ifo-Schnelldienst: Zehn Gründe, warum die Deutschen nicht die Gewinner des Euros sind

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Wann immer die deutsche Position in der Eurokrise diskutiert wird, darf der mahnende Hinweis – vor allem ausländischer Kommentatoren – nicht fehlen, dass die Deutschen doch die eigentlichen Profiteure des Euros seien. Die Einführung der Einheitswährung habe erst die Grundlage für Export- und Beschäftigungsboom gelegt. Nur so hätten die deutschen Unternehmen Markt­anteile gewinnen, und der Produktionssektor in den anderen Euroländern derart schrumpfen können. Demzufolge wäre es auch nur richtig, wenn wir uns nun besonders solidarisch zeigten und die Kosten für die Eurorettung tragen würden.

Stimmt das? Nimmt man die Perspektive des sprichwörtlichen „Manns auf der Straße“ ein, kommt man zu einem gegenteiligen Ergebnis. Zehn Argumente, warum der Euro zu einer Verringerung des deutschen Wohl­standes und der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit geführt hat, die ich bereits 2015 gemeinsam mit Karlhans Sauernheimer und Klaus C. Engelen im ifo-Schnelldienst publizierte:

  1. Zu Zeiten der Mark stand die deutsche Wirtschaft unter konstantem Aufwertungsdruck. Die Währungen der Haupthandelspartner – der französische Franc, die italienische Lira, aber auch der US-Dollar – werteten in schöner Regelmäßigkeit gegenüber der Mark ab. In der Folge war die deutsche Wirtschaft gezwungen, immer produktiver zu werden. So wuchs die Produktivität (Arbeitsproduktivität pro Stunde) in den 10 Jahren vor der Euroeinführung (plus 20 Prozent) deutlich schneller als in der Zeit danach (plus 16 Prozent). Seit dem Jahr 2000 lag die Entwicklung der Produktivität hinter den Fortschritten z. B. der USA und Englands sowie einigen der heutigen europäischen Krisenländer wie Griechenland oder Irland.[i]

Welche heilsame Wirkung eine starke Währung hat, kann man an der wirtschaftlichen Entwicklung der Schweiz sehen. Obwohl der Franken über Jahrzehnte kontinuierlich an Wert gewonnen hat, sind das Wohlstandsniveau und die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft weiter gestiegen. Problematisch sind Perioden rascher Aufwertung, wie im Zuge der aktuellen Krise zu beobachten. Dies sind aber vorübergehende Effekte, die an der langfristig positiven Wirkung nichts ändern.

  1. In der Folge wuchs in Deutschland das BIP pro Kopf – der entscheidende Indikator für die Entwicklung des Wohlstands – ebenfalls langsamer als vor der Einführung des Euro. Lief die Entwicklung bis 2000 mit jährlich über 1,5 Prozent Wachstum noch deutlich besser als in der Schweiz (< 0,5 Prozent Wachstum pro Jahr) – wenn auch auf tieferem Niveau –, so ist Deutschland in den 10 Jahren nach Einführung des Euro deutlich zurückgefallen (unter 1 Prozent pro Jahr Zunahme des BIP/Kopf, Schweiz: über 1 Prozent).[ii] Wir haben uns mehr darauf konzentriert, billiger zu produzieren – statt besser. Dies wird nachhaltig die Entwicklung der deutschen Wirtschaft belasten.

Abbildung: Deutschland: Geringes Produktivitätswachstum:

