Zentralbanken schaden, statt zu helfen

Auf geht es in die nächste Runde noch tieferer Zinsen und noch extremerer geldpolitischer Maßnahmen. Ungestört setzen die Zentralbanken alles daran, eine immer mehr aus dem Ruder gelaufene Schulden-Wirtschaft eine Runde weiter zu bekommen, und bereiten damals wohl dem deflationären Kollaps historischen Ausmaßes den Boden. Wie fatal.

Dabei kann man nicht sagen, dass es an Mahnern mangelt. Markus Krall in Deutschland war der Erste, der es prominent und sogar in Buchform zum Thema gemacht hat. Immer mehr sind es aber auch etablierte Stimmen, von der US-Fed, wie vor ein paar Tagen zitiert, bis hin zu den Vertretern großer Banken und aus der akademischen Welt. Huw van Steenis war wie ich bei Boston Consulting, dann bei Morgan Stanley und ist jetzt Professor. In der FINANCIAL TIMES bringt er es so auf den Punkt:

  • „With almost $17tn of negative-yielding debt already out there, I fear we have already hit (…) the point at which accommodative monetary policy ‘reverses’ its intended effect and becomes contractionary for the economy. Conventional macroeconomic models typically take banks and other intermediaries for granted. As a result, the overall benefits of cutting rates below zero may have been exaggerated.“ – bto: Zinsen sind ein wichtiger Indikator für das zu erwartende Wirtschaftswachstum und verstärken sich quasi wechselseitig. Alles schreit nach Japan, Eiszeit und damit nach dem deflationären Bust.
  • „Negative rates erode banks’ margins and distort their incentives. They encourage lenders to seek out opportunities overseas rather than in their home markets. They also risk disrupting bank funding. All these effects run counter to the central banks’ desire to ease credit conditions and support financial stability. (…) Japanese banks, and more recently their European counterparts, have illustrated some of the problems caused by cutting rates.“ – bto: Sie finanzieren weltweit mehr oder weniger sinnvolle Projekte und die Aktienkursentwicklung der Banken in beiden Regionen spricht für sich.
  • „Quantitative easing programmes have helped the global economy and enabled banks to repair their balance sheets. Low rates have improved the affordability of their loans, reduced bad debts and lifted the value of assets.“ – bto: All dies ist übrigens keine Problemlösung, sondern ein Verschleppen, das das Problem vergrößert. Zombies und eigentlich faule Schuldner und Kreditgeber sind die Folge.
  • Lower profitability also reduces the ability of banks to upgrade their technology and enhance cyber defences, storing up future risks to financial stability. Suppressing bad debts in the eurozone via QE has been useful for the banks, but this has largely come from indirect benefits, such as by reducing the difference in yield between German and, for example, Italian bonds.“ – bto: Da steht richtigerweise “suppressing” nicht “restructure”. Das Problem wird unterdrückt. Kann man sich vorstellen wie einen Ball, den man unter Wasser drückt, der aber immer mehr aufgepumpt wird.
  • Dann geht es um den eigentlichen Wirkungsmechanismus der Geldpolitik, die Abwertung der eigenen Währung: „The spillover effects via the currency need to be weighed carefully. Should the ECB follow the Danish model, it may inadvertently exacerbate investors’ trade war concerns.“ – bto: So ist es. Und damit nähern wir uns auch dem Ende dieser Politik.
  • „One of the most striking consequences has been to encourage investors out of Japanese and more recently European markets and into US credit and equities instead. The thirst for yield has led to a self-reinforcing bid for longer-dated bonds. As most savers target a particular level of retirement income, the lower rates go the more they will need to save to hit their targets, reducing their ability to spend today.“ – bto: was natürlich nur dann stimmt, wenn die Sparer verstehen, was passiert. In Deutschland muss man da schon verzweifelt feststellen, dass die Sparer so wenig von Geld verstehen, dass sie ihr Verhalten nicht anpassen …
  • „Investors are no longer sure how low rates might go in a range of countries. As long as this uncertainty remains, it is hard for banks to know whether the loans they are making are economically sensible or for investors to price the securities of financial institutions with confidence. The assumption of a world without financial friction has been a fundamental weakness in much macroeconomic analysis. Where the reversal rate may be, and how long companies can endure these conditions, should be central to the policy debate.Otherwise, central bankers could end up doing more harm than good.“ – bto: Tja, offensichtlich haben sie diesen Punkt schon lange überschritten und der Schaden wird jeden Tag größer.

→ ft.com (Anmeldung erforderlich): „Why central bankers may be hurting rather than helping lenders“, 3. September 2019

Kommentare (10) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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    Bill sagte:

    „eine immer mehr aus dem Ruder gelaufene Schulden-Wirtschaft “
    Also doch lieber schwäbische Hausfrau oder gleich Goldstandard?

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    troodon sagte:

    Ja, auch bei den größten Banken in der Eurozone geht seit Jahren die Zinsmarge zurück. Aber nicht so dramatisch, wie man eventuell denken könnte. Von ~2,5% 2013 auf aktuell ~ 2,15%
    https://twitter.com/Schuldensuehner/status/1171672646188240896

    Andererseits wurden im Zeitraum 30.6.2015 bis 31.3.2019 NPL bei den von der EZB überwachten Banken von ~988 Mrd € um ~400 Mrd € auf ~587 reduziert. Zum weitaus größten Teil durch Verkauf an Investoren. Hieran dürften die Niedrigzinsen einen erheblichen Anteil haben.
    (Ist nicht als Forderung nach noch stärkeren Negativzinsen zu verstehen)

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    assets4all sagte:

    Ob der Schaden linear mit dem Nominalen des Negativzinses ist? Ich würde vermuten, dass der Schaden nicht-linear, exponentiell, ansteigt. Finanzielle Planungen sollten auf einmal „überraschend“ wenig in die Zukunft projektert werden können, backwardation könnte die Terminmärkte lahmlegen oder andere eklige merkwürdige Konsequenzen könnten sich einstellen.

