Wie die Notenbanken den Sozialismus fördern

Nun merkt es auch die FINANCIAL TIMES (FT). Die Nebenwirkungen der Geldpolitik schlagen sich immer deutlicher nicht nur bei den Vermögenspreisen nieder, sie wirken auch auf das soziale und politische Klima. Klar ist, die Renaissance „linker“ Ideen hat auch hier ihren Ursprung. Und man ist versucht zu sagen: zu Recht. Wobei es wichtig ist, daran zu erinnern, dass es gerade bei uns in Deutschland nicht gerechtfertigt ist. Aber nun zur FT:

  • „Is Ben Bernanke the father of Alexandria Ocasio-Cortez? Not in the literal sense, obviously, but in the philosophical and political sense. As we mark the 10th anniversary of the bull market, it is worth considering whether the efforts of the US Federal Reserve, under Mr Bernanke’s leadership, to avoid 1930s-style debt deflation ended up spawning a new generation of socialists (…).“ – bto: was klar ist. Von steigenden Vermögenspreisen profitieren nur jene, die Vermögen haben!
  • „Mr Bernanke’s unorthodox ‘cash for trash‘ scheme, otherwise known as quantitative easing, drove up asset prices and bailed out baby boomers at the profound political cost of pricing out millennials from that most divisive of asset markets, property. This has left the former comfortable, but the latter with a fragile stake in the society they are supposed to build.“ – bto: Das gilt auch bei uns in Deutschland, verschärft durch die hohe Abgabenlast und die Politik offener Grenzen, die zu mehr Nachfrage nach Wohnraum etc. führt.
  • „The 2008 crash itself didn’t destroy wealth, but rather revealed how much wealth had already been destroyed by poor decisions taken in the boom. This underscored the truism that the worst of investments are often taken in the best of times. Mr Bernanke, a keen student of the 1930s, understood that a balance sheet recession’ must be combated by reflating assets. By exchanging old bad loans on the banks’ balance sheets with good new money, underpinned by negative interest rates, the Fed drove asset prices skywards. Higher valuations fixed balance sheets and ultimately coaxed more spending and investment.“ – bto: Ich habe übrigens damals in einem Paper für BCG angeregt, die Fed sollte allen Immobilieneigentümern in den USA ihren Kaufpreis garantieren. Die Krise wäre vorbei gewesen UND es wäre denen geholfen worden, die wirklich Probleme hatten.
  • „(…) wealth inequality was not the unintended consequence, but the objective, of policy. Soaring asset prices, particularly property prices, drive a wedge between those who depend on wages for their income and those who depend on rents and dividends. This wages versus rents-and-dividends game plays out generationally, because the young tend to be asset-poor and the old and the middle-aged tend to be asset-rich.“ – bto: So ist es, aber das verstehen unsere Politiker nicht, denn dann würden sie eine andere Politik betreiben.
  • „When asset prices rise much faster than wages, the average person falls further behind. Their stake in society weakens. (…) What then? Well, politics shifts. (…)  According to the Pew Research Center, American millennials (defined as those born between 1981 and 1996) are the only generation in which a majority (57 per cent) hold “mostly/consistently liberal” political views, with a mere 12 per cent holding more conservative beliefs. Fifty-eight per cent of millennials express a clear preference for big government. (…) Sixty-seven per cent want the state to provide universal healthcare, and 57 per cent want higher public spending (…).“ – bto: Das ist in den USA übrigens weitaus gerechtfertigter als bei uns. Investitionen brauchen wir!
  • One battle ground for the new politics is the urban property market. While average hourly earnings have risen in the US by just 22 per cent over the past 9 years, property prices have surged across US metropolitan areas. (…) The young are locked out. Similar developments in the UK have produced comparable political generational divides. If only the votes of the under-25s were counted in the last UK general election, not a single Conservative would have won a seat.“ – bto: Das dürfte auch an anderen Problemen liegen, zum Beispiel die Schulsituation.
  • „Ten years ago, faced with the real prospect of another Great Depression, Mr Bernanke launched QE to avoid mass default. Implicitly, he was underwriting the wealth of his own generation, the baby boomers. (…) For the purist, capitalism without default is a bit like Catholicism without hell. But we have confession for a reason. Everyone needs absolution. QE was capitalism’s confessional. But what if the day of reckoning was only postponed? What if a policy designed to protect the balance sheets of the wealthy has unleashed forces that may lead to the mass appropriation of those assets in the years ahead?“ – bto: Das ist bekanntlich auch meine Erwartung, nachdem alle Tricks nicht mehr klappen. Wie schrieb ich doch: → „Back to Mesopotamia“

