In­flation: schneller rauf, als runter

Die Inflation ist hartnäckig und es wird diskutiert, wie stark man die geldpolitischen Zügel noch anziehen muss, wenn man denn wirklich die Inflation eindämmen möchte. Die Welt spekuliert über die erforderliche Höhe der Zinsen:

  • „(…) die Zinserhöhungen der Britischen Notenbank scheinen nicht zu wirken. Am Mittwoch wurde bekannt, dass die Inflationsrate im Mai nicht etwa zurückgegangen ist. Und noch schlimmer: Die Kerninflation stieg sogar wieder an. Dadurch wächst nun die Sorge, dass die Inflation doch zäher sein könnte, als viele bislang glauben wollen. Nicht nur in Großbritannien, auch bei uns. Denn auch in der Eurozone gab es zuletzt beunruhigende Trends, die dafür sprechen, dass uns die hohen Teuerungsraten noch lange erhalten bleiben.“ – bto: … vor allem eine Geldpolitik, die angesichts der hohen Verschuldung der Staaten nicht richtig handeln kann.
  • „‚Es wurde erwartet, dass die Inflationsrate in Großbritannien von 8,7 auf 8,4 Prozent sinken würde‘, sagt Ipek Ozkardeskaya, Analyst bei der Swissquote Bank. Doch stattdessen stagnierte sie. ‚Gleichzeitig ist die Kerninflation unerwartet wieder über die Sieben-Prozent-Marke gesprungen.‘ Sie liegt nun bei genau 7,1 Prozent – dem höchsten Wert seit 1992.“
  • „Die Kerninflation ist die Teuerung ohne Energie und Lebensmittel, und sie gibt einen Hinweis darauf, wie tief sich die Inflation bereits in die übrige Wirtschaft gefressen hat. In Großbritannien ist dies offenbar sehr weit fortgeschritten. ‚Diese Zahlen sind eine Warnung, dass der Inflationsdruck im Vereinigten Königreich nicht unter Kontrolle ist‘, sagt Ozkardeskaya. (…) ‚Die ganze Welt beobachtet diesen britischen Albtraum aus anhaltender Inflation, immer höheren Zinssätzen, einem stotternden Immobilienmarkt und steigenden Rezessionsrisiken‘…“ – bto: … weil die Inflation sich eben nicht so leicht unter Kontrolle bringen lässt.
  • „‚Ein Blick auf Großbritannien zeigt, welche Probleme auf die Eurozone zukommen könnten‘, sagt auch Edgar Walk, Chefvolkswirt bei Metzler Asset Management. Er verweist dabei vor allem auf einen Indikator: die langfristigen Inflationserwartungen am Finanzmarkt.“
  • „Diese lassen sich über sogenannte Inflationsswaps auslesen. Das sind Finanzwetten, mit denen sich Investoren gegen die Inflation absichern können. Anhand der Bepreisung dieser Kontrakte kann ermittelt werden, welche Inflationsraten die Anleger für die Zukunft erwarten.“ – bto: Die Inflationserwartungen sind ein beliebtes Instrument. Es konnte natürlich auch die Inflation nicht vorhersehen, weshalb ich denke, man sollte es mit Vorsicht genießen.
  • „In den vergangenen Wochen stiegen auch hier die Inflationserwartungen deutlich an. Für die Zeit in fünf Jahren liegen sie inzwischen bei über 2,5 Prozent – der Finanzmarkt glaubt also, dass selbst in fünf Jahren die Inflationsrate noch deutlich über der Zielmarke der EZB stehen wird. Walk schließt daraus, dass die Finanzmarktakteure ein Risiko sehen, dass die Inflation in der Eurozone dauerhaft zu hoch sein könnte und dass die EZB zu wenig dagegen tut.“ – bto: Dieser Verdacht liegt nahe, angesichts der stark steigenden Belastung der Staaten (und den Verlusten, die die Notenbanken auf den Staatsanleihen machen, die sie halten).
  • „‚Die Ökonomen Andrés Blanco, Pablo Ottonello und Tereza Ranosova von der Universität von Michigan haben soeben in einer Studie untersucht, wie sich historisch nach einem schnellen Anstieg der Inflationsrate über die folgenden Jahre die Teuerung entwickelte. Insgesamt haben sie 112 solche Abschnitte in verschiedenen Ländern vor 1990 betrachtet, und 156 Abschnitte nach 1990. Die wichtigste Schlussfolgerung der Ökonomen lautet: „Nach dem Anstieg bleibt die Inflation tendenziell hartnäckig, wobei die Dauer des Inflationsrückgangs jene des Inflationsanstiegs übersteigt.‘“ – bto: Es dauert also länger als man denkt, die Inflation unter Kontrolle zu bringen.
  • „Als Ursache identifizieren die Ökonomen ebenfalls eine Verschiebung bei den Inflationserwartungen. Diese stiegen zwar stets nur langsam an, blieben dann aber weiterhin hoch, wenn die Inflationsraten den Höhepunkt überschritten hatten. Und dies wirkt sich indirekt auf das Verhalten von Verbrauchern und Unternehmen aus. Denn die Inflationserwartungen, wie sie am Finanzmarkt gemessen werden, sind letztlich nur ein Abbild der Stimmung in der breiten Masse der Bevölkerung. Wenn diese jedoch zunehmend davon ausgeht, dass die Inflation hoch bleibt, dann verhält sie sich entsprechend: Arbeitnehmer fordern höhere Löhne, die Unternehmen erhöhen die Preise. Die Lohn-Preis-Spirale läuft.“ – bto: Noch kann man das nicht sagen. Die Lohnabschlüsse blieben meist unter der Inflationsrate.
  • „Dies ist nur durch drastisches Handeln der Notenbanken zu durchbrechen, die dadurch die Menschen zu der Einschätzung bringen, dass die Inflationsraten bald wieder unter Kontrolle sind. Doch genau daran haperte es historisch gesehen ebenfalls, stellen die Ökonomen in ihrer Studie fest. ‚Die geldpolitischen Reaktionen zeichnen sich durch Erhöhungen der Nominalzinsen, aber keine Verschärfung der Realzinsen aus‘, schreiben sie. Sprich: Die Zinsen wurden zwar erhöht, aber da die Inflationsrate stets noch höher war, blieb der reale Zinssatz immer noch negativ – es gab beispielsweise für Unternehmen keinen Grund ihr Kapital zusammenzuhalten. Im Gegenteil, sie expandierten weiter und befeuerten damit die Inflation zusätzlich.“ – bto: Wobei Unternehmen, die expandieren, investieren und damit das Güterangebot perspektivisch steigt. Das überzeugt mich also nicht so ganz.
  • „Edgar Walk hält daher in Großbritannien eine ‚Leitzins-Schocktherapie‘ für notwendig – sie müsste den Leitzins über die Kerninflation anheben, um die Inflationsdynamik zu brechen. (…) Und in der kommenden Woche werden die neuen Inflationszahlen aus der Eurozone bekannt. Dann wird sich zeigen, ob wir dem britischen Albtraum folgen.“ – bto: Naja.

Kernaussagen:

  • Länger runter als rauf.
  • Die Inflationserwartungen gehen hoch.
  • Das spricht für länger und höher.

welt.de: “So hoch müssten die Leitzinsen steigen, um die Inflation wirkungsvoll zu bekämpfen”, 30. Juni 2023