Das müsste Peter Thiel zu Deutschland sagen

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Dieser Beitrag erschien erstmals im Dezember 2016 bei bto (und ist leider immer noch aktuell!):

Nun ist die Krönungsmesse der CDU vorbei. Grund genug, heute einen Beitrag zu bringen, der bei manager magazin online kurz vor der Wahl in den USA erschien. Donald Trump, der von Peter Thiel unterstützt wurde, hatte die Wahl gewonnen. Ich würde mir eine Rede von Peter Thiel zu Deutschland, wie ich sie unten beschreibe, sehr wünschen, gerade auch mit Blick auf die Aussicht auf weitere fünf Jahre mit der derzeitigen Regierung. Die Diskussion der IYI (siehe Beitrag vom 9. November) in den Medien nach der Wahl in den USA unterstreicht die Notwendigkeit, auch bei uns einen Politikwechsel zu bewirken.   

Mit seiner Unterstützung für Donald Trump hat Peter Thiel, der deutschstämmige Paypal-Gründer und Facebook-Investor der ersten Stunde für große Aufregung gesorgt. In einer Rede legte er nun pointiert nach und begründete seine Unterstützung für einen Außenseiter im politischen System der USA mit einem breiten Versagen der politischen Elite.

Die USA seien ein Land, in dem die Alten nicht für den Ruhestand vorsorgen können und die Jungen unter enormen Schulden für die Ausbildung leiden. Das überteuerte Gesundheitssystem mag zwar den Rest der Welt subventionieren, die breite Mittelschicht, die seit Jahren mit stagnierenden Einkommen zu kämpfen hat, werde jedoch zusätzlich belastet. Eine Mittelschicht, die im Unterschied zur Elite eben nicht von der Globalisierung profitiert habe, sondern unter Lohndruck und Arbeitsplatzverlusten leidet.

Die Antwort der Elite war – wie es Thiel nennt – „Bubble Thinking“. Blasen an Aktien- und Immobilienmärkten sollten über die stagnierenden Einkommen hinwegtäuschen.
Trotz stagnierender Einkommen haben die USA ein chronisches Handelsdefizit und statt als reichstes Land der Welt anderen Ländern Kapital zu leihen für deren Entwicklung ziehen die USA Gelder an, um die eigenen Defizite zu finanzieren und um Vermögenswerte in den USA zu steigern. Außerdem führe das Land fünf Kriege zeitgleich, und obwohl die Elite immer wieder den Sieg verspreche, sei ein solcher nirgends in Sicht. Statt Demokratie habe man Chaos exportiert, so Thiel. All dies führt bei Thiel zu der Schlussfolgerung, Donald Trump zu unterstützen.

Unabhängig davon, ob man diese Folgerung unterstützt oder nicht, hat Thiel auf jeden Fall die relevanten Themen angesprochen. In der Tat gibt es chronische Missstände in den USA, eine direkte Folge der Politik der letzten Jahrzehnte, die auf Schulden und Blasen gesetzt hat, statt auf echte Reformen.

Eine Rede für Deutschland

Bevor wir nun abschätzig auf die USA blicken, stellt sich die Frage, wie denn eine Rede von Peter Thiel zu Deutschland aussehen könnte im Sommer 2017, passend zur Bundestagswahl. Vielleicht so?

„Sehr geehrte Damen und Herren,

wie Sie wissen, lebe und arbeite ich in den USA und habe deshalb einen Blick von außen auf mein Geburtsland Deutschland. Zunächst erfüllt mich dieser Blick mit Freude. Deutschland ist ein Land, das vielen als Vorbild dient, demokratisch gefestigt und wirtschaftlich erfolgreich. Made in Germany gilt zu Recht noch als Gütesiegel in der Welt. Dennoch droht dem Land ein beispielloser Niedergang, und es wird höchste Zeit, dass sich die politischen Eliten der Realität stellen.