  1. Die deutschen Konsumenten haben bis zur Einführung des Euro von den Abwertungen der anderen Länder profitiert. Importierte Waren und Urlaube wurden billiger. Auch das hat sich seit dem Jahr 2000 geändert: Die Importe wurden teurer und gleiches gilt für den Urlaub. Um weiterhin billig Urlaub machen zu können, musste man außerhalb des Euroraums reisen. Für die Konsumenten bedeutete dies einen Verlust an Kaufkraft und damit Realeinkommen.
  2. In den ersten Jahren nach der Euroeinführung profitierten die anderen Länder von dem deutlich tieferen Zinsniveau, das sie der von der Bundesbank auf die EZB übergegangenen Glaubwürdigkeit verdankten. Die Zinsen waren für die heutigen Krisenländer zu tief, was einen einmaligen, schuldenfinanzierten Boom auslöste. Für Deutschland, das damals auch an einer überhöhten Bewertung bei der Festlegung des Euro-Wechselkurses litt, waren sie jedoch zu hoch. Die EZB musste einen Mittelweg gehen, der – wie sich herausstellte – für alle Länder der falsche war. Die Rezession in Deutschland war deshalb tiefer und länger, als sie ohne den Euro gewesen wäre, und die Regierung war gezwungen, Ausgaben zu kürzen und die Arbeitsmarktreformen durchzuführen, die zu geringeren Löhnen in Deutschland führten. Das wiederum führte dazu, dass in Summe die Einkommen der Durchschnittsbürger mehr als 10 Jahre lang stagnierten. [iii]Deutschland war der kranke Mann Europas, während Spanien als Musterbeispiel für eine gute wirtschaftliche Entwicklung galt. Erst später wurde deutlich, dass es sich in Spanien nur um eine gigantische, schuldenfinanzierte Immobilienblase handelte.
  3. Um die Wirtschaft wieder auf Trab zu bringen, setzte Deutschland auf die Wiedergewinnung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit über Kostensenkung anstatt auf Produktivitätsverbesserung. Die stagnierenden Löhne führten zu geringeren Steuereinnahmen, während die Exporte zulegten. Der Euro hat es Deutschland also nicht „erlaubt“, Handelsüberschüsse zu erzielen, sondern es geradezu „erzwungen“. Dass die Wirtschaft sich auf den Export konzentrierte, lag vor allem an der geringen Binnennachfrage.
  4. Richtig ist: Die deutschen Unternehmen haben von dieser Lohnzurückhaltung und dem schuldenfinanzierten Boom in den anderen euro­päischen Ländern profitiert. Die Exporte boomten. Allerdings ist es wichtig, zwei andere Aspekte dieser Entwicklung zu beleuchten: A) Der Schulden- und Konsumboom in den heutigen Krisenländern führte zu einer Übernachfrage nach Gütern und Kapital, die per Definition nur aus dem Ausland befriedigt werden konnte – egal von welchem. Dass es die deutschen Unternehmen waren, die davon überproportional profitierten, verdankten sie ihrer durch Kostensenkung gestiegenen Wettbewerbs­fähigkeit. B) Es waren die Eigentümer der exportorientierten Unter­nehmen, die am meisten von der Euroeinführung profitierten. Bei den börsennotierten Unternehmen sind dies übrigens zu einem über­wiegenden Teil ausländische Investoren. Nach einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft E+Y ist in den vergangenen zehn Jahren der Anteil, den ausländische Investoren halten sogar stetig gestiegen: Bei den 23 Unternehmen, deren Daten den Vergleich zulassen, stieg er von durch­schnittlich 45 Prozent im Jahr 2005 auf 59 Prozent im Geschäftsjahr 2014. Mit 27 Prozent kann jede vierte Aktie Anlegern aus dem europä­ischen Ausland zugeordnet werden, jede fünfte Aktie (21 Prozent) befindet sich im Besitz von Anlegern aus Nordamerika.[iv]Auch die Beschäftigten der Exportunter­nehmen profitierten; Sie hatten zwar stagnierende Löhne, dafür aber einen guten Arbeitsplatz. Was jedoch bei einer gesamthaften Rechnung zu beachten ist: Zugleich gingen auf den Binnenmarkt ausgerichtete Arbeitsplätze verloren.
  1. Aufgrund der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung nach Einführung des Euros, der gedrückten Steuereinnahmen und der anhaltend hohen Kosten für Sozialleistungen und Aufbau Ost war die Politik gezwungen, die Staatsausgaben zu beschränken. Neben den bereits angesprochenen Reformen der Sozialsysteme waren es vor allem Kürzungen bei den dringend erforderlichen Investitionen in Infrastruktur, Bildung und technischen Fortschritt. Die Investitionsquote des Staates liegt nunmehr seit Jahren deutlich unter den Abschreibungen.[v] In Folge ist die Infrastruktur in Deutschland in vielen Bereichen schlechter als in den heutigen Krisenstaaten, die im Zuge ihres Booms erhebliche Investitionen tätigten. Zugleich verstärkte diese Zurückhaltung des Staates die Nachfrageschwäche im Inland.
  1. Die Schwäche der Binnennachfrage führte zu einem Ersparnisüberhang. Die Ersparnisse konnten nicht in vollem Umfang in Deutschland investiert werden. Dies führte zu einem enormen Kapitalexport in das Ausland (dem Spiegelbild des Handelsüberschusses). Teilweise als Direktinvestitionen, überwiegend jedoch als Kredit zur Finanzierung des Schuldenbooms in anderen Ländern. Wenig ver­wunderlich, dass deutsche Banken viel Geld im US-Immobilienmarkt verloren haben. Schon vor Jahren bezifferte das DIW die Verluste auf Auslandsinvestitionen auf mindestens 400 Milliarden Euro.[vi] Als die Krise in Europa offensichtlich wurde, haben deutsche Banken ihr Geld aus den Krisenländern abgezogen. Dabei wurden sie entweder von öffentlichen Geldgebern abgelöst – Modell Griechenland – oder aber die Bundesbank musste den Geldabfluss durch die Gewährung von TARGET II Krediten ausgleichen. In Summe wurden so die von privaten Banken gegebenen Kredite durch direkte und indirekte Kredite des deutschen Staates ersetzt. Das Risiko eines Zahlungsausfalls wird damit sozialisiert und trifft auch jene deutschen Steuerzahler, die von dem Exportboom der letzten Jahre nicht profitiert haben und bei Schulden­schnitten zu Lasten privater Geldgeber weniger stark betroffen gewesen wären.
  2. Der Euro hat den weniger starken Volkswirtschaften Europas dabei geholfen, sich billig am Kapitalmarkt zu finanzieren. Der Schuldenberg der Euroländer ist seit Beginn der Krise ungebremst weiter gestiegen. Betrachtet man die Schulden von Staaten, privaten Haushalten und Nicht- Finanzunternehmen relativ zum Bruttoinlandsprodukt, so liegen die Schulden in allen Krisenländern deutlich höher: In Irland um 114 Prozent vom BIP, in Griechenland 73, Portugal 69, Spanien 40, Frankreich 35 und Italien 30 Prozent. Von Sparen kann folglich nicht die Rede sein.[vii]

