So sieht ein Minsky-Moment aus

Auch Journalisten lesen zerohedge.com und schreiben dort ab, allerdings nicht immer mit Nennung der Quelle. So wohl auch der Mitarbeiter der dpa, der über den Einbruch am kanadischen Immobilienmarkt berichtet, wiedergegeben bei manager magazin online. Überraschen kann es Leser von mm online und bto übrigens nicht, hatte ich das Thema doch schon im Mai:

→ Alle Immobilienblasen platzen – irgendwann

Zunächst also die Beschreibung von dpa, dann die Charts von zerohedge.com, die schön zeigen, wie der Minsky-Moment aussieht.

  • In der boomenden Großstadt Toronto platzt die Immobilienblase gerade. Im Juli fielen die Verkäufe von Wohnobjekten in der Metropolregion verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um enorme 40 Prozent, wie Daten des lokalen Branchenverbands TREB zeigen. Ein Durchschnittshaus verbilligte sich seit April von fast 920.000 auf weniger als 750.000 Kanadische Dollar.“ bto: Und das kann man durchaus als einen Einbruch bezeichnen.
  • In Toronto ist die Lage besonders angespannt, doch auch landesweit sieht es kritisch aus. Im Juni sanken die Häuserverkäufe nach Daten der Canadian Real Estate Association (CREA) im Jahresvergleich um saisonbereinigte 6,7 Prozent. Es ist der stärkste Rückgang seit sieben Jahren.“ bto: Es geht von einem sehr hohen Niveau abwärts.
  • Ein Grund dafür ist auch die Geldpolitik. Angesichts der robusten Konjunktur und des verbesserten Jobaufbaus aber auch um einer Überhitzung des Immobilienmarkts vorzubeugen hat die kanadische Notenbank ihren Leitzins Im Juli um 0,25 auf 0,75 Prozent erhöht.“ bto: Also, ein Anstieg um 0,5 Prozentpunkte bringt den kanadischen Immobilienmarkt zum Crash? Was passiert dann, wenn die Zinsen weltweit wirklich steigen sollten?
  • „(…) auch wenn die Immobilienverkäufe in einigen Regionen bereits im freien Fall scheinen, halten sich die Preise bislang relativ stabil. In Toronto lagen sie im Juli noch 18 Prozent über dem Vorjahresniveau, im Vergleich zum Vormonat gab es jedoch schon ein deutliches Minus von fünf Prozent.“ bto: Das ist typisch, die Verkäufer wollen es noch nicht wahrhaben und spielen auf Zeit.
  • Richtig brenzlig wird es aber in der Regel erst, wenn es am Immobilienmarkt zu einer plötzlichen Preiskorrektur kommt. Die Frage ist, wie groß in einem solchen Fall die Kreditrisiken für den kanadischen Finanzsektor wären. Einen Vorgeschmack lieferte bereits Home Capital, Kanadas größter Hypothekenfinanzierer außerhalb des Bankensystems.“ bto:  Abwärts geht es immer schneller, typisch Margin-Call.

Doch nun zu den Charts:

Zunächst die Preisentwicklung der letzten Jahre. Beeindruckend!

Quelle: zerohedge.com

Und nun der Einbruch: Das Angebot wächst deutlich, während die Nachfrage wegfällt:

Quelle: zerohedge.com

  • „(…) July home prices in Canada’s largest city suffered their biggest monthly drop on record amid government efforts to cool the market and the near-collapse of Home Capital Group spooked speculators. The benchmark Toronto property price, while higher 18% Y/Y, plunged 4.6% to C$773,000 ($613,000) from June. That was biggest monthly drop since records for the price index began in 2000 (…).“

Quelle: zerohedge.com

  • „More troubling than the price drop, however, was the sudden paralysis in the market as buyers and sellers violently disagreed about fair clearing prices and transactions tumbled 40.4% to 5,921, the biggest year-over-year decline since 2009, led by the detached market segment.“

Quelle: zerohedge.com

  • „To slow down the housing bubble, in April the province of Ontario introduced sweeping rental regulations that included capping rent increases and introducing a foreign investor tax. The move came after the federal government in October put restrictions on insured mortgages, and the nation’s financial regulator also proposed restricting uninsured home loans this year.“ bto: was auch oft vorkommt. Die Politik ist immer zu spät und damit pro-zyklisch.
  • „With the Bank of Canada finally rising rates after a 7 year hiatus, making mortgages more expensive and adding further downward pressure to home prices, the Toronto home price crash could not have come at a worse time for a country where the housing bubble is a key component to preserving the illionsary „stability“ status quo.“ bto: Und was ist mit Australien, China … und München?