→ ft.com (Anmeldung erforderlich): „Quantitative easing was the father of millennial socialism“, 1. März 2019

Kommentare (29) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    troodon sagte:

    @ D.T.
    Der Anstieg der türkischen Börse, jetzt einmal gemessen am in € notierten HSBC Turkey Fonds, um zwischenzeitlich mehr als 50% seit dem 8/18 Tief war definitiv nicht haltbar. Nun geht es eben wieder runter…
    Wie vor einigen Monaten diskutiert, denke ich dass Erdogan die Staatsverschuldung hochtreiben wird, um die Rezession abzufedern und Banken zur Not zu verstaatlichen. Und vorher muss er, wie Richard Ott geschrieben hat, die Kommunalwahlen gewinnen und da ist kräftiges Pöbeln gegen das Ausland (JPMorgan) bei seiner Wählerschaft hilfreich. Und hoffentlich gibt es keine kurzfristigen „Rettungsmaßnahmen“ aus der EU…

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        Richard Ott sagte:

        @troodon

        Das war keine kurzfristige Korrektur in einem überkauften Aktienmarkt, das Problem ist viel, viel grundsätzlicher. Aus dem bereits oben verlinkten Welt-Artikel:

        „Offenbar wies die Regierung die Banken an, keine Lira mehr an ausländische Investoren zu verleihen. „Damit soll diesen erschwert werden, Lira-Shortpositionen einzugehen“, sagt Manuel Andersch, Währungsanalyst bei der BayernLB. Sprich: Wetten gegen die Lira sollten unmöglich werden.

        Tatsächlich konnten ausländische Investoren am türkischen Markt praktisch keine Lira mehr erhalten. Die Zinssätze für die sogenannte Overnight-Rate, also für den Geldverleih über Nacht, explodierten von 23 auf über 1000 Prozent. Das führte jedoch nicht nur dazu, dass Währungsspekulanten de facto trocken gelegt wurden. Auch ausländische Banken, die mit Geschäftsschluss regelmäßig Positionen glatt stellen müssen, gerieten in die Bredouille, ebenso Unternehmen, die beispielsweise einfach nur Handelsverträge gegen Kursschwankungen absichern wollen.
        Ausverkauf bei Aktien und Anleihen

        Viele mussten daher nun andere Wege finden, an Geld zu kommen – und fanden sie im Verkauf türkischer Aktien oder Anleihen. Als Folge davon stürzten die Kurse an der Börse in Istanbul in den vergangenen Tagen um über zehn Prozent ab und die Renditen für türkische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit stiegen von 15 auf über 18 Prozent.“

        Erdogan hat für einen kurzfristigen Vorteil bei den Kommunalwahlen den Lira-Swap-Markt plattgemacht. Vermutlich kapiert er gar nicht, was er damit angerichtet hat.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        Ich habe kein wirklich fundierte Meinung zu den tieferen Ursachen der dortigen realwirtschaftlichen und monetären Entwicklungen.

        Könnte sich nicht das vielfach bekannte Muster abzeichnen:

        Erst realwirtschaftlich Fehlsteuerung durch wieder einmal einen Autokraten übler Sorte, daraufhin „Ausschlag“ monetärer Indikatoren mit starker realwirtschaftlicher Bedeutung, z.. B. Verzinsung der Staatsanleihen, dann Manipulation der Notenbank, weil anders die Reaktion der Märkte nicht mehr in den Griff zu bekommen ist.

        Die realen Probleme aber nicht gelöst, u. a. Arbeitslosigkeit im zweistelligen Bereich.

        Risikoprämien nehmen zu, damit weiterer Druck auf die Realwirtschaft und das Finanzsystem.

