Die Schulden­formel signalisiert zumindest „gelb“

Olivier Blanchard, langjähriger IWF-Chefvolkswirt, hat sich in der Vergangenheit immer entspannt gezeigt, wenn es um Staatsschulden ging. Schließlich wären die Zinsen so tief. Und wenn nicht, dann müsse man die Schulden einfach monetisieren:

Der Ex-Chef-Ökonom des IWF erklärt, was kommen muss: „Monetarisierung“

Eine Inflation und Zinswende weiter klingt das plötzlich ganz anders.

Es geht um die wichtigste Größe für finanzielle Stabilität:

  • „The most important fiscal relationship, the gap between real rates and long-term growth (‚r minus g‘), has gone from negative to near-zero.“ – bto: Das bedeutet, dass die Schulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt steigen, sofern man nicht einen Teil der Zinsen auf den ausstehenden Schulden aus den Steuereinnahmen bezahlt. Und das machen Politiker sehr ungern.
  • Olivier Blanchard, MIT professor, IMF chief economist during the global financial crisis, (…) is worried about where the fiscal story ends. In a blog post this month, he lays out the ultra-narrow path governments must walk: reducing fiscal burdens slowly enough to avoid killing demand, but quickly enough to soothe bond investors, all while investing in military readiness and climate mitigation.“ – bto: Klar, sobald man echt für die Zinsen zahlen muss, kann man das alles nicht mehr und es gibt die Gefahr steigender Schulden und Zinsen.
  • Unhedged: You make a distinction in your blog post between high debt ratios, which are somewhat inevitable given our political situation, and a debt explosion. How do we know when we have crossed that line? And what are the consequences of an explosion?Olivier Blanchard: That’s indeed the issue. Visually, one is a convex curve, which explodes, and one is a concave curve, which converges to some level.“ – bto: So weit, so gut.
  • The simple case is where r minus g is zero, roughly where we are today. Then you just ask: is there a plan to actually get primary deficits to zero in some finite time, in a credible way? (…) That’s how you decide when one is okay and the other is not.“ – bto: Das Primärdefizit ist das Defizit vor Zinszahlungen. Ist es Null, leiht sich der Staat genau das Geld, welches er für die Zinszahlungen benötigt.
  • And why are long rates rising? Blanchard: That’s the trillion-dollar question. There are a number of possible factors. The first thing is policy being tighter for longer. As I just said, I don’t believe that that’s relevant five years out. (…) Second is a higher than expected inflation rate into the distant future. The break-even rates [ie, market pricing of future inflation] suggest that long-run inflation expectations really have not moved much, so this can be left aside as well. Third, markets could be pricing in a credit spread on long Treasuries [suggesting US sovereign bonds carry some default risk]. I do not think this is the case.“ – bto: … oder Investoren erwarten doch Inflation – anders als das die Inflationserwartungen suggerieren.
  • Then there’s the notion that maybe we’re going to have stronger private demand. It could be due to consumers consuming more; I’m sceptical, because I think they are consuming more because they have higher savings, and this will go away. But it’s conceivable that we’re going to be serious about green investment. And that could increase the investment rate by, say, 1 per cent of world GDP. This could do something to the long rate, but I think that, for the time being, it’s a marginal effect.“ – bto: Vor allem, weil die grünen Investitionen eher einen Konsumcharakter haben.
  • The next one is higher potential growth — that a higher r comes with a higher g. Maybe artificial intelligence is going to create an enormous productivity boom. It’s not crazy . . . 1 per cent a year more is not inconceivable. This would explain why long rates have gone up. If this is the case, then the increase in r is not such bad news, as it comes with an increase in g.“ – bto: Somit wären die Schulden wieder “stabil”.
  • Finally, we get to the factor which is probably most relevant, which is what finance people call the term premium. You can think of it in two ways. The first one is in terms of [Treasury bond] flow supply and flow demand. At this stage, there is a lot of supply and for various reasons there is less demand. There is QT [quantitative tightening], which is increasing supply from the Fed. It’s conceivable that that’s part of it. (…) The second one is to think of the term premium as a risk premium. One hypothesis is that we may be worrying more about the variance of inflation. I don’t think that’s it, because in that case we would see the nominal rates go up, but not rates on inflation-indexed bonds. But these rates have gone up as well. So this leaves uncertainty about real rates — with uncertainty about future real rates leading to higher long real rates today. This is not a crazy hypothesis. There are many reasons to think that there’s more uncertainty.“ – bto: Ich denke dabei auch an die geopolitischen Konflikte.
  • Unhedged: What would be the economic consequences if, in the US, debt ratios did explode? How should central bankers respond? Will there be a temptation to monetise the debt? Blanchard: My sense is investors are not yet worried about being repaid if they hold Treasury bonds. (…) A scary alternative scenario is that Donald Trump is elected, that he puts a lackey at the Fed, who monetises some of the debt, and we get high inflation. We know that high unexpected inflation does great things for the debt ratio.“ – bto: Als wären die Schulden nicht schon so auf einem unsustainable path…
  • My sense is it’s going to boil slowly. I don’t know how it ends; not smoothly, is my guess. There is a happier outcome in which somehow the president and Congress get scared early enough to actually be willing to act, taking up entitlements and so on. Let’s hope it happens.“ – bto: Siehe Deutschland: Auch da gibt es keine Hoffnung.