→ manager magazin online: „Hauspreise fallen rasant platzt hier die nächste Blase?“, 7. August 2017

zerohedge.com: „Toronto Housing Market Implodes: Prices Plunge Most On Record“, 4. August 2017

Kommentare (9) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    jobi sagte:

    Meine Theorie geht so:
    Die gesamte Geldmenge mag nicht so dramatisch aussehen. Entscheidend ist eher, dass der Anteil der unproduktiven Kredite für Immobilen und Finanzspekulationen im Verhältnis zu den Krediten an die Realwirtschaft nach der letzten Finankrise noch einmal gestiegen ist. Hauptursache dürfte die Bilarezession sein.Darauf deutet auch die extrem hohe margin debt hin, die nur 2 mal höher war in der Geschichte. Und aufgeblasene Assetpreise sind nun mal extrem anfällig für steigende Zinsen ..

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  2. Avatar
    Dietmar Tischer sagte:

    Nachtrag:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/top-oekonomen-warnen-vor-neuer-finanzkrise-a-1126904.html

    Daraus:

    „Sollten die Marktzinsen wieder steigen, könne es zu Krisen wie Anfang der Neunzigerjahre kommen, als der Einbruch des Immobilienmarktes auch große deutsche Banken in Schwierigkeiten gebracht habe. „Dass es damals nicht offen zu einer Systemkrise kam, lag u.a. daran, dass die Institute aus früheren Zeiten noch stille Reserven hatten, die sie zur Deckung der Verluste einsetzen konnten.“

    34 Professoren gegen Braunberger.

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  3. Avatar
    Dietmar Tischer sagte:

    Ich würde so gegen die Auffassung von Braunberger argumentieren:

    Sie beruht auf folgender Annahme bzw. Aussage:

    >… einfach kein starkes Wachstum der Kredite an die Privatwirtschaft … Das aber wäre eine wesentliche Voraussetzung für eine neue Krise.>

    Ohne die Aussage dem Sinn nach verfälscht, sondern sie lediglich in eine argumentative logische Form gebracht zu haben, lautet sie:

    Starkes Wachstum der Kredite an die Privatwirtschaft ist die NOTWENDIGE Bedingung für eine neue Krise.

    Oder, anders ausgedrückt:

    Wenn kein starkes Wachstum der Kredite an die Privatwirtschaft, dann keine neue Krise.

    Ich behaupte, dass dies falsch ist.

    Die Begründung dafür, zuerst konzeptionell anhand von Wirkmechanismen:

    Die neue Krise entsteht dann, wenn sich die Bilanzen der Banken so verschlechtern, dass ihre Ver-bindlichkeiten nicht mehr durch Eigenkapital gedeckt sind und sie daher pleitegehen. Da sie über Kredite miteinander verknüpft sind, wird bei einer hinreichenden Anzahl von Bankinsolvenzen eine Kettenreaktion von Insolvenzen erfolgen, die letztlich in Schockstarre der Realwirtschaft endet.

    Wie verschlechtern sich die Bilanzen der Banken?

    Es ist dann der Fall, wenn Sie Kredite abschreiben müssen.

    Das wiederum ist dann der Fall, wenn die Besicherung der Kredite an Wert verliert.

    Dies geschieht dann, wenn das Angebot bezüglich der Sicherheiten, also z. B. Immobilien, die Nach-frage übersteigt und somit die Preise fallen, also im angenommenen Fall die Immobilienpreise (siehe Toronto).

    Das Angebot wird dann die Nachfrage übersteigen, wenn Verkäufe erforderlich sind, was spätestens dann eintritt, wenn die REFINANZIERUNG nicht mehr geleistet werden kann.

    Dies kann mehrere Gründe haben, z. B. auch zunehmende Arbeitslosigkeit mit Einkommensverlusten bei schlechter Konjunktur oder auch nachhaltige ZINSERHÖHUNGEN.

    Fazit:

    Erforderlich für eine erneute Finanzkrise ist eine hinreichend hohe Verschuldung – was nicht gleich-bedeutend mit einer wachsenden ist – schlechte Bankbilanzen und Wertverlust der Sicherheiten für die Kredite.

