Mit (Index-)Garantie maue Rendite

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Dieser Kommentar erschien bei WirtschaftsWoche Online:

Der MSCI Welt-Index und der Subindex für die Emerging Markets enthält ab kommendem Jahr auch Aktien aus China. Ein weiterer Beweis für die Gefahr des Index-Investing.

Herzlichen Glückwunsch: Ab sofort steigt der Anteil hoch verschuldeter Unternehmen unter staatlichem Einfluss in Ihrem Portfolio. Dass die Renditeaussichten damit sinken, liegt auf der Hand. Staatliche Kontrolle hat noch nie die Rendite von Unternehmen gesteigert – die Politik von Singapur mag hier die berühmte Ausnahme sein, die die Regel bestätigt. Noch sind hohe Schulden ein Qualitätsausweis für künftige Erfolge. Doch in Wirklichkeit gibt es kein eindeutigeres Warnsignal als eine deutlich steigende Verschuldung des Unternehmenssektors für kommende Krisen. Sowohl 1929 in den USA wie auch 1990 in Japan war die hohe Verschuldung der Unternehmen Ursache für den nachfolgenden Einbruch.

China vor Turbulenzen

Im Fall der Aufnahme der China-A-Aktien in den MSCI-Index wenden Optimisten ein, dass es sich wegen des staatlichen Einflusses bei diesen Unternehmen ja eher um Staats- als um Privatschulden handelt, weshalb Sorgen unbegründet seien. Trotzdem bleibt es bei der Einschätzung: Die Aufnahme Chinas in den Weltaktienindex dürfte sich für die Investoren eher als eine Renditebremse als ein Renditeturbo erweisen.

Aus verschiedenen Gründen bin ich skeptisch. Zum einen gibt es keinen besseren Indikator für die künftigen Erträge eines Unternehmens als die Qualität der Governance. Ein Negativbeispiel in Deutschland bleibt für mich Volkswagen.  Die Aktionärsstruktur muss einen Investor, der auf Qualität achtet, abschrecken. Die lange Liste der Skandale und die sich abzeichnenden Schwierigkeiten bei der Bewältigung des technologischen Wandels sind nur Symptome für weitaus tiefer liegende Probleme. Im Zweifel müssen das immer die außenstehenden Aktionäre ausbaden.

In der Tat zeigen verschiedene Studien, dass gerade in Schwellenländern die Aktien von Unternehmen mit Staatseinfluss mit einem deutlichen Abschlag gegenüber rein privat gehaltenen Firmen notieren. Die Märkte befürchten zu Recht, als ausstehende Aktionäre schlechter behandelt zu werden. Das macht die Aktien zwar günstiger, dennoch dürfte auch die Rendite über Zeit geringer ausfallen.

Zum anderen ist es ein offenes Geheimnis, dass die Verschuldung des chinesischen Unternehmenssektors die weltweite Finanzstabilität gefährdet. Dabei ist die chinesische Führung in einem Dilemma gefangen. Entweder sie lässt einen weiteren Anstieg der Verschuldung für mehr oder weniger sinnvolle Investitionen zu oder aber der Ersparnisüberschuss der privaten Haushalte ergießt sich in Form deutlich steigender Handelsüberschüsse auf die Weltmärkte. (Der Zusammenhang ist hier erklärt). Die Folge wäre ein deflationärer Schock für die Weltwirtschaft und zweifellos erhebliche protektionistische Maßnahmen der anderen Regionen, allen voran der USA. Angesichts dieser Optionen versucht die chinesische Regierung die Mittelverwendung der Unternehmen in produktivere Kanäle zu lenken und unterzieht Auslandsinvestitionen einer deutlicheren Prüfung. Nicht selten haben sich in den vergangenen Monaten westliche Beobachter gefragt, woher die chinesischen Käufer die Mittel für ihre Einkaufstouren nehmen.

Indexinvestoren kaufen teuer

Hinzu kommt, dass die Indexinvestoren teuer kaufen. Die Aufnahme Chinas erfolgt erst im Laufe des kommenden Jahres. Dennoch stiegen die dortigen Börsen in Erwartung einer Aufnahme in den Index bereits auf den höchsten Stand seit 18 Monaten. Die Investoren decken sich ein, bevor die Indexfonds nachziehen müssen. Diese können schließlich erst dann offiziell chinesische Aktien halten, wenn der Benchmark an dem sie sich orientieren dies auch tut. Wer also Fonds hält, die den Index abbilden oder sich an diesem orientieren, kann schon heute festhalten, dass er die Aktien erst später und dafür voraussichtlich teurer in seinem Portfolio hat.

Das Gleiche gilt für Saudi-Arabien, dessen Aufnahme in den Index ebenfalls diskutiert wird. Alleine am Tag der Ankündigung legte der dortige Markt um 4,3 Prozent zu. Zu Recht. Denn sollte es tatsächlich zur Aufnahme des Landes kommen, müssten rund neun Milliarden US-Dollar dort angelegt werden. Egal zu welchem Preis. Abgesehen davon dürfte sich auch Saudi-Arabien angesichts der strukturellen Probleme, vor denen das Land durch die demografische Explosion und dem zeitgleichen Ende des Ölzeitalters steht, als Ertragsbremse erweisen.

