Keine Entwarnung

Dieser Kommentar von mir erschien bei WirtschaftsWoche Online:

Der Oktober ist vorbei und eine Zwischenerholung könnte einsetzen. Das ändert nichts daran, dass die Märkte ihren Zenit überschritten haben.

Während sich bei uns alles um den Teilrückzug von Frau Merkel dreht und erste ernsthafte Diskussionen zur schlechten wirtschaftspolitischen Bilanz ihrer Amtszeit beginnen (siehe auch Ein ernüchternder Blick auf Deutschland), braut sich an den Weltfinanzmärkten die nächste Krise zusammen. Zwar hat es der S&P 500 mit einer kleinen Rallye, die auch den DAX mitgezogen hat, doch noch geschafft, bis Ende Oktober den geringen Jahresgewinn von 1,8 Prozent zu sichern. Die anderen Märkte bleiben jedoch ernsthaft angeschlagen.

Russland, Brasilien und USA noch im Plus

Wie groß die Probleme an den Weltbörsen mittlerweile sind, zeigt ein Blick auf die Entwicklung einzelner Handelsplätze und Marktsegmente. Dabei ist es nicht nur schwer, Märkte zu identifizieren, die noch im Plus liegen. Zunehmend schwer ist es, Märkte zu finden, die sich noch nicht in einem Bärenmarkt befinden. Von einem solchen spricht man, sobald eine Aktie oder ein Index mehr als 20 Prozent vom Höchststand der letzten zwölf Monate verloren haben.

Gewinner seit Jahresbeginn sind so betrachtet einzig der S&P und die NASDAQ (an dieser Stelle ausführlich diskutiert), die beide mittlerweile ebenfalls den Rückwärtsgang eingelegt haben, sowie die Börsen in Russland und Brasilien. Doch auch diese Märkte notieren unter dem in den letzten zwölf Monaten erreichten Hoch.

Am anderen Ende des Spektrums befinden sich der Hang Seng (Hong Kong), der CSI (China) und der MSCI Emerging Markets Index. Diese drei sind mit Kursverlusten von über 20 Prozent gegenüber dem jüngsten Hoch eindeutig in einem Bärenmarkt. An der Börse von Korea, traditionell ein Land mit großer Signalwirkung für den Zustand der Weltwirtschaft, fehlt nicht mehr viel, um auch von einem Bärenmarkt zu sprechen. Gleiches gilt für den DAX.

Besonders gebeutelt hat es Banken und Automobilwerte. Sowohl der STOXX 600 Banken wie auch Automobile haben rund 30 Prozent gegenüber dem Höchststand verloren. Dabei gibt es keinen einzigen Wert im Automobilindex, der nicht mindestens 20 Prozent gegenüber dem Höchststand eingebüßt hat. Bei den Banken notiert immerhin noch jede fünfte weniger als 20 Prozent unter dem Höchstkurs der letzten 12 Monate. Lange dürfte dies angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden Turbulenzen an den Finanzmärkten nicht mehr der Fall sein.

Indizes wiegen in falscher Sicherheit

Ohnehin ist es gefährlich, auf die Indizes zu schauen, wenn man einen Markt beurteilen will. So haben wir an dieser Stelle immer wieder diskutiert, wie dünn die Aufwärtsbewegung an der Wall Street geworden ist. So standen hinter dem Rekord im S&P 500 vor allem sechs Aktien: Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Microsoft und Google (Alphabet). Immerhin ein Drittel der Kursgewinne ging seit dem Tief vom Februar auf diese Werte zurück. Beim NASDAQ war die Entwicklung extremer. Nach Daten von Bloomberg hatten alleine Amazon, Apple, Netflix und Google einen Anteil von 48 Prozent am Durchbruch über 8000 Punkte.

Seither haben Amazon, Google (Alphabet) und Netflix in der Spitze über 20 Prozent verloren, Apple über zehn Prozent. Ende Oktober waren immerhin fast 40 Prozent der Indexbestandteile von S&P 500 und NASDAQ bereits im Bärenmarkt. Nicht besser sieht es im Rest der Welt aus (Anteil der Indexbestandteile im Bärenmarkt):

  • MOEX (Russland): fast 40 Prozent
  • Bovespa (Brasilien): 40 Prozent
  • Nikkei (Japan): über 40 Prozent
  • STOXX 600 (Europe): über 40 Prozent
  • FTSE (UK): über 40 Prozent
  • DAX: 60 Prozent
  • S&P BSE (Indien): über 60 Prozent
  • Hang Seng: 65 Prozent
  • KOPSI (Korea): über 80 Prozent
  • CSI (China): über 80 Prozent

Man muss kein Charttechniker sein, um diese Zahlen als eindeutiges Warnsignal zu sehen.

