Back to Mesopotamia – aktuell wie nie

Es hat begonnen und wird uns eine Weile beschäftigen: die Lust auf die Vermögensabgabe/den Lastenausgleich, um endlich für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Ich werde mich damit detaillierter in den kommenden Wochen beschäftigen (müssen). Deshalb zum Auftakt ein „Klassiker“ – das von mir  und David Rhodes verfasste Papier „Back to Mesopotamia“ aus dem Jahre 2011. Damals noch bei BCG habe ich diskutiert, warum eine Vermögensabgabe denkbar wäre und wieso sie fairer ist als Inflation.

Dennoch halte ich es für den falschen Vorschlag heute, weil in einer gemeinsamen Währung Konsens herrschen muss über die Vorgehensweise. Und dieser herrscht nicht. Die anderen haben eine Tradition der Inflationierung und das wird auch wieder so kommen.

Dennoch lesenswert:

Kommentare (22) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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    Gnomae sagte:

    Ohne konkrete Exitpläne dürfte es schwer sein, den wirtschaftlichen Totalschaden durch die Maßnahmen abzusehen. Bereits aus diesem Grunde sollte jegliche gemeinschaftliche Haftung für Schulden anderer europäischer Länder absolut abgelehnt werden. Bei Verlängerung der Maßnahmen, wie sie ja die WHO vorschlägt, dürfte es sich mit der Weltwirtschaft wie mit Schrödingers Katze verhalten. Sie ist entweder tod oder lebendig. Den Zustand werden wir erst ab dem 15. Juli abschätzen können, wenn die Berichte der Unternehmen für das 2. Quartal veröffentlich werden. Fordert die Angebots- und Nachfragekrise dann eine hohe Zahl an Insolvenzen, ist mit einer Bankenkrise zu rechnen, da bei massiven Kreditausfällen mehrere Großbanken auf einmal nicht gerettet werden können. In diesem Szenario dürfte eine Währungsreform unausweichlich sein. Ferner könnte sich die Pandemie dann in eine Bankenkrise ausweiten, wie jene aus dem Jahre 1857 in Amerika, mit verheerenden Folgen für die Arbeitnehmer. Statistisch ausgeschlossen sind zwei „schwarze Schwäne“ in einem Wirtschaftsjahr jedenfalls nicht.

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      thinkSelf sagte:

      „…mehrere Großbanken auf einmal nicht gerettet werden können.“ Das ist schlicht Unfug. Es können beliebig viele und beliebig große Banken beliebig oft gerettet werden. Banken schieben nur Informationen hin und her. Und wenn alle Kredite der Welt gleichzeitig ausfallen? Völlig egal. Dann erklärt man einfach, dass die Kredite in 100 Millionen Jahren zurückgezahlt werden und rechnet jedes Jahr noch ordentlich Verzugszinsen drauf.
      Das man diese eigentlich uneinbringlichen Forderungen aus dem Vermögen streichen muss,steht zwar in irgendwelchen Regularien, aber erstens: Regularien kann man ändern und zweitens interessieren die ohnehin niemand.

      Und warum sollte es zu einer Inflation kommen? Die globale Produktionskapazität wird selbst durch den Bankrott von 25% aller Unternehmen physisch nicht verändert. Gleichzeitig fällt aber die Massenkaufkraft weiter. Auf jeden Fall fällt sie schneller, als die Produktionskapazitäten. 1000 Milliardäre erzeugen keinen Versorgungsengpass bei Nudeln oder Müsli. Und die Arbeitnehmer haben schon seit langem die Macht verloren, ihre Gehälter deutlich nach oben zu drücken. In vielen Bereichen sind diese in den letzten Jahrzehnten (außer beim Staat) real deutlich gefallen.

      Erst wenn der Staat anfängt die Einkommensverluste in der breiten Masse zu 100% und auf Dauer auszugleichen, wird es zur Inflation kommen.

      Der eigentliche strukturelle Bruch ist etwas anderes. Nachdem nun die FED auch alle Schrottkredite direkt aufkauft, wird sich die Zombifizierung der Wirtschaft beschleunigt fortsetzen und damit ein langsamer und dauerhafter zivilisatorischer Niedergangsprozess festgeschrieben.

      Viel schlimmer wird sich allerdings die Aushebelung des Grundsatzes „Pacta sunt servanda“ auswirken. Denn in einer solchen Gesellschaft sind nur noch zeitsynchrone Tauschaktionen möglich, sprich Tauschhandel.

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    AJ sagte:

    Zum Thema „Schuldenerlass/Mesopatamien“ eine Leseempfehlung fürs Osterwochenende (falls so kurzfristig nicht bestellbar, lohnt die Lektüre natürlich auch noch zu einem späteren Zeitpunkt): .Michael Hudson, ..and forgive them their debts ( https://www.amazon.de/Forgive-Them-Their-Debts-Foreclosure/dp/3981826035/ref=tmm_hrd_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=1586361616&sr=8-2 ).
    Wem der Autor suspekt vorkommen sollte, der sei darauf verwiesen, dass die Financial Times den Titel unter den besten Büchern 2018 im Bereich „Economy“ führt.

