cadmium, Quecksilber, Arsen und Thallium flossen in den Fluss Guadiamar und vergifteten weite Teile des Naturschutzgebietes Donana, eines der wichtigsten europäischen Vogelschutzgebiete.
    In der Provinz Irian Jaya (Westpapua, Indonesien) verseuchten giftige Abfälle aus der Freeport Kupfer- bzw. Goldmine den Ajikwafluss.
    Im Januar 2000 brach in der Goldgewinnungsanlage Aurul beim rumänischen Baia Mare ein Rückhaltedamm und mehr als 110.000 Tonnen zyanidhaltiger Rückstände verseuchten die Flüsse Theiß und Donau, in denen in einem Abschnitt von 700 Kilometern jegliches Leben starb. Fast zwei Millionen Menschen in Rumänien und Ungarn waren von ihren Trinkwasserquellen abgeschnitten. Die Giftmenge hätte ausgereicht, um eine Milliarde Menschen zu töten. Nach einem Bericht der EU-Task-Force Mitte Dezember 2000 waren Konstruktionsfehler des Dammes sowie Fahrlässigkeit der Betreiber eindeutig die Katastrophenursache. Die Goldmine wurde von der australischen Firma „Esmeralda“ geführt. Die ungarische Regierung forderte von den Minenbetreibern 107 Millionen US-Dollar Schadensersatz für die entstandenen wirtschaftlichen Schäden wie Ausfälle in der Fischerei und die Kosten für die Wiederherstellung der Umwelt. Doch der Minenbetreiber von Aurul wechselte. Die neue Firma „Transgold“ ist ein rechtlich nicht verantwortlicher Nachfolger von „Esmeralda“.
    V.G. N.Albert

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    • KBX says:

      Leider ist die gesamte Weltwirtschaft durch Konkurrenz, Kostendruck und Gier derart umweltschädlich, da die Opportunitätskosten in den Produkten nicht eingepreist sind. Allein die Containerschifffahrt verursacht Umweltschäden en masse und alle sind mitschuld. Als Konsument ist man Teil dieses Kreislaufs, kann aber als Individuum wenig dagegen tun. Oder anders gefragt – welche Konsequenzen haben Sie aus Ihrer Weisheit gezogen?

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  4. Dietmar Tischer says:

    @ Axel

    >Wer aus den Finanzassets hinaus investstiert, hat oft noch eine Immobilie (vielleicht sogar Yachten, Bilder, Oldtimer…), die „beliehen“ werden können, wie nach dem 2ten Weltkrieg. Stichwort: Lastenausgleich.>

    So ist es, so wird es auch kommen.

    Denn es ist ja auch klar:

    Raus aus etwas, heißt in der Regel: hinein in etwas anderes.

    Es wird zwar alle treffen, aber nicht alle werden gleich betroffen sein.

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  5. Dietmar Tischer says:

    Nachtrag zu:

    „Deshalb ist es für Anleger sehr ratsam, sich vom Glauben an die Notenbanken zu lösen.
    Je früher, desto besser.“

    >Sobald sie es aber tun, bekommen wir einen Kollaps – oder nicht?>
    „Stimmt.
    An was sollen die Leute dann noch glauben.“

    Sie werden z. B. nicht an die Politik glauben.

    Wenn Trump wirklich die Wahlen gewinnen sollte – nicht mehr unwahrscheinlich, er liegt den Umfragen nach vorn –, dann erwarte ich einen Aktien-Crash von mindestens 10% rund um den Globus. Egal, was er als Präsident tatsächlich umsetzen könnte und würde – allein die Absicht, Handelsschranken aufzubauen, genügt dafür.

    Die Abwertung der Assets wäre eigentlich nicht weiter schlimm.

    Schlimm ist allerdings, dass viele auf Pump gekauft wurden.

    Das kann eine Lawine lostreten, die nicht mehr zu kontrollieren ist.

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