Als Technologie-Investor weiß ich, dass nichts so wichtig für die weitere wirtschaftliche Entwicklung und die Sicherung von Wohlstand ist wie eine führende Stellung in den Industrien der Zukunft. Gerade diese Stellung ist in Deutschland immer weniger gesichert. Die Industrien, auf denen Deutschlands Wohlstand heute beruht, stammen allesamt noch auch der Kaiserzeit. Chemie, Maschinen- und Anlagenbau und auch die Vorzeigebranche Automobil sind über einhundert Jahre alt. Bislang ist es gelungen, jeden Wandel erfolgreich zu gestalten. Doch ob dies auch für die Zukunft gilt, ist zunehmend fraglich. Gerade die Automobilbranche steht vor erheblichen Herausforderungen.

Ob begründet oder nicht, wird sie als Hauptverantwortliche für den Klimawandel ausgemacht. Andere Länder können mit Umweltschutzargumenten faktisch protektionistische Maßnahmen ergreifen und damit einen Wettbewerber schwächen, der in der traditionellen Technologie des Verbrennungsmotors einen uneinholbaren Vorsprung hat. Skandale wie jener von Volkswagen liefern dafür zusätzliche Munition. Doch auch ohne diesen technologischen Wandel droht der Branche Ungemach. Selbstfahrende Autos, Carsharing und eine abnehmende Bedeutung als Statussymbol könnten der Vorzeigebranche Deutschlands erhebliche Schwierigkeiten bereiten.

Derweil sind neue Industrien nicht in Sicht. Die technologische Revolution spielt sich woanders auf der Welt ab. Im Silicon Valley, zunehmend auch in China und den aufstrebenden Regionen der Welt. Ausnahmen wie SAP und ein paar E-Commerce-Start-ups in Berlin ändern an dieser Tatsache nichts. Deutschland braucht ein neues Geschäftsmodell für die Zukunft und die Grundlage dafür kann nur gemeinsam von Wirtschaft und Politik gefunden werden.

Konsum statt Investitionen 

Bis jetzt sieht es nicht so aus, als habe die deutsche Politik diese existenzielle Bedrohung in ihrer Dramatik erfasst. Hätte sie es, würde der Staatshaushalt ganz anders aussehen. Statt immer mehr Geld für die Verteilung von sozialen Wohltaten zu verwenden, würde der deutsche Staat mehr in die Infrastruktur investieren. Neben dem allseits bekannten Instandhaltungsstau bei Straßen, Brücken und Bahninfrastruktur denke ich dabei vor allem an ein modernes Breitbandnetz, welches die Grundlage für erfolgreiches Wirtschaften im 21. Jahrhundert ist.

Auch in einem anderen Bereich zeigt sich, dass die Politik die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Nicht nur ist es bis heute nicht gelungen, ein bundesweit einheitliches Schulsystem zu etablieren. Noch schlimmer wiegt, dass das schulische Niveau im internationalen Vergleich bestenfalls mittelmäßig ist. Darüber dürfen einige Ausnahmen wie Bayern und Sachsen und eine leichte Verbesserung in den PISA-Ergebnissen nicht hinwegtäuschen. Im internationalen Wettbewerb geht es vor allem um die Leistungen in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Denn diese Fächer und die darauf basierenden Studiengänge sind es letztlich, die die technologische Leistungsfähigkeit bestimmen. An der Spitze stehen hier die asiatischen Länder wie Singapur und China. Auch in der Schweiz liegt der Anteil der Spitzenleister in Mathematik bei 43 von 1.000 Schülern, in Deutschland nur bei 26.

Die weltbesten Universitäten sind ebenfalls nicht hierzulande beheimatet. Die USA und Großbritannien sind führend, wenn es um die Spitzenbildung geht. Und wenn jetzt der Einwand kommt, dass auch diese Länder im Schulsystem erhebliche Schwächen haben, so ist das zutreffend. Jedoch gelingt es vor allem den USA nach wie vor, die besten Talente der Welt anzulocken. Diese kommen zum Studium in die USA und bleiben auch oft. Die Start-up-Szene im Silicon Valley wäre ohne diese Zuwanderung der Klügsten der Welt undenkbar.

