Weit mehr als das Finanzsystem ist kaputt

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Ich habe Herrn Schick von den Grünen schon ein paar Mal getroffen und denke, er versteht außergewöhnlich viel von den wirtschaftlichen Zusammenhängen und der Wirkung unseres Schuld-Geld-Systems. Es wäre schön, wenn diese Finanzkenntnis in der Politik breiter vorhanden wäre. Damit sage ich aber nicht, dass ich seine Schlussfolgerungen immer teile. Das ist übrigens ähnlich wie bei Frau Wagenknecht, deren Analysen ich ebenfalls oft gut nachvollziehen kann, nicht jedoch alle Schlussfolgerungen. Nun ein Interview in DER ZEIT mit Schick und Kollegen zum Thema „Finanzsystem“:

  • Die Krise war doch nie vorbei. Trotz aller neuen Regulierungen und Gesetze wurden die grundlegenden Ursachen nie angegangen, die 2008 zum Absturz der Finanzmärkte führten. Die alten Instabilitäten sind geblieben. Es ist keine Überraschung, dass die Märkte wieder so nervös reagieren.“ – bto: bekanntlich auch meine Meinung.
  • „Die Banken finanzieren ihr langfristiges Geschäft immer noch mit kurzfristig laufenden Krediten. Das ist riskant. Außerdem ist der Finanzsektor auch seit 2008 stärker gewachsen als der Rest der Wirtschaft.“ – bto: Also, der erste Punkt ist normaler Bestandteil des Bankengeschäfts und sicherlich nicht die Ursache der Krise. Dass der Finanzsektor stärker gewachsen ist, ist wiederum ein Symptom: Die Schulden sind weiter schneller gewachsen als die Wirtschaft. 
  • „Insgesamt hat aber zu wenig Deleveraging stattgefunden: Die Institute finanzieren sich immer noch zu sehr durch Fremdkapital und gehen zu große Risiken ein.“ – bto: Aber, wenn wir Deleveraging betreiben müssen, dann in der Realwirtschaft und das tut weh. Die geringe EK-Quote ist in der Tat ein Problem.
  • Wenn ich als Anleger heute dem deutschen Staat Geld leihe, bekomme ich nach zehn Jahren gemessen in Kaufkraft weniger Geld zurück. Das zeigt: Das Finanzsystem ist kaputt, weil im Vergleich zur Realwirtschaft aufgebläht.“ – bto: ??? Was will man uns damit sagen. Real habe ich nicht selten weniger zurückbekommen. Und dass die Zinsen jetzt negativ sind, ist die Folge der Politik, die sich nicht traut, das Schuldenproblem anzugehen. Es ist ein Zeichen der Überschuldung! Natürlich ist das Finanzsystem zu groß, dies ist aber wiederum Symptom.
  • „(…) auf lange Sicht geht es darum, dass das derzeitige Finanzsystem immer zu Blasen und Fehlspekulationen neigen wird. Die Politik muss für das im Überfluss vorhandene Kapital langfristige Investitionen öffnen und zugleich kurzfristige Spekulationen bremsen.“ – bto: O. k., sie sind auf dem Larry-Summers-Trip. Wir haben zu viele Schulden und spiegelbildlich dazu „zu viel Kapital“.
  • Die Zinsen sind nicht nur aufgrund der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank so niedrig. Sie sinken bereits seit den achtziger Jahren, weil das Kapitalangebot die Nachfrage übersteigt.“bto: Jetzt denken wir mal nach. Dies liegt zum Teil sicherlich an den Notenbanken, aber auch an der Politik, die alles getan hat, um die Geldproduktion zu erleichtern. Immer geringere EK-Quoten, immer weniger Regulierung, immer mehr Anreize zur Verschuldung. Hinzu kamen die Handelsungleichgewichte, auch diese politisch gefördert.
  • „In vielen Industrie- und Schwellenländern wird außerdem immer mehr gespart. Die Einkommen sind immer ungleicher verteilt und die obersten zehn Prozent sparen viel mehr als der Rest der Gesellschaft.“ – bto: Also, dass mit den Vermögen und der Verteilung ist bekanntlich die Folge des immer höheren Leverage. Dass wir nun auch in den Schwellenländern mehr Leute haben, die sparen können, ist gut. Es allein als ein Verteilungsproblem zu sehen, greift zu kurz.
  • „(…) weil die Politik die Notenbanken im Stich lässt. Die versuchen zwar, mit niedrigen Zinsen neue Investitionen anzukurbeln, aber die Politik unterstützt sie nicht. Es gab keinen Green New Deal, um die ökologische Transformation zu unterstützen.“ – bto: O. k., damit reihen sie sich ein in die Helikopter-Geld-Freunde und hier mit „grünem“ Touch. Warum auch nicht.
  • Aber die kann die Politik durch geschickte Entscheidungen fördern. Sie könnte beispielsweise die Energieeffizienzstandards anheben und so die Unternehmen zwingen, in die Entwicklung besserer Technologien zu investieren.“ – bto: Das ist das Äquivalent zum Bargeldverbot und Negativzins: Geldausgeben erzwingen.
  • In Südeuropa haben die Banken eine ganze Reihe von faulen Krediten in ihren Bilanzen. Im Kreditgeschäft sind die Erträge zu gering. Dazu kommen Rechtsstreitigkeiten wie bei der Deutschen Bank. Aus unserer Sicht gefährden vor allem die Großbanken das gesamte Finanzsystem. Die Deutsche Bank ist immer noch zu groß.“ – bto: Ja, aber alleine die Banken zu sanieren und zu verkleinern, schafft die Schulden nicht aus der Welt!
  • Er muss die Banken zwingen, ihre Eigenkapitalquote zu erhöhen. Und er muss ein Trennbankensystem einführen. Wenn man hochriskantes Investmentbanking von anderen Geschäftsfeldern trennt, kann man im Krisenfall den Teil, der in Schwierigkeiten geraten ist, leichter abwickeln.“ – bto: ja, nett. Ist aber nicht das Kernproblem.
  • Wir Grünen wollen künftig einen festen Prozentsatz der Bilanzsumme festlegen, das ist einfacher und weniger leicht manipulierbar. Außerdem sollten verantwortliche Bankmanager für Regelverstöße und kriminelles Verhalten haften.“ – bto: Da stimme ich zu.
  • Im Moment werden deutlich überhöhte Gehälter gezahlt. Dadurch entstehen komplexe Strukturen, die kaum noch steuerbar sind. Teilweise wird sogar kriminelles Verhalten noch gefördert.“ – bto: Viel schlimmer ist der Fehlanreiz, im Finanzsystem zu arbeiten, statt in der Realwirtschaft die Innovationskraft zu stärken.

