Die Euroretter verstehen nichts von Kindererziehung

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Ich habe öfters meine Meinung zu Griechenland dargelegt. Vor allem bleibe ich dabei: Es wäre viel smarter von uns, eine europaweite Schuldenrestrukturierung anzustreben, wie in der SZ kommentiert.

Aus aktuellem Anlass nur dieser kurze Blick auf die aktuellen Ereignisse:

  • Die Griechen haben geschafft, was sie schon immer wollten: „Vor diesem Hintergrund stand Griechenland im Zentrum eines Spitzentreffens der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, des französischen Staatspräsidenten François Hollande, Junckers, des EZB-Präsidenten Mario Draghi und der IMF-Chefin Christine Lagarde am späten Montagabend in Berlin. (…) Damit ist der Konflikt auf der obersten politischen Ebene angelangt, was Athen seit je anstrebte, während es die Gläubiger bisher zu verhindern suchten. Nun aber bereiten Letztere dem Vernehmen nach eine Art ‚letztes Angebot‘ an Athen vor. In Berlin wollten die erwähnten Spitzenvertreter hierzu Kompromissmöglichkeiten ausloten, um sie danach Tsipras vorzulegen.“ (NZZ) ‒ bto: klar. Wer sich erpressen lässt, wird erpresst. Von wegen, die Griechen seien Dilettanten!
  • „Ohne Einigung mit den Gebern wäre deshalb eine Staatspleite kaum mehr abzuwenden. Sie würde zwar nicht automatisch zum ‚Grexit‘ führen, aber auf Dauer wäre dieser nur noch schwer zu vermeiden. Darunter leiden würden vor allem die Griechen, da die Euro-Zone seit 2012 robuster und die Ansteckungsgefahren geringer geworden sind. Dennoch fürchten auch die anderen Euro-Staaten eine solche Entwicklung: ‚An dem Tag, an dem ein Land ausscheiden sollte, würde sich die Idee in den Köpfen durchsetzen, dass der Euro eben nicht irreversibel ist‘, mahnte Juncker im erwähnten Interview. “ (NZZ) ‒ bto: Soviel zu dem Thema sich erpressbar machen …, wie blöd kann man sein, WENN man als Gläubiger agiert. Tut Juncker aber nicht. Denn Luxemburg kostet es wenig! Wie geht der Witz über Politiker? Politiker sind Leute, die das Geld fremder Leute für fremde Leute ausgeben.

Zwischenfrage: Haben die Entscheidungsträger Kinder erzogen? Wohl nicht. Denn dann wüssten sie, dass man Drohungen ohne echte Sanktion nie ernsthaft durchsetzt und damit die Glaubwürdigkeit verliert. Wer nimmt denn die Euro-Retter noch ernst?

Und es geht weiter, wie Hans-Werner Sinn nochmals so schön zusammenfasst:

    • „Zum anderen gilt es, die Kosten des (Austritts) für die Gegenseite in die Höhe zu treiben. Das tut die griechische Regierung, indem sie ihren Bürgern die Kapitalflucht erlaubt.“ ‒ bto: immer wieder von ihm betont. Zu Recht!
    • „Die Kapitalflucht heisst nicht, dass Kapital per saldo ins Ausland wandert, sondern nur, dass privates gegen öffentliches Kapital getauscht wird. Griechische Bürger leihen sich bei ihren Banken Geld, das im Wesentlichen durch ELA-Notfallkredite (Emergency Liquidity Assistance der Europäischen Zentralbank) der griechischen Notenbank gegenfinanziert wird. Dann überweisen sie das Geld ins Ausland, was die Banken der Liquidität beraubt. Die Überweisung zwingt die Notenbanken der anderen Länder, neues Geld zu schaffen und griechischen Bürgern zur Verfügung zu stellen. Damit geben diese Notenbanken der griechischen Notenbank einen Überziehungskredit, wie er durch die sogenannten Target-Salden gemessen wird.“ ‒ bto: Wir geben dem Bankrotteur also noch mehr Geld, obwohl wir wissen, dass er weder willens noch fähig ist, seine Schulden zu bedienen!
    • „Im Januar und Februar stiegen die griechischen Target-Schulden um fast 1 Mrd. pro Tag, und Ende April lagen sie bei 99 Mrd. €. Kein Wunder, dass Varoufakis und Tsipras auf Zeit spielen und sich weigern, eine echte Reformliste vorzulegen.“ ‒ bto: Pro Tag steigt der Verlust von UNS um eine Milliarde. Wie blöd kann man sein!
    • „Ermöglicht wurde diese Verbesserung des griechischen Drohpunktes durch die EZB, denn die Zweidrittelmehrheit im EZB-Rat, die für eine Begrenzung der ELA-Notfallkredite nötig gewesen wäre, kam nie zustande, obwohl diese Kredite mit einem Gesamtvolumen von etwa 80 Mrd. € die Haftungsmasse der griechischen Notenbank, die bei etwa 41 Mrd. € liegt, schon lange überschritten haben.“ ‒ bto: David Stockman verweist in seinem Blog darauf, dass die Verluste der EZB bei einer Pleite Griechenlands das gesamte Eigenkapital der Notenbank verbrauchen würde. Wie wir wissen, spielt das aber keine Rolle. (Brauchen doch Notenbanken kein Eigenkapital nach Meinung einiger Beobachter. Ich sehe dies bekanntlich kritischer, wegen des Vertrauensverlustes in Geld!)
    • Den Griechen „(…) ist es bereits gelungen, eine – gemessen an den Umständen – sehr gute Verhandlungsposition aufzubauen. Dank der Unterstützung durch die EZB wird sie eine Kombination aus Hilfsgeldern und einem Verzicht auf Reformauflagen erstreiten können, die wesentlich günstiger für sie ist als alles, was sie zu einem früheren Zeitpunkt hätte erreichen können.“ – bto: Brillant!
    • „Und sollte es doch zum Grexit kommen, dann hat sie mit den Nettoüberweisungen von 99 Mrd. € ins Ausland und dem Eurobargeld in Höhe von 43 Mrd. €, zusammen immerhin 79% des BIP von 2014, die maximal mögliche Erstausstattung für den Übergang in das Drachmeregime herausgeholt. Da sage einer, Varoufakis verstehe nichts von Politik.“