Zuwanderung kann keine Lösung sein

Deutschland gelingt es jedoch nicht annähernd, im gleichen Maße für die Spitzenleister attraktiv zu sein. Im Gegenteil: Schätzungen gehen dahin, dass jedes Jahr 140.000 Deutsche das Land verlassen tendenziell eher die gut gebildeten und leistungsorientierten. Eine sehr schlechte Entwicklung gerade mit Blick auf die rasch einsetzende Vergreisung. Ohne Einwanderung fällt die Zahl der 20- bis 65-Jährigen zwischen 2015 und 2060 von 48 auf 28 Millionen. Dieser Verlust an qualifizierten Erwerbstätigen ist eine zusätzliche ernsthafte Bedrohung für die hiesige Wirtschaft. Jeder Unternehmer ist gezwungen, sich auf diese Herausforderung einzustellen. Was im Klartext eine Verlagerung von Produktion in das Ausland bedeutet damit auch das Verlagern von Forschung und Entwicklung.

Die Demografie ist leicht zu prognostizieren und nur schwer zu ändern. Wer davon träumt, diese Lücke durch Zuwanderung zu schließen, muss nüchtern konstatieren, dass Deutschland bisher im globalen Wettbewerb um die besten Talente weit abgeschlagen ist. Die bisherige Zuwanderung hat nicht den Erfordernissen der hoch technisierten Wirtschaft entsprochen. Im Schnitt sind die Zuwanderer weniger produktiv und haben eine geringere Erwerbsbeteiligung als die einheimische Bevölkerung. Die Nachkommen der Zuwanderer bleiben zudem bislang in der Schule weit zurück.

Anzeichen für eine Besserung sind nicht in Sicht. Die Flüchtlingswelle des Jahres 2015 wird die demografischen Probleme nicht lösen, sondern verschärfen. Die Flüchtlinge werden eine dauerhafte finanzielle Belastung darstellen. Zudem bedeutet es eine sehr ineffiziente Mittelverwendung, weil die Kosten der Versorgung in Deutschland bei dem 100-Fachen der Kosten einer Versorgung in der Herkunftsregion liegen dürften. Ein weiteres Beispiel für eine Politik, die nicht die langfristigen Folgen des eigenen Handelns bedenkt.

Besser wäre es, in einer Welt, die insgesamt älter wird, konsequent auf neue Technologien zu setzen. Statt die Hoffnung auf Zuwanderung zu legen, sollte sich Deutschland ein Beispiel an Japan nehmen und ein Vorreiter für Automatisierung sein. Gerade der Rückgang der Erwerbsbevölkerung ist eine enorme Chance. Die Roboter nehmen niemandem Arbeit weg. Statt diese positiven Aspekte nach vorne zu stellen, schürt die Politik die Ängste der Bevölkerung und fördert so eine Technologiefeindlichkeit, die wiederum den Innovationsstandort Deutschland schwächt.

Die EU hängt an Deutschland

Europa hat nur gemeinsam eine Zukunft in der Welt. Doch um Europa steht es schlecht. Der Brexit ist ein fatales Zeichen und wenig spricht dafür, dass die EU-Bürokraten die Signale verstanden haben. Sie versuchen, viel mehr die EU zu einer europäischen Version des von den Eagles besungenen Hotel California zu machen. Man kommt hinein, jedoch nicht wieder hinaus. Doch ein nur mit Zwang und Drohungen zusammengehaltenes Gebilde hat keine Zukunft. Die EU braucht eine Vision, eine gemeinsame Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Deutschland müsste führen, doch tut genau das Gegenteil. Einsame Entscheidungen in der Flüchtlingsfrage haben den deutschen Einfluss und den Zusammenhalt in der EU geschwächt.