        Und dann auch noch dies:

        „Zudem muss die Regierung innerhalb der kommenden zwölf Monate rund 177 Milliarden Dollar an Auslandsschulden refinanzieren. Auch dafür braucht sie die ausländischen Investoren.“

        Das wird nochmal richtig teuer.

        Wo endet das?

        Schließen Sie aus, dass Erdogan noch deutlich unberechenbarer wird?

        Ich meine nicht nur innenpolitisch, sondern auch außenpolitisch in dieser Pulverfass-Region.

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        troodon sagte:

        @ Richard Ott
        „Das war keine kurzfristige Korrektur in einem überkauften Aktienmarkt,… “
        Habe ich auch nicht behauptet…

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      Richard Ott sagte:

      @Herr Tischer

      Erdogan versucht alles, um irgendwie noch die Kommunalwahlen am Wochenende zu überstehen bevor das türkische Finanzsystem hochgeht – mit „Rettungsmaßnahmen“ die langfristig einen verheerenden Vertrauensschaden bei ausländischen Investoren anrichten. Der böse Putin hilft vielleicht aus der Klemme, wird aber dafür mindestens verlangen, dass der Sultan seine neo-osmanischen Ambitionen in Nordsyrien aufgibt.

      Alternativ könnte die EU einen neuen „Flüchtlingsdeal“ aushandeln: Erdogan bekommt nochmal, sagen wir, 10 Milliarden Euro um die Migranten von den griechischen Inseln zurückzunehmen, aber die werden nie aus Griechenland losgeschickt weil die Behörden dort einfach zu überlastet sind um den Transfer zu organisieren. Eine geniale Idee, oder?

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        Genial.

        Alles ist machbar, man muss es nur wollen.

        Dafür braucht man nur ein Stück Papier und ein paar Unterschriften.

        Und einen Abfallbehälter, in dem man den Fetzen gleich entsorgen kann.

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    TomK sagte:

    Lieber Herr Stöcker,

    die empirische Falsifikation hat doch schon ganz woanders und viel früher stattgefunden: Nämlich in Form von Geisterstädten und zerfallenen Häusern und von Menschen die nun ruiniert sind. Diese haben auf Grund der Zinsmanipulation den Markt nicht mehr richtig erkennen können und sich nachweislich falsch entschieden. In eine Ausbildung investieren oder wo auch immer der unregulierte Markt Ihnen den Weg gewiesen hätte.

    Dass Sie die Katze mit der Katze begründen, nämlich “WEIL die Märkte immer stärker dereguliert worden sind, sind überhaupt erst solche Kredite vergeben worden” bestätigt mich doch sehr. Nämlich in der Annahme, dass Sie als Börsianer den letzten Schluss nie ziehen wollen. Kurz bevor der Kreis der Ökonomie sich schliesst, ziehen Sie die Spirale vor und drehen sich um sich selbst.

    In Ihren Überlegungen lassen Sie nach einer Regulierung die nächste folgen, sonst geht das Spiel nicht auf. Aber, und den Angstschweiss aller Profi-Börsianer kann man förmlich riechen, fürchtet man sich dann doch vor den falschen Regulierungen die sie selbst betreffen. Machen Sie sich keine Sorgen, wir sind auf dem besten Wege in den Staatskapitalismus.

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    TomK sagte:

    @Michael Stöcker,

    Auch Häuser sind leider keine Werte wenn diese nur durch Kreditgarantien der US-Regierung und damit günstigen Zinsen gebaut worden sind. Der unregulierte Markt hätte diese einfach nicht entstehen lassen wegen der hohen Zinsen bzw. schlechten Bonitäten der Käufer. Sie können die Geldpolitik drehen wie Sie wollen, sie machen aus Blei kein Gold. Grüsse von Mises!

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      Michael Stöcker sagte:

      @ TomK

      Statt der Idee des synthetischen Apriori eines L. von Mises/Kant empfehle ich Ihnen die empirische Falsifikation: Einfach mal die eigene Wohnung/Haus für drei Wochen verlassen und unter Brücken oder auf Parkbänken die Nacht verbringen. Mal schauen, ob Sie dann immer noch der Meinung sind, dass diese Häuser KEINE Werte sind/haben.