Die Unternehmensberatung McKinsey hat derweil ausgerechnet, dass es völlig illusorisch ist, die Schulden relativ zum BIP zu stabilisieren, weil die dazu erforderlichen Wachstumsraten der Wirtschaft nicht realisierbar sind. Ceteris paribus müsste der spanische Staat den Finanzierungssaldo um 4,9 Prozent des BIP verbessern, der portugiesische um 3,6 Prozent, der französische um 2,5 und der italienische um 1,9 Prozent. Werte die völlig illusorisch sind. [viii]

Damit wird deutlich, dass selbst die vermeintliche Austeritätspolitik zu immer mehr Schulden führt. Ich schätze, dass in Europa etwa drei Billionen Euro dauerhaft nicht mehr bedient werden können.

Zusätzlich zu diesen offen ausgewiesenen Schulden haben wir es mit erheblichen verdeckten Verbindlichkeiten zu tun. Schätzungen beziffern die ungedeckten Versprechen der Staaten für künftige Renten-, Pensions- und Gesundheits­zahlungen auf das Vier- bis Sechsfache des BIP, je nach Land.[ix]

Noch ist offen, auf welchem Wege dieser Verlust realisiert wird: durch Pleiten, eine geordnete Schuldenrestrukturierung oder eine Monetarisierung über die EZB-Bilanz. In jedem Fall wird die Hauptlast den deutschen Bürger treffen. Angesichts der Verteilungsschlüssel bei den europäischen Rettungsschirmen und am Eigenkapital der EZB ist sicher, dass Deutschland als Hauptgläubiger einen großen Teil der Verluste tragen wird.