Schon zuvor hat die deutsche Haltung eine Lösung der Eurokrise verhindert. Wir alle wissen, dass es ein Fehler war, den Euro einzuführen, ohne eine entsprechende wirtschaftliche Integration. Nun, wo wir ihn haben, müssen wir mit den Folgen der falschen Entscheidung konstruktiv umgehen. Dazu gehören die Bereinigung der Folgen des Schuldenbooms in einem gemeinsamen Ansatz und eine Neuordnung der Eurozone, um Ländern, die im Korsett des Euro nicht wieder wettbewerbsfähig werden können, die Chance für eine Erholung zu geben. Deutschland muss hier die Führung übernehmen und akzeptieren, dass dies finanzielle Lasten bedeutet. Im Gegenzug wären dann wirkliche Reformen möglich, um Wachstumskräfte zu stärken. Dabei geht es weniger um Arbeitsmarktreformen als um Bildung, Innovation und Automatisierung. Hier sollte die EU den Schwerpunkt legen.

Abschied vom Fetisch des Exportweltmeisters 

Im Unterschied zu den USA hilft Deutschland anderen Ländern bei der wirtschaftlichen Entwicklung durch den Export von Ersparnissen. Kredite und Investitionen im Ausland sind das Spiegelbild der Exportstärke und natürlich der schlechteren Wachstumsaussichten im Inland. Auch mit Blick auf die Versorgung einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung ist es richtig, Auslandsvermögen aufzubauen.

Doch leider gelingt dies nicht wie erhofft. Deutschland legt seine Exporterlöse denkbar schlecht an. Alleine im Zuge der Finanzkrise haben deutsche Kapitalsammelstellen mindestens 400 Milliarden Euro verloren. Weitere Verluste sind mit Blick auf die Überschuldung der Welt zu befürchten. Deutschland sollte deshalb die Handelsüberschüsse durch mehr Investitionen im Inland auf ein vernünftiges Maß reduzieren die für 2016 erwarteten neun Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) sind definitiv viel zu hoch und sich am Vorbild anderer Staaten orientieren und einen Sovereign Wealth Fund gründen, der das Vermögen professionell anlegt.

Illusion von Wohlstand

Von alledem wollen deutsche Politiker nichts wissen. Geblendet von der guten Konjunktur denken sie, es würde ewig so weitergehen. Nur so kann es zu der Vorstellung kommen, man könne das Rentenalter und das Rentenniveau unverändert lassen, obwohl die Lebenserwartung ständig steigt. Nur so kann die Politik ernsthaft eine Beitragssteigerung auf 23 Prozent für die Rentenversicherung ins Auge fassen, mit der dann Renten für eine Generation finanziert werden, die selbst nur 19 Prozent eingezahlt hat.

Da kann ich nur daran erinnern, dass die künftigen Beitragszahler in anderen Ländern mit offenen Armen empfangen werden. Eine Überlegung, die deutschen Politikern natürlich völlig fremd ist. Schon heute schätzt der Bremer Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn, dass es nur rund 15 Millionen außerhalb des staatlichen Sektors tätige Nettosteuerzahler sind, die den Karren gegen die globale Konkurrenz ziehen. Eine Zahl, die rasch schrumpft. Je größer die Last für die kleine Gruppe der Leistungsträger wird, desto schneller wird sie schrumpfen.
So kritisch ich die Leistung der politischen Elite der USA sehe, die USA haben noch immer eine wachsende Erwerbsbevölkerung, technologische Führerschaft in den Schlüsselindustrien der Zukunft, die besten Universitäten, das stärkste Militär und den alles entscheidenden Vorteil: Sie sind und bleiben das attraktivste Einwanderungsland der Welt.

Deshalb können die USA das Versagen der politischen Elite verkraften. Deutschland kann das definitiv nicht. Diese Wahl ist die letzte Möglichkeit für einen Kurswechsel.“

So könnte sich eine Rede von Thiel im Sommer 2017 anhören. Es wäre zu hoffen, es gäbe sie und sie würde erhört. Sein Auftritt vom Montag, 7. November 2016, hatte innerhalb von 24 Stunden immerhin mehr als 160.000 Zuschauer auf Youtube.