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    Bauer sagte:

    Wenn ich „Vermögensabgabe“ lese, denke ich unwillkürlich an „Lastenausgleich“, den es sofort nach Gründung der Bundesrepublik 1949 gab. Das war eine 5% Zwangshypothek auf Grundeigentum mit 30 Jahren Laufzeit und stetiger Annuität. Richtig angewandt wäre er schon auch heute eine erwägenswerte Lösung, jedoch nur unter Beachtung der damaligen Umstände. Ein direkter Vergleich hinkt da doch gewaltig, denn:

    – Voraus ging eine Währungsreform 10:1, die den gewaltigen Geldüberhang beseitigte. Gleichzeitig wurden auch alle Geldvermögen und inländischen Schulden ebenso abgewertet. Jeder Erwachsene verfügte am 20.06.1948 (?) über 40 DM Bargeld. Punktum.

    – Damit kamen Produktion und Handel unmittelbar in Gang. Die Zigarettenwährung war obsolet. Die Warenhortung endete und die Schaufenster füllten sich, zunächst mit dem notwendigen, später mit dem angenehmen. Die Warenbewirtschaftung wurde in rascher Folge zurückgeführt und aufgehoben.

    – Von den Mitteln des Lastenausgleichs wurde NICHTS verteilt, sondern die geerbten Staatsschulden abgebaut. Der damalige erste Finanzminister Fritz Schäffer konnte sogar mit den entstehenden Haushaltsüberschüssen den Juliusturm füllen, der damals in aller Munde war. In der Spitze dürfte es sich da um rd. 20 Milliarden Euro nach heutiger Kaufkraft gehandelt haben. Damit wurden die Begehrlichkeiten der Auslandsgläubiger im Zaum gehalten und der Wiederaufabau der Infrastruktur anschubfinanziert.

    – Die DM wurde in kürzester Frist das Synonym für eine werthaltige Währung und brachte selbst den Dollar in Schwierigkeiten. Der heute noch vorhandene Goldschatz der BuBa hatte seinen Ursprung damals.

    Man könnte natürlich heute ähnliche Überlegungen anstellen, aber dazu müsste D als erstes den Euro verlassen und in Brüssel entsprechend hart agieren. Das wird jedoch nicht passieren.

    Was da hier und heute diskutiert wird, führt nur noch weiter in die Irre. Rette sich wer kann.

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      Bauer sagte:

      … und da habe ich noch was versäumt zu erwähnen:

      Fritz Schäffer hat mit dem Juliusturm die Kreditfähigkeit der BRD wieder hergestellt. Ohne Investitionen aus dem Ausland wäre der Schweiss der Bevölkerung weitgehend verpufft.

      Was geschieht heute? Alle Vorschläge sollten unter diesem Gesichtspunkt geprüft werden. Und da genügt es nicht, Einäugiger unter Blinden zu sein!

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    markus sagte:

    Ich denke auch, dass sie fairer wäre.

    Dumm ist nur, das wir persönlich dabei wahrscheinlich durchs Raster fallen… Zu arm für ein Eigenheim aber so reich dass man signifikant was abgeben muss… Alle Häuslebesitzer (egal ob schon abbezahlt oder hoch verschuldet) sind bestimmt fein raus…

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      Felix sagte:

      @ Markus

      Fairer? – nur sehr theoretisch. Man kann so etwas einmal in einem größeren Zeitraum machen, wenn es der Kultur eines Landes entspricht (war früher so: sparsam & vernünftig), einen sachlichen Grund gibt (verlorener Krieg), und die Menschen wenig Energie haben, sich zu wehren, weil sie mit dem Überleben beschäftigt sind (verlorener Krieg). Außerdem würde man unterstellen, dass man sich damit selbst hilft (seiner Familie, seinem „Clan“, dem eigenen Staatsvolk, kurzum denen, die auch mit denen solidarisch sind, die zur Spende gebeten werden).
      Das sind alles Voraussetzungen, die bei uns nicht (mehr) vorliegen. Würde man die alltägliche Misere, die sich nun eben mal in Form von Corona in der Vordergrund schiebt, mit einer solchen Zwangsabgabe behandeln, würde das den Widerstand der Steuerzahler und die Flucht der Leistungsträger beschleunigen erheblich anfachen. Warum sollte ein Selbständiger, der sein Geschäft sowieso nach Corona neu aufbauen muss, dass in einem solchen Land tun?

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    Felix sagte:

    Nun zeigen sich eben die Probleme mit Währungsunionen: sie funktionieren nicht.

    Den inflationsgewöhnten Südländern wurde mit Einführung des Euros erst ein teil unseres Wohlstandes geschenkt, und mit Eintritt in die Finanzkrise hat es ihnen erwartungsgemäß die Beine weg-gehauen, weil sie nicht wie gewohnt reagieren konnten. Die Nordländer wurden verarmt, verhöhnt und konnten in kleinen Teilen aus der Finanzkrise profitieren. Insgesamt gesehen ist es für alle Bürger der Währungsunion eine Katastrophe. Und das DICKE ENDE kommt erst noch.