  1. Auch von den Bemühungen der EZB, durch den groß angelegten Ankauf von Staatsanleihen den Eurokurs zu drücken, die Kreditvergabe zu stimulieren, die befürchtete Deflation zu bekämpfen und damit am Ende Wachstum zu erzeugen, profitiert der Mann auf der Straße nicht!

Richtig ist: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat nach Berechnungen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel seit Krisenbeginn netto rund 60 Milliarden Euro an Zinszahlungen eingespart. Richtig ist: Ein schwacher Euro hilft erneut der Exportindustrie. Doch für den Mann auf der Straße bedeutet er höhere Kosten durch steigende Importpreise und verringert den Effekt des fallenden Ölpreises.

Richtig ist: Die Vermögenspreise steigen. Doch das ist Umverteilung von unten nach oben. Während die Aktien und Immobilienpreise steigen, erhält der einfache Sparer keine Zinsen mehr. Die DZ Bank beziffert den Verlust auf 190 Milliarden Euro an Zinsen in den vergangenen fünf Jahren.[x]

Für den Durchschnittsdeutschen stellt sich die Geschichte so dar: Die Einführung des Euros führte zu einer langen Phase geringen Wachstums, hoher Arbeitslosigkeit und Lohnstagnation. Die Tage der billigen Urlaube in Italien und Griechenland waren vorbei. Der Staat hat Ausgaben für Sozialleistungen und – viel schlimmer – Infrastruktur und Investitionen gekürzt. Die Wirtschaft musste sich auf den Export konzentrieren, weil die Binnennachfrage gedrückt war und die Ersparnisse wurden dazu genutzt, Lieferantenkredite zu gewähren. Jetzt, wo diese Kredite nicht bezahlt werden können, müssen wiederum die deutschen Sparer und Steuerzahler für den Schaden aufkommen. Zu allem Überfluss werden sie auch noch von den anderen Ländern für vermeintlich fehlende Solidarität kritisiert.

Sind die Deutschen also wirklich die Hauptnutz­nießer des Euro? Wohl kaum! Ohne den Euro hätte es die Schuldenparty im Süden nicht gegeben, aber auch nicht die großen Exportüberschüsse. Dafür einen höheren Lebensstandard und bessere Infrastruktur in Deutschland.

* Dr. Daniel Stelter ist Makroökonom und Gründer des Diskussionsforums „Beyond the Obvious“ (https://think-beyondtheobvious.com/). Von 1990 bis 2013 war Stelter Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Von 2003 bis 2011 verantwortete er weltweit das Geschäft der BCG-Praxisgruppe Corporate Development (Strategie und Corporate Finance). Als Autor wurde er mit dem getAbstract International Book Award 2010 ausgezeichnet. Im April 2013 erschien sein Buch „Die Billionen-Schulden­bombe“ über die Schuldenkrise; im Mai 2014 „Die Krise – 77 Bilder zum Selber­denken und Mitreden“. Mit dem zuletzt erschienenen Buch „Die Schulden im 21. Jahrhundert“ (Frankfurter Allgemeine Buch, ISBN 978-3-95601-077-4) lieferte er eine Replik auf Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. (Ergänzung: Seit Februar 2016: „Eiszeit in der Weltwirtschaft)


[i] “The Conference Board Total Economy Database™, January 2014, http://www.conference-board.org/data/economydatabase/”

[ii] Gross domestic product per capita, constant prices; OECD World Economic Outlook, October 2014,

[iii] „Reallöhne 2000–2010: Ein Jahrzehnt ohne Zuwachs“, DIW Wochenbericht 45/2011, abrufbar unter: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.388565.de/11-45.pdf

[iv] Ein Großteil des Dax Gewinns geht ins Ausland, Die Welt, 21. April 2015, abrufbar unter: http://www.welt.de/finanzen/article139870262/Der-Grossteil-des-Dax-Gewinns-geht-ins-Ausland.html

[v] Bundesministerium der Finanzen: Investitionsschwäche in Deutschland? Februar 2014, abrufbar unter: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Monatsberichte/2014/03/Inhalte/Kapitel-3-Analysen/3-3-investitionsschwaeche.html sowie: DIHK Schlaglicht Wirtschaftspolitik, Investitionsschwäche in Deutschland, Sommer 2014, abrufbar unter: www.dihk.de/…/dihk-schlaglicht-investitionsschwaeche-2014.pdf

[vi] DIW Wochenbericht 49/13, Verluste auf das deutsche Nettoauslandsvermögen – wie sind sie entstanden?, abrufbar unter: http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.432808.de

[vii] Quelle: Eurostat, EZB, eigene Berechnungen.