→ manager-magazin.de: „Das könnte Peter Thiel zu Deutschland sagen“, 2. November 2016

15 Kommentare
  1. Michael Stöcker says:

    Ja, dem Land droht ein beispielloser Niedergang und viele der Forderungen sind mehr als berechtigt. Allerdings ist Peter Thiel mit seinem zentralen Diktum „Wettbewerb ist was für Loser“ selber einer der Totengräber des Systems: http://www.capital.de/meinungen/peter-thiels-leitfaden-fuer-visionaere-113.html. Wer verstanden hat, wie ein Kreditgeldsystem funktioniert, der weiß auch, warum diese Strategie gegen die Wand fahren muss.

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  2. Thomas says:

    „[…] dass es nur rund 15 Millionen außerhalb des staatlichen Sektors tätige Nettosteuerzahler sind, die den ‚Karren gegen die globale Konkurrenz ziehen‘. Eine Zahl, die rasch schrumpft.“

    Krasse Zahl. War/wäre damit nicht vorprogrammiert, dass die Umverteiler langfristig die politischen Mehrheiten stellen werden? Sie haben ja die deutlich größere Zielgruppe?

    Kurioserweise – so mein Eindruck – behindert aber aktuell die Immigrationskrise die (eher) sozialistischen Parteien. Sozialismus und Nationalismus sind ja kein Widerspruch; ganz im Gegenteil. Aber bei uns stehen die linken Parteien ja eher für einfache bzw. unkontrollierte Immigration.

    Und an der Stelle sagen dann doch viele „Nein Danke“. (Sei es nun reflektiert mit einem Schuss Ökonomie oder nicht; ist m.E. egal. Man kann auch einfach sagen: „Hab ich keinen Bock drauf.“ Vielmehr als „hab ich Bock drauf“ mit einem Schuss Moralin sagt das andere Lager ja schließlich auch nicht.)

    Da darf man als Minderheit der Netto-Zahler vielleicht froh sein, dass die AFD aktuell 5-10%-Punkte von den Linken, der SPD und auch der „Merkel-CDU“ abgräbt (persönlich geschätzt; hatte irgendwo mal eine Statistik zur Wechselbewegung gesehen) und somit zumindest einen Sicherheitspuffer zu RRG und deren Umverteilungsambitionen schafft.

    Auf jeden Fall politisch eine sehr dynamische Situation.

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  3. Dietmar Tischer says:

    Man kann ja so „Eine Rede für Deutschland“ halten.

    Sie ist hilfreich, das Land nicht aus der Wohlfühlblase zu betrachten und damit der Realität näher zu kommen.

    Ich würde die Rede aber nicht – HEUTE jedenfalls nicht mehr – mit dem Namen Peter Thiel in Verbindung bringen.

    Gemessen am Erfolg ist Thiel zweifelsohne brillant, wenn er in Unternehmen investiert.

    Wenn er auf Politiker setzt, ist er zumindest im Fall Trump ein Versager.

    Denn das Startup Trump ist jedenfalls nicht das, was Thiel im Untertitel seines Buchs ver-spricht, nämlich „Notes on Startups, or how to build the future“. Trump will ja bekanntermaßen die Zukunft der USA dadurch wieder herstellen, dass er die alten Jobs zurückholt. Das wird ganz sicher nicht die Zukunft der USA sein.

    Bei solchen Überlegungen muss man sich freilich nicht lange aufhalten, wenn es um die deutsche Fassung des Buches geht.

    Dort steht als Übersetzung „Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet“.

    Abgesehen davon dass Startups und Innovationen nicht dasselbe sind, muss es hierzulande um RETTEN gehen.

    Und dann natürlich auch gleich um die Rettung unserer Gesellschaft.

    Drunter macht es ein deutscher Verlag nicht, wenn er campus heißt.