Das ist alles nicht falsch. Es ist aber nicht das eigentliche Problem. Nur wenn wir die Überschuldung lösen, kommen wir aus der Eiszeit.

→ Die Zeit: „Das Finanzsystem ist kaputt“, 18. Februar 2016

2 Kommentare
  1. frank präuner says:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,

    ich kann nur noch sagen, dass man für die Politiker zwei Bücher unter dem Arm tragen und Ihnen bei einem Gespräch über Wirtschaft sofort überreichen sollte: „ Der Weg zur Knechtschaft“ und Preise und Produktion“ von Friedrich August von Hayek. Vielleicht hilft es ja diesen „Gut-Menschen“ Goethes Faust in Erinnerung zu rufen: „Der gute Geist der Gutes wollte, aber Böses bewirkte“

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  2. OK says:

    Ein Contra zum zweiten Punkt: es stimmt zwar, dass Fristentransformation (also langfristige Verleihung und kurzfristige Refinanzierung) ein Grundprinzip des Bankgeschäfts ist, aber nichtsdestoweniger muss man schon darauf hinweisen, dass es im Krisenfall immer verstärkend wirkt. Vielleicht sollte man hier wirklich mal regulatorisch eingreifen und eine Obergrenze für bestimmte Laufzeiten einführen. Das geht dann aber runter bis zur Provinzsparkasse, wo die Tagesgeldeinlagen der Kunden durchaus höher sein können als das gesamte Kreditvolumen. Aber Stichwort Bank Run…

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