[viii] McKinsey Global Institute, Debt and (not much) deleveraging, February 2015, abrufbar unter: http://www.mckinsey.com/insights/economic_studies/debt_and_not_much_deleveraging/

[ix] Jagadeesh Gokhale, Measuring the unfunded obligations of European Countries, Januar 2009, abrufbar unter: http://www.ncpa.org/pdfs/st319.pdf

4 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    Tja, und jetzt stellt sich die Fragen, wie man dieses Thema in einem Wahlkampf für breite Bevölkerungsschichten leicht verständlich so kommuniziert, dass es verstanden wird, man aber dennoch nicht in die ausländerfeindliche Ecke gerückt wird oder die falschen Bewunderer erntet. Ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht. Und ich kenne keinen, der es weiß. Sie schaffen es mit so etwas nicht einmal in einen parlamentarischen Ausschuss, wo die Leute den ganzen Tag Zeit haben, sich mit politischen Themen zu beschäftigen. Und wenn es irgendwann einmal dort landen wird, dann viel zu spät, weil das Thema dann garantiert gerade medial und an den Märkten halb Europa in Höchstgeschwindigkeit um die Ohren fliegt. Dann ist es nur leider viel zu spät für vorausschauendes Handeln.

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  2. prestele says:

    Bei der Lektüre dieser 10 Thesen fühle ich mich sehr an das Buch von Hans-Werner Sinn „Ist Deutschland noch zu retten“ aus dem Jahre 2004 erinnert, in dem er so schöne Begriffe wie „Basarökonomie“ schuf und Deutschland eine Orientierung an der Wirtschaftspolitik Irlands und Englands empfahl.
    Nur zwei Anmerkungen:
    Ad Ziff. 5
    Es war eine bewusste Entscheidung Deutschlands, nicht zuletzt unter dem Druck neoliberalen Ökonomen wie Herrn Sinn, die internationale Wettbewerbsfähigkeit durch Kostensenkung statt durch Produktivitätsverbesserungen im Bereich der im internationalen Wettbewerb stehenden Wirtschaftszweige zu verbessern. Und dies bei gleichzeitig stark steigenden Lohnstückkosten in anderen Euro-Ländern. Wie da der Euro die Handelsbilanzüberschüsse erzwungen haben soll, erschließt sich mir nicht.
    Ad Ziff. 7
    Es war gleichfalls eine bewusste Entscheidung aller Bundesregierungen – dem Credo neoliberaler Ökonomen entsprechend – , die Nettoinvestitionen in den genannten Bereichen zurückzufahren, um die Staatsverschuldung zu stabilisieren und damit die Zukunftsfähigkeit unseres Landes zu gefährden.
    Richtig dagegen ist umso mehr die These, dass es dumm ist, in einer überschuldeten Welt Gläubiger zu sein! Das Streben nach dem Titel des Exportweltmeisters – ob mit oder ohne Basarökonomie – ist Un-Sinn, wie man spätestens seit der Formulierung des magischen Vierecks wissen sollte

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  3. Bagehot says:

    These 5 lautet:

    „Um die Wirtschaft wieder auf Trab zu bringen, setzte Deutschland auf die Wiedergewinnung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit über Kostensenkung anstatt auf Produktivitätsverbesserung. Die stagnierenden Löhne führten zu geringeren Steuereinnahmen, während die Exporte zulegten. Der Euro hat es Deutschland also nicht „erlaubt“, Handelsüberschüsse zu erzielen, sondern es geradezu „erzwungen“. Dass die Wirtschaft sich auf den Export konzentrierte, lag vor allem an der geringen Binnennachfrage.“

    Diese These halte ich für grundfalsch. Sie zeugt auch von einer geringen Kenntnis der empirischen Wirtschaft in Deutschland.

