Wirtschaftspolitik agiert in kom­plexen Sys­temen – und sollte ent­sprechend handeln

William White, der ehemalige Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und bekannt geworden durch seine korrekte Warnung vor der Finanzkrise, diskutiert in einem Beitrag für the market, weshalb wir anders wirtschaftspolitisch handeln müssen. Es geht darum, „der Komplexität des ökonomischen Systems gerecht werden“, wie er es ausdrückt:

  • „Die gravierenden Probleme, die gegenwärtig auf der Weltwirtschaft lasten, haben sich über viele Jahrzehnte hinweg angestaut. Zu einem großen Teil sind sie ein Nebenprodukt einer gut gemeinten, aber fehlerhaften Wirtschaftspolitik, die wiederum selbst auf irrigen Annahmen zur Funktionsweise der Weltwirtschaft beruht.“ – bto: Das ist die direkte Folge von zunehmenden Eingriffen, die immer gut gemeint waren, aber letztlich das Gegenteil von dem Erwünschten mit sich brachten. Das gilt vor allem für die Politik der Notenbanken.
  • „Das analytische Grundgerüst, auf das sich wirtschaftspolitische Instanzen heute verlassen, geht davon aus, dass sich die Wirtschaft in linearen Modellen abbilden lässt, die auf Vereinfachungen und statischen Annahmen basieren.“ – bto: Sie denken übrigens nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen so, sondern auch sonst, siehe Klimapolitik.
  • „Wie die Ereignisse des letzten Jahrzehnts aber gezeigt haben, unterliegen diese Modelle fundamentalen Fehlern. Die Wirtschaft ist ein komplexes, anpassungsfähiges System (‘Complex Adaptive System’), das sich kontinuierlich weiterentwickelt, nie im Gleichgewicht ruht und mit linearem Denken nicht erfasst werden kann.“ – bto: Wenn man an das Modell von Ray Dalio denkt, der bekanntlich zwischen Kurz- und langfristigen Zyklen unterscheidet, die in Summe definitiv zu nicht linearen Ergebnissen führen müssen und schon gar nicht zu einer Rückkehr zu irgendeiner Art von „Gleichgewicht“, kann man diesem Gedanken nur zustimmen.
  • „Glücklicherweise sind adaptive Systeme in Natur und Gesellschaft allgegenwärtig. Wie man am besten mit ihnen umgeht, ist zudem in diversen Forschungsdisziplinen eingehend untersucht worden. (…) Diese Gemeinsamkeiten lassen darauf schließen, dass Erkenntnisse aus anderen Wissenschaftsdisziplinen auch rasch auf die Wirtschaftspolitik angewendet werden können.“ – bto: Das setzt voraus, dass die Politiker überhaupt ein Interesse daran haben, dass zu durchdenken. Es könnte zu unerwünschten Ergebnissen führen.
  • „Wenn politische Entscheidungsträger diese Komplexität des Wirtschaftssystems akzeptieren, lassen sich daraus zehn Lektionen ableiten, die ironischerweise ganz simpel sind.“ – bto: Na, dann schauen wir uns die doch mal an.

Die zehn Lektionen:

  • Es braucht Kompromisse:  Wie die Potenzgesetze aus der Mathematik vorgeben, brechen komplexe adaptive Systeme regelmäßig zusammen. Die Wirtschaftspolitik muss deshalb Effizienz gegen Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit abwägen. Diese Abwägungen wirken sich auf den Transmissionsmechanismus makroökonomischer Entscheide aus.“ – bto: Er nennt Beispiele wie Einkommens- und Vermögensverteilung als Folge von Entscheidungen. Billiges Geld zum Beispiel treibt Vermögenspreise.
  • Strukturen sind wichtig: Adaptive Systeme entwickeln zwar eine eigene, evolutionäre Dynamik. Strukturänderungen können aber helfen, wirtschaftspolitische Ziele einfacher zu erreichen. Es ist gut bekannt, dass Strukturreformen die Effizienz steigern können. Weniger bekannt scheint hingegen, dass Puffer, Redundanz und Modularität die Widerstandsfähigkeit eines Systems erhöhen können. Unnötige Komplexität sollte deshalb beseitigt werden.“ – bto: Das wirkt vor allem auf die Regulierung. Wenn wir viele Gesetze brauchen, ist es schwerer. Beispiel: Statt den Banken komplizierte Regeln zu geben, könnte man einfach die Eigenkapitalanforderungen deutlich erhöhen.
  • Minimieren statt maximieren: Wir werden adaptive Systeme nie vollständig verstehen können. Sie zu optimieren, übersteigt deshalb unsere Möglichkeiten. Weil Systemzusammenbrüche zu extrem negativen Resultaten führen können, sollte sich die Wirtschaftspolitik daher verstärkt darauf konzentrieren, solche negativen Ereignisse zu verhindern. Der Einsatz von hochgradig experimentellen Massnahmen (und Produkten) sollte deshalb nach dem Grundprinzip darauf beschränkt werden, keinen Schaden anzurichten.“ – bto: Jetzt sind wir bei der Frage, ob wir den richtigen Fokus haben. Seit Jahrzehnten setzen wir alles daran, selbst kleinste Krisen zu verhindern, mit der Folge, dass die Probleme uns immer mehr über den Kopf wachsen.
  • Mehr symmetrische Ansätze: Adaptive Systeme sind immer pfadabhängig. Ihr Ausgangspunkt legt damit fest, welche Ziele erreicht werden können. Wenn im Verlauf der Zeit Schulden angehäuft werden, macht das die Wirtschaft zusehends anfällig; sowohl für Inflation als auch Deflation. Um eine Anhäufung von Schulden zu vermeiden, sollten Geld- und Wirtschaftspolitik daher ebenso stark einer Überhitzung wie einer Abkühlung der Konjunktur entgegenwirken. Schulden im Privatsektor sollten zusätzlich limitiert werden (…).“ – bto: In der Tat dürfte der seit Jahrzehnten steigende Leverage des Systems die Krisenanfälligkeit deutlich erhöhen.
  • Das Unerwartete erwarten: Weil adaptive Systeme ihrem Namen gemäß anpassungsfähig sind, laufen wirtschaftspolitische Maßnahmen immer Gefahr, sich auf das letzte große Problem zu konzentrieren, das möglicherweise gar nicht mehr akut ist. Noch schlimmer: Oft sind es diese Richtlinien, die Verhaltensänderungen wie die Umgehung regulatorischer Auflagen und Moral Hazard ermuntern, die zum ursprünglichen Problem geführt haben. Die ständige Wiederholung fruchtloser Maßnahmen ist also keine Strategie.“ – bto: Ich denke, ein Blick auf die deutsche Wohnungspolitik genügt.
  • Fokus auf systemrelevante Risiken: In einem adaptiven System, das stark unter Stress steht, kann fast alles eine Krise auslösen. Umso wichtiger ist es, Indikatoren für wachsende Risiken zu entwickeln, welche die Stabilität des Systems gefährden können.“ – bto: Das machen wir konsequent nicht. Stattdessen springen wir auf das jeweils aktuelle Modethema.
  • Auf mehrere Indikatoren achten: In einem adaptiven System können viele Dinge falsch laufen. Fehlgeleitet ist beispielsweise der Glaube, dass Preisstabilität gemäß dem Konsumentenpreisindex auch makroökonomische Stabilität garantiere. Ähnlich ist der Fokus auf die finanzielle Stabilität (also die Stabilität des Finanzsektors) ungenügend, weil Probleme (wie wachsende Schulden von Unternehmen oder Haushalten) außerhalb des Finanzsystems entstehen können.“ – bto: Auch das leuchtet ein. Es sind grundsätzliche Dinge, die die Stabilität des Systems beeinträchtigen.
  • Prognosen sind unmöglich: (…) Auch wenn solche Systeme über lange Zeit hinweg stabil bleiben können, ist eine Prognose, dass es im selben Stil weitergeht, eine naive Extrapolation. Anstatt auf die Kommastelle genaue Prognosen zu machen, ist es deshalb klüger, alternative Szenarien auszuarbeiten, basierend auf der Einschätzung neu entstehender Risiken für die Systemstabilität. Das würde auch helfen, die Leute daran zu erinnern, dass radikale Unsicherheit ein zentrales Charaktermerkmal adaptiver Systeme ist.“ – bto: Und das gilt natürlich bei jeder Art von Eingriff in die Gesellschaft und Wirtschaft.
  • Vorbereitungen für eine Krise treffen: Weil Krisen in adaptiven Systemen unvermeidbar sind, sollten sich politische Entscheidungsträger frühzeitig darauf vorbereiten. Ernstfälle sollten deshalb regelmäßig durchgespielt werden, zumal Krisen auf unzählige Arten entstehen und eskalieren können. Daher sollten Absichtserklärungen zwischen verschiedenen Behördenstellen ausgehandelt und vereinbart werden. Es müssen Gesetze verabschiedet werden, die eine ordentliche Abwicklung regeln, falls es bei Unternehmen, Haushalten oder Finanzinstituten zu Insolvenz kommt.“ – bto: Im Kern ist auch das ein Denken in Szenarien.
  • Internationale Koordination: (…) Alle nationalen Entscheidungsträger müssen ihre wirtschaftspolitischen Maßnahmen deshalb im Hinblick darauf ausgestalten, wie sie entscheidungstragende Instanzen in anderen Ländern betreffen – und wie diese darauf reagieren werden. Solche Erwägungen limitieren jedoch auch die «Unabhängigkeit» von Zentralbanken und nationalen Regulatoren. (…) Das wirft die Frage nach der Durchführbarkeit nationaler Maßnahmen auf, die sich ausschließlich auf nationale Interessen konzentrieren.“ – bto: Beispielsweise hat die deutsche Energiewende ganz Europa durcheinandergebracht, ähnlich der  nicht abgestimmte Entscheid, die Zuwanderung des Jahres 2015 zuzulassen.

