„Forscher streiten über steigende Ungleichheit“

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Das Thema der Ungleichheit ist wieder prominent in den Medien. Nachdem die große Piketty-Welle etwas abgeklungen war, folgte der Aufguss durch Marcel Fratzscher, der auf wiederum nachträglich korrigierten Daten die große Ungleichheit in Deutschland anprangerte und sogleich das Wahlkampfthema für unsere überalterte und umverteilungsorientierte Gesellschaft lieferte. Meine Sicht dazu hier:

→ Auftakt zur Umverteilungsorgie

Nun greifen sowohl F.A.Z. wie auch SZ das Thema wieder auf. Im Kern bleiben die Aussagen: a) Es ist ein Problem. b) Keiner weiß so richtig, woran es liegt. c) Auf jeden Fall muss der Staat was machen. Na, ja. Schauen wir mal:

Zunächst die SZ:

  • Es ist unumstritten, dass die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen in den Industrieländern seit Jahrzehnten wieder gestiegen ist. Kaum jemand bezweifelt noch, dass zu hohe Ungleichheit schädlich für das soziale Gefüge ist.“ bto: Das ist natürlich hinlänglich schwammig formuliert. Was ist zu hoch?
  • „Piketty zeigt, wie sich die Einkommen und Vermögen in den vergangenen 40 Jahren wieder auseinanderentwickelt haben, in Frankreich, in den USA, in Deutschland. (…) Und er liefert eine Erklärung gleich mit, formuliert als universelles Gesetz kapitalistischer Volkswirtschaften: Die Ungleichheit sei gestiegen und werde weiter steigen, weil die Kapitaleinkommen schneller wachsen als die Gesamtwirtschaft.“ bto: eine Formel, deren Gültigkeit klar widerlegt ist.
  • Piketty behielt recht, als er sagte, die Formel sei eine gute Kommunikationsstrategie für sein Thema. Vermutlich wird diese Formel einmal in einer Reihe stehen mit der Kuznets-Kurve, wegweisend, einflussreich, wertvoll aber widerlegt. Denn das enorme Forschungsinteresse, das er ausgelöst hat, animierte Ökonomen wie Carlos Góes vom Internationalen Währungsfonds dazu, die Kapitalismus-Formel zu überprüfen.“ bto: Von Anfang an stand für Piketty das politische Ziel im Vordergrund, nicht die Qualität der Analyse. Dabei sind die von ihm gesammelten Daten durchaus interessant und ein wertvoller Beitrag, wie ich auch in meinem Buch schreibe.
  • Vor wenigen Tagen hat Góes mit einem Arbeitspapier diese Formel widerlegt. Er analysierte Daten aus 19 Industrieländern und 30 Jahren mit einer komplexen Zeitreihenanalyse, fand aber keine empirischen Belege für die von Piketty postulierte Formel. Im Gegenteil: In drei Vierteln der untersuchten Länder war der Effekt sogar umgekehrt. Pikettys zentraler Fehler sei die Annahme einer konstanten Sparquote, schreibt Góes. In Wahrheit verändere sich abhängig vom Wirtschaftswachstum deutlich, wie viel die Menschen sparten und damit auch, welchen Anteil das Kapitaleinkommen an der gesamten Wirtschaftsleistung hat.“ bto: Außerdem sind Kapitalerträge nicht unabhängig vom Wirtschaftswachstum, wie wir auch heute erleben!
  • Der noch nicht abgeschlossene Übergang von der Industrie- zur Service-Gesellschaft führt zu einer viel stärker differenzierten Nachfrage nach bestimmten Spezialfähigkeiten, die höher entlohnt werden. Je reicher ein Land wird, desto eher bleibe außerdem Raum für astronomisch hohe Einkommen. Die Ungleichheit kann jetzt mehr als zuvor steigen, schreibt er, weil ein höheres Gesamteinkommen einem Teil der Bevölkerung deutlich höhere Einkommen erlaubt, ohne dass alle anderen hungern müssen. bto: Das könnte in der Tat die Einkommensungleichheit erklären, nicht jedoch die Vermögensverteilung.
  • In diesem Kontext spielt auch die Innovation eine gewichtige Rolle Erfindergeist wird in einer schon ungleichen Gesellschaft überproportional entlohnt, wenn er erfolgreich ist. Das betonen der Harvard-Ökonom Philippe Aghion und zahlreiche Kollegen in einem im vorigen Jahr erschienenen Paper. Mit ihren Berechnungen können sie den Anstieg der Einkommensungleichheit in den USA seit 1975 zu 17 Prozent durch Anzahl und Qualität der Innovationen erklären, gemessen anhand der Patente.“ bto: Das leuchtet ein und erklärt auch Vermögen, wie wir an den Start-up-Milliardären sehen können.
  • Die Menschen suchen sich ihre Partner anders aus als früher, eher in der gleichen Gesellschaftsschicht. Der Arzt, der die Krankenschwester heiratet, ist zur Ausnahme geworden. Das war in den USA des frühen 20. Jahrhunderts schon so, verkehrte sich bis in die Fünfzigerjahre ins Gegenteil, bis sich mit dem Verlauf des Internetzeitalters die Partnersuche wieder ins eigene soziale Milieu verlagerte.“ bto: was natürlich wieder sowohl Einkommen wie auch Vermögen etwas erklärt.