      Sorry lieber TomK, aber mit dem praxeologischen Ansatz eines von Mises können Sie heute wohl nur noch in den esoterischen Veranstaltungen von Hardcore-Austrians punkten.

      „Der unregulierte Markt hätte diese einfach nicht entstehen lassen…“

      Das ist nachweislich falsch: WEIL die Märkte immer stärker dereguliert worden sind, sind überhaupt erst solche Kredite vergeben worden. Mit der Einführung der Verbriefung kam die Sache dann so richtig in Schwung und die Gülle landete im ebenfalls deregulierten deutschen Bankensektor.

      LG Michael Stöcker

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Michael Stöcker

        >„Der unregulierte Markt hätte diese einfach nicht entstehen lassen…“

        Das ist nachweislich falsch: …>

        Die Aussage ist NICHT nachweislich falsch.

        Denn der Satz MEINT Markt PUR ohne jegliche Regulierung (ausdrücklich: Mises!).

        Das ist eine konzeptionelle VORSTELLUNG von bestimmten Wirkmechanismen.

        Da diese Vorstellung nirgends umgesetzt worden ist, kann man nicht sagen kann, dass sie NACHWEISLICH falsch sei.

        Wo kein empirischer Sachverhalt vorliegt, ist nun mal NICHTS nachzuweisen.

        Das können Sie, begnadeter Kant-Kenner, offensichtlich nicht begreifen.

        >WEIL die Märkte immer stärker dereguliert worden sind, sind überhaupt erst solche Kredite vergeben worden. Mit der Einführung der Verbriefung kam die Sache dann so richtig in Schwung und die Gülle landete im ebenfalls deregulierten deutschen Bankensektor.>

        Da kann man Ihnen zustimmen.

        Denn Sie meinen hier REGULIERTE Märkte.

        Das war die REAL existierende Situation und daher können Sie auch mit Nachweisen operieren.

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      Susanne Finke-Röpke sagte:

      Sie finden, die Republikaner müssen langfristig was tun, da die Demographie die Koordinaten nach links schiebt, richtig? Ich finde, Sie tun doch schon allerhand, auch wenn das in den Mainstreammedien nicht so dargestellt wird. Die Demokraten rücken nach links:

      https://www.stern.de/politik/ausland/juengste-kongressabgeordnete-ocasio-cortez-zerpflueckt-trump-wegen–shutdown–8536624.html

      Die Republikaner haben mit Donald Trump einen Protektionisten, der Zölle gut findet, und „America first“ ruft und mit einem Grenzzaun und schärferen Einwanderungsgesetzen potentielle künftige Wähler der Demokraten aussperren will. Außerdem bereitet er außenwirtschaftlich und militärisch den Boden, dass die Verbündeten sich um ihre Verteidigung bitte künftig selbst kümmern sollen, wodurch enorme Kostensenkungspotenziale frei werden könnten (z.B. die europäischen Nato-Staaten). Ich finde, die Republikanische Partei kann sich diesbezüglich nicht beschweren. Was Trumps Umgangsformen, Frauenbild und Geographiekenntnisse betrifft, wohl schon.

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      Thomas M. sagte:

      Genau; mit Blick auf Alter aber auch Ethnien und EInkommensclustern gehen den Republikanern zukünftig die Wähler verloren. Bei den Diagrammen sollte man zu grübeln anfangen.

      Bei uns füllen ja zumindest kleinere Parteien „automatisch“ Lücken, wenn ehemals große Parteien viele Wähler verlieren, aber im amerikanischen System könnte das zu einer demokratischen Mono-Kultur führen (im doppelten Sinne), wenn die Republikaner sich nicht refomieren und zukünftig Wahl nach Wahl verlieren.

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    Michael Stöcker sagte:

    “The 2008 crash itself didn’t destroy wealth, but rather revealed how much wealth had already been destroyed by poor decisions taken in the boom. This underscored the truism that the worst of investments are often taken in the best of times.”

