„Die panische Angst vor der nächsten Rezession“

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Während das griechische Theater zur Ablenkung des Publikums mit immer neuen Cliffhangern aufgeführt wird, brauen sich weitaus größere Probleme in der Weltwirtschaft zusammen. Letztere dürften die wahren Themen beim G-7-Gipfel in Elmau sein.

Es geht um nicht mehr oder weniger als das Verhindern einer Depression ‒ meint unter anderem Stephen King, Chefvolkswirt der Großbank HSBC. Er ist mit dieser Sorge keineswegs alleine, sind doch die Fakten im Jahre acht seit Beginn der Finanzkrise mehr als ernüchternd.

  • In allen Industrieländern liegt die Wirtschaftsleistung deutlich unter dem Vorkrisentrend. In vielen Ländern ‒ gerade der Eurozone ‒ liegt die reale Wirtschaftsleistung sogar noch unter dem Niveau von 2007.
  • Die Arbeitslosigkeit liegt ebenfalls fast überall auf deutlich höherem Niveau. Wir in Deutschland sind hier die einsame Ausnahme, was aber weniger unserer guten Wirtschaftspolitik, sondern eher der Struktur unserer Wirtschaft geschuldet ist, die wie kaum eine andere von Globalisierung, tiefen Zinsen, tiefem Ölpreis und schwachem Euro profitiert.
  • Die Notenbanken haben weltweit starke Geschütze aufgefahren. Die Zinsen liegen bei null oder sind gar negativ. Es gibt massive Programme zum Aufkauf von Wertpapieren. Obwohl der Beginn der Krise schon so lange zurückliegt, ist eine Normalisierung nicht zu erwarten. Im Gegenteil, der IWF riet erst in dieser Woche den USA eine Zinserhöhung ‒ was ohnehin nur symbolischen Charakter gehabt hätte ‒, weiter zu verschieben.
  • Die Verschuldung wächst derweil im Westen wie auch in den Schwellenländern ungebremst weiter, wie McKinsey kürzlich wieder vorgerechnet hat, immerhin weltweit um fast 50 Billionen Dollar seit 2007. Diese neuen Schulden sind jedoch immer weniger wirksam. Die Wirtschaft wird nicht mehr stimuliert, was nicht zuletzt daran liegt, dass ein immer größerer Teil der Schulden nur noch dazu dient, die vorhandenen Schulden „zu bedienen“ bzw. so zu tun, als würden sie bedient. Griechenland ist überall.
  • Derweil setzt der demografische Wandel im Westen ein, der zu einem Rückgang des Wachstumspotenzials führt. Schrumpfende Erwerbsbevölkerungen sind immer mit geringerem Wachstum verbunden, was wiederum das Problem der Schulden verschärft.
  • Die Produktivität der Weltwirtschaft ist zugleich rückläufig. Wir investieren nicht genug und die Wertschöpfung pro Kopf steigt nicht in einem Maß, welches die negativen Effekte entsprechend auffängt. Dies ist selbst verschuldet, weil die Politik alles tut, um den Status quo zu erhalten, statt den dringend erforderlichen Wandel der Wirtschaftsstruktur zu fördern.
  • Die weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte haben sich weiter verschärft. Deutschland erzielt weiterhin hohe Handelsüberschüsse, die nicht nur den massiven Export unserer Ersparnisse in die Welt bedeuten, sondern auch einen Kaufkraftabzug aus den Importländern. Dies befördert weitere Verschuldung in diesen Ländern mit den damit zwangsläufig verbundenen Effekten. Im Unterschied zu 2007 erwirtschaftet die Eurozone heute als Ganzes Überschüsse, was zu zunehmenden Spannungen führen wird. Es ist auch nur eine Frage der Zeit, wie lange China dem Verlust der eigenen Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwachen Euro und vor allem einem noch schwächeren Yen noch zuschauen wird. Angesichts der eigenen Schuldenprobleme ist die Gefahr groß, dass China in den Abwertungsablauf mit einsteigt und damit Deflation in die Welt exportiert.

