Zur Lage in Europa …

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Allgemeines Schulterklopfen zum Jahresende: „Raus aus dem Tal der Tränen“ lautet ein überoptimistischer Kommentar in der heutigen F.A.Z. Irland, Griechenland, Spanien und Portugal seien die „Spitzenreiter“ beim Wirtschaftswachstum. Kein Wort von den immer noch schneller wachsenden Schulden …

Wieder geschafft. Ein Jahr ist rum und die Eurozone gibt es immer noch. Die Politik wirke doch, so werden es uns die Politiker wieder erzählen. Deshalb hier nur eine kleine Erinnerung:

  • Ohne die EZB gäbe es den Euro schon lange nicht mehr ‒ was aber nicht heißt, dass die EZB den Euro alleine retten kann.
  • Fundamental sieht es lange nicht so gut aus, wie behauptet wird.
  • Beispiel 1, Spanien: Zwar ist Realwachstum da, aber bei fallenden Preisen, so sinkt das nominale BIP. Schulden sind aber auch nominal. Die Demografie ist verheerend. Die Bevölkerung schrumpft so stark wie seit der großen Pest nicht mehr ‒ oder um 700.000 Menschen zwischen 2008 und 2012, wie Zero Hedge berichtet.
  • Beispiel 2, Portugal: Immer noch pleite. Hier ein Update über den Rückstand des Landes. Überschuldet und unproduktiv.
  • Beispiel 3, Italien: Gefangen in einer Spirale der Überschuldung und mit dem größten Incentive aus dem Euro auszusteigen, wie ich schon in der „Billionen-Schuldenbombe“ beschreibe. Politisch ist die Opposition darin geeint, genau das anzustreben. Nur eine Frage der Zeit, bis sie an der Macht ist?
  • Beispiel 4, Deutschland: „Wir sind Gläubiger der Welt und verlieren durch die niedrigen Zinsen. Es gibt zwar Sektoren in Deutschland wie der Staat, die profitieren. Aber per Saldo sind wir Nettogläubiger und haben durch die Niedrigzinsen einen großen Verlust. Nach meiner Berechnung sind den Deutschen seit 2008 etwa 300 Milliarden Euro entgangen im Vergleich zu den Zinsen, die Ende 2007, vor Ausbruch der Krise, zu erzielen waren. Pro Jahr beträgt der Verlust jetzt 60 bis 70 Milliarden Euro.“ ‒ So Hans-Werner Sinn in der F.A.Z.
  • Beispiel 5, Leistungsbilanzen: „Die sechs Krisenländer zusammen hatten letztes Jahr einen positiven Leistungsbilanzsaldo von 36 Milliarden Euro. In Wahrheit ist es aber so, dass über 72 Milliarden Euro durch die auch politisch motivierten Zinssenkungen erklärt werden. Rechnet man das heraus, hatten sie eine Leistungsbilanz von minus 36 Milliarden Euro. Im übrigen haben sich die Leistungsbilanzen in den meisten Krisenländern vor allem dadurch verbessert, dass die Importe drastisch eingebrochen sind, weil die Menschen bei Massenarbeitslosigkeit kein Geld mehr haben, ausländische Autos oder Flachbildfernseher zu kaufen.“

Sinn sieht den Vergleich mit Japan als berechtigt an: „Als 1990 die Japan-Blase geplatzt ist, hat das Land mit keynesianischem Schuldenmachen dagegengehalten. Die Staatsschuldenquote ging hoch von 69 Prozent auf mittlerweile 245 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Außerdem wurde das Land überschüttet mit Zentralbankgeld. Die Zinsen wurden von 1998 bis zum heutigen Tage praktisch auf null gesetzt. Geholfen hat das alles wenig bis nichts. Japan war seitdem in einer Deflation mit mickrigem Wachstum und wiederholten Rezessionen.  Das zeigt, dass sich strukturelle Probleme von Ländern nicht durch makroökonomische Maßnahmen lösen lassen.“

F.A.Z.: 300 Milliarden Euro Verluste der Deutschen durch Niedrigzinsen, 4. Dezember 2014

Doch damit kann Sinn noch zu optimistisch sein. Der Telegraph zitiert Analysten von Nomura (japanische Investmentbank, die müssen es also wissen), wonach es in Europa eigentlich schlimmer aussieht als in Japan: Die Defizitregeln und die rechtliche Struktur machen es schwerer, mit Konjunkturprogrammen zu reagieren und die Arbeitslosigkeit liegt weit über dem in Japan je erreichten Niveau. Ich würde noch ergänzen, dass wir eben kein homogenes Land mit leidensfähiger Bevölkerung sind.

The Telegraph: ECB paralyzed by split as irreversible deflation trap draws closer, 4. Dezember 2014

2 Antworten
  1. Dieter Krause says:

    Im Kern müßte Herr Sinn eigentlich sagen: 300 Mrd. Euro Verluste der Deutschen durch die Einführung Euro – nur sollte er dagegen dann auch die Gewinne durch die Euro-Einführung mit aufrechnen (für Deutschland ist der Euro um mindestens 20% zu billig – würde die Exporte nicht nur in die Euro-Zone und die EU sondern auch in andere Währungsgebiete drastisch verringern, mit entsprechenden Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt)! Im übrigen betragen die genauen Verluste für die Deutschen 378.124.592.149,87 Euro (Stand 8.12.2014 – 16.15 Uhr)! – Herr Sinn hat manchmal eben das tiefe Bedürfnis, mit unter die Hellseher zu gehen oder? Aber dort gehören viele Makroökonomen leider mit hin – zumindest zum Teil!

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