    “Ich habe übrigens damals in einem Paper für BCG angeregt, die Fed sollte allen Immobilieneigentümern in den USA ihren Kaufpreis garantieren. Die Krise wäre vorbei gewesen UND es wäre denen geholfen worden, die wirklich Probleme hatten.“

    Es ist zuvor KEIN Wohlstand vernichtet worden, sondern erst DURCH die Finanzkrise. Hätte die Fed nämlich die Preise garantiert, hätten die Leute in ihren Häusern bleiben können und es wäre keine Verkaufswelle ausgelöst worden, die die Preise noch weiter in den Keller getrieben hatte. Als Folge gab es Obdachlose und zugleich leerstehende und verfallende Häuser. Insofern wäre Ihr Vorschlag in der Tat sehr viel besser gewesen.

    Aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit sowie dem Grundsatz, dass vor dem Gesetz alle gleich sind, wäre es allerdings besser gewesen, die Krise durch direkte Zahlungen an alle Bürger zu bekämpfen.

    Und für alle, die an einer kritischen Übersicht zu MMT interessiert sind, empfehle ich Doug Henwood: https://www.jacobinmag.com/2019/02/modern-monetary-theory-isnt-helping

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      Barthel Berand sagte:

      @ MS

      „Es ist zuvor KEIN Wohlstand vernichtet worden, sondern erst DURCH die Finanzkrise.“

      Hier haben wir schon eher einen Dissens.

      Ich formuliere es anders: Es ist zuvor überhaupt kein Wohlstand erzeugt worden. Es war nur eine Scheinblüte, ausgelöst durch billiges Geld, das nicht kreditwürden Menschen gegeben wurde (gegeben werden musste). Die Preise für bereits vorhandene Güter sind in die Höhe geschnellt, was auch gewollt war. Bernanke nannte das immer einen „positiven Portfolioeffekt“ erzeugen. Die Leute fühlten sich reicher und gaben folglich mehr Geld aus.

      Die Krise hat diesen Leuten nur den Kopf wieder gerade gerückt, als die Preise wieder die realistischen Werte widerspiegelten. Schmerzhaft. Das ist schon alles. Ein Musterbeispiel im Zeitraffer dafür, was passiert, wenn man aus dünner Luft geschöpfte Kredite nicht produktiv verwendet.

      Merke: Eine Krise ist nie das Problem. Eine Krise ist immer die Folge von Problemen.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Barthel Berand

        >Merke: Eine Krise ist nie das Problem. Eine Krise ist immer die Folge von Problemen.>

        So ist es.

        Das Problem war REALWIRTSCHAFTLICH (Globalisierung etc.) und hat u. a. dazu geführt, dass durch Deregulierung des Finanzsektors dieser wie von der Politik gewünscht, aber nicht wie von ihr gewollt agieren konnte.

        Weder er noch die Notenbanken haben die Realwirtschaft so stimulieren können, dass sie wie zuvor wachsen konnte.

        Vielmehr haben Exzesse, gerade auch im Finanzsektor, und der Verschuldungsüberhang zur Krise geführt (Lehman) und den Zuständen, die wir haben.

        Das ist m. A. n. BEGRÜND- und BELEGBAR die richtige Erklärung.

        Alles andere, u. a. die Ursache der Krise NUR im Finanzsektor zu suchen, führt in die Irre.

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        Wolfgang Selig sagte:

        @Barthel Berand:

        Ich finde Wikipedia hat dazu unter der Rubrik „Subprimekrise“ in diesem Falle Nützliches beizutragen, was Ihre These stützt:

        „Als eine makroökonomische Ursache haben mehrere Ökonomen den Anstieg der Einkommensungleichheit in den USA seit Beginn der 1980er-Jahre bezeichnet.[10][11] Die Einkommen unterer und mittlerer Einkommensgruppen stagnierten; ein Teil von ihnen finanzierte seine Ausgaben durch eine zunehmende Verschuldung. Die Verschuldung der unteren Einkommensgruppen wurde dabei durch die Deregulierung der Kreditmärkte und durch direkte staatliche Förderung von Wohnungsbaukrediten politisch gefördert.[12][13] Die Subprime-Krise war nach dieser Sichtweise das Ergebnis einer seit längerem bestehenden makroökonomischen Instabilität, hervorgerufen durch die zunehmende Ungleichverteilung der Einkommen.[14]“

      • Avatar
        Thomas M. sagte:

        Ich möchte zum Wikipedia-Beitrag ergänzen, dass es auch eine „Konsum-mit-Kredit“-Kultur in den USA gab/gibt. Der Beitrag suggeriert, dass es alleine am stagnierenden Lohn lag, dass die Leute auf Pump gekauft haben. So wie ich die Amis kennengelernt hab und was da an Werbung lief, bin ich mir recht sicher, dass viele auch mit 10% oder 20% mehr Lohn dennoch auf Pump konsumiert hätten.