    Die hohen und steigenden Exportüberschüsse haben m. E. im Wesentlichen drei miteinander zusammenhängende Gründe, die wenig mit Löhnen, Kosten, Produktivität und Wechselkursen zu tun haben.

    1. Zum einen hat sich die deutsche Wirtschaft im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung zunehmend spezialisiert. Sie produziert immer mehr Investitionsgüter und teure Gebrauchsgüter, aber kaum noch Konsumprodukte für den Massenkonsum. (Einzige Ausnahme sind Nahrungs- und Genussmittel.)

    Beispielhaft zeigt dies der Fall Siemens: Einst produzierte das Unternehmen Hausgeräte, Fernseher, Glühbirnen, Handys und PCs. Das ist längst alles abgestoßen, eingedampft oder steht jetzt zur Disposition.

    Siemens tut sich eben schwer mit Konsumprodukten, wo time to market und die Befriedigung der Kundenwünsche das A und O sind. Statt dessen konzentriert sich der Elektrokonzern auf Fabrikautomation, Bahntechnik und Kraftwerke. Hierfür bestehen die großen Märkte im Ausland. Die Binnennachfrage ist absolut sekundär. Siemens sieht den größten Wachstumsmarkt in umfasssenden, hochkomplexen Infrastrukturlösungen für die unkontrolliert wachsenden Metropolen der Schwellenländer. Das hat alles nix mit der Eurozone, der Agenda 2010 oder Ähnlichem zu tun.

    2. In der deutschen Autoindustrie haben sich die Gewichte ganz klar zugunsten des Premiumsegments verschoben. Bei Luxuslimousinen sind die Margen um eine Vielfaches höher als bei Kleinwagen. Vor drei oder vier Jahrzehnten waren Firmen wie Audi, BMW und Daimler Nischenanbieter. Heute dominieren die Premiumhersteller die deutsche Autoproduktion. Die Massenproduzenten Ford, Opel und auch Volkswagen sind hingegen weit zurückgefallen.

    Audi beschäftigt in seinen deutschen Werken heute rund drei mal so viele Menschen wie Opel. Porsche macht ebenso hohe Umsätze wie Ford Deutschland!

    Die Luxushersteller exportieren 80 bis 90 Prozent der in Deutschland produzierten Fahrzeuge. Hingegen werden die in Deutschland verkauften Kleinwagen zum allergrößten Teil im Ausland gefertigt. Dies gilt auch für die deutschen Fabrikate.

    3. Die deutsche Industrie gibt erheblich mehr Geld aus für Forschung und Entwicklung als die Unternehmen der meisten anderen europäischen Staaten. Entsprechend haben die deutschen Exportprodukte einen hohen Innovationsgrad.

    Eine kritische Schwelle ist erreicht, wenn die privaten und staatlichen Forschungs- und Entwicklungsausgaben zusammen etwa drei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung erreichen.

    Alle Länder, die diese Schwelle erreichen oder darüber liegen, haben anhaltend hohe Exportüberschüsse! Von der Schweiz und Schweden bis zu Japan und Süd-Korea.

    Einzige Ausnahme sind die USA (deren Forschungsintensität allerdings trotz Silicon Valley unter drei Prozent liegen). Die Supermacht verlässt sich einfach auf ihren Dollar, der nach wie vor unangefochtene Leitwährung ist.

    Umgekehrt sind jene Länder, deren Forschung und Entwicklung schwach entwickelt ist, beim Außenhandel ganz überwiegend im Minus. Ausnahmen sind einerseits Handelsnationen mit honen Rohstoffexporten (Brasilien,Russland, OPEC), andererseits Länder, wo Tourismus und andere Dienstleistungen eine große Rolle spielen.

    Die Exporterfolge der deutschen Industrie haben mithin wenig bis gar nichts mit Lohn-Dumping, schwachem Euro oder einer Basarökonomie zu tun.

    Aber sehr, sehr viel mit HIrnschmalz!

    Umgekehrt

    Antworten
  4. Dietmar Tischer says:

    Ein paar Bemerkungen:

    A. Das unfruchtbare Themenszenario

    Die Diskussion darüber, wer Gewinner ist und wer nicht, ist nur zu verständlich, weil der Gewinner oder vermeintliche Gewinner in die Pflicht genommen werden kann, seinen Gewinn mit anderen zu teilen.