Auch die F.A.Z. nimmt das Thema nochmals auf:

  • Es gibt keine Hinweise darauf, dass die moderne Wirtschaft tatsächlich so funktioniert wie von Piketty behauptet. Vielleicht überschätzt der Franzose die Fähigkeit der Erben, ihr Vermögen zusammenzuhalten. Vielleicht sind die Steuern schon hoch genug. Vielleicht hat er etwas anderes übersehen. Sicher ist: Seine These erklärt in der Gegenwart nichts.“
  • Das hätte man früh wissen können wenn man rechtzeitig auf die Kritiker gehört hätte. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zum Beispiel wusste Bescheid. Ein paar Monate nachdem Pikettys Buch erschienen war, lud er den Professor nach Berlin ein. Ihrem Renditegesetz wird der Vorwurf gemacht, dass es nicht der Realität entsprechesagte Gabriel damals. Schlimm fand er das nicht. Gabriel erzählte von SPD-Gründer Ferdinand Lassalle und seinem ehernen Lohngesetz: Der Kapitalismus drücke alle Löhne ans Existenzminimum. Das stimmt nicht. Also könne es Piketty gleichgültig sein, ob es Kritik an seiner Folgerung gebe, sagte Gabriel, solange das Buch eine politische Bewegung auslöse.“ bto: Ich war vor Ort und konnte das miterleben.
  • So wie der SPD-Vorsitzende scheinen viele zu denken: Ob die Zahlen stimmen oder nicht, ist egal. Hauptsache, man kann sie für die eigenen politischen Zwecke einspannen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht auf. Dieser Satz muss einfach wahr sein, sonst taugt er nicht als Hebel, um Steuererhöhungen und neue Wohltaten zu fordern. Da werden Zahlen selektiv präsentiert und Statistiken umgedeutet so lange, bis die Armut möglichst groß wirkt. Viele Bürger trauen den gebeugten Statistiken, sie hören ja so oft von der aufgehenden Schere.“
  • Selten ist zu hören, dass sich in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich seit zehn Jahren gerade nicht weiter öffnet. Vielmehr näherten sich die Einkommenskurven einander an, und die Arbeitslöhne stiegen schneller als die Kapitalerträge. Und das nicht, weil der Staat höhere Steuern verlangt oder mehr Sozialhilfe verteilt hätte. Die Trendwende begann nach den Agenda-Reformen von Gerhard Schröder weil damals viele Arbeitslose eine neue Stelle fanden.“

bto: Wir haben eine politische Diskussion mit nutzbringenden Zulieferern aus der „Wissenschaft“. Dabei ist es vermutlich nur konsequent, dass diese Analysen die Rolle der ständig steigenden Verschuldung und des dahinter liegenden Geld- und Bankensystems völlig ausblenden. Dabei wären die Vermögenspreise ohne den Leverage-Effekt niemals dort, wo sie heute sind. Aber die Leser von bto wissen das ja schon längst.

→ DIW vergleicht Äpfel mit Birnen in der politischen Kampagne für höhere Steuern

P. S.: Bei der Veranstaltung mit Gabriel fragte der SPD-Politiker Carsten Schneider, bezugnehmend auf mein Buch „Die Schulden im 21. Jahrhundert“, nach der Rolle von Schulden und Leverage. Piketty hat die Frage nicht beantwortet. Warum wohl?