Statistisch gesehen ist der Aufschwung der Weltwirtschaft, gerade auch der USA seit 2009 relativ alt. Er war zwar schwächer als alle Erholung zuvor, aber mit einer Dauer von nunmehr sechs Jahren ist die Gefahr einfach zu groß, dass es zu einer erneuten Rezession kommt. Die enttäuschenden Wachstumszahlen und vor allem die Konsumzurückhaltung der Amerikaner, die immer noch das Rückgrat der US-Wirtschaft darstellen, sind ein deutliches Warnsignal.

Auch deshalb ist das Bild der „aufgeschobenen Depression“ nicht falsch. Extremste Maßnahmen der Wirtschaftspolitik haben die Depression verhindert, die Krisenursachen aber nicht beseitigt, sondern vielmehr verstärkt.

Die Angst nimmt zu. Was passiert, wenn es zu einem erneuten Abschwung in der Wirtschaft kommt? Welche wirtschaftspolitischen Instrumente stehen dann zur Verfügung?

Eine Frage, die auch die Politik beschäftigt. Nicht zufällig erreichen uns dieser Tage immer neue Ideen, was denn getan werden müsste, um die Wirtschaft wieder auf Kurs zu bekommen. Dabei schreckt man auch vor unpopulären Ideen wie dem Bargeldverbot nicht zurück, mit der Absicht eine Fluchtbewegung vor Negativzinsen zu verhindern. Doch welche Optionen haben wir? King diskutiert in seiner Studie verschiedene Optionen, die er sogleich wieder verwirft, weil entweder nicht machbar (Rezession verhindern) oder politisch nicht durchsetzbar (deutlich spätere Rentenalter), um dann zu den eigentlichen Optionen zu kommen:

  • Massive Fortsetzung der aggressiven Geldpolitik: weiterer Aufkauf von Wertpapieren, explizite Inflationsziele, Negativzinsen. Ich würde es „All-in“ nennen. Alles auf eine Karte.
  • Eine koordinierte Geld- und Fiskalpolitik. Damit ist gemeint, die direkte Finanzierung der Staaten durch die Notenbanken. Die Staaten könnten so Investitionen tätigen und die Wirtschaft wieder aus der Krise bekommen. Dies entspricht übrigens der Wirtschaftspolitik von Weimar. Die Ökonomen sprechen hier von „Helikopter-Geld“.

Bereits im vergangenen Jahr habe ich angesichts der verfehlten Wirtschaftspolitik an dieser Stelle gefordert, die EZB solle das Geld lieber uns, den Bürgern geben, statt den Banken: 10.000 Euro für alle!

Diese Idee wird bei dem nächsten Aufschwung an Unterstützung gewinnen. Dabei muss allerdings klar sein, dass ich diese nur deshalb fordere, weil die Politik sich um den eigentlich richtigen Weg zur Lösung der Krise seit Jahren herumdrückt und auch weiter herumdrücken wird: die Restrukturierung der viel zu hohen staatlichen und privaten Verschuldung.

Wie ich damals gezeigt habe, liegt die Gefahr eines „Helikopter-Abwurfs“ von Geld auf uns alle in einem möglichen breiten Vertrauensverlust in Geld und damit einer raschen Entwertung. Deshalb dürfte die Politik den anderen Weg gehen: die direkte Staatsfinanzierung. Da dies buchhaltungstechnisch immer auch mit einer höheren Verschuldung des Staates einhergeht, der sich das Geld ja zins- und tilgungsfrei von der Notenbank leiht, bedarf es natürlich einer Argumentation, die zeigt, dass Staatsschulden nicht schlimm, sondern gut sind .

Wie passend, dass der IWF in einer neuen Studie zeigt, dass Staaten nicht sparen sollten, weil sich das schlecht auf die Wirtschaft auswirkt und dass sie zudem mit Ausnahme von Italien, Japan, Griechenland und Zypern auch gar nicht sparen müssen!

Im Gegenteil: Basierend auf Zahlen von Moody’s wird dem erstaunten Leser dargelegt, dass sich die Staaten noch massiv verschulden können, bis es wirklich problematisch ist.

manager magazin online: „Die panische Angst vor der nächsten Rezession“, 5. Juni 2015

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