Zinssenkung der FED: immer weiter in das Tal der Tränen

Die Fed hat also geliefert, was alle erwartet und gefordert haben: eine erneute Zinssenkung, völlig unüblich zu diesem Zeitpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung (geringe Arbeitslosigkeit, solides Wachstum, boomende Börsen), aber natürlich konsequent vor dem Hintergrund der immer höheren Verschuldung in der Welt, der Stärke des Dollars, der zunehmenden globalen Spannungen und der Tatsache, dass die Vermögenspreise um (fast) jeden Preis oben gehalten werden müssen, um einen deflationären Kollaps zu verhindert. Stellt sich die Frage, ob die Notenbanken diesen verhindern (ich bezweifle das) und ob sie in ihrem Kampf ihre Unabhängigkeit bewahren können (bezweifle ich ebenfalls). Zur Zinssenkung der Fed wurde ich heute bei SWR Aktuell interviewt.

Wie wichtig der Dollar und die US-Zinsen sind, ersieht man auch aus dieser Zahl: Immerhin 11,8 Billionen US-Dollar Schulden haben Schuldner außerhalb der USA. Diese kommen wegen der Stärke des US-Dollars zunehmend in Bedrängnis, weil in der eigenen Währung (in der sie ihre Einkünfte erwirtschaften) gerechnet, die Last immer größer wird. Hier könnte eine Schwächung des US-Dollars die dringend benötigte Entlastung bringen. Allerdings langt dazu der Schritt von gestern bei Weitem nicht.

Viel wird heute über die Entscheidung geschrieben. Die FINANCIAL TIMES (FT) fasst wie so oft die entscheidenden Schlussfolgerungen hervorragend zusammen:

  • Erschreckend ist der „(…) strikingly low level of rates from which the Fed will start: a range of just 2.25 to 2.5 per cent. After more than a decade of economic expansion, and despite everything from tariffs to tax cuts, it seems this is as high as US interest rates go.“ – bto: Während die EZB plant, die negative Zinsen noch negativer zu machen und bleibt Japan auf dem Gaspedal. Deutlicher kann man nicht zeigen, dass wir uns in eine Ecke manövriert haben mit einer Politik, die auf immer billigeres Geld und immer mehr Schulden setzt.
  • „(…) Fed officials believe rates will settle at 2.5 per cent in the long run. Subtract their 2 per cent inflation target and the real reward for capital is going to be a miserable 0.5 per cent. The equivalent rate in Europe and Japan will almost certainly be much lower.“ – bto: Wir bleiben damit auf Dauer in einem Umfeld negativer Realzinsen. Das kann aber nur die bestehenden Schulden stabilisieren und Zombies am Leben erhalten, was – wie auf bto immer wieder erläutert – die Wachstumsrate der Wirtschaft reduziert und den deflationären Druck erhöht. Das billige Geld verschlimmert das Problem, das es eigentlich lösen sollte. Oder wie die FT es formuliert: „the developed world remains deep in denial about the consequences.“ Und „denial“ ist keine erfolgversprechende Strategie.

Das führt die FT zu acht Schlussfolgerungen:

  • „First, there is an intimate link between long-run interest rates and long-run economic growth. (…) such low levels sends an alarming signal about the prospects for future expansion.“ – bto: Wir alle sind auf dem Weg in das japanische Szenario der Eiszeit wie von Albert Edwards prognostiziert und ich in meinem Buch Eiszeit in der Weltwirtschaft zusammenfasste.
  • „Second, monetary policy is broken. In 2008-09, the Fed cut rates by 5 percentage points and it was not enough. Today it has far less room to respond to a recession. The Bank of Japan (and the) ECB (are) dismally unprepared for a downturn (…) with their policy rate already below zero.“ – bto: Sie haben uns über Jahrzehnte in das Tal geführt und sind mit ihren Instrumenten am Ende.
  • „Third (…) fiscal policy must step in. That means either governments must approve higher spending and tax cuts in response to a recession or else give the central bank a fiscal tool in the form of ‘helicopter money’, essentially printing money to spend or distribute to the public.“ – bto: Das ist der logische nächste Schritt, bevor wir dann zur Monetarisierung übergehen.
  • „Fourth, lower interest rates make debt more sustainable. This is particularly true for public debt, (…) Predictions of financial crisis based on past levels of debt-to-gross domestic product are likely to be misleading.“ – bto: Ja, und das ist auch der berechtigte Kritikpunkt an meiner Position der letzten Jahre. Durch die Geldpolitik wird der Konkurs abgeschafft. Doch stimmt das auch innerhalb der Eurozone?
  • „Fifth (…) Investments that were once unprofitable now make sense: road upgrades to save a few minutes of time; expensive, niche drugs to help a few hundred people; or extra years of study to earn a graduate degree. Such projects may feel irrational. They are not.“ – bto: Das wiederum halte ich für eine gefährliche und falsche Argumentation. Dies befördert unwirtschaftliche Investitionen, die wiederum zu einer Fehlallokation von Mitteln führen und damit zu einem strukturell noch tieferem Wachstum.
  • „Sixth, any asset in fixed supply is now more valuable, because its future cash flows can be discounted at a lower rate. (…) This trend is related to recent movements in wealth inequality. It also puts investors at risk of identifying financial bubbles that do not actually exist.“ – bto: weil der bezahlte Preis den verringerten Abzinsungsfaktoren entspricht – allerdings dann auch eine geringere künftige Rendite erbringt.
  • „Seventh, demand for housing will rise. It is, after all, the main capital asset that most people use. (…) Where it is possible to build, permanently lower interest rates will trigger an increase in the housing stock. If it is not possible to build, then houses will behave like assets in fixed supply, and soar in price.“ – bto: Und wo die Politik neue Bauten verhindert, wie in Berlin, gilt Letzteres auch!
  • „Eighth, low interest rates make it harder to save. In particular, they make it harder to save for a pension, and harder to live off whatever capital accumulates. (…) The result will force workers to accept some combination of later retirement, higher taxes, bigger pension contributions or lower incomes in old age.“
  • „The trend towards lower real interest rates has lasted for decades and is as likely to continue as to reverse. With central banks moving to ease, it is time to stop waiting for rates to recover and face the world as we find it.“ – bto: Es wird nicht einfach zu einer Umkehr der Zinsen kommen. Davor brauchen wir eine reale Entwertung der Schulden – so tragbar sie auch seien mögen –, denn nur dann können wir zu normalen Entwicklungen zurückkehren. Schmerzhaft allemal.

 → ft.com (Anmeldung erforderlich): „Profoundly low interest rates are here to stay“, 30. Juli 2019

10 Kommentare
  1. Avatar
    Bauer sagte:

    Die Reaktion aus China kam prompt. Heute Nacht um 2 Uhr MEST schläft die Welt ausser China. Der Dollar wurde zu dieser stillen Stunde auf ein neues Hoch gedrückt, dafèr Gold im selben Maß billiger. Durch das Zusammenspiel der cross rates änderte das nur minimal die Position von SDR, EUR usw. Die erhoffte Wirkung der Zinssenkung durch die Fed ist damit bereits verpufft, wenn nicht ins Gegenteil verkehrt.

    Bitte meinen Kommentar zu bto“Zur Abhängigkeit des Welthandels“ von gestern nochmal lesen. Das ist kein Zufall, sondern Bestätigung.

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    ruby sagte:

    Zentralbanken können die ganzen sinnlosen, erfolglosen Kredite/Schulden einsammeln bunkern somit aus den Wirtschaftsverkehr, -kreislauf ziehen. Aber sie können nicht die realen Wirtschaftstätigkeiten, die Grundlage des geordneten Zusammenlebens der Menschen der Staaten sind.
    Fiskus, Unternehmen, Private sowie entsprechende des Auslands müssen auch Sinnvolles, Notwendiges, Erfolgreiches erforschen, entwickeln, herstellen, vertreiben, verkaufen, verwerten.
    Sie müssen die Gestaltung der Realwirtschaft können. Das Geld ist kein Selbstzweck, das bleibt die Tätigkeit und das Können in den Gesellschaften.

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ ruby

      Richtig.

      Geld schafft nichts SINNVOLLES – es ist hauptsächlich MITTEL für Bewertungen oder grob gesagt:

      Es ist Mittel um die RELATION zwischen Aufwand (Ressourcenverbrauch) und Nutzen zu bestimmen.

      Wenn im Aggregat aus welchen Gründen auch immer wenig Nutzen GEWOLLT wird, dann ist eben auch der Aufwand gering – und entsprechend das Wachstum der Wirtschaft.