→ F.A.Z.: „r>g“, 24. August 2016

→ SZ: „Forscher streiten über steigende Ungleichheit“, 19. August 2016

22 Kommentare
  1. Ewald Kroiss, LL.M. says:

    Die zentrale Frage muesste eigentlich lauten, kann der Staat Finanzmittel besser allokieren als der private Unternehmer? Antwort: nein. Folglich ist eine Forderung, alles gleich zu verteilen, ebenso unsinnig. Ferner uebersehen Studien zur Ungleichheit externe Einfluesse wie die Auswirkung der seit Jahrzehnten fliessenden Kaufpreise an die Oelfoerderlaender. Der Rueckfluss dieser Gelder verursacht hoehere Assetpreise. Auch dadurch werden Einkommen und Vermoegen auseinandergetrieben.

    Mfg
    EK

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  2. Abdullah M. says:

    Definieren Sie „besser“. Sie meinen wohl unter Effizienzgesichtspunkten oder Maximierung des eingesetzten Kapitals. Was ist aber mit nicht unmittelbar bwl. messbaren Kriterien wie Zuwendungen für Schwache, Arme, Alte…? Ein pauschales „Nein“ scheint daher fragwürdig. Zu Ihrem zweiten Punkt: Ich finde Ihre Beobachtung an sich interessant aber sehr zweifelhaft. Wo steigen hier die Assetpreise außerhalb einiger Ballungszentren durch Zuflüsse aus den Ölförderländern?

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  3. Johannes says:

    Politikern, „Sozialingenieuren“, interessierten Volkswirten und andere „Experten“ dient die Verkündigung und Behebung der „Ungleichheit“ als Instrument zu Artikulierung und ggf. Durchsetzung ihrer Interessen und Ziele.

    Selbstredend gibt es Ungleichheit und diese ist für sich genommen nicht schlecht. Sozial und wirtschaftlich gesehen kann sie einen starken persönlichen Anreiz dastellen, sich mit anderen „gleicher“ machen zu wollen und sich „einfach mal anzustrengen“.

    Letztlich erheben die o.g. die Ergebnisgleichheit zu einem erstrebenswerten Ideal. Ich favorisiere lieber die Chancengleichheit und an dieser Schraube könnte in Deutschland noch stärker gedreht werden.

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    • Johannes says:

      … ist zwar offtopic, aber nicht schädlich – konkreteres zu „Sozialingenieuren“ findet sich hier (Beitrag vom 29.8.2016):

      http://nicolaus-fest.de/

      „Und schon 1979 warnte der Soziologe Friedrich Tenbruck vor dem Einfluß der Sozial- und Humanwissenschaften – übrigens in der FAZ.“

      „Denn all die Pädagogen, Psychologen, Soziologen, Gesellschaftsstatistiker und Erziehungswissenschaftler, die an Universitäten, in Stiftungen, Gewerkschaften, den Stabsstellen von EU wie Bundestag und in vielen Think Tanks arbeiten, würden ebenfalls nicht im Raum der Unverbindlichkeit leben. Auch sie wollten ihr Wissen – oder das, was sie dafür hielten – einmal ausprobieren, und wie die Atomwissenschaftler natürlich im besten Glauben. Die Gesellschaft sollte verbessert werden, nämlich gerechter, sozialer, gleicher, friedlicher. So begann das Experiment des Gesellschaftsumbaus.“

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  4. Dietmar Tischer says:

    In gewisser Weise ist das eine Geisterdiskussion.

    Zum Kapitalismus gehört Ungleichheit wie das Amen zur Kirche.

    Die Fragen sind lediglich:

    Wie viel kann man ertragen und wie schafft man es, dass es nicht mehr Ungleichheit gibt, als man ertragen kann?

    Die Beantwortung beginnt mit einer EHRLICHEN Bestandsaufnahme und Darlegung der Optionen, die man hat einschließlich der KONSEQUENZEN, die sich mit Wahrnehmung einer jeden ergeben.

    Das Geschäft, das hier betrieben wird – von profilierungssüchtigen Fleißarbeitern, die meinen, dass Datensammeln schon Theorie sei, bis zu den Demagogen der Politik – ist mehr als traurig:

    Kein Erkenntnisgewinn, statt dessen Irreführung und enttäuschte Erwartungen mit möglicherweise irrationalem Verhalten als Folge.

    Die paar Stimmen, die Gabriel und andere damit gewinnen, werden ihnen auf die Füße fallen.