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    • Thomas says:

      Ja, die kulturellen Unterschiede – sie sind da und verraten sich (unbewusst) in der Sprache:

      USA: Hope springs eternal.
      D: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

      USA: building the future…
      D:rettet (die Gegenwart / die Vergangenheit)…

      Wenn schon Filmtitel sinnfrei umgeschrieben werden, dann doch bitte auch Buchtitel. Ich frag‘ mich immer, ob sich die Sachen dadurch wirklich besser verkaufen?

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  4. Wolfgang Selig says:

    Dazu nur eine Anmerkung: nichts gegen die circa 15 Mio. Nettosteuerzahler im privaten Sektor, aber ohne Lehrer, Erzieher, Polizisten, Justizbeamte, Rathausmitarbeiter, Müllmänner , Schneeräumer, etc. im öffentlichen oder halböffentlichen Dienst als notwendige Dienstleister könnten die privaten sofort einpacken. Sehr schön zu sehen, wenn Sie nur versuchen, als einer unserer privaten Firmen in Neapel oder Lissabon oder Bukarest eine hochproduktive Hightechtochter zu installieren. Schafft kaum einer. Gar nicht zu reden von Dakar oder Kairo. Warum? Weil die Rahmenbedingungen nicht passen, die nicht vom Himmel fallen, sondern von Leuten erbracht werden müssen, die netto auch Steuern zahlen, aber nicht im privaten Sektor beschäftigt sind. So dass Sie in Deutschland auch ohne Bakschisch eine Gewerbeanmeldung erhalten und der Polizist vor dem Werkstor nicht die Hand aufhält.

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    • Alexander says:

      Meine 95 jährige Bilanzbuchhalterin berichtet von der Arbeitsverwaltung, dass Arbeitslose (bei ordentlicher, fristgerechter Kündigung durch den Arbeitgeber) gezwungen werden – gegen ihre alten Arbeitgeber zu klagen.
      Vor Gericht findet ein Kuhhandel um Abfindungen statt, so dass die Arbeitsverwaltung Mittel für wen auch immer spart…tolle Zwangsversicherung.

      Die Nettozahler bestehen nicht nur aus Hightech Ingenieuren, sondern aus der gesellschaftlichen Infrastruktur, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit für Regelverstöße abgestraft werden…ich kennen keinen persönlich haftenden Unternehmer mehr, der es einerseits geschafft hat und andererseits noch bereit wäre unter den aktuellen Umständen irgendein Risiko ein zu gehen. Altersbedingt scheiden die Leute eher zu früh aus und die Kinder haben vernünftigerweise kein Interesse. Arbeitnehmer suchen über Aufstiegsfortbildung das weite, wenn es das Alter noch zulässt..

      Sie kennen Ayn Rand´s „attlas shrugged“ ? Der Streik hat begonnen…und je mehr Repression die Behörden machen, desto schlimmer wird es.

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      • Wolfgang Selig says:

        Ich behaupte nicht, dass der öffentliche Dienst bei uns ideal ist, bei weitem nicht. Die Begriffe BAMF, (nicht vorhandene) Pensionsrückstellungen für Beamte und Autobahnbrücken sind nur Schlagworte der Probleme. Aber hier stimme ich Thomas zu: libertär alleine wird es nicht richten, auch wenn die Warnungen von Ayn Rand ernst zu nehmen sind. Wir brauchen m.E. eine funktionierende Privatwirtschaft ohne Überregulierung, wir brauchen aber auch einen funktionierenden öffentlichen Dienst. Beide laufen nicht rund derzeit.

    • Thomas says:

      D’accord. Der balancierte Mix macht es. Deswegen kann ich mich auch nicht mit der libertären Doktrin anfreunden und bin ganz froh über eine nicht zu niedrige Staatsquote. Der Mensch ist m.E. dann im Mittel doch nicht edel und informiert genug, als dass er alles individuell fair verhandeln könnte und sich ordentlich und vielleicht sogar nachhaltig aufführt.