William Whites Fazit

„Ökonomen sagen gerne: ‘Es braucht ein Modell, um ein Modell zu ersetzen.’ Ein solches Modell haben wir nun: Die Wirtschaft ist ein komplexes, anpassungsfähiges System und sollte als solches behandelt werden. Die zehn oben beschriebenen, praktischen Lektionen für politische Entscheidungsträger sind damit einfach, aber revolutionär. Genau deshalb sollten wir sie in die Tat umsetzen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, um von unserem gegenwärtigen Weg abzukommen, der unweigerlich zu einer Katastrophe führt.“ bto: Und wie gesagt, White weiß, wovon er spricht, hat er doch hautnah erlebt, wie die Ökonomen und Notenbankpräsidenten nicht gesehen haben, was da in Form der Finanzkrise auf sie zukam – und von ihnen mit verursacht wurde. Durch Eingriffe in das System.

themarket.ch:“Zehn einfache Lektionen für eine Wirtschaftspolitik in komplexen Systemen“, 19. August 2020

 

Kommentare (34) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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    Susanne Finke-Röpke sagte:

    Bitte um Verzeihung, aber für mich sind die 10 Aussagen von Herrn White einfach nur feige. Wer so allgemeine Forderungen stellt, dass von Trump über Merkel bis zum chinesischen Staatschef jeder zustimmen kann, empfiehlt alles und gar nichts. Hätte er empfohlen, die Eigenkapitalquoten von Banken auf das allgemeine unternehmerische Niveau zu heben oder alles über einer bestimmten Bilanzsumme wegen Systemrelevanz zu verbieten, wäre es anders. So ist es nur ein Bewerbungsschreiben für eine politisch harmlose Professur in Volkswirtschaftslehre. Und damit rein akademisch. Nett für den, den es interessiert. Ich gehöre nicht mehr dazu.

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    Alexander sagte:

    William White schreibt über „Macro Politicymakers“.

    Die Macro Politik ist eine Katastrophe, bedenkt man die vielen Krisen die sich zur größten Finanzkrise auf addieren, welche die Menschheit seit dem römischen Imperium oder Babylon gesehen hat. Die Abhängigkeiten sind so groß, dass ein dunkles Zeitalter droht…

    Wer angesichts der Tragweite mit „Wirtschaftspolitik“ übersetzt lenkt vom Thema ab und verschwendet wieder einmal Zeit.

    Ich glaube nicht das die Macro Policymakers ein ernstes Interesse an echten Problemlösungen haben, vielmehr verfolgt man seine Ideen und rechnet damit, dass die regierte Bevölkerung im Schadensfall den Laden am laufen hält.
    Vergleichen würde ich es mit dem heißgelaufenen Wachstum der Industrie 1.0, z.B. dem Eisenbahkrach in den USA. Die Politik befeuerte den Streckenausbau und kalkulierte Pleiten eiskalt ein, weil die Infrastruktur jede Pleite überlebt – der gesellschaftliche Nutzen bleibt, das Schicksal der Investoren war egal.

    Schon allein aus dieser Erfahrung gebe ich nichts auf politische Absichtserklärungen, Versprechen oder gesetzliche Ansprüche. Mit den Grundrechenarten lässt sich die Nachhaltigkeit errechnen, und die Verantwortung für das eigene Schicksal trägt jeder für sich allein.

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    JürgenP sagte:

    „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, um von unserem gegenwärtigen Weg abzukommen, der unweigerlich zu einer Katastrophe führt“.

    Richtig.

    William White beschreibt den Blick von Oben auf das System „Volkwirtschaft“ als Ganzes.

    Wie könnte der Paradigmenwechsel für das Subsystem „Mittelständisches Unternehmen“ aussehen?

    Praxiserprobte & erfolgreiche Hinweise von einem Experten der komplexitätsgerechten Unternehmensführung, Ernst Weichselbaum, mit 28 Jahren praktischer Erfahrung als Geschäftsführer und DANACH ein Berater von rd. 160 Unternehmen, die seinen Prinzipien folgen:

    https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/ID24604349.html

    Wer den Paradigmenwechsel nicht will, liest das Buch besser nicht, es könnte ihn verstören. Für alle anderen ist es ein Fundus praktischer Erfahrung, ohne Belehrung, unkompliziert, aber komplex in seinen Ansätzen für einen Paradigmenwechsel in Unternehmen und Institutionen. Die Politik kann und muss schnell Rahmenbedingungen setzen, damit solche Konzepte nicht unnötig behindert werden. Erfolgreich sind sie sowieso, es könnte zum Wohle aller aber schneller gehen mit der Umsetzung.

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    Stoertebekker sagte:

    Das größte Problem ist aus meiner Sicht der letzte Punkt der Whiteschen Liste. Die Globalisierung macht Planungen/Wirkungsüberlegungen in vielen Fällen nahezu unmöglich. Das System ist schlicht zu groß/komplex.

    Von Politikern zu fordern, dies bei all ihren Überlegungen zu berücksichtigen, zeigt eine ordentliche Realtitätsferne – auch, weil es kaum entsprechende wirtschaftspolitische Theorien/Konzepte gibt. Wir testen doch immer wieder Neues (was angesichts des Scheiterns der alten Konzepte ok ist, aber keine Planungssicherheiten gibt).

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      JürgenP sagte:

      „Das größte Problem ist aus meiner Sicht der letzte Punkt der Whiteschen Liste. Die Globalisierung macht Planungen/Wirkungsüberlegungen in vielen Fällen nahezu unmöglich. Das System ist schlicht zu groß/komplex.“

      Nein. Es kommt auf die Methode an, mit der Planungen/Wirkungsüberlegungen angestellt werden. Die Tools von gestern sind es nicht.