Der „Alles-Blase“ geht die Puste aus

Deutlicher kann man nicht unterstreichen, dass es langfristig keinen Wohlstand schafft, wenn Notenbanken ungebremst und billig Liquidität in die Märkte pumpen. Es sind immer nur temporäre Strohfeuer, die angefacht werden, wobei ich zugestehen muss, dass das aktuelle Strohfeuer an den Börsen lange nachgewirkt hat, was auch daran liegen dürfte, dass die Dimensionen historisch einmalig sind. Doch auch dieser „Alles-Blase“, die zeitweise alle Vermögenswerte von Anleihen über Aktien und Immobilien bis hin zu Kunst und anderen Sammlerobjekten getrieben hat, geht immer offensichtlicher die Puste aus. Damit erleidet sie das Schicksal früherer Blasen auch.

Erinnert sei an dieser Stelle daran, dass der Dow Jones in Gold gerechnet 1999 seinen historischen Höchststand erreicht hat. Der Euro-STOXX 50 hatte sein All-Time-High (in Euro!) im März 2000 und liegt 18 Jahre später immer noch über 40 Prozent unter dem Stand von damals! Der Shanghai Composite Index erreichte sein Höchst im Oktober 2007 und liegt trotz der beeindruckenden schuldenfinanzierten Expansion in China immerhin 60 Prozent unter dem damaligen Niveau. Bitcoin- und Marihuana-Aktien dürften die vorerst letzten Blasen sein, die geplatzt sind.

Bleibt die Frage: Wie geht es an den Märkten weiter? Trotz der jüngsten Korrekturen an der Wall Street scheint er immer noch ein gehöriges Maß an Optimismus zu geben. Große Spekulanten, vor allem Hedge-Fonds, haben in den letzten Tagen deutlich investiert. Sie haben sich also günstiger eingedeckt. Andererseits zeigt ein Blick auf die Geschichte, dass gerade an Wendepunkten die großen Spekulanten falsch liegen, weil sie dazu neigen dem Trend zu folgen und erst verspätet realisieren, dass der Trend wendet.

Packen wir dazu die gesamtwirtschaftliche Lage (erste Anzeichen für eine Abschwächung der Weltwirtschaft, namentlich auch in den USA, steigenden Zinsen) und die geopolitischen Unsicherheiten (Verschärfung des Handelskonfliktes, höhere Ölpreise im Zuge der Iran-Sanktionen, Brexit), spricht viel dafür – und hier wiederhole ich meine Empfehlungen der letzten Monate – Positionen abzubauen und die Liquiditätsquote zu erhöhen.

→ wiwo.de: „Die nächste Krise kommt – das sollten Anleger tun“, 8.November 2018

20 Kommentare
  1. waltomax sagte:

    Nach einigen zu kurz greifenden Theorien ist das menschliche Handeln zu einem großen Teil auf Profit gerichtet und impliziert ein stetiges Wirschaftswachstum. Inzwischen wird deutlich, dass wir auf eine Gesellschaft zusteuern, die ohne quantitatives Wachstum auskommen muss. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, bleibt und verliert sich die Diskussion weiter im gewohnten Kontext. Dazu gehört auch die Chart-Analyse, welche manchmal schon als Kaffesatzleserei daherkommt.

    Über eine Gesellschaft, die versucht, qualitativ zu wachsen, wird viel zu wenig gesprochen.

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  2. Thomas M. sagte:

    Wer aktuell nicht in Aktien oder Immobilien investieren will und seine präferierte Gold-Allokation hat, aber aus dem Euro herausdiversifizieren möchte, könnte mit einem Teil ggf. in kurzlaufende US-Anleihen gehen; ein Beispiel ist der ETF „SHY“ 1-3 Jahre Treasuries; gibt’s auch in der EU-Variante und andere Anbietern haben auch die relativ kurzlaufenden Treasuries. Dieser ETF ist wenig volatil, man hat „Tagesgeld-Zinsen“ und ggf. Währungsgewinne. Der Währungsgewinn kann natürlich auch anders herum laufen; aber langfristig (10 J.) ist der Euro zumindest im klaren Abwärtstrend gegenüber dem Dollar. (Der Dollar ist natürlich auch nicht die finale Lösung, aber er ist relativ halt eine stabile und starke Währung.)