Dafür Argentinien nicht

Dabei wollen uns die Indexkonstrukteure doch schützen, sagen sie zumindest. Genau dies ist die Motivation Argentinien – übrigens die beste Börse des Jahres 2017 bisher – nicht in den Index aufzunehmen. Mit dem erwartbaren Ergebnis: die Börse fiel um fünf Prozent und die Währung zwei Prozent gegenüber dem US-Dollar. Die Spekulation ging nicht auf.

Jetzt kann man sagen – wie es die Indexkonstrukteure des MSCI tun – dass Argentinien keine gute Geschichte im Umgang mit ausländischem Geld hat. Mehr als einmal kam es in den letzten Jahrzehnten zu Kapitalverkehrsbeschränkungen und Staatsbankrotten. Eine Argumentation, die ich nachvollziehen kann. Allerdings passt das nicht so richtig zu der Tatsache, dass Argentinien in der letzten Woche eine 100jährige Anleihe begeben hat, die immerhin mehr als dreimal überzeichnet war. Sind das nur dumme Investoren, die man nicht vor einer unwirtschaftlichen Investition schützen konnte? Ich für meinen Teil jedenfalls hätte lieber argentinische Aktien statt Anleihen und übrigens auch lieber als Aktien von saudi-arabischen Firmen.

Den Käufern der Anleihe ist das sicherlich egal. Denn wie hier schon anlässlich der 100-jährigen Staatsanleihen von Irland und Belgien erläutert, kaufen sie die Papiere ja nicht mit eigenem Geld, sondern mit unserem.

Dabei, egal, ob wir wollen

Womit wir beim Punkt sind: Als Investoren in Indexfonds und in Fonds, die sich eng am Index orientieren, sind wir dabei, egal, ob wir nun wollen oder nicht. Je mehr der Trend in Richtung „passives Investieren“ (was nicht so passiv ist, wie es dargestellt wird) geht, desto geringer wird die Rendite der „passiven“ und desto größer die Chance für die wirklich „aktiven“ Investoren. Gerade in den kommenden Monaten wird sich das zeigen.

→ WiWo.de: „China-Aktien bremsen die Rendite“, 29. Juni 2017

4 Antworten
  1. Martin says:

    Der Artikel erscheint mir etwas irreführend zu sein, weil man beim flüchtigen Lesen den Eindruck bekommen könnte, China sei bisher nicht im Index vertreten und werde nun in den MSCI World aufgenommen. Es ist doch so, dass die chinesischen Aktien nicht in den MSCI World Index sondern in den MSCI Emerging Market Index aufgenommen werden. Außerdem sind bereits heute im MSCI Emerging Markets Index chinesische Aktien enthalten; sie machen mit über 20% bereits den größten Länderanteil aus. Allerdings handelt es sich dabei um chinesische „Auslandsaktien“, die in Hongkong gehandelt werden. Nun kommen einige chinesische „Inlandsaktien“ dazu. Allerdings nur einige ausgewählte, die bestimmte Kriterien erfüllen. Insgesamt soll der Anteil weniger als 1% am Index ausmachen. Über die grundsätzliche Kritik kann man sicher diskutieren, aber aufgrund der Marktmacht von China als Wirtschaftsfaktor finde ich die Entscheidung nachvollziehbar.

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  2. Wolfgang Selig says:

    Volle Zustimmung, Herr Dr. Stelter! Ich finde den offenbar bei vielen vorherrschenden Glauben interessant, dass man als Ausländer jetzt in China und Saudi-Arabien auf einmal die großen Chancen präsentiert bekommt. Mich erinnert das ein wenig an kanadische Schrottimmobilien, die in Deutschland immer mal wieder zum Verkauf ausgeschrieben werden. Wenn etwas aktiv so weit weg ohne offensichtliche Not angeboten wird, steigen die einheimischen Insider m.E. gerade aus und suchen „dummes“ Kapital, das ihnen die „Ware“ zu erhöhten Kursen abnimmt. So ähnlich erscheint mir dies bei den genannten chinesischen und saudi-arabischen Aktien derzeit auch gerade zu sein. Meine Meinung dazu ist relativ klar: wer nicht die Fähigkeit hat oder die Mühe und Zeit aufbringen will, sich um seine Geldanlage selbst aktiv zu kümmern, sollte bei cash bleiben oder er hat ein Problem. Selbst wenn Warren Buffet seiner Frau für die Zeit nach seinem Tod zum Großteil Indexfonds ans Herz legt. Ich halte es da eher mit André Kostolany: neben Geld, Glück und Geduld braucht der Aktionär vor allem eines: eigene Gedanken. Und die scheinen sich die Indexinvestoren aus Bequemlichkeit oder warum auch immer sparen zu wollen. Das wird für sie m.E. nicht ewig gut gehen.

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