Präsenz in den Medien ist nicht immer Garantie für Qualität (II)
Nun Teil zwei der Gegenüberstellung – nach Marcel Fratzscher Hans-Werner Sinn. In der FINANZ und WIRTSCHAFT mit klaren Analysen und entsprechenden Schlussfolgerungen:
- “Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss hat sein Spiegelbild freilich in den Defiziten anderer Länder, insbesondere der USA, auf die ein Drittel aller weltweiten Leistungsbilanzdefizite entfällt. Die Defizitländer könnte man mit gleichem Recht auffordern, wettbewerbsfähiger zu werden, ihre Löhne zu senken, mehr zu sparen oder weniger zu investieren.” – bto: Da ist es doch viel einfacher, wie Fratzscher mehr Umverteilung zu fordern (auch wenn er es anders nennt).
- “Ähnliches könnte man von den im Ausland hoch verschuldeten Ländern Südeuropas verlangen, die zwar heute wegen der niedrigen Zinsen eine annähernd ausgeglichene Leistungsbilanz haben, doch nun eigentlich erhebliche Überschüsse bräuchten, um ihre zum Teil immensen Schulden zurückzuzahlen. In dieser Lage hat es keinen Sinn, ad hoc Empfehlungen abzugeben.” – bto: wie wahr! Das ist nämlich die eigentliche Herausforderung- wenn man nicht wie ich es fordere, einen Schuldenschnitt macht.
- “Eine andere Ursache liegt in der Einführung des Euros und der scheinbaren Sicherheit, die die neue Währung den Investoren bot. (…) Die künstlich geschaffene Sicherheit hat bis etwa 2008 sehr viel Kapital nach Südeuropa gelenkt und private sowie öffentliche Schuldenexzesse ermöglicht. Sie erzeugten in diesen Ländern inflationäre Kreditblasen, die letztlich die Wettbewerbsfähigkeit zerstörten.” – bto: Das ist zwar bekannt, aber trotzdem wichtig, es zu sagen. Denn nur dann kann man auch echte Lösungen präsentieren, statt von “grand bargains” zu schwafeln.
- “Als die Krise dann kam, haben die öffentlichen Kredite der Europäischen Zentralbank EZB und der Rettungsschirme sowie auch die Schutzversprechen der EZB gegenüber privaten Investoren die Fortsetzung der Schuldenstrategie ermöglicht. So ist es nicht erstaunlich, dass in fast allen Krisenländern der Eurozone die Schuldenquoten weiter stiegen.” – bto: Und das will Fratzscher mit anderen Mitteln fortsetzen!
- “Der exzessive Keynesianismus, (…) hat eine Politik der lockeren Budgetbeschränkungen ermöglicht und dafür gesorgt, dass Kapital auch dann noch aus Deutschland nach Südeuropa gelenkt wurde, als sich die Investoren eigentlich schon von dort zurückziehen wollten. Das hat Importe stimuliert und so zum Wachstum des deutschen Leistungsbilanzüberschusses beigetragen.” – bto: Unsere Ersparnisse wurden an bankrotte Schuldner verliehen. Wie blöd ist das denn?
- “(…) die Hälfte des gesamten Nettoauslandvermögens der Bundesrepublik Deutschland, das durch frühere Leistungsbilanzüberschüsse aufgebaut wurde, besteht derzeit aus blossen unverzinslichen Target-Forderungen der Bundesbank (gegenüber der Europäischen Zentralbank), weil die Bundesbank zur Kreditierung der Zahlungsaufträge der finanzschwachen Euroländer gezwungen worden ist. Ihre Forderungen kann die Bundesbank nie fällig stellen, und den Zins darauf hat die Mehrheit des EZB-Rats inzwischen auf null gesetzt.” – bto: Das ist Enteignung von Volksvermögen!
- “Zum einen könnte Deutschland durch Abschreibungsvergünstigungen für private Investitionen versuchen, einen Teil der derzeit ins Ausland fliessenden Kapitalströme in eine inländische Verwendung zu lenken. Zum anderen könnten beziehungsweise müssten die südeuropäischen Länder sowie die USA nun endlich zu einer Politik der Schuldendisziplin zurückkehren.” – bto: selten so gelacht!
- “Ein Ende der lockeren Geldpolitik in den USA und Europa sowie auch insbesondere ein Ende der künstlichen Umlenkung der Kapitalströme nach Südeuropa aufgrund der fiskalischen Rettungsschirme sowie die Garantieversprechen der EZB sind die notwendigen Komplemente der in Deutschland möglichen Investitionsstimulierung.” – bto: und so wahrscheinlich wie eine Sanierung der Eurozone.
“Deutschland kann nun einmal schon aus logischen Gründen nicht gleichzeitig seinen Leistungsbilanzüberschuss abbauen und weiterhin die von anderen Ländern begehrten Billigkredite gewähren. Wenn die Politiker diese fundamentale Realität endlich einmal verstehen würden, wäre schon sehr viel gewonnen.” – bto: danke.
→ FINANZ und WIRTSCHAFT: “Die deutsche Leistungsbilanz ausgleichen”, 25. Juli 2017
Ich denke, die maßgeblichen Geld- und Fiskalpolitiker wie Herr Schäuble oder Herr Weidmann verstehen den Zusammenhang von Leistungsbilanzüberschüssen und Billigkrediten. Das eigentliche Problem ist m.E., dass die deutsche Politik damit kein Problem hat, solange es keine nennenswerten Teile der Wählerschaft als Problem definieren. 25 % der Stimmen bei der Bundestagswahl für euroskeptische Parteien und es kommt Bewegung in die Diskussion. Das ist aber extrem unwahrscheinlich. Und daher wird Herr Sinn leider auch in den nächsten 4 Jahren einer Illusion anhängen (wie er selbst wohl sehr gut weiß).
„Deutschland kann nun einmal schon aus logischen Gründen nicht gleichzeitig seinen Leistungsbilanzüberschuss abbauen und weiterhin die von anderen Ländern begehrten Billigkredite gewähren. Wenn die Politiker diese fundamentale Realität endlich einmal verstehen würden, wäre schon sehr viel gewonnen.“
Wenn Deutschland seine LB-Überschüsse abbaute, dann bräuchten diese Länder nicht mehr die begehrten Billigkredite, da nur so eine Schuldenreduktion möglich ist. Solange sich die Verhältnisse nicht umkehren, müssen die Kredite entweder revolviert oder aber abgeschrieben werden. HWS argumentiert mal wieder ad populum.
Braunberger widmet sich im FAZIT dem Thema „Geld oder Zins?“ Das ist meines Erachtens die falsche Fragestellung. Es müsste vielmehr heißen: „Geld und Zins!“, da in einer monetären Ökonomie Geld und Zins nicht getrennt analysiert werden können. Hier die Sicht von Jan Toporowski:
„However, when credit is endogenous to capitalist production, the rate of interest is no longer governed by the rate of profit in the real economy, and the rate of profit of the banking sector does not depend on the actual rate of interest. “ https://soundcloud.com/soaseconomics/some-observations-on-anwar-shaikhs-theory-of-interest.
Toporowski kommt hier zu sehr ähnlichen Erkenntnissen, die ich 2013 in dem Blogpost „Zinsmythen“ beschrieben hatte.
LG Michael Stöcker
Dazu passt auch der heutige Beitrag von Braunberger: http://blogs.faz.net/fazit/2017/08/23/steigende-gewinne-trotz-negativzinsen-9041/.
LG Michael Stöcker