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    Dietmar Tischer sagte:

    >Die Wirtschaft ist ein komplexes, anpassungsfähiges System (‘Complex Adaptive System’), das sich kontinuierlich weiterentwickelt, nie im Gleichgewicht ruht und mit linearem Denken nicht erfasst werden kann.“>

    Diese Feststellung ist so umfassend und zugleich so unbestimmt, dass sie nur richtig sein kann.

    >Wie man am besten mit ihnen umgeht, ist zudem in diversen Forschungsdisziplinen eingehend untersucht worden … lassen darauf schließen, dass Erkenntnisse aus anderen Wissenschaftsdisziplinen auch rasch auf die Wirtschaftspolitik angewendet werden können.“>

    Bevor man über RASCHE Anwendungen redet, sollte man eine GRUNDSÄTZLICHE Frage stellen und sie beantworten:

    Wenn das System ANPASSUNGSFÄHIG ist, sollte man es dann

    a) SICH anpassen lassen an seine Betreiber, also auf Eingriffe verzichten

    ODER

    b) EINGREIFEN in das System, um – seine Anpassungsfähigkeit nutzend – es zu bestimmten Zielen zu „verpflichten“?

    W. White stellt diese Frage offensichtlich nicht, entweder weil er ihre Signifikanz nicht erkennt oder sie als beantwortet ansieht.

    Wie auch immer – es ist ein DEFIZTIT, sich nicht explizit darüber auszulassen.

    >Weil Systemzusammenbrüche zu extrem negativen Resultaten führen können, sollte sich die Wirtschaftspolitik daher verstärkt darauf konzentrieren, solche negativen Ereignisse zu verhindern.>

    Gut, mit „Lektion 3“ sagt er, dass b) die Alternative sein MUSS, die es zu verfolgen gilt.

    Er sagt auch:

    >Der Einsatz von hochgradig experimentellen Massnahmen (und Produkten) sollte deshalb nach dem Grundprinzip darauf beschränkt werden, keinen Schaden anzurichten.“>

    Das ist nachvollziehbar richtig, weil Schäden das System in Richtung von Zusammenbrüchen mit extrem negativen Resultaten verschieben.

    WELCHE Massnahmen sind daher verfolgt werden und welche unterlassen werden?
    W. White gibt verständlicherweise keine allgemein gültigen Kriterien an, schließlich ist das System komplex und, nur nebenbei, auch das:

    KÖNNEN wir überhaupt WISSEN, dass z. B. die Energiewende als gesamtwirtschaftlich „hochgradig experimentell“ NUR Nutzen ergibt und KEINEN Schaden anrichtet?

    Er gibt zu bedenken, sozusagen als Prüfverfahren an:

    >Weil adaptive Systeme ihrem Namen gemäß anpassungsfähig sind, laufen wirtschaftspolitische Maßnahmen immer Gefahr, sich auf das letzte große Problem zu konzentrieren, das möglicherweise gar nicht mehr akut ist.>

    Aber AUCH möglich (jedenfalls nach seinen Ausführungen NICHT auszuschließen):

    … sind wirtschaftspolitische Maßnahmen immer dann RICHTIG, sich auf das letzte große Problem zu konzentrieren, wenn es sehr AKUT ist, d. h. wenn es nicht angegangen wird, möglicherweise zum unerwünschten Systemzusammenbruch führen würde.

    Hatten wir gestern mit „Geld (Transferunion) rettet den Euro nicht, verhindert aber den Systemzusammenbruch“

    Was nun, Mr. White?

    Sein Fazit:

    >Die Wirtschaft ist ein komplexes, anpassungsfähiges System und sollte als solches behandelt werden. Die zehn oben beschriebenen, praktischen Lektionen für politische Entscheidungsträger sind damit einfach, aber revolutionär. Genau deshalb sollten wir sie in die Tat umsetzen.>

    Wenn die praktischen Lektionen so EINFACH sind, dass man sie in die Tat umsetzen sollte, dann, bitte schön, WIE hätten die Entscheidungsträger auf den pandemiebedingten Wirtschaftseinbruch in der Eurozone reagieren sollen?

    Man komme mir jetzt nicht mit dem Hinweis, dass der europaweite Lockdown falsch und damit ein Vor-Fehler begangen wurde, den es bei Befolgung der Lektionen von White nicht gegeben hätte.

    Es GIBT nach dem Lockdown die Situation, die wir HABEN – und auf sie MUSS reagiert werden.

    Die Lektionen von White lassen offen, WIE zu reagieren ist.

    Mein Fazit:

    Vieles ist nicht falsch, was White sagt.

    Aber es ist nicht hilfreich, um in KONKRETEN Situation zu besseren Entscheidungen zu kommen.

    Schlimmer:

    Er nährt ILLUSIONEN, wenn er von „in die Tat umsetzen“ redet und damit tragfähige „Lösungen“ suggeriert.

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      Richard Ott sagte:

      @Herr Tischer

      „Wenn die praktischen Lektionen so EINFACH sind, dass man sie in die Tat umsetzen sollte, dann, bitte schön, WIE hätten die Entscheidungsträger auf den pandemiebedingten Wirtschaftseinbruch in der Eurozone reagieren sollen? Man komme mir jetzt nicht mit dem Hinweis, dass der europaweite Lockdown falsch und damit ein Vor-Fehler begangen wurde, den es bei Befolgung der Lektionen von White nicht gegeben hätte.“

      Meine Antwort hat überhaupt keinen White-Bezug, aber Ihre Frage ist so relevant, dass ich Ihnen trotzdem etwas schreiben will:

      Bildlich gesprochen streiten wir uns in Europa gerade darüber, wie viele Bluttransfusionen wir einem Schwerverletzten geben sollten während seine Wunden überhaupt nicht versorgt sind und er die ganze Zeit weiter Blut verliert.

      Zu allererst müssten wir sämtliche Corona-Beschränkungen wieder aufheben, es sei denn, es kommt in Folge dessen zu einer Situation, in der in einer bestimmen Region Europas die Krankenhäuser überlastet sind. Dann wäre es dort gerechtfertigt, Einschränkungen zeitweilig wieder einzuführen. Aktueller Stand in Deutschland übrigens: 238 Corona-Patienten auf der Intensivstation, 8481 Intensivbetten frei, zuzüglich verfügbarer Notfallreserve – siehe https://www.divi.de/joomlatools-files/docman-files/divi-intensivregister-tagesreports/DIVI-Intensivregister_Tagesreport_2020_09_17.pdf

      Wenn das erledigt ist, können wir weiterschauen.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        >Zu allererst müssten wir sämtliche Corona-Beschränkungen wieder aufheben, es sei denn, es kommt in Folge dessen zu einer Situation, in der in einer bestimmen Region Europas die Krankenhäuser überlastet sind.>

        SÄMTLICHE – so könnte man vorgehen, es wäre aber RISIKOREICH, weil man die „SITUATION in Folge“ NICHT genau genug einschätzen kann, geschweige denn kennt.

        Anhand des GELERNTEN – die Epidemie (Ausbreitung, Letalität), Vorsorge- und Behandlungskapazitäten (Altenheime, Kliniken etc.) und die Kosten ausbreitungsbeschränkender Maßnahmen (Wirtschaftseinbruch) betreffend – ist der WENIGER risikoreiche, wenngleich NICHT der die INSTANT-Kosten betreffende billigste Weg:

        SCHRITTWEISE Aufhebung der Beschränkungen, etwa wie Zulassung von Zuschauern zu Sportveranstaltungen mit BEWERTUNG der Folgen und REAKTION darauf.

        Er wird VERFOLGT.

        Diskussionen darüber sind angebracht, auch aufgrund regionaler Unterschiede und Einschätzungen, die auf Annahmen beruhen, etwa wie effizient die Nachverfolgung von Kontakten ist.