    Denn sie können nicht einmal annähernd liefern, was sie großmäulig verkaufen.

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    • Michael Stöcker says:

      „Zum Kapitalismus gehört Ungleichheit wie das Amen zur Kirche.“

      Nicht nur zum Kapitalismus. Wir werden systemunabhängig schon sehr ungleich geboren.

      Aber: Die Ungleichheit auf der monetären Ebene darf nicht so groß werden, dass sich das kapitalistische Kreditgeldsystem selber stranguliert. Was nicht heißt, dass es auf der realen Ebene keine Grenzen der Ungleichheit gibt. Es muss/sollte „erträglich“ sein, wie sie so richtig betonen. Unerträglich und unverträglich empfinde ich weniger die relative Armut als den absoluten Reichtum, der offen und äußerst C02-intensiv zur Schau gestellt wird.

      LG Michael Stöcker

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      • Dietmar Tischer says:

        >Wir werden systemunabhängig schon sehr ungleich geboren.>

        Richtig.

        Und weil der Kapitalismus als amoralisches System daran nichts ändern kann, tauscht er die ungleich Geborenen nur aus.

        >Aber: Die Ungleichheit auf der monetären Ebene darf nicht so groß werden, dass sich das kapitalistische Kreditgeldsystem selber stranguliert.>

        Natürlich nicht.

        Aber war sie auf der MONETÄREN Ebene wirklich jemals so groß, dass sich das Kreditgeldsystem DARAN – also an DIESER Ungleichheit – hätte strangulieren können?

        Ich bin keine Historiker, würde aber für die heutige Zeit sagen:

        Es ist nicht die monetäre Ungleichheit, die das System möglicherweise stranguliert, sondern die Ungleichheit zwischen Verschuldungszunahme und realem Wachstum in den letzten Jahrzehnten.

      • Michael Stöcker says:

        Die monetäre Ungleichheit ist eine Folge der Ungleichheit zwischen Verschuldungszunahme und realem Wachstum; nicht nur in den letzten Jahrzehnten sondern immer wieder seit Menschengedenken. Von daher gab es am Ende des Strangulierunsprozesses ja immer wieder die biblischen Jubeljahre. In Zeiten internationaler Kapitalmobilität ist die heutige Dimension und Fallhöhe allerdings eine ganz andere.

        Haben Sie schon den Rundumschlag von Flassbeck gelesen? https://makroskop.eu/2016/08/thomas-piketty-die-neoklassik-und-die-realitaet/

        LG Michael Stöcker

      • Michael Stöcker says:

        Ja, diese Erklärung gibt es; ich halte sie aber nicht für stichhaltig. Assetpreisinflation gäbe es meiner Einschätzung nach auch ohne fiktives Geldkapital. Warum? Weil das Zinsniveau so stark gesunken ist und somit die Abzinsungsfaktoren gegen Null laufen bzw. sich sogar in Aufzinsungsfaktoren wandeln. Damit steigt im Rahmen der Asset Allocation auch ganz ohne exzessives Fiat Money der Gegenwartswert aller Assets.

        Um diese neue NIRP-Welt durchsetzen zu können will nach Goodfriend et. al. nun auch Kocherlakota das Bargeld verbieten: https://www.bloomberg.com/view/articles/2016-09-01/want-a-free-market-abolish-cash

        LG Michael Stöcker

  5. Dietmar Tischer says:

    @ M. Stöcker

    >Die monetäre Ungleichheit ist eine Folge der Ungleichheit zwischen Verschuldungszunahme und realem Wachstum;>

    Das ist eine Aussage, die so nicht stimmt – und das nicht nur seit Menschengedenken.

    Die monetäre Ungleichheit ist zumindest AUCH eine Folge davon, dass in einer mit Kapital produzierenden Tauschwirtschaft Geld akkumuliert werden kann, weil Kapital als Produktionsfaktor einen Preis hat, der bei Bezahlung dessen Eigner „belohnt“.

    Wer kein Kapital hat bzw. einsetzt, wird nicht belohnt.

    Dieser UNTERSCHIED generiert monetäre Ungleichheit und hat nichts mit Verschuldungszunahme und realem Wachstum zu tun.

    Und auch nichts mit Assetpreisinflation.

    Antworten
  6. Dietmar Tischer says:

    @ Michael Stöcker

    >Das kann man durchaus gelegentlich beobachten>

    Sophisticated – Sie sind hier natürlich der Geldexperte.