        Das ist (war?) tatsächlich ein kultureller Unterschied zu uns. Ein ziemlich großes Unternehmen hatte Anfang der 2000er mal zum deutschen Markt angemerkt, dass die Deutschen irgendwie nicht auf „echte“ Kreditkarten (keine Debit-Cards) abfahren und gefragt, was denn da wohl los sein könnte.

        Umgekehrt hatte ich mich damals in den USA gefragt, wie man denn so irre sein kann, mit mehreren Kreditkarten shoppen zu gehen und dann 14% oder so Zinsen zu zahlen. Da war das ja sogar „normal“ und wurde als smart beworben, dass man eine neue Karte bei der Konkurrenz abschloss, die dann weniger Zins hatte, um die Schulden von der alten Karte auf die neue umzubuchen. Anschließend konnte man dann auf n+1 Karten Schulden machen, denn die alte Karte war ja dann wieder „frei“ und noch immer aktiv.

        Ich denke, das deutet einen gewissen Mentalitätsunterschied bzgl. Verschuldung an.

      • Avatar
        Michael Stöcker sagte:

        @ Barthel Berand

        „Hier haben wir schon eher einen Dissens.“

        Ich denke eher nein. Aber schauen wir mal:

        „Es ist zuvor überhaupt kein Wohlstand erzeugt worden.“

        Mit diesem Absolutheitsanspruch wäre ich vorsichtig. Es sind sehr viele Häuser zusätzlich gebaut worden, die den Menschen ein neues Zuhause ermöglicht haben. Damit wurde der gesellschaftliche Wohlstand verbessert.

        „Es war nur eine Scheinblüte, ausgelöst durch billiges Geld, das nicht kreditwürden Menschen gegeben wurde (gegeben werden musste).“

        Nicht nur (die neu gebauten Häuser waren/sind ja real), aber sicherlich zu überhöhten Preisen. Eine Scheinblüte gab/gibt es hingegen insbesondere bei den Bestandsassets. Und die wurden insbesondere durch kreditwürdige Menschen/Unternehmen erzeugt. Das ist dann wirklich fiktives Kapital/Scheinblüte. Das läuft leider immer noch so weiter und verschärft die Vermögensgegensätze. Der niedrige Kreditzins wirkt hier verstärkend. Es mangelt am politischen Willen, hier gegen zu halten (Höhere EK-Quoten, antizyklische Kapitalpuffer, Finanztransaktionssteuer etc.).

        „Die Preise für bereits vorhandene Güter sind in die Höhe geschnellt, was auch gewollt war.“

        Ja, aber das galt nicht/weniger für die Subprimes sonder mehr für Aktien und hochwertige Immobilien.

        „Ein Musterbeispiel im Zeitraffer dafür, was passiert, wenn man aus dünner Luft geschöpfte Kredite nicht produktiv verwendet.“

        Wir sind uns einig, dass der unproduktive Finanzialisierungskredit für die übergroße Mehrheit der Bevölkerung eindeutig negative Wirkungen hat.

        „Merke: Eine Krise ist nie das Problem. Eine Krise ist immer die Folge von Problemen.“

        Grundsätzliche Zustimmung. Ich würde aber ergänzen: Eine Krise kann dann zu einem Problem werden, wenn nicht die richtigen Maßnahmen ergriffen werden, um die negativen Folgen dieser Krise zu minimieren.

        Und jetzt wird es schwierig, weil die Meinungen hierzu sehr weit auseinander gehen, was denn nun das RICHTIGE ist.