ft.com (Anmeldung erforderlich): „Olivier Blanchard on debt explosions“, 17. November 2020

Kommentare (24) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. jobi
    jobi sagte:

    @Lothar

    Zentralbanken waren auch in 2023 die größten Nettokäufer.
    Man positioniert sich für das unausweichliche Ende des Fiat-Geldsystems.

    Beim Neustart wird Gold eine Rolle bei der Neukapitalisierung der Notenbanken spielen.

    Gold bietet sich an, da es seit 6000 Jahren Vertrauen genießt, worüber man daher keine Einigkeit erzielen muss, denn eine Einigung auf einer neuen Weltwährungskonferenz, wie nach WW2, dürfte unter den gegenwärtigen globalen Machtverhältnissen ausgeschlossen sein.

    Der Wettlauf der Notenbanken um die Goldreserven wird sich weiter zuspitzen. Seit der Westen Manipulationsmöglichkeiten und damit Preissetzungsmacht beim gelben Metall verloren hat, wird der Preis-Spread zwischen LBMA und Shanghai Gold Exchange zunehmend größer. Dadurch wandert das Gold kontinuierlich vom alten Machtzentrum in Richtung des neuen. So war es bei jedem größeren Umbruch in der Geschichte.

    Antworten
      • jobi
        jobi sagte:

        @dobeldo

        Kann jetzt keinen Widerspruch erkennen.

        China fördert den privaten Goldbesitz, da die Vermögensbildung in Immobilien ausgefallen ist. Gleichzeitig wurde der Goldmarkt strenger kontrolliert, um im Bedarfsfall lückenlosen Zugriff zu erhalten. Auch wenn die Arbitragemöglichkeiten erschwert wurden, die Goldwanderung wird dadurch nicht verhindert.

      • dobeldo
        dobeldo sagte:

        Wenn man die Goldimportlizenzen verringert und somit das Angebot begrenzt, dann passiert was? Der Preis steigt…

        Überraschung.

      • weico
        weico sagte:

        Anzahl Goldimportlizenzen hat einen Einfluss auf die Menge aka “das Angebot”…!?

        Wirklich eine Überraschung..! :-)

        Sobald ihre Medikamente richtig eingestellt sind,kommen sie ( vielleicht) ganz selber darauf…welchen Stuss sie so raustrollen.

      • dobeldo
        dobeldo sagte:

        Bloß nicht konkret werden weico, da holt man sich wieder eines auf die Nase. Schön unkonkret bleiben wie im Trollkurs gelernt ;-)

        Als ob ich jetzt stundenlang einen Fehler suche :D ich weis doch wer sie sind und das sie traurig sind bloß weil es jetzt hier jemanden gibt der ihre ganzen Lügen benennt.

        Heul leise ;-) ;-) ;-)

    • Michael Stöcker
      Michael Stöcker sagte:

      @ jobi

      „Man positioniert sich für das unausweichliche Ende des Fiat-Geldsystems.“

      Le roi est mort, vive le roi!

      Und in diesem Kontext immer an das Diktum von Rudi Dornbusch denken.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • jobi
        jobi sagte:

        @M.Stöcker

        Mit Rudi Dornbusch assoziiere ich “Nach dem Spiel ist vor dem Spiel”.