    Eine hinreichend hohe Verschuldung der Privathaushalte ist möglich, ohne dass ihre Gesamtver-schuldung wächst im VERHÄLTNIS zum BIP. Es kommt darauf an, welche Privathaushalte sich wie verschulden. Wenn sich eine große Anzahl von Besserverdienern nicht für Konsum verschuldet, sondern vermehrt für Immobilien oder Aktien, dann kann eine hinreichend hohe Verschuldung erreicht werden. Zum anderen ist nicht das BIP maßgebend für eine Finanzkrise, sondern der Zu-stand der Banken ist es. (Ich beschränke mich hier auf die Privathaushalte. An einer hinreichend hohen Verschuldung der Privatwirtschaft sind natürlich auch die Unternehmen beteiligt, allerdings erfolgt diese in aller Regel nicht mit Immobilienkrediten).

    Braunberger operiert mit an den Haaren herbeigezogenen Begriffen wie Kreditexplosion und Kredit-schwemme, um vermeintliche Schwarzseher zu diskreditieren.

    Das Gegenteil ist richtig:

    Wenn keine Kreditvergaben mehr erfolgen, weil die im Wert gefallenen Sicherheiten es nicht erlauben, kommt es zur nächsten Finanzkrise.

    Und nun auch noch der Verweis auf die Empirie als Begründung dafür, dass Braunberger falsch liegt:

    Er zeigt eine Kurve, zwischen den Endpunkten 2007 mit dem Wert 114 und 2016 mit dem Wert 117. Das Hoch der Kurve liegt zwischen den beiden Endpunkten, geschätzt bei 2012 und einem Wert von, ebenfalls geschätzt, von mehr als 120.

    Diese Werte geben für Italien den Umfang der Kredite an Unternehmen und Privathaushalte in Pro-zent des Bruttoinlandsprodukts an.

    Wir haben hier also den Fall, dass Kredite der Unternehmen und Privathaushalte in den letzten Jahren GESUNKEN sind zum BIP – und Italien dennoch eine Finanzkrise hat.

    Zugegeben: Es ist „nur“ eine Bankenkrise und kein Zusammenbruch des gesamten Geld- und Finanzsystems.

    Was ist aber, wenn der italienische Staat die Banken mit Zustimmung der EZB und EU-Kommission nicht vertragswidrig in Mrd.-Höhe retten dürfte UND die Zinsen stiegen?

    Offensichtlich entstünde da für Braunberger kein Problem, weil es in Italien während der Niedrigzins-phase der EZB keine Kreditexplosion und keine Kreditschwemme gegeben habe.

    Damit dürfte er ziemlich allein stehen.

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  4. Avatar
    Dietmar Tischer sagte:

    Hier eine Stimme, die offensichtlich weit und breit kein Minsky-Moment sieht:

    http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/finanzieren/niedrigzinsen-allein-machen-keine-kreditschwemme-15151153.html?printPagedArticle=true – pageIndex_2

    Aus der von ihm vertretenen Sicht teilt Braunberger auch ordentlich aus:

    >Und wer es besonders dramatisch mag, raunt noch etwas über einen Zusammen-bruch des gesamten Geld- und Finanzsystems, der in der nächsten Krise zweifellos bevorstehe…

    Das Problem dieser Schwarzmaler ist: Die Realität will sich einfach nicht so verhalten. Obgleich die Leitzinsen historisch niedrig und die Bilanzen großer Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank und der amerikanische Federal Reserve durch umfangreiche Anleihekäufe stark gewachsen sind, will sich in den meisten Wirtschaften der Industrienationen einfach kein starkes Wachstum der Kredite an die Privatwirtschaft einstellen.
    Das aber wäre eine wesentliche Voraussetzung für eine neue Krise.>

    Dr. Stelter, Sie dürfen sich angesprochen fühlen.

    Es sollte Ihnen leicht fallen, darzulegen, wo Braunberger die Realität aus-blendet und was es mit der vermeintlichen Schwarzmalerei auf sich hat.

    Wer will kann sich ja selbst mal versuchen.

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    • Avatar
      Johannes sagte:

      ,Wer will kann sich ja selbst mal versuchen.

