„Reform the economic system now or the populists will do it“

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2017 dürfte uns das Thema „Populismus“ begleiten. Immer wenn es zu Abstimmungen und Protesten aus einer nicht genehmen Richtung kommt, wird auf die Populisten gezeigt werden, die aus dem falschen Verständnis ihrer Wähler postfaktisch „billig Kapital schlagen“.

Es könnte doch aber auch faktische Gründe geben, meint der eine oder andere Beobachter. So Wolfgang Münchau in der FT:

  • I would start with a fundamental reappraisal of modern macroeconomic governance from independent central banks and inflation targeting to deregulated financial markets and fiscal policy targets. Put simply, if we, the liberal establishment, fail to do this, the populist will do it for us.“ bto: Für Münchau gibt es also faktische Probleme.
  • „(…) we also need to think more profoundly about the deep links between our institutions, the rules under which they operate and the prevalent macroeconomic theory. Much of what we today think of as normal was established quite recently.“ bto: Das bedeutet nicht, dass es falsch war, diese Regelungen zu treffen.
  • Central Banks were not always independent. Direct inflation targeting is common today, but was unknown before the 1990s. Medium-term fiscal policy targets are also a modern invention, as are independent fiscal councils.“ bto: Das war aber zum einen die Reaktion auf vorige Fehlentwicklungen und ist in der Praxis  siehe Unabhängigkeit der Notenbanken  nicht unbedingt ernsthaft gegeben. 
  • „Behind these institutions and policies lie (…) new Keynesian macroeconomics. (…) The theory asserts three key points. One, that a low rate of inflation is consistent with full employment, so it is sufficient for a central bank to target a low rate of inflation. Two, that fiscal policy should not be used for economic fine-tuning but should follow medium-term stability targets. And three, that neither monetary nor fiscal policy make a difference in the long run.“ bto: Das passt in der Tat nicht in die Zeit der großen Depression in Zeitlupe. Es ist kein normaler Zyklus.
  • „We should not be surprised that people have become sceptical about experts who peddle theories that result in comically wrong predictions and that do not square with the reality they perceive.“  bto: Das gilt aber auch für andere Zweige der Volkswirtschaftslehre. Es fehlt an einem Modell für die deflationäre Schuldenkrise. Das gibt es natürlich, wird aber von der Mainstream-VWL vernachlässigt ebenso wie die Funktionsweise unserer Geldwirtschaft.
  • Mr Romer portrays modern macroeconomics as a racket held together by people who protect their influence. (…) He starts off by quoting Lee Smolin, a physicist, who noted in 2007 that physics had made no progress in the last quarter of a century. Mr Romer claims that the state of macroeconomics is worse. It has regressed.“ bto: Das stimmt, dürfte aber nicht die Ursache für die politische Unzufriedenheit sein. Die ist immer noch Folge der Krise, die durch den vorangegangenen Schuldenboom ausgelöst wurde. 
  • „(…) what makes them relevant in the context of this discussion is that our economic policy institutions are premised on the idea that these theories are correct. Our independent central bankers are macroeconomists, who were trained in those very models that Mr Romer criticises.“ bto: oder die wissentlich eine Klientelpolitik betreiben?
  • Until the early 1990s, central bank independence was the exception. (…) There are good arguments in favour, but a no-brainer this is not. Most people would, for example, probably not support the view that a country’s armed forces must be independent on the grounds that the generals know best what is good for us, and should not be disturbed by the day-to-day fluctuations of politics.“ bto: Ja, nur gibt es unterschiedliche Zielsysteme. Hier die Begrenzung des Militärs, dort die Maximierung der Staatsfinanzierung …
  • We should put fiscal policy off the autopilot and challenge the tyranny of the ubiquitous 2 per cent inflation target. And we should start making a distinction between the interests of the financial sector and the economy at large.“  bto: Klartext, es geht um Helikopter-Geld für Staatsprogramme. Könnte man auch einfach formulieren.

Fazit Münchau: „With an establishment refusing to draw any lessons from its defeats of 2016, our system is far more at risk of being demolished by the populists from the outside than reformed from within.“

Fazit bto: Es ist schon recht weit hergeholt, die Probleme auf die Volkswirte zu schieben. Natürlich hat er inhaltlich recht, dass die Modelle wenig taugen. Aber die Ursache bleibt doch die Politik der schuldenfinanzierten Wohlstandsillusion, die uns nun auf die Füße fällt.