      Die Fiskalpolitik ist davon nicht ausgenommen.

      DAHER kann sie nicht auf Teufel komm raus tätig werden, um IRGENDETWAS zu schaffen, das als NUTZEN akzeptiert werden MUSS, weil es geschaffen wurde.

      Damit sage ich nicht, dass die Fiskalpolitik in Deutschland nichts Nützliches schaffen kann. Selbstverständlich kann sie das – es muss allerdings GEWOLLT werden.

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      Richard Ott sagte:

      @ruby

      „Aber sie können nicht die realen Wirtschaftstätigkeiten, die Grundlage des geordneten Zusammenlebens der Menschen der Staaten sind“

      Genau, wir haben es hier mal wieder mit dem üblichen Denkfehler der staatshörigen Ökonomen zu tun. Die glauben grundsätzlich, jede staatliche Ausgabe sei sinnvoll (denn Y=C+I+G+NX), egal wie sinnlos das Umverteilungs- oder Investitonsprojekt tatsächlich ist. Auch Fehlinvestitionen wie die im Text genannte superteure Brücke die nur ein paar Minuten Fahrzeitersparnis bringt, kommen in so einem Weltbild nicht vor.

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  3. Avatar
    Dietmar Tischer sagte:

    >„First, there is an intimate link between long-run interest rates and long-run economic growth. (…) such low levels sends an alarming signal about the prospects for future expansion.“>

    Und das nicht erst seit gestern, daher ein nachhaltiges Alarmsignal.

    Entweder man zieht die Konsequenzen aus dem als unvermeidbar angesehenen geringen Wachstum

    oder man fragt sich:

    Wie kann man es realistischerweise wieder beschleunigen?

    Meine Antwort:

    REALISTISCHERWEISE kann man es nicht beschleunigen, weil die VERLUSTE für zu viele zu HOCH wären.

    Die Politik ist diesbezüglich ohnmächtig.

    Also muss man die Konsequenzen aus zu geringem Wachstum ziehen.

    Heißt:

    Das System bei geringem Wachstum STABIL halten.

    >„Fourth, lower interest rates make debt more sustainable.>

    Deshalb müssen die Zinsen unten bleiben.

    Aber:

    Wenn die Zinsen unten bleiben, können auch die Schulden wachsen.

    Was tun mit der möglichen „Zusatzverschuldung“ ?

    >Investments that were once unprofitable now make sense: road upgrades to save a few minutes of time; expensive, niche drugs to help a few hundred people; or extra years of study to earn a graduate degree. Such projects may feel irrational. They are not.“>

    Stimme zu:

    Sie sind NICHT irrational im Sinne einer Systemstabilisierung.

    >Das wiederum halte ich für eine gefährliche und falsche Argumentation. Dies befördert unwirtschaftliche Investitionen,>

    Achtung, Dr. Stelter:

    Sie wechseln die Prämisse der Argumentation.

    Wenn es kein Wachstum gibt und es NUR um Systemstabilisierung geht, sind obige Maßnahmen HILFREICH.

    Hilfreich, aber auch nicht mehr.

    Nicht nur hilfreich, sondern das System durch Fiskalpolitik wieder auf Wachstumskurs zu bringen:

    Das ist der Irrtum von Summers, Blanchard & Co. sowie Nachbetern wie M. Stöcker.

    >„Eighth, low interest rates make it harder to save. In particular, they make it harder to save for a pension, and harder to live off whatever capital accumulates. (…)>

    Tiefe Zinsen machen es nicht schwieriger zu sparen, lediglich die nominalen Erträge des Sparens sind geringer.

    Deshalb werden vermutlich mehr Menschen, die es können, MEHR sparen.

    Das ist ein weiterer Grund dafür, das System zu stabilisieren.

    >give the central bank a fiscal tool in the form of ‘helicopter money’, essentially printing money to spend or distribute to the public.“ – bto: Das ist der logische nächste Schritt, bevor wir dann zur Monetarisierung übergehen.>

    Es kann gar nicht anders sein.

    Denn NUR die Monetarisierung durch die Notenbanken kann REALISTISCHERWEISE die Verschuldungsspirale „neutralisieren“ bzw. bei extensiver Ausweitung aus der Verschuldungsspirale führen.

    Mit den bekannten und zu erwartenden Risiken und Nebenwirkungen …

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