    Insofern ist nachzuvollziehen, dass versucht wird, der Gewinnerbehauptung entgegenzutreten.

    Nur:

    Der Gewinner-Ansatz als Verpflichtungsprämisse kann aber nicht leisten, was er leisten soll.

    Nehmen wir einmal an, wir wären der Gewinner, sind es aber im Wesentlichen nur dadurch geworden, dass die anderen sich im Eurosystem auf die Verliererstraße begeben hatten (was mit Blick auf die Entwicklung keine verwegene Annahme ist).

    Warum müssen wir dafür bezahlen, weil andere das System für sich – im wahrsten Sinne des Wortes – kontraproduktiv genutzt haben?

    Ich sehe keinen hinreichenden Grund DAFÜR.

    Aus anderen Überlegungen heraus kann man allerdings zu der Erkenntnis kommen, dass wir zahlen sollten, z. B. um das System nicht zu unserem Schaden zerfallen zu lassen.

    B. Die defizitäre Ursachenmatrix.und willkürlich gesetzte Wirkmechanismen

    Warum wir in Deutschland was gemacht haben solange es die Währungsunion gibt, kann nicht ALLEIN mit Blick auf die Währungsunion erklärt werden.

    Beispiel:

    Wenn es richtig ist, wie unter 1. argumentiert, dass vor der Euroeinführung die Produktivität höher lag als danach, dann muss das nicht oder nicht nur am fehlenden Aufwertungsdruck liegen. Fehlender Aufwertungsdruck ist aus historischer Perspektive eine sehr gute Erklärung, aber keine schlüssige Begründung mit Blick auf eine Periodenbetrachtung, die von anderer Empirie geprägt ist. Hier stimme ich Bagehot zu, argumentiere aber anders:

    >Wir haben uns mehr darauf konzentriert, billiger zu produzieren – statt besser. Dies wird nachhaltig die Entwicklung der deutschen Wirtschaft belasten.>

    Wenn man den ersten Teil dieser Aussage trotz der berechtigten Einwände von Bagehot stehen lässt, aber eine andere Konsequenz daraus zieht, kann man sagen:

    WEIL wir uns – anders als vor der Währungsunion – darauf konzentriert haben, billiger zu produzieren, mussten wir nicht so sehr die Produktivität steigern, um wettbewerbsfähig zu sein. Billiger produzieren zu wollen, muss nichts mit der Währungsunion zu tun haben. Es kann eine Reaktion im Rahmen der Globalisierung sein und ist m. A. n. auch eine, um der Migration von Arbeitsplätzen entgegenzuwirken.

    Ob DIES oder anderes die Entwicklung der deutschen Wirtschaft nachhaltig belasten wird, bleibt abzuwarten. Kann durchaus sein, auch wenn wir z. Z. nicht weit weg von Vollbeschäftigung sind, was nicht ich nicht als Belastung für die deutsche Wirtschaft ansehe.

    C. Ausschließlichkeit für einseitige Ursachenzuordnung

    >Für den Durchschnittsdeutschen stellt sich die Geschichte so dar: Die Einführung des Euros führte zu einer langen Phase geringen Wachstums, hoher Arbeitslosigkeit und Lohnstagnation …Der Staat hat Ausgaben für Sozialleistungen und – viel schlimmer – Infrastruktur und Investitionen gekürzt. Die Wirtschaft musste sich auf den Export konzentrieren, weil die Binnennachfrage gedrückt war … >

    Hier wird als Kausalität für richtige Sachverhalte die Existenz der Eurozone benannt. Das ist in dieser Ausschließlichkeit nicht richtig, wenn es der Eurozone übergeordnete Tendenzen gibt, z. B. Globalisierung und demografischer Wandel, auf DIE wir auch in bestimmter Weise reagiert haben.

    Natürlich hätte es uns ohne Währungsunion besser gehen können, wer will das ausschließen.

    Aber möglicherweise, und nicht einmal unwahrscheinlich, hätte sich dann die Wirtschaft genauso oder gar noch mehr auf Exporte konzentriert.

    Antworten

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