    Auch wenn Sie meinen, dass es ein Kategorienfehler ist, einen ANSPRUCH, den man hat oder nicht hat, zu tauschen:

    Er wird FAKTISCH getauscht – jeden Tag millionenfach.

    Für den Euro gilt, dass Münzen und Scheine in das EIGENTUM des Inhabers übergehen. Das Eigentum an GELD wird wie bei den Inhaberpapieren durch einfache Einigung und Übergabe verschafft (§ 929 BGB, Satz 1).

    Also:

    Jemand verschafft mir Eigentum an 2 Brötchen durch Einigung und Übergabe und ich verschaffe ihm DAFÜR eine Menge Geldes durch Einigung und Übergabe.

    Diese gegenseitige Verschaffung von Eigentum ist ein Tausch, weil sie mit einem BESTIMMTEN Bezug durchgeführt wird.

    Der Bäcker nimmt schließlich nicht irgendwelches Geld, das auf der Theke rumliegt und ich nicht irgendwelche Backwaren, die in einem Korb ausgelegt sind.

    Dass man den einen Akt der Eigentumsverschaffung Zahlung nennt und den anderen Erwerb einer Sache, ist in diesem Zusammenhang unerheblich.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Nicht nur „Sophisticated“ sondern auch Soffisticated. Der Tausch wird im BGB nicht besonders behandelt, da die romantischen Vorstellungen einer Robinsonade schon lange vor dem 01.01.1900 keine reale Bedeutung mehr hatten. Geld ist zwar den Inhaberpapieren gleichgestellt, damit aber noch lange nicht das Gleiche. Ein Inhaberpapier ist ein verbrieftes Recht. Welches Recht wollen Sie aber aus einer Banknote ableiten???

      Der Unterschied wird deutlich im Vergleich mit einer Briefmarke. Eine Briefmarke ist ein verbrieftes Recht zur Beförderung von Briefen. Eine Briefmarke wird typischerweise durch Zahlung des Kaufpreises erworben. Briefmarken kann man also kaufen. Kann man Geld kaufen???

      Geld entsteht durch einen Kreditvertrag (Forderung/Verbindlichkeit) und ist der Standard, mit dem Forderungen und Verbindlichkeiten ausgeglichen werden, nicht aber Forderung selbst. In einer Tauschwirtschaft gibt es keine offenen Forderungen und Verbindlichkeiten und somit auch kein Geld. Insofern ist Geld gerade kein Tauschmittel, sondern ein Zahlungsmittel. Dieser kategoriale Unterschied ist mehr als eine Petitesse, wie Sie den zahlreichen Beiträgen von Mr. Soffisticated (alias enigma alias Dr. Renée Menéndez) entnehmen können sowie den Irrungen unseres Wolfgang Waldners, den wir aus gemeinsamen Diskussionen aus dem Herdentrieb kennen: https://soffisticated.wordpress.com/2012/07/21/wozu-sind-banken-da/#comment-2361

      Bei einem Tausch ist das jeweilige Tauschobjekt/Tauschpaar der Zweck an sich. Geld ist immer nur Mittel zum Zweck, bzw. darf nur immer Mittel zum Zweck sein, damit das Kreditgeldsystem ohne große staatliche Interventionen in seiner Funktionsfähigkeit erhalten bleibt. Diese Erkenntnis ist so neu nicht. Aristoteles unterschied von daher auch zwischen der Ökonomik als Hausverwalterkunst und der Chrematistik als der Kunst des Gelderwerbs.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Ich sage doch nicht, dass Geld DASSELBE ist wie z. B. eine Briefmarke.

        Keiner bezweifelt, dass es Unterschiede, sogar fundamentale Unterschiede gibt.

        Es kommt aber darauf an, ob sie relevant sind mit Blick auf das, worum es hier geht, nämlich „Tauschen“ als physischen Akt. Darum geht es mir – und um nichts weiter. Das ist natürlich in gewisser Weise banal, freilich nicht für Geldtheoretiker, die sofort das große Missverständnis darin verbinden. Gerade deshalb darf und muss darauf verwiesen werden. Jedenfalls sagt jeder, der vernünftigerweise über Geld redete auch: Es ist Tauschmittel, was nichts anderes heißt, als dass man es gegen etwas tauschen kann. Das heißt natürlich noch lange nicht, dass die die Tauschwirtschaft dasselbe ist wie eine Zahlungswirtschaft. Ich habe dies jedenfalls nicht behauptet.