        LG Michael Stöcker

      • Avatar
        Richard Ott sagte:

        Ich möchte daran erinnern, dass die Ausweitung von Subprime-Hauskrediten Anfang der 2000er Jahre ganz offen ein Ziel der US-Regierung war:

        President Bush Signs American Dream Downpayment Act of 2003
        https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2003/12/20031216-9.html

        „The rate of homeownership in America now stands a record high of 68.4 percent. Yet there is room for improvement. The rate of homeownership amongst minorities is below 50 percent. And that’s not right, and this country needs to do something about it. We need to — (applause.) We need to close the minority homeownership gap in America so more citizens have the satisfaction and mobility that comes from owning your own home, from owning a piece of the future of America. (…) Many people are able to afford a monthly mortgage payment, but are unable to make the down payment. So this legislation will authorize $200 million per year in down payment assistance to at least 40,000 low-income families. These funds will help American families achieve their goals, and at the same time, strengthen our communities.“

        Das war eine Manifestation des American Dream! Auch wer nicht in der Lage war, sich den Eigenkapitalanteil für eine Hausfinanzierung zusammenzusparen, sollte Hausbesitzer werden können. Diese Leute sind natürlich diejenigen, die bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten oder auch nur unvorhergesehenen Ausgaben am Haus oder allgemein in ihrem Leben sofort Probleme haben, weiter ihre Hauskredit-Raten zu bedienen. Ein Desaster mit Ansage.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        Sehr treffendes das Bush-Zitat.

        Das Desaster hat aber schon mit Clinton angefangen:

        Er hatte die Bankenregulierung derart geändert, dass Banken vermehrt über die Grenzen ihres Staates hinaus tätig werden konnten. Dort haben sie bei der Kreditvergabe durchweg risikoreicher agiert als im angestammten Hoheitsgebiet, hat eine Studie festgestellt (wurde schon vor 10 Jahren im Herdentrieb der ZEIT diskutiert; kann das nicht mehr verifizieren).

        Ich wiederhole mich:

        Die Ursache ist REAL, nämlich dass durch die Globalisierung und die schlechter werdende Einkommenssituation aufgrund des Beschäftigungsabbaus insbesondere im produzierenden Gewerbe viele Menschen dem American Dream entsprechend keine Wohlstandsperspektive mehr hatten.

        Statt in Bildung und Infrastruktur zu investieren, wurde den Betroffenen „Wohlstand durch eine eigene Immobilie“ vorgegaukelt.

        Heute ist die Lage in USA für diese Leute noch schlechter als in den Jahrzehnten zuvor:

        Vollbeschäftigung – mit Jobs in den schlecht zahlenden Servicebranchen.

        Und dazu noch bis zur Halskrause verschuldet.

        Clinton, Bush und jetzt Trump liegen mit ihren Täuschungsmanövern auf einer Linie.

        Und das Ende ist nicht abzusehen.

        MMT mixt gerade die neue Zauberformel.

      • Avatar
        Richard Ott sagte:

        @Herr Tischer

        „Die Ursache ist REAL, nämlich dass durch die Globalisierung und die schlechter werdende Einkommenssituation aufgrund des Beschäftigungsabbaus insbesondere im produzierenden Gewerbe viele Menschen dem American Dream entsprechend keine Wohlstandsperspektive mehr hatten.“

        Ganz genau. Und um das zu übertünchen, wurde die Verschuldung erhöht. Die jeweils beliebtesten Anlässe für die Schuldenaufnahme bei Privatpersonen in den USA haben sich aber zwischenzeitlich mehrmals geändert: Erst Kreditkarten, später dann Immobilien und Autokredite im Subprime-Segment und jetzt zunehmend Studienkredite (mittlerweile 1,5 Billionen Dollar).

        Dabei ist das Geschäft mit den Studienkrediten besonders perfide. Früher hatten Sie sich versuchuldet und bekamen zeitweilig dafür ein Häuschen zum drin wohnen oder ein schönes Auto (bis es wieder von der Bank gepfändet wird), aber was machen Sie mit einem Master-Abschluss in „Geschichte des feministischen Ausdruckstanzes von Transgender-People-of-Colour im postkolonialen Subsahara-Afrika“ oder einem ähnlichen trendigen Sinnlos-Ideologie-Fach?

