Wo bleibt die Inflation? (II)

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Fehlende Produktivitätszuwächse als Ursache für geringe Lohninflation war heute Morgen mein Thema. Aus einem Kommentar in der FT nun ergänzende Einflussfaktoren, die hinter der geringen Inflation stehen könnten:

  • „(…) in countries such as Japan and Germany, the Phillips curve the long-observed tendency for inflation to rise as labour markets tighten appears to have gone (…).  Even in faster-growing emerging markets inflation has fallen to its lowest level since records began in 1997. In reality, it is almost certainly at its lowest level for decades, if not centuries.“ bto: Deshalb haben wir so tiefe Zinsen. Geringeres nominales Wachstum geht auch mit entsprechend tieferen Zinsen einher.
  • „A whole host of reasons have been advanced for both the dearth of inflation and the seeming death of the Phillips curve such as the effect of technology and globalisation on the bargaining power of workers, a decline in unionisation and low productivity growth.“ bto: und das billige Geld der Notenbanken, das Zombies am Leben erhält und wenig Anreiz gibt, mehr zu investieren. Siehe heute Morgen.
  • „The role of increasingly oligopolistic markets, with a small number of powerful companies having an ever larger market share, in holding down inflation is one that is puzzlingly overlooked. (…) the proportion of value added by companies that goes to labour has fallen markedly since the 1970s and 1980s (…) Across every sector, bar finance, the study found that the labour share (as measured by the payroll to sales ratio) had fallen, in some cases sharply, since the turn of the century.“ bto: Das ist dennoch komisch. Eine höhere Konzentration bedeutet doch mehr Preissetzungsmacht der Firmen und damit tendenziell höhere und nicht tiefere Inflation. Dass größere Firmen mehr „economies of scale“ realisieren und damit entsprechend weniger Arbeitsplätze haben, leuchtet ein, ist es doch die Hauptmotivation für Übernahmen. Doch deshalb weniger Preissteigerungen? Meine Erfahrung ist, dass es sehr wohl die Absicht gibt, Preise hochzuhalten und in „funktionierenden“ Oligopolen ist das auch der Fall.
  • „It also found that industry concentration in each of these sectors, defined as the market share of the largest companies, has risen inextricably since the 1990s, a trend the authors attribute to the fact that industries are increasingly characterised by a winner takes most quality and strong network effects enjoyed by the likes of Google, Facebook and Amazon.“ bto: Das sind verschiedene Dinge: zum einen die Konzentration in bestehenden Sektoren Beispiel Industriegase, wo jetzt sogar Linde und Praxair fusionieren dürfen!!!; zum anderen neue Industrien mit Netzwerkeffekten. Auch hier ist die Frage, wieso dies gegen Inflation wirkt. Ja, Lohnkosten spielen keine große Rolle mehr. Doch seit wann spielen Kosten bei den Preisen die alleinige Rolle?
  • „(…) the paper found (…)  a negative relationship between labour share and firm size and that those industries where concentration rises the most have the sharpest falls in the labour share, due to the greater productivity of these winning companies. As the importance of superstar firms increases, the aggregate labour share will tend to fall, they conclude.“ bto: Das ist ja ein No-brainer, weil große Firmen per Definition kapitalintensiver sind.
  • „(…) another factor to the mix. (…) a rise in self-employment, flexible and part-time work and zero-hours contracts, all of which has made work more divisible than in the past. As a result, people are more likely to be paid by the task or hour.“ bto: Das ist sicherlich richtig, betrifft aber immer noch einen kleineren Teil des Marktes.
  • „If so, it might be sensible to conclude that, even if the Phillips curve does flutter back to life, it will be a pale shell of its once mighty glory. If so, lower for longer, in terms of inflation, policy rates and bond yields, would seem to be the order of the day.“ bto: außer die Erwartungen ändern sich. Spannend wird es, wenn die Erwerbsbevölkerung schrumpft.

→ FT (Anmeldung erforderlich): „Weak global inflation is a mystery investors must unlock“, 24. Juli 2017

Und hier der Link zur Studie:

→  „The Fall of the Labor Share and the Rise of Superstar Firms“, 1. Mai 2017

8 Kommentare
    • Dietmar Tischer says:

      >Wo ist eigentlich die Inflation?>

      Dumme Frage, wenn Braunberger Studien vorstellt, in denen folgende Auffassungen vertreten werden:

      „The inflation trend is primarily determined by the history of inflation itself.“

      und

      „… it is appropriate to emphasize that our discussions are in the spirit of trying to build on the triumph of modern central banking in delivering inflation that has been both low and stable for the better part of three decades.“

      So geht Ökonomie:

      Die Inflation BESTIMMT den Trend der Inflation … und fast drei Jahrzehnte Erfolg der Zentralbanken Inflation zu LIEFERN …

      Noch irgendwelche Fragen?