        Sie liegen mit Ihren Ausführungen daher neben der Sache:

        Der Unterschied wird deutlich im Vergleich mit einer Briefmarke. Eine Briefmarke ist ein verbrieftes Recht zur Beförderung von Briefen. Eine Briefmarke wird typischerweise durch Zahlung des Kaufpreises erworben. Briefmarken kann man also kaufen. Kann man Geld kaufen???

        Die Frage ist nicht, ob ich Geld kaufen kann, sondern ob ich Geld tauschen kann.

        Die Frage ist auch nicht, wie Geld entsteht.

        Die Frage ist, ob ich Geld tauschen kann.

        >Geld ist immer nur Mittel zum Zweck, bzw. darf nur immer Mittel zum Zweck sein, damit das Kreditgeldsystem ohne große staatliche Interventionen in seiner Funktionsfähigkeit erhalten bleibt.>

        Sie sagen, wie Geld GENUTZT werden muss, damit es funktioniert.

        Genau das sage ich auch, wenn ich behaupte, dass es getauscht wird – und DAMIT funktioniert.

        Zum anderen operieren Sie mit Behauptungen, die bestenfalls ins Niemandsland führen, wenn Sie sagen:

        >Bei einem Tausch ist das jeweilige Tauschobjekt/Tauschpaar der Zweck an sich.>

        Ich weiß nicht, was der „Zweck an sich“ einer Kartoffel ist. Ist er, dass ich sie esse oder in den Boden stecke, um Kartoffeln zu ernten?

        Da war Marx schon weiter als er mit Bezug auf Aristoteles seine Ökonomie an dem Unterschied zwischen Gebrauchs- und Tauschwert festmachte.

      • Michael Stöcker says:

        „Die Frage ist, ob ich Geld tauschen kann.“

        Ein Tauschvertrag unterscheidet sich vom Kaufvertrag durch die Kaufpreiszahlung: https://de.wikipedia.org/wiki/Tauschvertrag. Kaufpreiszahlungen sind – sofern nichts anderes vereinbart wurde – durch das gesetzliche Zahlungsmittel zu leisten. Ein Zahlungsvorgang ist demzufolge KEIN Tauschvorgang, obwohl Geld im Sinne des Sachenrechts eine Sache ist und somit auch eine Sache übergeben wird.

        LG Michael Stöcker

  7. Dietmar Tischer says:

    @ Michael Stöcker

    Warum machen Sie es so kompliziert und damit verbunden so missverständlich?

    Auf meine Behauptung

    „Zahlungswirtschaft statt Tauschwirtschaft: „o.k. aber auch in der Zahlungswirtschaft wird getauscht“ hätten Sie doch einfach sagen können:

    Stimmt in dem Sinne, in dem Tauschen im ALLGEMEINEN gebraucht und verstanden wird (Ich gebe/du gibst; ich nehme/du nimmst). Aber da wir auf den WESENTLICHEN Unterschied zwischen einer Wirtschaft, in der Ware gegen Ware den Eigentümer wechselt und einer, bei der – mit erheblich anderer, weitreichenderer Funktionalität über einen solchen „Akt“ hinaus – ein MITTEL, nämlich Geld für den Eigentumsübertrag genutzt wird, unterscheiden wir zwischen Tausch- und Zahlungswirtschaft.

    Dieser Unterscheidung nach kann in einer Tauschwirtschaft kein Geld akkumuliert werden.

    Insofern kann man nicht sagen, was Sie sagen, nämlich, dass

    „Die monetäre Ungleichheit ist zumindest AUCH eine Folge davon, dass in einer mit Kapital produzierenden Tauschwirtschaft Geld akkumuliert werden kann…“

    Mit dieser Antwort hätte ich nicht die geringsten Probleme gehabt.

    Ich habe Probleme mit Ihren Antworten, weil sie unterschlagen bzw. implizit sogar abstreiten, dass Tauschen ein allgemein gebrauchter Begriff ist, der der Geldverwendung sinnvollerweise zugeschrieben wird.