    Ob ETF wie diese nun in einem Margin Call abrauchen? Wer weiß; aber bei der letzten Börsenkorrektur hat der „SHY“ eher zugelegt und durch die relativ kurze Laufzeit ist das Risiko nach unten auch „stärker gebremst“.

    Nur mal so als Idee, denn die Eingangsfrage von Herrn Selig wird immer älter :) Ist jetzt m.E. kein Invest, sondern eher eine Währungsdiversifizierung mit mittelfristiger Perspektive und Trostpflasterzinsen, um nicht nur in Euro geparkt auf bessere Kurse zu warten.

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    • jobi sagte:

      @Thomas M.
      Die Idee ist keine schlechte !
      Für EU-Anleger eine echte Cash-Alternative in Kombi mit Gold, denn das Währungsrisiko reduziert sich durch
      die recht stabile negative Korrelation zum Goldpreis.
      Man erhält einen Inflationsausgleich und vor allem umgeht man das Einlagerisiko bei heimischen Banken.
      Im Falle einer sich verschärfenden Eurokrise dürften sogar beide gewinnen.

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  3. Timo sagte:

    Kann es sein, dass hier immer wieder von einer „Blase“ geredet wird, die grösstenteils nicht vorhanden ist ? Lässt uns nicht das Starren auf Amerika übersehen, dass im grössten Teil der Welt von einer Aktien-Hausse nichts zu spüren ist? Die Entwicklung des S&P 500 überdeckt ,die doch eher mässigen Renditen des Restes der Welt. Herr Stelter selbst erwähnt ja, dass der Eurostooxx immer noch 40% unter seinem Alltime-High liegt.
    Wie sieht denn der Total Return seit 2008 aus:
    SPDR S&P 500 ETF 139,7%, dann kommen wir , stolze Exportweltmeister und Vorzeigewirtschaft der EU
    ishares MSCI Germany 3,38%, leicht abgehängt vom
    ishares MSCI France mit 4,91%, dann kommen wir schon in den Minusbereich mit
    ishares MSCI UK -1,73%
    ish.MSCI Spain Capped – 27,68% und schliesslich Italien mit
    ish. MSCI Italy Capped ETF mit – 45,07%
    Der Rest der Welt sieht auch nicht besser gegenüber dem S&P 500 aus.
    Die letzten 10 Jahre zeigen einen Total Return des S&P 500 von 189,17%gegenüber dem MSCI World ex US von 42,41% und Emerging Markets von 36,65%.(Charlie Bilello)
    USA überstrahlt alles und verfälscht so das ganze Bild.

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    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Timo

      >Kann es sein, dass hier immer wieder von einer „Blase“ geredet wird, die grösstenteils nicht vorhanden ist ?>

      Ich bin nun wahrlich nicht der Experte für diese Diskussion.

      Ich frage nur einmal:

      Kann es nicht sein, dass die Existenz bzw. Nichtexistenz einer Blase von den FINANZIERUNGSBEDINGUNGEN für Käufe von Assets auf dem bestehenden Bewertungsniveau abhängt?

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  4. troodon sagte:

    @ Timo
    „USA überstrahlt alles und verfälscht so das ganze Bild.“
    Zustimmung von mir.

    Man kann sich auch den KURS-Dax in den letzten 20 Jahren einmal ansehen. Seit Ende Oktober 1998 ergibt sich aktuell eine jährliche Rendite von 1,85%.
    Selbst wenn man das Startniveau per 1.1.1988 betrachtet, welches m.E. durch den 1987er Oktober Crash als extrem günstiges Einstiegsniveau zu bezeichnen wäre, ergibt sich eine Rendite von 5,5% p.a. Die Umlaufrendite der Anleihen Deutschlands belief sich Anfang 1988 übrigens bei 5,88%…

    Es gibt IMMER gute Gründe NICHT in Aktien zu investieren, denn die Zukunft ist nun einmal unsicher. Niemand kann somit mit Bestimmheit die zukünftige Entwicklung vorhersagen. Auch ist der ideale (kursmäßige) Einstiegszeitpunkt niemals für die Masse der Anleger richtig zu treffen.

    Dennoch, wer entweder selbst noch einen Anlagehorizont von 20 Jahren hat, oder aber für Kinder, Enkel Geld investieren möchte, der kommt m.E. auch aktuell nicht um ein Aktieninvestment herum. Ob dies dann ein Sparplan oder Einmalanlage ist , ist selbstverständlich individuell unterschiedlich.
    Wer eine angemessene Renditeerwartung von NOMINAL 5-7% hat (dann selbstverständlich INKLUSIVE Dividenden) UND etwas finanzielle Reserven besitzt, um nach starken Kursverlusten auch einmal außerplanmäßig etwas aufzustocken (und umgekehrt nach starken Haussen abzubauen), dann kann man auch jetzt in einem ETF auf den DAX oder Euro Stoxx investieren.