 

→ FT (Anmeldung erforderlich): „Reform the economic system now or the populists will do it“, 18. Dezember 2016

9 Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Wenn NUR-Ökonomen über das Phänomen des Populismus reden, kann man nicht mehr als solche Feststellungen wie die von Tucker erwarten.

      Es sind URSACHENFREMDE Schuldzuweisungen.

      Die Menschen wissen doch mehrheitlich gar nicht, was die Verantwortung der politischen Eliten ist und sie verstehen daher auch nicht, was es heißt, die Verantwortung der Geldpolitik zu überlassen.

      Auf das, was sie „wissen“ hat Gauck in seiner Abschiedsrede

      http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/abschiedsrede-in-berlin-gauck-fordert-republikanische-verteidigungsbereitschaft-14687315.html

      mit diesen Worten bezeichnet:

      Er kritisierte, dass in Teilen der Gesellschaft ein Anspruchsdenken gewachsen sei, das den Staat allein als Dienstleister sieht. „Doch Demokratie ist kein politisches Versandhaus. Demokratie ist Mitgestaltung am eigenen Schicksal“,

      So ist es.

      Wenn der Staat als Dienstleister nicht liefert, muss eben das Management des Versandhauses ausgetauscht werden.

      Mit diesem Verständnis kommen Populisten an die Macht.

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    • Wolfgang Selig says:

      Da stelle ich die Gegenfrage, was denn mit Politikern passiert, die ihrer Verantwortung nachkommen wollten. Fragen Sie mal Gerhard Schröder nach Hartz 4 oder Franz Müntefering zur Erhöhung des Renteneintrittsalters, wie viele lobende Briefe sie diesbezüglich bekommen haben. Fakt ist, zu viele Wähler wollen keine unbequemen Wahrheiten hören, egal wo auf der Welt. Sonst hätten die USA einen Präsidenten gewählt, der eine Steigerung der Produktivität durch massive Erhöhung des Bildungsniveaus, gerade im technischen Bereich in breiten Bevölkerungsschichten gefordert hätte. Und nicht die vermeintlich bequeme Lösung fordert, Importe einfach nur zu bestrafen.

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  1. Wolfgang Selig says:

    Ich würde die Unterscheidung in Populisten und die sogenannte „Mitte“ nicht treffen wollen. Die fehlende politische Reformbereitschaft in Europa in den letzten Jahren und die laxe Geldpolitik unter Vermeidung der Nennung unangenehmer Wahrheiten ist für mich auch nur Populismus. Das fängt bei nicht finanzierten Rentengeschenken an und hört bei Anleihekäufen der EZB noch nicht auf. Einziger Unterschied sind wohl Isolationismus und Fremdenfeindlichkeit, aber auch wenn ein Politiker der „Mitte“ diese beiden ablehnt, kann er m.E. trotzdem ein Populist sein, meinetwegen ein finanzpolitischer Populist.

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      • Matthias says:

        Da ist GAR NICHTS richtig, denn die Bezeichnung „Populist“ wird nur von Personen verwendet, um Andersdenkende, die eine andere Meinung als die eigene vertreten, zu diffamieren, was ziemlich primitiv ist.

  2. Ralph Klages says:

    Nicht, dass ich Tichy sooo toll finde: Goergen (http://www.tichyseinblick.de/kolumnen/goergens-feder/spd/) hat da den Begriff der „Bewegung“ diskutiert, aus dem sich eine Partei formt und später speist. Ich wage mal zu sagen: Allen Parteien des Bundestags ist die ursächliche Bewegung, aus der sie mal entstanden waren, längst abhanden gekommen.
    Sie ahnen es, wollen es aber nicht wahrhaben. Und nennen die, die nicht mit ihnen sind schlichtweg „Populisten“ (auch „Pack“=> wie dumm vom Gabriel). Unliebsam, unkalkulierbar, Konkurrenz.

    Wir stehen am Vorabend einer wie auch immer gearteten Parteiengründung -damit fällt die AfD definitiv aus- , die die Bedürfnisse breiter Massen kanalisiert. Nicht zwangsläufig rechts der CDU, aber irgendwo dort. Jemand wird kommen und die Massen mitnehmen.
    Allerdings hatten wir das auch schon mal.

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