        Grundsätzlich und damit wieder bei White:

        Der Weg ist zumindest bei diesem Problem ein EXPERIMENTELLES Verfahren, das auf ERFAHRUNGEN beruht.

        Er ist NICHT alternativlos, aber gut begründbar, rational handhabbar, und kann verstanden werden – wenigstens von denen, die als Betroffene dem Problem auch rational begegnen wollen.

        Wenn die MEHRHEIT der Bevölkerung ihn so versteht, wie es der Fall ist, ist dieser Weg AKZEPTABEL.

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        RaS sagte:

        Quizfrage dazu:
        Wer hat das gesagt?:
        Die überwiegende Mehrheit der Todesopfer wird jedoch nicht Teil der offiziellen Opferzahlen sein. Das liegt daran, dass diese Pandemie weitreichende und schreckliche Auswirkungen hat. Die wirtschaftlichen Auswirkungen und Unterbrechungen in der Versorgungskette im Zusammenhang mit Covid-19 könnten die Zahl der Menschen, die nicht regelmäßig Zugang zu Nahrung haben, im Jahr 2020 auf bis zu 265 Millionen verdoppeln.

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        Richard Ott sagte:

        @Stoertebekker

        „in einzelen französischen Städten weden die ICUs schon wieder knapp.“

        Das Problem scheint ganz spezifisch bei einem bestimmten Krankenhaus in einer bestimmten Stadt in Frankreich zu exisiteren. In Ihrer zitierten Quelle finden sich dazu die beiden folgenden Angaben:

        „but his intensive care unit is already nearing capacity, with 33 of the 35 available ICU beds occupied on Wednesday“

        „the number of clusters has been rising steadily and, most worryingly, nationwide, the number of people in intensive care has risen 25% in the past week. That number is still 10 times lower than they it was in the spring but it is a worrying trend; like in the spring it will be about how fast the numbers move upwards.“

        Wenn die Belegung der Intensivbetten ganz Frankreich im Frühjahr zehnmal so hoch war wie jetzt, dann folgt daraus, dass mindestens 90% der Kapazitäten immer noch ungenutzt sind.

        Die Patienten aus der einen Klinik in Bordeaux kann man auf die anderen Krankenhäuser verteilen, ich sehe da noch überhaupt keine kritische Lage.

        Haben Sie eine allgemeine, täglich geupdatete Statistik über die Intensivbettenbelegung in Frankreich? Ich kenne leider nur die Zahlen in Deutschland, das würde mich aber sehr interessieren.

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      Marco Jaggi sagte:

      Sehr geehrter Herr Tischer (vermutlich ein Pseudonym)
      Ich habe nun schon Hunderte Ihrer Beiträge hier am Blog gelesen und freue mich jedesmal aufs Neue darüber, wie Sie Ihre Worte präzise wählen und Ihre Sicht der Dinge darlegen. Haben Sie mir Evtl. einen Tipp, wie man dieses Handwerk erlernen Und verbessern kann?

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      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Marco Jaggi

        Danke für die Anerkennung.

        Ich schreibe unter meinem Klarnamen und kann das auch, weil ich unabhängig bin bezüglich meiner Auffassungen.

        Der Mitarbeiter eines Ministeriums z. B. wäre das nicht, wenn er seine persönlichen Ansichten hier kundtäte, denn sie könnten fälschlicherweise dem Ministerium zugeschrieben werden.

        Was Ihren Wunsch betrifft:

        Tipps habe ich nicht, es gibt auch keine.

        Ich kann Ihnen allerdings gern einige Perspektiven eröffnen.

        Sie sind natürlich subjektiv geprägt, dürften aber nach anerkannten Maßstäben durchaus als zielführend gelten.

        Es beginnt mit IHNEN.

        Sie müssen eine gewisse analytische Begabung haben, darüber hinaus vor allem OFFEN und INTERESSIERT sein, sowie DISZIPLINIERT arbeiten können und über EHRGEIZ verfügen.

        Der formale Weg ist ein Hochschulstudium.

        Schwerpunkt sollte die Philosophie sein – aus mehreren Gründen.

        Die abstrakt und systematisch behandelten Probleme unterliegen praktisch allen diskutierten Sachverhalten, etwa „Was können wir erkennen und wissen?“, „Was ist Pflicht, wie sollen wir handeln?“

        Der Vorteil der Abstraktion ist, dass man damit sozusagen das Handwerkszeug für die konkreten Sachverhalte erwirbt und der der Systematik liegt darin, Fallen und Kurzschlüsse zu erkennen.

        Der unerlässlichen Genauigkeit der Aussagen wegen betreibt man das, was auch an diesem Blog mitunter als Haarspalterei gilt. Wird man damit belegt, ist man zumindest schon mal auf einem guten Weg.

        Da Philosophie auf Klärung zielt, lernt man nicht nur, über andere Auffassungen nachzudenken, sondern auch über seine eigenen.

        Denn Philosophie konditioniert einen dazu, eigene Auffassungen mit gegensätzlichen zu konfrontieren, um so Einwänden oder Abweisungen anderer begegnen zu können.

        So wenig zum Materiellen des Fachs.

        Nun zum Wo und Wie.

        Vor Jahrzehnten hätte ich geraten, unbedingt an einer der führenden angelsächsischen Universitäten zu studieren. Mittlerweile sind meiner Einschätzung nach auch deutsche Universitäten einzubeziehen, weil die Professoren hierzulande durchweg durch die maßgebende analytische Philosophie geprägt worden sind, die auf logisch-konsistenter Argumentation besteht und für den kontinentaleuropäischen Feuilletonismus des Fachs nichts übrig hat.

        Allerdings mit einem Nachteil:

        Um wirklich gut zu werden, braucht es meiner Überzeugung nach von Anfang an die intensive persönliche Konfrontation mit den Standpunkten derer, die länger und tiefer nachgedacht haben. Man muss hunderte Male gesagt bekommen, dass man mit seiner Auffassung gegen die Wand läuft, wenn man sie nicht ändert.

        Das ist im Massenbetrieb deutscher Universitäten nicht zu erreichen und auch den Lehrkräften nicht immer bewusst. Als ich einer vor der Klasse mit ca. 40 bis 50 Studierenden gesagt habe, dass sie überfordert sei (anhand der Größe der Klasse), verstand sie diese Beurteilung als Zuschreibung von Inkompetenz.

        Wenn möglich, dann doch besser an eine angelsächsische Elite-Universität, wo auf eine Lehrkraft weniger als 10 Studierende kommen und Lehre groß geschrieben wird, weil auch viel dafür bezahlt werden muss.

        Das andere Problem:

        Man sollte nicht ausgetretene Pfade begehen, sondern auch Neuland betreten. Das ist nicht so einfach, weil die Studienordnungen durchweg einengen. Ich hatte das Privileg, einen Fakultätsbeschluss gegen einen Professor erwirken zu dürfen, der mir vorschreiben wollte, welche Fächer ich zu belegen hätte. Es war eine liberale Universität und die Liberalität mir gegenüber bestand darin, dass man anerkannte, einen ihrer Professoren mit den Regeln seiner Fakultät matt gesetzt zu haben.

        Also:

        Geschick und Glück gehören auch dazu.

        Nach- aber nicht untergeordnet gehört zum Studium auch eine gute Portion Ökonomie, Mikro- wie Makroökonomie und – heute mehr denn je – das Studium des Geldsystems.

        Daneben sollte man sich auch etwas mit den Grundlagen der Soziologie und Politik befassen. Als Ergänzung empfehle ich eine Einführung in die Wissenschaftstheorie oder Ideengeschichte.

        Unterm Strich also:

        Harte Methodik (Philosophie) und breite Thematik (alles, was interessiert und mit Maßlosigkeit noch qualitativ gut zu bewältigen ist).

        Einfach die leere Landkarte nach Neigung und Interesse weit bevölkern, dabei vor allem auch in „uncharted territory“ vordringen.