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        Ich weiß nicht, was ich in USA tun würde.

        Für Deutschland weiß ich es:

        Ich würde zum Staat gehen und die Menschen bilden mit

        „Geschichte des feministischen Ausdruckstanzes von Transgender-People-of-Colour im postkolonialen Subsahara-Afrika“

  5. Avatar
    MT sagte:

    „bto: Ich habe übrigens damals in einem Paper für BCG angeregt, die Fed sollte allen Immobilieneigentümern in den USA ihren Kaufpreis garantieren. Die Krise wäre vorbei gewesen UND es wäre denen geholfen worden, die wirklich Probleme hatten.“

    Nächster (und endgültiger) Schritt auf diesem Logik- und Tugendpfad:
    Ein neuer Zusatzartikel zur US-Verfassung, der jeden US-Bürger zum Millionär…Milliardär deklariert.
    Für jedes Neugeborene dann das zugehörige Willkommenspaket von der FED mit einem neueröffneten Konto inkl. 9 – stelligem Guthaben (anstatt dem üblichen Paket bei uns, mit 1 Pampers, 1 kleinen Babypuderdose etc.)

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    • Avatar
      Wolfgang Selig sagte:

      @MT: Ich finde Ihre Replik zu polemisch. Herr Dr. Stelter hat nicht versucht, mit neunstelligen Schenkungen an alle Hyperinflation zu erzeugen, sondern einen Crash in einer konkreten Situation zu verhindern und ich denke, das wissen Sie auch. Allerdings ist Ihr Einwand unter Wegnahme der Polemik m.E. durchaus berechtigt.

      Was wäre denn gewesen, wenn die FED wirklich jedem Immobilieneigentümer den Kaufpreis garantiert hätte? Dann hätte jeder Verkäufer, der keinen Erwerber zum Einstiegskurs findet, an die FED verkaufen können. Wäre die FED dann inzwischen heute der mit Abstand größte Immobilieneigentümer der USA? Dürften Immobilienpreise dann jemals wieder sinken? Gibt die FED Ewigkeitsgarantieren auch in Abwanderungsregionen?

      Letzteres Beispiel zeigt das volkswirtschaftliche Risiko: Angenommen ein großes Kohle- oder Erzabbaugebiet mit tausenden Arbeitsplätzen ist erschöpft oder darf aus umweltpolitischen Gründen nicht mehr weiter betrieben werden; alle Kumpel bzw. Arbeiter werden entlassen. Die nächste Metropole ist unfassbar weit entfernt; die Mine bzw. die Zeche ist der einzig nennenswerte Arbeitgeber der Region. Alle Leute ziehen weg, zurück bleibt eine Geisterstadt. Soll die dann der FED zu überhöhten Preisen gehören, auch wenn sie diese wohl nie mehr wird vermieten können? Macht es dann Sinn, dass Bauträger mit einem Ring ausgewählter Privatkunden Betrugsmodelle kreieren, nach dem Motto: Ich zieh hier im Nirvana ein Baugebiet hoch, das keiner braucht. Dann machst Du zu deutlich überhöhtem Preis den Scheinkäufer und erwirbst das Haus. Nach einem halben Jahr versuchst Du vergeblich einen Verkauf und übergibst es zum Einstandspreis der FED. Den Gewinn teilen wir beide uns redlich. Kaufgarantien erzeugen solche kruden Geschäftsmodelle.

      So oder so ähnlich wäre die Gefahr von Geisterstädten geschaffen. Wenn man einen solchen Geist aus der politischen Flasche lassen möchte, sollte man sich sicher sein, dass man ihn wieder eingesperrt bekommt. Sonst geht es einem im schlimmsten Fall wie dem Zauberlehrling bei Goethe.Darum bin ich froh, dass die USA dem Vorschlag von Herrn. Dr. Stelter aus der Zeit bei BCG nicht gefolgt sind. Der wirtschaftliche Zustand der USA wäre sonst zwar 2009 / 2010 kurzfristig besser gewesen, aber die langfristigen Schäden wären sehr groß gewesen.

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