„Fatale deutsche Illusion: ‚Wir bekommen die Krise 2017 voll zu spüren‘“

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Angesichts der anhaltenden China- und Rohöl-Krise prophezeit Wirtschaftsexperte Daniel Stelter eine tiefe Rezession in den kommenden Jahren. Auch Deutschland könnte die Krise deutlich schwerer treffen als gedacht – allerdings erst 2017.

FOCUS ONLINE: Herr Stelter, die Börsen in China brechen ein, die Wirtschaft im Reich der Mitte schwächelt. Was bedeutet das für Deutschland?

Dr. Daniel Stelter: China war die Lokomotive der Weltwirtschaft. Wenn sie schwächelt, bekommen auch wir ein Problem. Dies mit genauem Zeitpunkt und Umfang vorherzusagen, ist schwierig. Dennoch gibt es deutliche Indizien, dass es Deutschland sehr hart treffen könnte.

FOCUS ONLINE: Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Stelter: Chinas schwächelnde Wirtschaft trifft Deutschland aus drei Richtungen. Zuerst brechen die direkten Exporte deutscher Güter nach China massiv ein. Darunter leidet besonders die deutsche Autoindustrie. China gehört schließlich zu den wichtigsten Abnehmern von Fahrzeugen weltweit. Wenn eine schwächere Wirtschaft in China weniger Rohstoffe nachfragt, übt das Druck auf andere Schwellenländer aus. Rohstofflieferanten wie Brasilien oder Russland stecken bereits in einer tiefen Krise.Weil gerade in diesen Ländern die Unternehmen hoch verschuldet sind, ist für sie der Verkauf ihrer Waren zu jedem Preis das kleinere Übel im Vergleich zu Liquiditätsproblemen und Insolvenz. Als Konsequenz fallen die Preise, der Wettbewerb nimmt zu. So entsteht ein deflationärer Druck auch auf deutsche Waren. Das weltweite Wachstum käme insgesamt ins Stottern.

FOCUS ONLINE: Welche Möglichkeiten hat China, eine solche Krise zu vermeiden?

Stelter: Ich schätze, dass die chinesische Regierung ein weiteres Konjunkturprogramm auf die Beine stellen wird. Ähnlich wie 2008 wird sie Geld in die Wirtschaft pumpen und versuchen, so die Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen. Damals hat die Regierung in Peking viel Geld in die Infrastruktur und den Wohnungsbau investiert. Seit 2007 hat sich das chinesische BIP verdoppelt auf fünf Billionen US-Dollar, allerdings hat diese Art von Doping den Schuldenberg im selben Zeitraum um 21 Billionen US-Dollar wachsen lassen. Und vieles, was damals geschaffen wurde, erweist sich heute als unproduktiv, wie etwa das Überangebot am Immobilienmarkt. Die Regierung muss bei ihrem Gegensteuern durch Zinssenkungen und Abwertungen allerdings bedenken, dass schon jetzt eine erhebliche Kapitalflucht aus China zu beobachten ist.

FOCUS ONLINE: Und wenn China das schafft, sinkt auch die größte Bedrohung für die deutsche Wirtschaft?

Stelter: Nein. Die Lage in China hat zwar Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft, allerdings gibt es hierzulande auch hausgemachte Probleme. Keines der grundlegenden Probleme der Eurozone wurde gelöst. Die Schuldenstände bleiben zu hoch und wachsen weiter, und die Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer bleibt schwach. Selbst Spanien als Musterschüler braucht bei derzeitigem Tempo noch zehn Jahre und einen Schuldenschnitt, um die Krise zu überwinden. Die EZB druckt immer mehr Geld und kauft in riesigem Umfang Staatsanleihen auf. Damit wird sie zum größten Gläubiger der Eurostaaten. Die Frage ist, wie weit das noch so gut gehen kann. Außerdem könnte die Flüchtlingskrise zunehmend zu politischen Spannungen in Europa führen. Und zu allem Überfluss steckt die US-Wirtschaft in einer säkularen Stagnation, also einer langen Phase geringen Wachstums. Auch das wird sich im deutschen Export niederschlagen. All diese Faktoren zeigen ganz deutlich, dass wir in einer Wohlstandsillusion stecken.

FOCUS ONLINE: Wie meinen Sie das?

Stelter: Tiefe Zinsen, schwacher Euro und günstiger Ölpreis haben nach sieben Jahren Dauerkrise selbst in der Peripherie für eine gewisse Belebung gesorgt. Und Deutschland sonnt sich darin, Exportweltmeister zu sein. Klar, für die Auftragslage und die Exporteure ist das gut, doch im Grunde exportieren wir zunehmend Kapital und Investitionen ins Ausland. Dies ist nur dann eine gute Investition, wenn die ausländischen Schuldner diese auch bedienen können.

FOCUS ONLINE: Wie lange geht das noch gut?

Stelter: 2016 kann noch einmal ein Superjahr werden, wenn das Gegensteuern gelingt. Doch zu welchem Preis? Es werden weiter – egal ob in den USA, China oder im Euro-Raum – massiv Schulden aufgebaut. Das geht nicht mehr lange gut. Wahrscheinlich werden wir schon 2017 die Auswirkungen der weltweiten Krisen deutlich spüren. Wir müssen eine Lösung für das Schuldenproblem finden.

FOCUS ONLINE: Was passiert mit den Schuldenbergen?