        Das kann das wirklich Spannende sein.

        Ansonsten:

        Bei diesem „Projekt“ nicht auf einen Beruf schielen.

        Das wirft einen nur aus der Bahn.

        Es gelassen nehmen, wenn einem Arroganz vorgeworfen wird.

        Es gibt nun einmal Leute, die nicht zwischen arrogant sein und arrogant wirken unterscheiden können.

        Damit muss man leben können.

      • Avatar
        Marco Jaggi sagte:

        @ Herr Tischer
        Besten Dank für die sehr geschätzte Rückmeldung.
        Die Unterstellung des Pseudonyms kam daher, weil ich nichts über Sie gefunden habe im www. Scheint mir sehr ungewöhnlich zu sein für jemanden, der in der Lage ist, so zu schreiben, wie Sie es können.

        Nun zu Ihren Anregungen. Mit 34 Lebensjahren stehen mir beruflich nicht mehr ganz alle Türen offen. Mich hat vor allem die explizite Nennung der Philosophie sehr gefreut. Quasi mein Lieblingsfach, auch wenn ich da bei Null starten muss, weil dieses Thema auf meinem Weg bisher viel zu kurz gekommen ist.

        Ich werde Sie und Herrn Dr. Stelter weiter fleissig lesen und zu verstehen versuchen.

      • Avatar
        Eulenspiegel sagte:

        @D Tischer

        >Es gibt nun einmal Leute, die nicht zwischen arrogant sein und arrogant wirken unterscheiden können.>

        Seit wann gibt es ein objektives Messkriterium für Arroganz? Die Wahrnehmung von Arroganz entsteht immer subjektiv beim Betrachter.

      • Avatar
        Hansjörg Pfister sagte:

        @Herr Tischer, @Herr Jaggi, als studierter Philosoph will ich Herrn Tischer im Prinzip zustimmen, ich erlaube mir allerdings einige Anmerkungen.
        1. Philosophie zu studieren ist ein ziemlicher Luxus. Man muss sich das leisten können. Entweder ist man von Haus aus so begütert, dass man für seinen Lebensunterhalt nicht arbeiten muss oder man macht eben zwei Ausbildungungen. Ich z.B. verdiene mein Geld mit Softwareentwicklung. Die wenigsten können von „Philosophie“ leben. Aber im Gegensatz zu Herrn Tischer, denke ich, dass man mit einigen Tipps (die hier auszuführen allerdings zu weit ginge), auch schon recht weit kommen kann. Philosophie zu studieren ist nur ein gangbarer Weg ohne Erfolgsgarantie. Man kann erfolgreich Philosophie studieren und trotzdem strunzdoof bleiben.

        „Bei diesem „Projekt“ nicht auf einen Beruf schielen.Das wirft einen nur aus der Bahn. Es gelassen nehmen, wenn einem Arroganz vorgeworfen wird.“
        Ähm, dann brauchen Sie jetzt aber schon ein wenig Gelassenheit Herr Tischer. Das klingt schon ein wenig arrogant. Manche Leute wollen und müssen Geld verdienen und zwar nicht zu wenig. Da ist die Philosophie eher hinderlich. Oder wie mein Hausarzt mit mal sagte: „Wären Sie dümmer, hätten Sie keinen so hohen Blutdruck.“

        2. Sie sagen, dass „Philosophie auf Klärung zielt“. Diese Auffassung vertreten nur ein Teil der Philosophen (mich eingeschlossen), allerdings ist es wohl die Mehrheitsmeinung.
        3. Man muss eine gewisse Frustrationstoleranz mitbringen. Am Anfang ist alles sehr verwirrend und gefühlt 90% aller Philosophie ist kompletter Blödsinn, der allerdings auch seine innere Logik besitzt und man daraus lernen kann. Erst nach einer Weile lichtet sich der Schleier.
        4, Das wichtigste ist: Man muss den inneren Drang verspüren, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen. Aber das ist wohl die Grundvoraussetzung aller guten Wissenschaft.
        5. Man soll seinem gesunden Menschenverstand vertrauen und man soll auf keinen Fall versuchen zu den Klugen gehören zu wollen, denn dann ist man geneigt das nachzuplappern, was allgemein für klug gehalten wird, es meistens aber gar nicht ist. Noch schlimmer ist es, wenn man auch noch zu den „Guten“ gehören will.
        6. Wer nur etwas von Philosophie versteht, versteht auch diese nicht. Umfassende Bildung ist nötig nicht nur im Bereich Ökonomie, wie Herr Tischer sagt, auch im Bereich Naturwissenschaft, Geschichte usw.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Eulenspiegel

        >Seit wann gibt es ein objektives Messkriterium für Arroganz? Die Wahrnehmung von Arroganz entsteht immer subjektiv beim Betrachter.>

        Der zweite Satz ist richtig.

        Ich habe nicht das Gegenteil behauptet.

        Es geht bei meiner Feststellung jedoch NICHT um die Wahrnehmung von Arroganz.

        Es geht um die INTERPRETATION einer Aussage als arrogantes Verhalten des sie Tätigenden, obwohl dieser NICHT arrogant ist.

        Beispielhaft und konkret:

        Nehmen wir an, jemanden wird dargelegt, dass ein Autofahrer von A nach B in fünf Teiletappen fährt, also mit vier Pausen zwischen diesen Etappen. Die jeweiligen Streckenlängen und die dafür gebrauchten Fahrzeiten werden angegeben, ebenso die Pausenzeiten. Die Aufgabe, die zu lösen ist, lautet: Was ist die Fahrzeit von A nach B?

        Als Antwort wurde die Gesamtzeit (Fahrzeiten und Pausenzeiten) angegeben. Fahrzeit wurde als Reisezeit verstanden und daher die Aufgabe nicht richtig gelöst.

        Der Aufgabensteller sagt darauf hin:

        Sie haben die Aufgabe nicht verstanden. Lesens Sie noch einmal genau den Text.

        DARAUFHIN denkt sich der so Angesprochene:

        Arroganter Pinsel, sagt mir doch, ich könne nicht lesen.

        Es fehlt ihm am Verständnis, dass die AUSSAGE, die Aufgabe sei nicht verstanden worden – ob falsch oder richtig aus Sicht des Angesprochenen spielt keine Rolle – eine REIN SACHLICHE und der Verweis aufs genaue Lesen eine LÖSUNGSHILFE ist und DAHER keine Arroganz des sie Tätigenden vorliegt.

        Er WIRKT aber arrogant aufgrund der UNFÄHIGKEIT des Angesprochenen, die Sachlichkeit und die Hilfestellung der Aussage zu erkennen.

        Auf Fälle wie diese, wo UNGERECHTFERTIGTES Beleidigtsein die Reaktion ist, bezieht sich meine Feststellung:

        >Es gibt nun einmal Leute, die nicht zwischen arrogant sein und arrogant wirken unterscheiden können.>

        ANDERS wäre es, wenn die Aussage lauten würde:

        Wie kann man denn so doof sein, in dem Alter noch nicht einmal lesen zu können.

        Wer so etwas sagt, ist arrogant (und zudem noch beleidigend) und die Auffassung dessen, dem sie gilt, der sie Tätigende sei arrogant, ist richtig.

        Hier muss, anders als im ersten Fall, nicht unterschieden werden.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Hansjörg Pfister

        Die eher geringen Unterschiede zwischen unseren Auffassungen liegen m. A. n. darin, dass Sie Philosophie ANDERS als ich studiert haben.

        Darin ist ausdrücklich KEINE Wertung enthalten.