        Falls ich mich irren sollte – klären Sie mich auf.

      • Richard Ott
        Richard Ott sagte:

        @Genosse Stöcker

        “Le roi est mort, vive le roi!”

        Naja, mit der Königstreue ist das so eine Sache, wenn der neue König eine neue Mannschaft am Königshof installiert und die alten Getreuen seines Vorgängers für wenig vertrauenswürdig hält…

        Da fällt mir ein: Haben Sie eigentlich den Goldanteil in Ihrem persönlichen Investment-Portfolio mittlerweile erhöht?

      • Renée Menéndez
        Renée Menéndez sagte:

        Man könnte ja polemisch sagen, daß die Notenbanken sich immer noch als Notenbanken verstehen, weil Banknoten ein Forderungsrecht auf Gold etc. waren und sie ja schließlich (wie sie wohl glauben immer noch) Banknoten emittieren. Daß die heutigen Geldscheine keinen Forderungsinhalt mehr aufweisen (und daher in diesem Sinne keine Banknoten mehr sind) und daher Geldschulden mit dem beglichen werden, was sie selbst aufgrund einer internen Entscheidung in beliebiger Menge schaffen können (und eben nicht aus dem Boden kratzen müssen), hat sich bei den Zentralbankern offensichtlich noch nicht herumgesprochen. Immerhin legt Hellwig gelegentlich den Finger auf die Wunde der fehlenden Erklärung für den “Geldwert”, ohne dafür eine Lösung zu haben, was er selbst eingesteht. Kunststück: für eine falsche Frage gibt es auch keine zutreffende Antwort.
        https://www.youtube.com/watch?v=GJmumMhZ5ss

        Darüber hinaus sind praktisch alle Zentralbanker mit einer Werttheorie erzogen worden, die Gold als Gut und numéraire konzipiert, weswegen immer noch der “Wertanker” im besagten “barbarischen Relikt” gesucht wird. Daß der “Wertanker” für Geldscheine das Lohnniveau ist, wissen sie schlichtweg nicht, sondern glauben lieber an die angeblich ausgleichenden Wirkungen von Angebot und Nachfrage. Deswegen wird bei Restriktionspolitik auch auf die Dämpfung der Nachfrage abgezielt, während die Vorgänge bei Lohnverhandlungen nicht mal mit der Kneifzange angefaßt werden. Falls ihnen aber die Ergebnisse der “Tarifautonomie” nicht passen, erzeugen sie eine Konjunkturkrise, um die “Inflationserwartungen wieder zu verankern”.

        Blöder geht’s kaum…

      • Michael Stöcker
        Michael Stöcker sagte:

        @ jobi

        „Haben Sie eigentlich eine Erklärung dafür, warum die Notenbanken so scharf auf das “barbarische Relikt” sind ?“

        Woran machen Sie „so scharf“ fest? Und um welche Länder soll es sich dabei handeln. Wieviel Prozent machen die Zukäufe am Gesamtbestand aus? Ab welchem Prozentsatz sollte man Ihrer Ansicht nach von „so scharf“ sprechen?

        Und Sie sollten bedenken, dass mit jedem Goldkauf durch die ZB die Geldmenge M1… steigt, was – folgen wir der Logik von PW, was wir allerdings nicht müssen – tendenziell die Inflation befeuert.

        Warum sollten ZBen überhaupt Gold halten: Es ist die ultimative Absicherung gegen gesellschaftliche Zerfallsrisiken; also der gleiche Grund, warum jedes Individuum ein wenig Gold besitzen sollte. Denn Geld ist ein Geschöpf der Rechtsordnung. Wenn diese zerfällt, dann zerfällt auch die Währung und man kehrt zurück zur (Gold)Tauschwirtschaft.

        LG Michael Stöcker

  2. Michael Stöcker
    Michael Stöcker sagte:

    Wenn es nach Jamie Dimon (sic!) ginge, dann ließe sich die Verschuldungs- und Einkommensproblematik durch ein wenig höhere Steuern für die Reichen lösen: https://youtu.be/-nUs_ppctB4?t=1848 . Es war seine Antwort an Bill Ackman auf die Frage, was er als erstes machen würde, wenn er als Präsident gewählt würde.

    Die etwas gebildeteren Reichen wissen eben, dass hohe Geldschulden das Spiegelbild hoher Geldvermögen sind und man den Mistgabeln vorbeugen sollte.