Stelter: Wir sehen doch heute schon, dass die Politik des billigen Geldes kaum mehr positive Wirkung auf die Realwirtschaft hat. Die Unternehmen und Verbraucher in Europa fragen das von den Notenbanken angebotene Geld kaum nach.
Wann „gute“ Inflation in schlechte „Hyper-Inflation“ umschlägt, hat viel zu tun mit dem Faktor Glaubwürdigkeit. Ist sie gefährdet, droht eine Flucht aus Geld, und sein Wert fällt rasch auf den intrinsischen Wert: Null. Angesichts dieses immensen Risikos erscheint ein Schuldenschnitt als die bessere Lösung. Das tut zwar kurzfristig weh, wäre aber langfristig die bessere Lösung. Ich würde mir wünschen, dass unsere Politiker den Mut zu so viel Ehrlichkeit hätten.

FOCUS ONLINE: „Fatale deutsche Illusion: ‚Wir bekommen die Krise 2017 voll zu spüren‘“, 12. Januar 2016

5 Kommentare
  1. Michael Stöcker says:

    Lieber Herr Stelter,

    ja, es sind insbesondere fatale deutsche Illusionen, da wir vermeintlich eine Insel der Glückseligen sind, während um uns herum ein Pfeiler nach dem anderen wegbricht. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

    Dietmar Tischer hatte am 11. Januar gefragt: „Oder betreiben die Notenbanken eine Politik deren Ziel als die Oase ausgegeben wird aber tatsächlich eine Fata Morgana ist?“

    Diese Politik ist eine kleptokratische Oase für die 1 % und somit zugleich eine Fata Morgana für die 99 %.

    Es handelt sich hierbei um eine tiefe systemische Krise, die in unseren Köpfen weder angekommen, geschweige denn in Gänze verstanden worden ist: Es geht ein 700jähriger Megazyklus seinem Ende entgegen. Hätten wir doch die brillanten Analysen von Karl Marx und Joseph Schumpeter etwas ernster genommen: https://zinsfehler.wordpress.com/2016/01/19/die-krise-des-kapitalismus/

    LG Michael Stöcker

    Antworten
  2. Herbert Wolkenspalter says:

    Eine Wirtschaft in China, die immer noch wächst wenngleich nicht so schnell wie bisher, braucht doch nicht -weniger- Rohstoffe?! Wie passt Wort „Krise“ angesichts von 6,x% Wachstum und wenn es nur 3% wären? Auch die Weltwirtschaft insgesamt wuchs bisher. Krise haben allenfalls die chinesischen Dollarbestände, den China allerdings mit Abwertung der eigenen Währung entgegenwirkt. Krise haben auch die chinesischen Aktien. Aber auf welchem Niveau? Wie hoch ist heute das durschnittliche KGV?

    Krise hat vor allem Europa, weil man nicht mit den Euro-Schulden zu Streich kommt. Hatte die EU insgesamt nicht zuletzt auch noch ein kleines Wachstum? Trotz Wachstum Krise deutet auf auf verkorkste Wirtschaftsparadigmen hin. Logisch wäre, wenn es bei Null-Wachstum weiterhin allen gleichbleibend gut ging. Hier muss einfach mal alte Bahnen verlassend neu gedacht werden.

    Die Erklärung für fallende Rohstoffpreise wäre ein Aufbau von Überkapazitäten bei den Rohstoffproduzenten und/oder die Erwartungen an den Rohstoffbörsen, die ihrer Zeit spekulativ vorauseilen. Für Letzteres wäre allerdings zu fragen, inwieweit die Börsen überhaupt den Realmarkt abbilden. Realwirtschaftliche Rohstofflieferverträge sind das ja nicht.

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Präzise gesagt, haben wir Kapazitäten, die in den Lieferantenländern in Erwartung weiteren starken Wachstums aufgebaut wurden, bei den Rohstoffen und Überkapazitäten in den Industrien in China, wie z. B. Stahl. Wenn dann das Wachstum nicht wie erhofft kommt, gibt es Probleme. Wenn man dann auch noch die Investitionen auf Pump getätigt hat, verstärkt es sich deflationär. Nullwachstum ist ein Killer für (über)schuldete Volkswirtschaften. Diese brauchen zumindest ein NOMINALwachstum. Also wenn schon kein echtes Wachstum, dann doch wenigstens Inflation …

      LG

      DSt

      Antworten
      • Herbert Wolkenspalter says:

        Das leuchtet ein. Hängt natürlich damit zusammen, dass die Unternehmen prozyklisch reagieren, wodurch überhaupt erst Zyklen entstehen, die -zu- tiefe Täler haben können. Man muss gar nicht um den Brei herumreden: Wir steuern auf einen Zusammenbruch des Schuldensystems zu. Folge ist eine Währungsreform. (Frühzeitigere Rettung könnte ein fließender Übergang zu einem anders gestrickten Geldsystem sein.)

        Eine Herausforderung für die Wirtschaftswissenschaften, einen geeigneten System-Nukleus zu entwerfen, der quasi automatisch dafür sorgt, dass aus dem Ruder laufende Dinge wie mit einem Gummiband zurückgeholt werden, desto stärker, je weiter das Gummiband gedehnt ist.

        Die Aufgabe wäre ergo, eine Grundlage zu entwerfen, die keine staatliche Planwirtschaft wird aber auch kein beliebiger Kapitalismus auf Grundlage unseres jetzigen Gelderschaffungssystems, das letztlich von den Geschäftsbanken abhängt und damit zwar nicht den Staat aber dafür die Banken als „Planer“ und Entscheider über Investitionen vorsieht.

        Als Naturwissenschaftler kann ich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, dass sowas überhaupt in die Welt gesetzt wurde. Wir Naturwissenschaftler würden an sowas ganz anders herangehen und vor allem logische Entwürfe anstreben, deren Rechnung aufgeht.

Dein Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Schreiben Sie etwas dazu!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.