„Ausblick 2016 – glauben Sie kein Wort!“

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Neues Jahr, neues Glück – so musste man denken, wenn man zum Jahresende die diversen Vorhersagen für Dollar, Dax und Zinsen gelesen hatte. Nun: Es kam – zumindest in der ersten Woche des neuen Jahres – anders. Kann man denn überhaupt seriöser Weise die Entwicklung an den Börsen auf einen Zeithorizont von zwölf Monaten vorhersagen, womöglich noch auf einen Stichtag genau? Aus Gründen des Marketings empfiehlt es sich wohl, besonders drastische Prognosen abzugeben. Damit findet man sich überall zitiert und der Schaden einer Fehlprognose hält sich auch in Grenzen, kann man doch getrost davon ausgehen, dass diese schon in wenigen Wochen wieder vergessen sind. Will man auf Nummer sicher gehen, ist man übertrieben optimistisch. Rein psychologisch vergeben wir doch jenen am ehesten, deren Prognosen wir am liebsten realisiert sehen würden. Demnach also mein Kursziel für den Dax: 20.000 Punkte zum Ende des Jahres 2016. Alles wird gut und die Wirtschaft brummt.

Im Ernst: Glauben Sie kein Wort! Lassen Sie uns lieber den Blick auf den Horizont 2026 richten. Denn auf lange Sicht gelten die altbekannten Grundsätze: Die Ertragskraft von Unternehmen und die Bewertung dieser Erträge an den Börsen nähern sich über die Zeit ihren langfristigen Durchschnittswerten an, die Börsianer sprechen von der „mean reversion“. Dabei kann es durchaus eine Zeit dauern, bis diese Anpassung erfolgt, innerhalb von zehn Jahren ist sie allerdings ziemlich sicher.

So konnte man bereits im Jahre 1997 eine erhebliche Überbewertung am US-Aktienmarkt feststellen, dennoch ging der Boom, sich immer weiter beschleunigend, noch bis ins Frühjahr 2000 weiter. Wer basierend auf der durchaus korrekten Analyse der Überbewertung der Aktien schon damals verkaufte, verpasste den schönsten Teil der Party und stand vor Kollegen und Freunden, die derweil reich wurden, ziemlich dumm da. Am besten fuhren natürlich jene, die im Januar 2000 verkauften, auf fallende Kurse setzten und dann 2003 wieder einstiegen, um 2007 wieder zu verkaufen und 2009 wieder zu kaufen. Klar, kann sein, dass es die gibt. Die Masse der Anleger ist schlecht im Timing der Märkte und kauft und verkauft immer zu spät. Rechnet man die Transaktionskosten hinzu, bleibt meist nur ein geringer Ertrag.

Vernünftiger ist es aus Sicht der Investoren allemal, auf die mittel- und langfristigen Erträge zu achten. Und hier ist die Aussage eindeutig: Im Einkauf liegt der Gewinn. Die Wahrscheinlichkeit, einen guten Ertrag zu erwirtschaften, ist umso höher, je günstiger man einkauft und umgekehrt. Diese Erkenntnis ist banal und dennoch wird sie nur zu gerne verdrängt. Wer in früheren Perioden bei einem Shiller-PE von über 25 im S&P 500 investierte, erzielte in den nachfolgenden zehn Jahren im Durchschnitt eine Rendite von 3,4 Prozent.

Dass der US-Markt heute wieder – gemessen am genannten Shiller-PE – auf einem solch hohen Niveau steht und zudem 2015 nur von einer Handvoll Aktien gezogen wurde, deren Bewertung jetzt exorbitant ist, sollte zur Vorsicht mahnen. Nicht nur die Bewertung des US-Marktes ist auf einem hohen Niveau, sondern auch die Erträge der Unternehmen. Sinkt beides sind signifikant tiefere Kurse die zwangsläufige Folge. Deutsche Aktien sind, verglichen mit der Wall Street, noch günstiger, wobei auch hier Vorsicht angebracht ist. Rechnet man die tief bewerteten Versorger heraus, sind auch hiesige Werte im Schnitt nicht mehr so billig, wie die Durchschnittswerte suggerieren.