    Antworten
  3. komol
    komol sagte:

    Ich glaube der Hauptfehler der Argumentation liegt darin, dass man annimmt, dass Preise immer noch einen Informationsmechanismus über zukünft. Entwicklungen darstellen. Das mag in G3 gestimmt haben, hakt aber im Zuge eines so epochalen Strukturwandels von Wirtschaft und Gesellschaft, wie ihn der Übergang von G3 zu G4 mit sich bringt, und wo es ja genau und Information und Kommunikation geht, aus. Insofern ist vieles, was Ökonomen in dieser Zeit bringen, ist einfach nur ratloses Gequatsche. Besser wäre es für alle, wenn wir die Ökonomen nochmal auf die Schulbank setzen, und ihr sozialwissenschaftliches Halbwissen erweitern und vervollständigen würden. Denn Halbwissen ist das Gefährlichste, was es gibt.

    Antworten
    • foxxly
      foxxly sagte:

      ihre aufgeführen symptome sind primär die begleiterscheinungen in dieser endphase des schuldgeldsystems.
      die komplette wirtschaftsgesellschaft gerät dadurch in unordnung und aus den fugen.

      und dies ist noch nicht das ende!

      Antworten
    • JürgenP
      JürgenP sagte:

      @komol “… Halbwissen erweitern und vervollständigen”.

      In welche Richtung müsste es erweitert und vervollständigt werden, welcher Inhalt ist angesagt? Betrifft es nur Ökonomen, oder auch bspw. Architekten und Ingenieure gleich welcher Fakultät, die Handwerksunternehmer, den Verwaltungsbeamten- / angestellten … usw.? Gib es Institutionen, die bereits schulen für “Erweitern + Vervollständigen” können? Welche sollen das sein, woran sind sie erkennbar?

      Nach gelb folgt bekanntlich rot: was soll geschehen in z.B. Bezug auf das heutige Thema “Schulden”, bis eine genügende (?) Zahl von Akteuren die “Fortbildung” erfahren haben (weiter so, voll auf die Bremse treten, radikal umsteuern)?

      Antworten
    • Stoertebekker
      Stoertebekker sagte:

      @komol

      Bzgl. Ökonomen und Studierbank (nicht Schulbank, weil Neues entwickelt werden muss) stimme ich zu.

      Ansonsten ist dieses Gerede vom Primat der Soziologie ziemlich dünn. Es war/ist/wird so (bleiben), dass die Menschen zunächst mal essen, wohnen und sich kleiden müssen. Und wenn die geisteswissenschaftlich ausgebildeten Chefs grundlegende naturwissenschaftliche Zusammenhänge nicht verstehen, fliegt ihnen bei Essen/Wohnen/Kleiden bereits alles um die Ohren. Alles danach Kommende sind dann Träumereien von durch andere Alimentierten..

      Antworten
      • Richard Ott
        Richard Ott sagte:

        @die verzweifelnden Herren

        Ich find die Beiträge von komol wertvoll – schon weil unsere grünen Minister wahrscheinlich tatsächlich von solchen Soziologie-Transformations-Schwätzern beraten werden. Das muss man also zur Kenntnis nehmen.

  4. Lothar
    Lothar sagte:

    Der niederländische Zentralbankdirektor Aerdt Houben hat kürzlich über die Bedeutung von Gold in einem Szenario des finanziellen Zusammenbruchs gesprochen. In einem Interview betonte er, dass Gold aufgrund seiner Eigenschaften als Absicherung im Falle einer weltweiten Wirtschaftskrise dienen könnte.
    https://news-krypto.de/krypto-news/direktor-der-niederlandischen-zentralbank-stutzt-gold-fur-finanzkollaps-szenario/
    Natürlich erwartet man von Zentralbanken, dass sie das Szenario einer weltweiten Wirtschaftskrise durchspielen und sich dagegen absichern. Das ist also nichts Neues und es gibt sicher unter den Zentralbanken abgestimmte Strategiepapiere, aber es scheint zumindest, dass man diese Absicherung in letzter Zeit intensiviert. Und es zeigt, dass Gold gut zur Wertaufbewahrung geeignet ist und Potential besitzt, insbesondere in unsicheren Zeiten wie diesen.

    Antworten

Ihr Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie uns Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.