        Ich stimme daher dem zu, was Sie sagen, allerdings mit einer Klarstellung dazu:

        >„Bei diesem „Projekt“ nicht auf einen Beruf schielen.Das wirft einen nur aus der Bahn. Es gelassen nehmen, wenn einem Arroganz vorgeworfen wird.“
        Ähm, dann brauchen Sie jetzt aber schon ein wenig Gelassenheit Herr Tischer. Das klingt schon ein wenig arrogant. Manche Leute wollen und müssen Geld verdienen und zwar nicht zu wenig. Da ist die Philosophie eher hinderlich.>

        Ich verstehe nicht, was daran arrogant sein soll – wenn man ein Philosophiestudium so VERSTEHT, wie ich es für mich verstanden habe.

        Ich habe es wie eine BERUFUNG aufgefasst, als ein MUSS (was sonst oder dadurch auch immer sein wird) also durchaus als etwas für mich EXISTENZIELLES, in etwa so wie es für einen jungen Menschen existenziell sein kann, Priester zu werden.

        Das ist natürlich übertrieben, weil mein Leben nicht im Philosophieren bestehen sollte, aber es sollte damit deutlich sein, was ich meine.

        Sie sprechen „vom inneren Drang“ – da liegen wir nicht weit auseinander.

        Wenn das SO ist, dann kann man eben nicht Geld verdienen wollen oder darauf schielen, es durch das Philosophiestudium zu können.

        Das ergibt sich danach.

        Oder anders herum:

        Wer Geld verdienen MUSS und vor allem, wenn es nicht WENIG sein darf, sollte NICHT Philosophie studieren.

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      JürgenP sagte:

      „Wenn die praktischen Lektionen so EINFACH sind, dass man sie in die Tat umsetzen sollte, dann, bitte schön, WIE hätten die Entscheidungsträger auf den pandemiebedingten Wirtschaftseinbruch in der Eurozone reagieren sollen?“.

      Ganz einfach:

      Wann = VOR dem Ereignis AGIEREN (statt zu reagieren).

      Wie = beispielsweise Management nach der Regel …

      „„Strukturen sind wichtig: Adaptive Systeme entwickeln zwar eine eigene, evolutionäre Dynamik. Strukturänderungen können aber helfen, wirtschaftspolitische Ziele einfacher zu erreichen. Es ist gut bekannt, dass STRUKTURREFORMEN die Effizienz steigern können. Weniger bekannt scheint hingegen, dass Puffer, Redundanz und Modularität die Widerstandsfähigkeit eines Systems erhöhen können. Unnötige Komplexität sollte deshalb beseitigt werden.“

      Was = inhaltlich alles unternehmen, um die Widerstandsfähigkeit des komplexen Systems „Volkswirtschaft“ in jeder Hinsicht zu stärken. Das fängt mit einem funktionierenden Frühwarnsystem für „das Unerwartete“ an.

      Auf welchem Level bspw. STRUKTURREFORMEN angegangen werden müssen, zeigt die Disfunktion der kriegsbedingte Reste auf den Dächern einschließlich der dürftig zusammengeschusterten Warn-App’s am vergangenen Donnerstag. Mit der exemplarischen Flickschusterei wäre die Bevölkerung im Ernstfall nicht lungenerkrankt, sondern womöglich ersoffen oder erstickt.

      Symptomatisch für den Zustand der zu reformierenden Strukturen.

      Symptomatisch ist auch, dass erst der Kopf des Hauses in den Vorruhestand geschickt werden muss, damit sich etwas ändert.

      Antworten
      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ JürgenP

        >Ganz einfach:

        Wann = VOR dem Ereignis AGIEREN (statt zu reagieren).

        Wie = beispielsweise Management nach der Regel …>

        Meine Frage nach dem WIE bezieht sich auf eine Situation (pandemiebedingter Wirtschaftseinbruch in einer nach WK II so noch nicht erlebten Dimension), in der es im Rahmen des MÖGLICHEN nur die ALTERNATIVE gab (nach nicht nur meiner Einschätzung):

        Die BESONDERS bedrängten Länder mit Geld zu entlasten und dadurch die Eurozone zu stabilisieren ODER die Dinge laufen lassen mit welchem Ergebnis auch immer.

        Zwischen diesen Alternativen ist NICHT nach Management-Regeln zu entscheiden.

        Wenn entschieden IST, sind gute Management-Regeln allerdings unabdingbar.

        Ihr

        >VOR dem Ereignis AGIEREN (statt zu reagieren)>

        hatte ich antizipiert und wie folgt ausgeschlossen:

        >Man komme mir jetzt nicht mit dem Hinweis, dass der europaweite Lockdown falsch und damit ein Vor-Fehler begangen wurde, den es bei Befolgung der Lektionen von White nicht gegeben hätte.

        Es GIBT nach dem Lockdown die Situation, die wir HABEN – und auf sie MUSS reagiert werden.>

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    Dr. Stefan Lehnhoff sagte:

    Wahre Worte!
    Aber, Herrr Stelter, die Frage, ob Politiker bereit sind, das zu durchdenken, ist eindeutig beantwortet.
    Nein,
    Sie sind zu blöd und oder zu korrupt dazu.
    Das Coronaproblem zeigt das überdeutlich.
    Es ist als mathematisches Modell 100000fach unkomplizierter als die Makroökonimie.
    2 sehr simple Differentialgleichungen und etwas Mittelstufenmathematik kombiniert mit der Bereitschaft sauber definierte Daten zu nutzen beweisen seit 6 Monaten hart den Irrsinn der Maßnahmen.
    Und nicht einmal hier gibt es irgend eine Bereitschaft zum Denken, geschweige denn zum handeln.
    Bitte stellen Sie dem Mann noch die Frage, wie er sein Geld in Sicherheit bringt, das würden bestimmt alle hier gerne wissen.

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      Wolfgang Selig sagte:

      @Herrn Dr. Lehnhoff:

      Das sehe ich komplett anders.

      Die Politiker in höheren Positionen, die ich kennengelernt habe, waren weder blöd noch (soweit ich das beurteilen kann) korrupt, wenn man es unter globalen Aspekten sieht, sondern Gefangene des Systems. Das Problem ist m.E. ein anderes und relativ simples: Die „Blöden“ und „Korrupten“, um in Ihrem Chargon zu bleiben, sind die Mehrheit der Wähler. Wer ihnen nach dem Mund redet, wird gewählt; wer nicht, fliegt raus. So einfach und so schlimm ist das. Gilt auch für Medien. Damit will ich nicht der Abschaffung der Demokratie das Wort reden, aber ich halte es da mit Churchill, dass Demokratie die schlechteste Regierungsform von allen ist abgesehen von denen, die zuvor probiert worden sind.

      Sie können ohne billige Wahlgeschenke, die die Beschenkten hinterher teilweise selbst (teilweise auch die von ihnen beneideten) bezahlen müssen, bei „blöden“ Wählern nicht punkten. „Korrupt“ in diesem Sinne ist der Wähler, der egoistisch den wählt, der ihm vermeintliche persönliche Vorteile verspricht, also im Prinzip gedanklich seine Wählerstimme dem meistbietenden Politiker verkauft. Beispielhaft sei der Überbietungswettbewerb bei Mindestlöhnen genannt, dessen Einführung ich grundsätzlich richtig fand in einem Land mit Sozialhilfe / Hartz 4. Jeder wirft da irgendwann einen noch höheren Stundenlohn in den Raum als der politische Gegner.