Zudem sind die Risiken in Europa keineswegs geringer. Eurokrise, Flüchtlingskrise und eine zunehmend dysfunktionale EU versprechen hohe Volatilität und nicht unbedingt höhere Kurse. Von exogenen Schocks wie etwa Terroranschlägen oder Konflikten zwischen Staaten gar nicht zu reden.

China war die Lokomotive der Weltwirtschaft. Das scheint vorbei zu sein. Das Land hat die Schulden seit 2008 auf 28 Billionen Dollar vervierfacht und sitzt nun auf riesigen Überkapazitäten. Die Krise dieses wichtigen Abnehmerlandes trifft vor allem Deutschland nun hart. Immerhin profitieren Schlüsselbranchen wie die Autoindustrie stark von Exporten nach China. Falls die Volksrepublik nun die Währung weiter abwertet, um neues Wachstum zu generieren, wäre das gefährlich, weil es die weltweiten deflationären Tendenzen vergrößern würde. Diese Dynamik habe ich im vergangenen Jahr an dieser Stelle bereits erläutert und die damaligen Befürchtungen scheinen sich nun zu bewahrheiten.

Ein weiterer Faktor gibt Anlass zur Sorge: Der tiefe Ölpreis und die Schuldenkrise in den Schwellenländern führen zu einem Abbau der internationalen Währungsreserven. China verteidigt die eigene Währung und verkauft dafür US-Staatsanleihen. Andere Schwellenländer tun das gleiche. Dieser Rückgang der Weltwährungsreserven beendet eine mehr als zehnjährige Periode steigender Liquidität. Für unser auf Schulden basierendes Finanz- und Wirtschaftssystem ist das brandgefährlich, wie ich in meinem Kommentar „Margin Call für die Weltwirtschaft“ erläutert habe. Setzt sich der Trend – wie es ausschaut – 2016 fort, dürften die Turbulenzen der ersten Woche nur einen Vorgeschmack geben für das, was uns erwartet.

Alle diese Faktoren werden für hohe Volatilität sorgen – und damit auch Chancen bieten für Investoren, die aktiv handeln. Wenn sie gegen alle Wahrscheinlichkeit im Timing richtig liegen, kann deshalb 2016 für Sie auch ein gutes Aktienjahr werden. Für die anderen dürfte es heißen: außer Spesen nichts gewesen.

Vor einigen Monaten hat der legendäre Bondinvestor Bill Gross die Lage an den Kapitalmärkten mit einem langen Anstieg auf einen Berg verglichen. Nun, nach rund 30 Jahren fallender Zinsen und steigender Bewertungen sei man am Gipfel angekommen. Wenn überhaupt, sind nur noch magere Renditen zu erwarten und das Risiko eines Absturzes ist enorm. Dies gilt übrigens für so ziemlich alle Assetklassen – alles ist teuer.

Verglichen damit ist Liquidität nicht einmal so unattraktiv. Man hat einen garantierten realen Verlust, diesen aber relativ risikoarm, soweit man in kurzlaufende Anleihen sicherer Schuldner investiert und das Geld nicht auf dem Bankkonto lässt.

Hinzu kommen taktisch gesehen die Dinge, die im Moment niemand haben will: der Euro relativ zum Dollar, Gold und Goldminen weil alle Auguren davon abraten. Vielleicht sogar erste Positionen bei Rohstoffen. Doch das ist Stoff für Spekulanten. Allen anderen rate ich zu dem, was sie mindestens einmal im Jahr tun sollten. Zum Umbau ihres langfristigen Portfolios auf vier je gleichgewichtige Bausteine: Aktien, Anleihen/Liquidität, Immobilien und Gold. Und daran nichts zu ändern bis zum nächsten Überprüfungstermin in 2017. Langweilig aber bewährt.

→ WiWo.de: „Ausblick 2016 – glauben Sie kein Wort!“, 14. Januar 2016

1 Antwort
  1. LG says:

    Hallo Herr Stelter,
    wer ist der Kontrahent der Verkäufe von China und Saudi-Arabien? Die FED? Oder Europäer, die US-Staatsanleihen den eigenen vorziehen?
    LG LG

    Antworten

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