    Wenn Sie dem widersprechen, würde ich gern von Ihnen hören, dass ALLE, die Geld als Tauschmittel ansehen und es so benennen – ja, als ein Mittel, aber eines für den TAUSCH und damit BETEILIGT am Tausch –, Idioten sind.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Lieber Herr Tischer,

      ich fordere von Ihnen lediglich die gleiche Präzision in der Sprache, die auch Sie immer wieder von anderen einfordern. Ich bestreite doch gar nicht, dass die Umgangssprache diese Differenzierung nicht vornimmt. Das ist an sich auch nicht weiter schlimm, sofern man eine richtige Vorstellung über die dahinter liegenden Sachverhalte hat.

      Beispiel: Die Sonne geht unter. Alle aufgeklärten Menschen wissen, dass die Sonne selbstverständlich nicht unter geht, weil das heliozentrische Weltbild das geozentrische abgelöst hat. Beim Geld ist dies leider nicht der Fall. Wir glauben, dass die Geldmenge und der Zins durch die ZB determiniert wird, dass das Geld einen eigenständigen Wert hat und dass wir von daher das Geld aus unserem Denken streichen können und von einer Tauschwirtschaft reden können. Wir glauben es nicht nur, sondern die gesamte ökonomische Lehre basiert auf diesem mittelalterlichen Denken. Hierarchie und Hybridität des Geldsystems sind weitgehend unbekannte Eigenschaften. Wenn wir dann irgendwann einmal den Sprung aus dem monetären Mittelalter geschafft haben sollten, dann können wir auch gerne wieder davon reden, dass wir Güter und Dienstleistungen gegen Geld „tauschen“ und von mir aus auch, dass Banken Geld „verleihen“.

      Bis dahin habe ich allerdings größte Probleme mit Ihrer Aussage, „dass Tauschen ein allgemein gebrauchter Begriff ist, der der Geldverwendung sinnvollerweise zugeschrieben wird.“ Eben nicht „sinnvollerweise“, da sich selbst den Ökonomen unser Geldsystem dadurch nicht erschließt. Das fundamentale Problem der Fristentransformation gibt es in einer Tauschwirtschaft nicht.

      Mit Idiotie hat dies alles nichts zu tun, sondern vielmehr mit einem fehlerbehafteten ökonomischen Weltbild, das gerade lediglich eine marginale Änderung erfährt, wenn man den Ausführungen von Norbert Häring Glauben schenken darf: http://norberthaering.de/de/27-german/news/679-vfs. Ich hatte noch keine Zeit, dieses neue Portal zu prüfen: http://www.core-econ.org/

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        >Bis dahin habe ich allerdings größte Probleme mit Ihrer Aussage, „dass Tauschen ein allgemein gebrauchter Begriff ist, der der Geldverwendung sinnvollerweise zugeschrieben wird.“ Eben nicht „sinnvollerweise“, da sich selbst den Ökonomen unser Geldsystem dadurch nicht erschließt. Das fundamentale Problem der Fristentransformation gibt es in einer Tauschwirtschaft nicht.>

        Präzision der Sprache – da sind wir uns einig.

        Andere und ich reden von GELDVERWENDUNG und meinen bei diesem Bezug den Begriff Tauschen gebrauchen zu dürfen.

        Sie reden von GELDSYSTEM und meinen, dass es bei diesem Bezug nicht verstanden wird. Und mehr noch: Dass es – das Geldsystem und letztlich unser Wirtschaftssystem – falsch verstanden wird.

        Sie haben VÖLLIG recht.

        Der Hinweis auf die Fristentransformation genügt, um dies klarzumachen.

        Nur:

        Es geht nicht nur immer darum, das System zu verstehen, sondern manchmal nur darum, ein Verfahren richtig, d. h. dem Sprachgebrauch entsprechend verständlich zu benennen.

        Man muss das System aber immer (mit) Blick haben, ohne damit gleich die Gültigkeit des Sprachgebrauchs und das, was damit ausgedrückt wird, zu verneinen.

        Heißt:

        „Tausch“ ist eine sinnvolle, verständliche Beschreibung der Geldverwendung mit Bezug eine einzelne Transaktion. Es ist aber eine DEFIZITÄRE Beschreibung und auch eine IRREFÜHRENDE, wenn man dabei stehen bleibt. Denn sie verstellt den Blick darauf, dass eine Geldwirtschaft den Bedingungen und der Funktionalität nach nicht wie eine Tauschwirtschaft (vereinfacht: Summe er Einzeltransaktionen) funktioniert.

        Das ist eine Ausdifferenzierung, die Ihrer Auffassung gerecht wird, ohne dass Sie – berechtigte andere, meine z. B. – in die Ecke stellen müssen.

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