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      • Alexander says:

        @’Wolfgang Selig
        Seien Sie sich darüber im Klaren, dass jede Rezession seit 1945 immer nur den privaten Teil der Wirtschaft traf. Wer seine Verluste privat tragen muss, spürt jede steuerliche- , abgabentechnische Veränderung deutlich. Spätestens seit Globalisierung mit Abwanderung von Wertschöpfung schrumpft der private Sektor.

        BBW wandelte sich vom Mittelstandsland zu 30% Grünwählern…d.h. staatlich abhängig. Das ist kein Zufall!

        Unrunder Lauf ist mir zu versöhnlich formuliert. Versöhnlich suggeriert heilbar, aber die Demographie spricht dagegen. Selbst für das Bauhandwerk bin ich pessimistisch, denn man hängt sehr an der Wohlstandsillusion und entflieht in schwarze Kreisläufe, denn die Kosten des Staates sich zu hoch…

        Ganz am Ende holt diese Entwicklung alle ein, auch den öffentlichen Dienst.. wir sitzen alle in einem Boot.

      • Dietmar Tischer says:

        > Der balancierte Mix macht es.>

        Zustimmung.

        Und solange eine Gesellschaft nicht zerbricht, kann man wohl sagen, dass er HINREICHEND balan-ciert ist, auch wenn viele einen anderen Mix anstreben,

        Aber:

        Da es nicht jeder Mix macht, ist eine wichtige Frage, ob er balanciert ist mit Blick auf eine STABILE Gesellschaft in der Zukunft.

        Eine große Zahl von Akademikern – also der wohl mit am besten ausgebildeten Menschen – will in den Staatsdienst.

        Hier:

        http://www.spiegel.de/karriere/jeder-dritte-student-will-beamter-werden-a-1109900.html

        Die Gründe sind nachvollziehbar und daher ist erst einmal nichts dagegen zu sagen.

        Ich glaube aber, dass damit ein großes zukünftiges Problem sichtbar wird:

        Mit dieser EINSTELLUNG zur Arbeitswelt werden die Ansprüche, die wir vermutlich auch zukünftig noch haben werden, nicht zu erfüllen sein.

        Entweder wir ändern unsere Ansprüche oder wir ändern unsere Einstellung zur Arbeitswelt (oder beides, jeweils hinreichend), wenn wir nicht in erhebliche Schwierigkeiten kommen wollen.

        Ich glaube, dass die Staatsquote sich nicht weiter erhöhen sollte – trotzt der Probleme, die sich damit ergeben –, weil SPÄTER die Probleme noch größer sein werden.

  5. Alexander says:

    @Dietmar Tischer

    –>Eine große Zahl von Akademikern – also der wohl mit am besten ausgebildeten Menschen – will in den Staatsdienst.

    Ei, was weis der Markt denn über die Einkommensaussichten aus technisch, handwerklich, industrieller Akademikertätigkeit, dass die Besoldungsgruppen von Studienräten, Finanzbeamten oder Verwaltungsfachangestellten attraktiver sind – wie die Leitung eines 30 Mann Betriebes?
    Könnte es sein, dass das Risiko von 30 Arbeitsplätzen x 100.000€ Investkosten nicht mehr lohnen? Dass der Ärger alle Zahlungen in die Sozialsystem regelkonform in keinem Zusammenhang mit Arbeitsrendite mehr stehen? Dass die 7 Tage Woche weniger lockt als Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Pensionsanspruch, private Krankenversicherung und Kuren ab 45Jahren – das ist Rendite ohne RISIKO.

    Noch laufen die 99.6% der Unternehmen aus dem KMU Sektor (https://de.wikipedia.org/wiki/Kleine_und_mittlere_Unternehmen ), aber das wird sich ändern. Die Gebäude lassen sich rentabler verpachten als betreiben, die Fachkräfte kannibalisiert gerade die Massenakademisierung und den Rest besorgen z.B. kluge Sanktionen, deren Preis der Wirtschaftsminister gern in Kauf nimmt….oder

    Wenn 9% der börsennotierten Unternehmen Europas als Zombies gelten, wie viele sind es im Bereich der KMU – die 99.6% der Betriebe = Inlandsnachfrage nach Investitionsgütern, ausmachen?