Er macht es auf jeden Fall richtig. Wie ein Kind hat er die Grenzen der Eltern – also hier Kreditgeber – immer mehr getestet, in dem er sein Kinderzimmer immer weiter verwüstet hat. Mittlerweile sind die Wände ruiniert und ist die Lampe abgefallen. Die ersten Fenster sind zersprungen. Das Gute für ihn: Bezahlen kann und muss er es eh nicht. Und weil er weiß, dass seine Eltern nur leere Drohungen aussprechen und zudem die Kosten für sie ständig steigen, ist er in einer guten Position.

→ NZZ: Die Chefs übernehmen, 2. Juni 2015

→ FINANZ und WIRTSCHAFT: Varoufakis’ Plan B, 1. Juni 2015

5 Antworten
  1. thewisemansfear says:

    Herr Stelter, hier wird es unseriös. Was soll dieses „WIR geben Geld“ und „UNSer Verlust“ in Bezug auf Target2? Es reicht ein HW Sinn auf dieser Welt… Dazu der Vorwürfe Richtung Varoufakis und das Beispiel mit Eltern/Kind *smh*
    Merijn Knibbe hat auf dem rwer-Blog Sinns Unsinn versucht wieder gerade zu rücken: https://rwer.wordpress.com/2015/05/30/links-economic-models-and-economic-statistics-edition-featuring-h-w-sinn/
    „Even when a country has a current account surplus (which Greece has) and private credit is shrinking (which, according to the Greek national bank is happening) the Target2 deficit increases when foreign Eurozone banks do not want to roll over legacy private debts anymore and the European Central Bank automatically finances this by letting the Target2 deficit increase. Private debts are offloaded to the central banking system.“
    Und nun?

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Es findet unstrittig ein Gläubigertausch statt. Inländische Gläubiger (Inhaber von Bankguthaben) werden durch ausländische Gläubiger (Notenbanken) ersetzt. Kommt es zum Zahlungsausfall, zum Beispiel durch Konkurs des Staates, verlieren die Gläubiger ihr Geld ‒ im konkreten Fall also die EZB und auch die Bundesbank direkt. Daran ändert auch der von Ihnen hier zitierte Zusammenhang nichts. „Private loans are offloaded to the central banking system“‒ genau. Und wem gehört das Zentralbankensystem, wenn nicht den Steuerzahlern, die dafür geradestehen müssen?

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  2. Reto says:

    Lieber Daniel
    Ich habe mich köstlich amüsiert über Deinen Artikel mit Ausleihungen aus der Kindererziehung. Selber als Vater von 6 kleinen Kindern erlebe ich Griechenland jeden Tag, in Bezug auf Taschengeld, iPhone Benutzung, Zeit für chats, Hausaufgaben usw. Es ist nahe liegend, den Vergleich zum Kindergarten der Politik zu ziehen, und anders kann man dîe Schmierenkomödie, die die politischen Instanzen der EU (von Autorität spreche ich nicht, da genau das fehlt) seit Jahren aufführen, nicht nennen. Leider hat Frau Merkel keine Kinder… Die Taktik des Varoufakis ist in der Tat genial, inkl. ‚good cop, bad cop‘ Rollentausch, aus griechischer Sicht natürlich gemeint. „Wenn der Euro scheitert, dann scheitert die EU“: besser kann man sich kaum in eine erpressbare Situation manövrieren. Dümmer geht’s nimmer…

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