    Wer mit Aktien deutlich höhere Renditen erwartet, der kann dies nur durch Markttiming oder die Auswahl von Einzelaktien schaffen. Der Ausgang ist dadurch ungewisser und logischerweise nicht für die Masse der Anleger möglich.

    Die deutsche Anleger leiden generell nicht daran, dass sie einen zu hohen Aktienanteil am Vermögen haben. Das Gegenteil ist der Fall. Kursrückgänge liegen Chancen inne, die es zu nutzen gilt, auch wenn selbstverständlich das Risiko besteht, dass es in einem Monat oder einem Jahr nochmals preiswerter ist. Deshalb mein o.a. Hinweis bzgl. Zeithorizont, Sparplan und finanziellen Reserven…

    „Optimisten leiden, ohne zu klagen – Pessimisten klagen, ohne zu leiden“
    Karl Farkas

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  5. Timo sagte:

    @ trodoon
    Bei einem zu erwartenden Rentenniveau von 44,3% bis 2030, kommt man an einem Engagement in Aktien nicht herum. Leider diffamiert unsere, sozialistisch geprägte Regierung, Kapitalanlagen als „leistungsloses Einkommen“, das auch noch steuerlich begünstigt wird. So wurden alle Freibeträge von ehemals 6100 DM auf momentan 801€ reduziert, das Halbeinkünfteverfahren ganz abgeschafft.
    Die Abgeltungssteuer sieht auch ihrem baldigen Ableben entgegen. Ironischerweise kann der Politiker mit einer Pensionserwartung, die einen Gegenwert von mehreren Millionen hat, sich dabei der breiten Zustimmung des Volkes gewiss sein.
    Zurück zu den Aktien : wenn Aktien, dann so breit gestreut, wie möglich. Der DAX bezw. Eurostoxx 50 wären mir, ein zu enger Markt. Ein Grossteil des Aktienaufschwunges wird von sehr wenigen Aktien getragen. So wurde der spektakuläre Aktienaufschwung in USA von 1926 bis 2016, von 4% des Aktienspektrums von 26000 Aktien bewirkt. Die Mehrheit der anderen Aktien , hat weniger rentiert als 1Monats-Treasuries. 42,6% dieser Aktien haben etwas mehr gebracht, als der Geldmarkt.
    Über die Hälfte haben eine Negativrendite erwirtschaftet. Die durchschnittliche Lebensdauer einer Aktie, zwischen 1926 und 2016 lag bei 7,5 Jahren. Soviel zu erfolgreichem Stockpicking.(Zahlen stammen von Hendrick Bessembinder „Do stocks outperform treasury bills?“)

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    • troodon sagte:

      @ Timo
      Man könnte jetzt trefflich darüber diskutieren, ob ein weltweiter ETF mit dann unweigerlich hohem US Anteil zukünftig eine bessere Rendite erwirtschaften könnte, als man es ohne US Anteil schafft. Wir wissen es beide nicht. Uns eint, dass wir aktienorientierte Anlagen als sinnvoll bzw. gar notwendig erachten, wenn man zumindest einen gewissen REALEN Ertrag erzielen möchte. Das ist für mich das Wesentliche. Irgendjemand muss hier ab und zu die Fahne für LANGFRISTIGES Investment in Aktien hochhalten :)

      Komplette Entwarnung für Aktienmärkte wird es zudem m.E. nie geben können.

      Auch beim Thema Freibeträge bin ich bei Ihnen.
      Wenn es nach mir ginge, würden die Freibeträge wieder massiv erhöht und man würde noch einen zusätzlichen Altersfreibetrag für Kapitalerträge ab einem Alter von 60/67 Jahren einführen und dann aber auch den Steuersatz für darüber hinausgehende Erträge auf 35% oder mehr erhöhen, falls die Abgeltungssteuer beibehalten würde. Bei Abschaffung der Abgeltungssteuer für Kapitalerträge könnte ich mir auch einen Steuersatz über dem bisherigen Spitzensteuersatz vorstellen, wenn eine bestimmte Höhe von Erträgen aus Kapitalvermögen überschritten werden. Das ist dann aber kein Thema für mindestens 99% der Anleger.

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