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Sie werfen Fragen auf, über die man durchaus diskutieren kann und auch sollte.

      Hier geschah es vor kurzem an diesem Thread, ohne dass speziell das thematisiert wurde, was Sie hier anschneiden:

      https://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/are-central-banks-nationalising-the-economy/ – comment-25853

      Wenn der Staat mittels der Zentralbank TATSÄCHLICH die Wirtschaft nationalisiert, sind wir auf dem Weg in eine andere Welt mit – wie ich annehme – Zuständen, auf die Ihre Fragen verweisen.

      Mir geht es hier um etwas anderes.

      Der Markt weiß natürlich gar nichts.

      Aber das, was er vermittelt, und die Erfahrungen in der immer noch weitgehend auf Markt basierenden Privatwirtschaft erzeugen offenbar eine Mentalität, die ich für besorgniserregend ansehe.

      Das mag mehr oder weniger auch etwas mit dem Sozialsystem (Abgaben etc.), der Lohnentwicklung sowie dem Verhältnis von Belastung/Verantwortung und Vergütung für die Leitung eines mittleren Betriebs etc., etc. zu tun haben.

      Andererseits liegen die Dinge nicht komplett anders im Staatsdienst.

      Es hat m. A. n. einerseits etwas mit den Lebenspräferenzen der Menschen, hier speziell überdurchschnittlich gut ausgebildeter Menschen und andererseits etwas mit den Systembedingungen für Erwerbsarbeit inkl. Staatsdienst zu tun.

      Das ist natürlich nicht die Wahnsinnserkenntnis, aber eine, die darauf verweist, dass hier ein relativ komplexes Problem vorliegt, wenn man diese dokumentierte Einstellung als gravierenden Sachverhalt ansieht, dem hohe Beachtung zukommen muss und der auch korrigiert werden sollte.

      Wie ändern sie die Einstellung (in dieser Größenordnung), wenn Sie glauben, dass sie geändert werden müsste?

      Antworten
      • Alexander says:

        Ich definiere den Markt als seine Teilnehmer, und wir alle wissen sehr wohl, wo etwas zu verdienen ist oder nicht. Spätestens die Kinder der Unternehmen treffen die Entscheidungen, für die es der Elterngeneration an Mut mangelte. Das ist in vollem Gange.

        Die Einstellung wird sich selbstständig um Größenordnungen ändern, wenn es an geeigneten Diensten mangelt und der Staat den Überschuss an Interessenten nicht aufnehmen kann. Der Schmerz der Anpassung wird umso größer sein, je länger der bisherige Strukturwandel politisch motiviert fortgesetzt wird.

        Der Strukturwandel scheint mit Industrie 4.0 zu tun zu haben, liegt aber tiefer in der globalisierten Welt (Konkurrenz der Sozialsysteme) und in der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken.

        Wir haben leider schon viel Erfahrung und Fachwissen verloren, die wir besser mit den neuen Technologien kombiniert hätten. Wie in den USA wird es später immer schwieriger deinstallierte Strukturen wieder zu beleben.

        Ich lehne die Inflationspolitik ab, denn sie verhindert den Zwang auf die Politik nationale Sozialkosten dem selben globalen Wettbewerbsdruck zu stellen, wie die Produkte die wir global exportieren wollen.

        So wie die Dinge jetzt stehen, erdrosselt uns der Sozialstaat anstelle ein Vorteil zu sein. Die Erklärung Hochlohnarbeiten seien eben zu teuer – ist falsch, wenn man im öffentlichen Dienst sogar mehr verdient um auskömmlich leben zu können.

        Das müsste die Politik alarmieren, aber das hätte die Eurokrise, Massenmigration und Energiewendemurx auch schon tun müssen….

        Meine Absicht mit solchen Beispielen ist, dafür zu sensibilisieren…
        Danke.

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