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    Stefan Bohle sagte:

    Und was braucht es, um das Elend der negativen Zinsen für alle zufriedenstellend zu bekämpfen?
    Na klar: eine 50 Mrd. Euro Klimaanleihe zu 2% staatlich festgesetzten Zinsen. So von Alexander Dobrindt vorgeschlagen, von der Kanzlerin eifrig sekundiert. Wahn mit noch viel mehr Wahn bekämpfen, lautet offenkundig die Devise – und in jedem Fall den politisch unguten Verdacht wirtschaftlicher Kompetenz strikt vermeiden.

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      assets4all sagte:

      Diese Anleihe ist doch rein symbolischer Natur. Würde sie frei handelbar sein, dann stünde die Rendite doch sofort bei 0. Also wird sie nicht handelbar sein und vermutlich arg begrenzt, zB auf 5k/Nase (von wegen 50 Mia!!)

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        Stefan Bohle sagte:

        natürlich wird sie begrenzt und politisch administriert sein, sonst würde sich schnell jemand finden, der sie komplett zeichnet und zum Marktpreis weitergibt. Das Ansinnen ist aber m.E. schon in seiner Grundkonzeption Ausdruck wirtschaftspolitischen Irrsinns und 50 Mrd. sind dann doch mehr als ein symbolischer Betrag.

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      Susanne Finke-Röpke sagte:

      @Stefan Bohle:

      So ist das bei Sozialisten. Der Zins der Klimaanleihe wird politisch festgesetzt, denn jede Art von Markt ist diesen Leuten suspekt. Es gab bei Union und SPD mal Leute, die marktwirtschaftlich dachten, aber das war im letzten Jahrhundert.

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        Richard Ott sagte:

        @Frau Finke-Röpke

        Haben Sie den derzeitigen SPD-Fraktionsvorsitzenden Mützenich heute im Bundestag nicht gehört? „Das schädliche CO2 muss weg!“

        https://youtu.be/9olw9xZCAzM?t=667

        Wenn es in der SPD-Bundestagsfraktion noch einen Landwirt oder wenigstens einen Landschaftsgärtner geben würde, dann wäre dieser schreiende Blödsinn wahrscheinlich noch aufgefallen – aber das war halt auch im letzten Jahrhundert.

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        qed sagte:

        Really, Frau Finke-Röpke? Ich erinnere mich eines Karl Schiller, der als brillanter Keneysianer den Roten einen Freibrief zum ungehemmten Schuldenmachen gab und als sie nicht auf ihn hören wollten, in guten Zeiten gefälligst mal zu sparen, beleidigt den Bettel hinwarf. Der Herr strotzte nur so vor eitlen Narzißmen und daß solche in der harten Realität nichts taugen, bewies er postwendend durch seine Eheschließung mit der herben Domina Etta, einer Apparatschika reinsten Wasses. Immerhinque, er hat diesen Fehler rasch eingesehen und das Intermezzo war von kurzer Dauer. Wobei wir hier den gnädigen Mantel des Schweigens ausbreiten darüber, wer wohl wen abgeschossen hat. Dennoch bleibt ein Gschmäckle, denn sein magisches Heilsversprechen vom frivolen Schuldenmachen hat in rötlichen Einheitspartei-Hemisphären die Zeitläufe überdauert.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ qed

        Was soll das?

        Klar, K. Schiller war Keynesianer durch und durch.

        Das MUSSTE man damals nahezu zwangsläufig sein, als es nicht mehr so rund lief wie in den wachstumsstarken Wirtschaftswunder-Jahren.

        K. Schiller hat zwar den Bettel hingeworfen, aber nicht ohne seinen Genossen, die damals 10% Lohnerhöhung für Staatsbedienstete durchsetzen wollten, zu sagen:

        „Ihr habt wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank“.

        Wo ist der SPD-Politiker, der so z. B. zur Deckelung der Mieten in Berlin Stellung nimmt?

        Schiller in seinem Rücktrittsschreiben:

        „Die Regierung hat die Pflicht, über den Tellerrand des Wahltermins hinauszublicken und dem Volk rechtzeitig zu sagen, was zu leisten und was zu fordern ist.“

        Wann hat man zuletzt solche Worte gehört?

        Heute wurde hingegen einmal mehr eine Beruhigungspille verabreicht, von Merkel persönlich: „Das Geld ist gut eingesetzt“

        Und Alex Möller, SPD-Finanzminister trat zurück, da er aufgrund wachsender Ausgaben die Staatsfinanzen in Gefahr sah.

        Das bei einer Schuldenstandsquote von ca. 20%!

        Es geht hier nicht um die Zahlen, sondern um die EINSTELLUNG von Politikern.

        Damals gab es natürlich auch Schönrednerei, aber mitunter auch ein Verantwortungsbewusstsein und eine Integrität, die man heute vergebens sucht.

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