      Lesen Sie dazu vielleicht einfach Max Weber oder Platon. Sie können aber auch alternativ aktuell einen Blick in Bücher von weniger prominenten Autoren wie die „Bürgerliche Revolution“ von Markus Krall werfen oder einfach nur unter „Brot und Spiele“ im Internet recherchieren. Es reicht aber auch, mal eine typische Wahlkampfveranstaltung einer typisch verteilungsorientierten Partei zu besuchen und sich das kommentarlos anzuhören, z.B. in einem Zelt oder auf einem Marktplatz. Am besten aber besuchen Sie selbst eine reine interne Parteiveranstaltung, wie z.B. eine Ortsvereinssitzung einer Umverteilungspartei und unterhalten sich zwanglos mit den Mitgliedern. Dann können Sie auf den Kauf eines Buches verzichten. Die Erfahrungen dort sind unfassbar, aber auch unbezahlbar. Daher wird William White auch garantiert 2020 f. nicht Erfolg haben, denn Sie können in einer egoistischen Zeit niemanden mit hehren Zielen, bei denen für Sünden früherer Jahrzehnte bezahlt werden muss, hinter dem Ofen hervorlocken. Das ist übrigens in anderen Ländern nicht besser, eher im Gegenteil, wenn ich z.B. nach Frankreich oder Italien sehe. Da müssen Sie schon einzelne Oasen der politischen Wählermündigkeit besuchen wie z.B. eine Bürgerversammlung in einem ländlichen Kanton in der Schweiz, z.B. Aargau oder Appenzell, die auch mal ein billiges Wahlgeschenk konsequent mehrheitlich ablehnen mit der Begründung, dass sie das ja sowieso indirekt selbst finanzieren müssten und dann gleich darauf verzichten können, dass sich dazwischen noch ein öffentlich Bediensteter sinnlos damit beschäftigt.

      Bessere Chancen hat er nach einem „Währungsereignis“, z.B. einer Hyperinflation, einer Staatsinsolvenz oder einer Großen Depression. Danach ist die Aufmerksamkeit der Bürger wieder für zwei Generationen geweckt. Aber jetzt? No way!

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      • Avatar
        Richard Ott sagte:

        @Herr Selig

        „Die Politiker in höheren Positionen, die ich kennengelernt habe, waren weder blöd noch (soweit ich das beurteilen kann) korrupt, wenn man es unter globalen Aspekten sieht, sondern Gefangene des Systems.“

        Beim Kennenlernen werden Politiker Ihnen sicher nicht unter die Nase reiben, wie korrupt sie sind. So extrem blöd sind die meisten dann doch wieder nicht. ;)

        Ansonsten muss ich Ihnen aber widersprechen, ich habe einige Politiker und höhere Beamte kennengelernt, die ich definitiv als dumm einschätzen würde und die nur durch Quotenregelungen oder Vetternwirtschaft in ihre Ämter gekommen sein können. Bei einem bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass es Erpressung war.

        Ich glaube auch, dass die Kombination aus Dummheit mit einer ordentlichen Portion Narzissmus einer Karriere als Politiker*in sehr förderlich ist – zumindest solange die Journalisten in unserem Land weiterhin eine so erbärmliche Arbeit abliefern wie sie es derzeit tun.

        Alles aufs System und auf die Mechanik des Stimmenkaufs durch vom Wähler selbst gezahlte Wahlgeschenke zu schieben, greift meiner Meinung nach zu kurz.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Wolfgang Selig

        Sie haben natürlich Recht damit, dass – wenn man mit diesen Begriffen operiert – die „Blöden“ und „Korrupten“ die Mehrheit der Wähler sind.

        Sie sind aber wieder einmal viel zu höflich mit ihrer Entgegnung.

        Es ist VÖLLIGER UNSINN, die vermeintliche Blödheit und Korruption von Politikern damit belegen zu wollen, dass mit Bezug auf Corona unbeachtet geblieben sei:

        >2 sehr simple Differentialgleichungen und etwas Mittelstufenmathematik kombiniert mit der Bereitschaft sauber definierte Daten zu nutzen>

        Einmal UNTERSTELLT dergleichen hätte leisten können, was hier suggeriert wird, nämlich den „Irrsinn“ der Corona-Maßnahmen zu vermeiden, ist festzustellen:

        Spätestens nachdem die Bevölkerung die Bilder aus Bergamo gesehen hatte, ERWARTETE sie, dass die deutsche Regierung ALLES tut, um solche Zustände bei uns auszuschließen.

        ALLES heißt NICHT – wie hier vorgeschlagen -, mit RECHNEREI ein Ergebnis für die Unterlassung von Maßnahmen zu erzielen, sondern die Maßnahmen zu ergreifen, mit denen die Anzahl der Infizierten so KLEIN wie MÖGLICH zu halten ist.

        Also wie geschehen:

        Die Kurve flach zu halten mit Maßnahmen, die dafür erforderlich schienen

        Fazit:

        Ich habe den Eindruck, dass hier jemand, der promoviert ist (was ich im vorliegenden Fall annehme), sich dies angetan hat, um die REALITÄT nicht erkennen zu müssen.

      • Avatar
        Dr. Stefan Lehnhoff sagte:

        Churchill sagte auch in einer Demokratie bekommt das Volk die Regierung, die es verdient hat.
        Ich bleibe bei meiner Behauptung, dass die allermeisten Politiker blöd oder korrupt sind und natürlich sind sie das, weil das für ihre Wähler auch gilt. Da haben wir keinen Gegesatz.
        Nun hätte eine gut konstruierte Republik Mechanismem, Politiker zu installieren, die- platt ausgedrückt- besser sind als ihre Wähler, leider haben wir die nicht, weil wir uns seit 70 Jahren im Wesentlichen auf damals erreichtes ausruhen.
        Stattdessen (Ich habe diese Erfahrungen gesammelt, von denen Sie hier ein wenig insinuieren, dass sie mir fehlen könnten) herrscht eine adverse Selektion vor:
        Unfähigkeit im normalen Berufen, gut zu verdienen, Machstreben , Geltungssucht und ein flexibles Rückrat sind die wesentlichen Faktoren, die eine politische Karriere begünstigen.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Dr. Stefan Lehnhoff

        >Nun hätte eine gut konstruierte Republik Mechanismem, Politiker zu installieren, die- platt ausgedrückt- besser sind als ihre Wähler, leider haben wir die nicht, weil wir uns seit 70 Jahren im Wesentlichen auf damals erreichtes ausruhen.>

        Sie habe es immer noch nicht begriffen, wollen es nicht begreifen.

        Politiker MÜSSEN in einer Demokratie INTERESSEN bedienen und zwar EGAL, wie diese bewertet werden bzw. die Menschen, die sie verfolgen, einzuschätzen sind.

        Wenn sie das nicht tun, weil sie es – so ernsthaft wie Sie gemeint – besser WISSEN, danach handeln und dadurch Interessen auch UNBEACHTET lassen oder – vermutlich der häufigere Fall – GEGEN sie agieren MÜSSSEN, sind sie schnell weg vom Fenster.
        Jedenfalls dann, wenn diese Interessen einflussreich genug sind.

        DAS ist DER Mechanismus in der Demokratie, dem Politiker nicht entkommen können.

        Keine „gute Konstruktion“ der Republik kann daran irgendetwas ändern.

        Das Verständnis die Pandemie betreffend kann daher NUR folgendes sein:

        Man kann die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie begründet ablehnen – sie waren nie alternativlos und die Welt wäre nicht untergegangen, wenn man auf jeglichen Lockdown verzichtet hätte.

        Diese Alternative war der Regierung bekannt.

        Sie hat sie nicht ergriffen.

        Mit welchen Folgen für sie, die Regierung?

        Man muss zur Kenntnis nehmen, dass eine Mehrheit bis zu einem Großteil der Bevölkerung die Maßnahmen bis heute für „angemessen“ oder „gerade richtig“ hält und bis auf die vergleichsweise kleine Zahl von Demonstranten NICHT dagegen agiert.

        Die Bevölkerung hält sie NICHT für angemessen, weil – angeblich – die Regierung Panik verbreitet habe.

        Vielmehr:

        Sie hält sie für angemessen, weil GESAMTGESELLSCHAFTLICH eine Befindlichkeit VORHERRSCHT, der zufolge jedes Leben mit allen Mitteln aufrecht erhalten werden müsse bzw. um keinen Preis gefährdet werde dürfe.