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    Thomas M. sagte:

    „Dennoch halte ich es für den falschen Vorschlag heute, weil in einer gemeinsamen Währung Konsens herrschen muss über die Vorgehensweise. Und dieser herrscht nicht.“

    Es herrscht doch breiter Konsens; nur ein paar einzelne Länder sind noch hinter der Kurve und sturköpfig ;)

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    Michael Stöcker sagte:

    Ebenfalls off topic das aktuelle Paper von Jordà, Schularick und Taylor: „Disasters Everywhere: The Costs of Business Cycles Reconsidered“. Daraus:

    “At the time of writing this paper, the world’s economies are experiencing one of the largest and most sudden declines in stock markets and output due to the outbreak of the coronavirus epidemic—the type of disaster that Barro (2006, 2009) had in mind in justifying the large equity premiums observed in the data and, parenthetically, the most obvious justification for stabilization policy.

    However, our argument in this paper is that such extreme and costly events are not the only reason for stabilization policy. This is because disasters are everywhere. We do not live in Gaussian world. All business cycles are highly asymmetric and resemble mini “disasters”, to put it in the language of the asset pricing literature. Consumers experience considerable welfare losses from peacetime recessions, only some of which are associated with financial crises. Because the depth and duration of recessions are unknown and cause deviations from trend growth that can last for extended periods, households would be happy to insure against them.

    The paper re-calculates the costs of business cycles in this setting of frequent fat tails. The size of our the welfare loss that we report – up to 15% of consumption for cycles in the past three decades – is magnitudes above Lucas’ original calculations. Moreover, the welfare gains have increased in recent decades of more frequent financial recessions. Substantial gains in welfare can be made from better stabilization policies. More than ever, depression prevention and stabilization policies are central to the discipline of macroeconomics.”

    https://t.co/a3g5Pkkaq2?amp=1

    @ Dietmar Tischer

    Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Es verbleiben insbesondere 2 Punkte, bei denen ich dezidiert anderer Meinung bin als Sie. Mehr dazu in den kommenden Tagen. Bis dahin bitte ich um ein wenig Geduld.

    LG Michael Stöcker

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      Richard Ott sagte:

      @Herr Stöcker

      „All business cycles are highly asymmetric and resemble mini “disasters”, to put it in the language of the asset pricing literature“

      Langsam wird es wirklich penetrant, wie jede Schuldenmach- und Gelddruck-Idee neuerdings ein Corona-Framing bekommt. Eine Rezession hat genau so wenig mit einer „Katastrophe“ zu tun wie ein Schnupfen mit einer Pandemie.

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        Michael Stöcker sagte:

        Ich staune über Ihre unglaublich schnelle Auffassungsgabe, Herr Ott. Sie sind ein wahres Wunderkind. In maximal 13 Minuten haben Sie das 31seitige Paper gelesen und anscheinend auch verstanden, das Sie zu diesem Urteil veranlasst hat.

        In einem haben Sie allerdings völlig recht: „Langsam wird es wirklich penetrant.“

        LG Michael Stöcker

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        Richard Ott sagte:

        @Herr Stöcker

        Mir haben die ersten paar Seiten schon gereicht. Völliger Unsinn, zu suggerieren, dass man Rezessionen irgendwie dauerhaft verhindern könne – aber die San Francisco Fed publiziert es natürlich gerne, weil es so schön zur Gelddruck-Ideologie passt. Die Kader der sozialistischen Partei sind immer für den Sozialismus, das ist beim Notenbanksozialismus genau so wie in der DDR.

        Oder wird am Ende von dem Paper aufgelöst, dass alles nur als Witz gemeint ist? ;)

        PS: Bei der meiner Meinung nach inkompetenten Präsidentin der San Fancisco Fed (die war vorher dort „Head of Research“ und hat die Publikation so einiger hirnrissiger Papers zu verantworten gehabt…) spüre ich sofort diese SPD-Sozialisten-Quotenpinzessinen-Energie: https://www.nytimes.com/2018/09/14/us/politics/mary-daly-san-francisco-fed.html

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    Richard Ott sagte:

    „Die anderen haben eine Tradition der Inflationierung und das wird auch wieder so kommen.“

    Wir doch auch, man muss nur ein bisschen weiter zurückgehen als nur bis 1949.

    Und dann heißt es „Back to Weimar“.

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      Bauer sagte:

      @ R, Ott

      >> „Wir doch auch, man muss nur ein bisschen weiter zurückgehen als nur bis 1949. “

      Na, ich weiss es anders. Mit der Währungsreform 1948 (10 RM = 1 DM) war es vorbei mit der Inflationierung der Kriegszeit. Siehe meinen Beitrag weiter oben.

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        Richard Ott sagte:

        @Bauer

        Dann können die Italiener ja einen Lastenausgleich in ihrem eigenen Land beschließen (genug freies Immobilienvermögen wäre vorhanden) – und die ganze Coronabonds-Debatte ist damit erledigt.

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        markus sagte:

        @R. Ott (05:54):
        Da bin ich – ausnahmsweise – völlig mit Ihnen einer Meinung.

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