      Nun denn…

      Aus dem FAZ – Artikel: ,Wer mit deutschen Bankmanagern spricht, hört immer wieder: „Wir würden gerne mehr Kredite an Unternehmen vergeben, aber den deutschen Unternehmen geht es so gut, dass sie nicht viele Kredite brauchen.“ Umgekehrt geht es zum Beispiel in südeuropäischen Ländern vielen Unternehmen so schlecht, dass sie von ihren Banken keinen Kredit erhielten, wenn sie ihn beantragten. Ein Grund besteht darin, dass in Krisenländern Kreditsicherheiten wie Immobilien häufig an Wert verloren haben und die Banken aus gutem Grund keine unbesicherten Kredite vergeben wollen.‘

      Die einen brauchen nicht, die anderen bekommen nichts. Dieses Verhalten werden die Zentralbanken auf Dauer nicht dulden. Wie soll denn sonst die systemrelevante erforderliche Geldschöpfung am Leben gehalten werden?
      FAZ:
      ,Das Geld, das ein Kunde im Zuge einer Kreditaufnahme von seiner Bank oder Sparkasse erhält, ist ein in diesem Prozess von seiner Bank oder Sparkasse neu geschaffenes Geld. ‚

      Spannend wird es wie der EUGH urteilt.

      https://www.welt.de/finanzen/article167695168/Jetzt-erwacht-Draghis-maechtigster-Gegner-zu-neuem-Leben.html

      ,Das Bundesverfassungsgericht stellt die Anleihenkäufe der EZB infrage. Die Kritik der Richter ist konkreter und erfolgversprechender denn je. Für Deutschland hat das weitreichende Konsequenzen.‘

      Nicht nur für Deutschland wären die Konsequenzen heftig.

      Ein negatives Urteil würde einen aktuell mit der größten Mechanismen zur Kreditschöpfung torpedieren.

      Im ungünstigsten Fall bringt dann nicht eine Kreditschwemme das ,System‘ zu Fall, sondern ein deflationärer Einschlag.

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    Dietmar Tischer sagte:

    Bemerkenswert für den Minsky-Moment in Toronto ist nicht nur die Zinsanhebung der kanadischen Notenbank, die sich wie die EZB ein Inflationsziel von etwas unter 2% gesetzt hat. Hier die Inflationsraten, auf die bezogen sie reagiert hat:

    https://www.statista.com/statistics/271247/inflation-rate-in-canada/

    Interessant ist auch – wie erwähnt –, dass die Regulierung erst einsetzte, NACHDEM die Preise exorbitant gestiegen waren.

    Das wenigstens ist besser bei uns.

    Unsere Banken müssen bei Kreditvergabe ab März 2016 nicht nur die „Ist-Bonität“ des Darlehensnehmers prüfen, sondern auch berücksichtigen, wie sich die Einnahmen des Kreditnehmers in ZUKUNFT entwickeln werden.

    In diesem Zusammenhang lohnt auch ein Blick darauf, wie sich Zuzug, die Zahl der Beschäftigten und die Arbeitslosenrate in Toronto geändert haben (Juli 2016 zu Juli 2017):

    http://www.statcan.gc.ca/tables-tableaux/sum-som/l01/cst01/lfss04f-eng.htm

    Danach:

    1,9% Bevölkerungszuwachs, 1,3% mehr Menschen beschäftigt, aber Anstieg der Arbeitslosenquote von 6,8% auf 7,1%

    Das sind die Zahlen einer nicht nur in Kanada als attraktiv angesehenen Vorzeige-Metropole.

    Zur aktuellen Immobilien-Situation in China:

    http://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/chinas-schuldenfalle-kampf-um-offene-schulden/20185062.html

    Danach:

    Im ersten Halbjahr 2017 sollen die Immobilienkredite um mehr als 24% zugenommen haben.

    Die Hauspreise sollen im gleichen Zeitraum um 18% zugelegt haben.

    Kein Wunder, dass bei den privaten Haushalten der Anteil der Hauskredite STÄRKER steigt als die zunehmende Gesamtverschuldung

    Ich würde dazu sagen:

    Es ist angerichtet.

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  6. Avatar
    Horst sagte:

    „Im Juli fielen die Verkäufe von Wohnobjekten in der Metropolregion verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um enorme 40 Prozent…“

    Evtl. handelt es sich eher um die Sättigungsgrenze, denn um einen Einbruch. Scheinbar handelt es sich eher um eine Korrektur. Ein Einbruch der Preise findet statt bei 50% und mehr.

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  7. Avatar
    Horst sagte:

    Eine Frage in das geneigte Forum in Bezug auf einen Gedankengang, der mir neulich durch den Kopf schwebte, dessen Hypothese – diese war greifbar – ist mir jedoch wieder entfallen, da kurz vor der Nachtruhe: In letzter vorherrschendes Thema waren/sind die Leistungsbilanzüberschüsse; wie können diese in Relation zu gestiegenen Immobilienwerten (aus bank-buchhalterischer Sicht), respektive zu Verteuerungen in der Erstellung (s. Baupreisindex (Inlandsnachfrage)), hierdurch Steigerung des BIP in der Konsequenz auch Verminderung, betrachtet werden?

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