        Was soll da eine demokratisch gewählte Regierung viel anders tun als das, was unsere getan hat?

        Da Sie auf die Zeit vor 70 Jahren verweisen, zitiere ich den maßgebenden Politiker dieser Jahre.

        Adenauer sagte:

        Nehmen Sie die Menschen wie sie sind, andere gibt’s nicht.

        Wer auch immer was auch immer Merkel & Co. bezüglich Covid-19 geraten hat, Merkel muss das wie Adenauer anerkennen – im Fall der Pandemie nicht anders als bei anderen Fällen.

  7. Avatar
    Richard Ott sagte:

    Bei diesen grundsätzlichen Lektionen würde ich noch eine banal klingende aber sehr wichtige Erkenntnis hinzufügen, die Nassim Taleb anlässlich der Corona-Krise so formuliert hat:

    „We must realize that our real economic growth is much lower than our annual figures suggest because these disasters [er meint Pandemien aber auch alle möglichen anderen Seuchen und Kriege] wipe out the growth of preceding years.“

    Antworten
  8. Avatar
    Erik Ziekon sagte:

    Die Wirtschaft ist wie ein Biotop und es hat Jahrzehnte gedauert, bis das Wissen eingesickert ist, dass natürliche Biotope (also ohne menschlichen Eingriff Entstandenes) resilienter sind als Plantagen oder Behördenwiesen. Oft ist „nichts“ das beste, was man tun kann. Aber es widerstrebt dem menschlichen Kontrolldrang.

    Wer also bessere Wirtschaftspolitik machen möchte, muss seinen Wählern klarmachen, dass Aktionismus schadet. Wer Schröders Fiasko mit der „ruhigen Hand“ (was Anti-Aktionismus meinte) erlebt hat, weiß, warum Politiker davon zurückscheuen: ihre Wähler ertragen es nicht.

    Wie jedes politisches Großproblem, liegt der Kern in individuellen psychischen Problem der Mehrheit. Möge jeder Einzelne an sich selbst arbeiten.

    Denkanstoß: https://www.youtube.com/watch?v=tJlZNmqMcD4

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Erik Ziekon

      Das System ist zwar komplex, aber die Komplexität von den Menschen verfolgter Interessen und daher das WOLLEN von WÄHLERN kommen bei White nicht vor.

      Es genügen „Experten“, die durchblicken und dann „einfach“ richtig handeln.

      Die Auffassung von White lässt insoweit tief blicken.

      Antworten
    • Avatar
      jobi sagte:

      @ Eric Ziekon

      Ich stimme Ihnen zu, würde allerdings unterscheiden:
      Nicht das Großproblem selbst ist Ausdruck normopathischer Störungen, sondern die aktionistischen Eingriffe und die allgemeine Zustimmung dazu.

      Das Großproblem, um das es White letztlich geht – auch wenn er stark verallgemeinert – ist die Dysfunktionalität des globalen Finanzsystems, dessen Instabilität durch Regulierung und Notenbankeingriffe massiv verschärft wurde, was unweigerlich in die Katastrophe führt, wenn dieser Weg weiter beschritten wird.

      Notwendig ( nicht hinreichend ) für einen Paradigmenwechsel ist allerdings, dass Politiker und Ökonomen dieses komplexe System besser verstehen und den Kern des Problems erkennen. Und das scheint noch nicht der Fall zu sein.

      Zwei, die Zusammenhänge und Probleme unideologisch aufzeigen und sie in den angemessenen historischen und geopolitischen Zusammenhang stellen, sind Lyn Alden und Jeff Snider hier im Interview zum Thema:

      https://youtu.be/B4xcCO9v-Os

      Prädikat: Sehr empfehlenswert

      Antworten
      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ jobi

        >Nicht das Großproblem selbst ist Ausdruck normopathischer Störungen, sondern die aktionistischen Eingriffe und die allgemeine Zustimmung dazu.>

        Das greift zu kurz.

        Die aktionistischen Eingriffe sind NICHT erfolgt, weil die Politik oder die Gesellschaft MEINTE, dass sie eine tolle Sache seien, die man einfach mal ausprobieren sollte.

        Es hat DAVOR etwas gegeben, das zu Eingriffen VERANLASST hat:

        Es ist das System, das sich so VERÄNDERT hatte, dass es den Ansprüchen – gerechtfertigten oder überzogenen – NICHT mehr genügen konnte.

        Ich glaube, dass Politiker und Ökonomen DIES dem Grundsätzlichen nach verstehen.

        Es ist jedenfalls die weit verbreitete, begründete Annahme, dass der PRIVATWIRTSCHAFTLICHE Teil des Systems in seinem JETZIGEN Zustand – nicht nur, aber AUCH bedingt durch Regulierung, Notenbankeingriffe und anderes – NICHT mehr in der Lage ist, SYSTEMSTABILITÄT zu gewährleisten.

        Daher noch MEHR Eingriffe, speziell durch die mit dem Geld der Notenbanken ausgestattete Fiskalpolitik und in Europa durch supranationalistischen Aktionismus.

        Was m. A. n. NOCH nicht der Fall zu sein scheint:

        Derartige vermehrte Eingriffe haben RÜCKKOPPELUNGSEFFEKTE auf das System und zwar in einem AUSMASS, das DEFORMIEREND auf es wirkt – und DAS ist nicht hinreichend erkannt bzw. thematisiert bezüglich der damit verbundenen Konsequenzen.

        Wenn in das System tatsächlich so grundsätzlich und umfassend eingegriffen wird, stellt sich die Frage:

        Sind die Menschen ihrer Veranlagung und Prägung nach (durch das bestehende System) BEFÄHIGT, damit zurechtzukommen?

        Natürlich weiß das niemand.

        Man muss es wahrscheinlich darauf ankommen lassen.

        Die Frage ist dennoch wichtig, weil die Entwicklung mit absehbar enormen Risiken verbunden ist, so dass zumindest SENSIBILISIERUNG für die Problematik angebracht wäre.

  9. Avatar
    Horst sagte:

    Wenn es NUR 10 Lektionen bedarf, um die Komplexität der Wirtschaft abzubilden, sollte das Erfassen dieser vor allem für die POLITIK nicht unmöglich sein.

    Empfehle Luhmann, der die einzelnen Kommunikationssysteme von Gesellschaften dezidiert beschrieben hat und aufzeigt, warum das Kommunikationssystem Politik mit dem Kommunikationssystem Wirtschaft nur zögerlich interagiert. Das bedeutet nicht, dass sowohl Politik als auch Wirtschaft anpassungsfähig sein können, die Lethargie, mit der diese Anpassung vollzogen wird, soll auffallen.

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    • Avatar
      ruby sagte:

      @ Horst
      In der EU ist die Politik kein Subsystem mehr, es hat sich aufgeschwungen alle Bereiche von Wirtschafts, Recht, Kultur, Bildung von oben zu beherrschen. Sie maaßt sich an die Welt zu retten im ganzen und in jedem Haushalt. Das ist ein völlig anderes System – nicht gleichberechtigt sondern diktatorisch also als ein Übermachtgeber.
      Insofern treffen Ihre und meine Lösungshilfen diese Akteure des Totalen nicht.
      Nehmen Sie von der Leyen, auf keinem Wahlzettel, von keiner Partei ausgewählt sondern hinterher aufoktroyiert und intronisiert. Der ganze Kram den sie gestern vorgetragen hat kennt keine Regelkreise die diese betroffenen Gesellschaftsbereiche gegenseitig einstellen. Das sind Befehlsausgaben die durchgesetzt werden sollen.
      Deshalb werden wir mit unserer Gesellschaftsanalytik nicht mehr erklären können.
      Ich halte das für Illusion bzw. Selbsttäuschung und benutze diese Theorie nicht mehr dafür.

      Antworten

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