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  1. Michael Stöcker says:

    Deutliche Worte von Larry Summers:

    „Perhaps the most profound challenges ahead will be political. There must be more risk now of presidential interference with the Fed than at any time since Richard Nixon. In dealing with international matters, the Fed is partnered with an understaffed and amateurish Treasury and a president who is dissipating US credibility. Most fundamentally, the temper of the times has turned against technical expertise in favour of populist passion and the Fed is the quintessential enduring apolitical institution.” http://larrysummers.com/2017/08/14/why-the-federal-reserves-job-will-get-harder/.

    LG Michael Stöcker

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      >„Perhaps the most profound challenges ahead will be political.”>

      Das sehe ich genauso und meine damit nicht nur die USA.
      L. Summers hat völlig recht damit, dass die Fed eine sehr große Verantwortung hat und vermutlich vor der sehr schwierige Aufgabe steht, die USA nicht in eine Rezession fallen zu lassen.

      Allerdings ist auch wahr, dass die Inflation im Zaum gehalten werden muss – ebenfalls aus politischen Gründen.
      Denn wenn die Inflationsrate zu sehr zunimmt, dann trifft das die Abgehängten in USA ganz besonders. Denn in den gering bezahlten Dienstleistungsberufen haben sie nicht die Macht, Lohnerhöhungen durchzusetzen.

      Wenn in USA die Dinge konjunkturell nachhaltig aus dem Ruder laufen, muss man dort vermehrt mit Gewalttätigkeiten und einer noch tiefer gespaltenen bzw. zerfallenden Gesellschaft rechnen.

      Nur zur Vergegenwärtigung:

      Die schlimmen Vorfälle, die dort z. Z. geschehen, ereignen sich bei nahezu VOLLBESCHÄFTIGUNG.

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  2. Dietmar Tischer says:

    Die hier vorgebrachten REALWIRTSCHAFTLICHEN Überlegungen sind deutlich relevanter als die im Beitrag von heute Morgen, der die Inflation an der Geldpolitik festgemacht hat.

    Allerdings ist auch diese Darlegung eher eine Aufzählung von Einzelfaktoren als eine umfassende, die unterschiedlichen Faktoren stimmig gewichtende Ursachenbenennung.

    Sie ist nicht einfach.

    Aber ich glaube, dass immer noch gilt:

    Die Verbraucherpreise steigen, wenn die Nachfrage tendenziell größer ist als das Angebot.

    Es gibt gewichtige realwirtschaftliche Gründe, warum die Nachfrage nicht hinreichend wächst und das Angebot nicht wirklich schwächer wird – hier immer wieder dargelegt und fast schon Allgemeinwissen unter Ökonomen.

    Es sollte daher niemand wundern, dass weit und breit keine nennenswerte Inflation in Sicht ist.

    >Spannend wird es, wenn die Erwerbsbevölkerung schrumpft.>

    Das sehe ich auch so.

    Normalerweise wäre es nicht spannend.

    Da aber mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung zugleich auch die Digitalisierung/Automatisierung mit voraussichtlich erheblichen Job-Verlusten zunimmt, wird es in der Tat spannend.

    Antworten
  3. Dietmar Tischer says:

    @ mg

    >Von „Vollbeschäftigung“ kann gar nicht die Rede sein .,,>

    Von Vollbeschäftigung ist auch nicht die Rede, sondern von nahezu Vollbeschäftigung.

    >Wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass die Arbeitslosenzahlen Unsinn sind, …>

    Auch wenn die regulatorische Definition von Arbeitslosigkeit nicht der Realität entspricht, sind die amtlichen Arbeitslosenzahlen nicht Unsinn.

    Im Zeitvergleich nicht umfassend falscher, aber annähernde gleich falscher Arbeitslosenzahlen lassen sich sehr wohl Erkenntnisse gewinnen.

    So lässt sich z. B. ersehen wie sich die Arbeitslosenquote zu früher verändert hat und wie sie im historischen Vergleich einzuschätzen ist.

    Und da gilt eben für die USA – RELATIV gesehen – „nahezu Vollbeschäftigung“.

    Einfach mal zur Kenntnis nehmen:

    Man kann mit berechtigter Kritik an bestimmten Aussagen sehr wohl deren angeblichen Wahrheitsgehalt infrage stellen oder sogar widerlegen.

    Daraus ist aber nicht zu schließen, dass damit zwangsläufig auch die RELEVANZ derartiger Aussa-gen infrage steht oder widerlegt ist.

    Gleiches gilt für die Inflationsrate.

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