Haben wir wirklich gedacht, wir kämen ungeschoren davon?

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Das war ein Schock diese Woche: Trump meint es doch ernst mit dem Protektionismus! Sollte er tatsächlich etwas von dem umsetzen, was er im Wahlkampf versprochen hat? Zumindest die Börsen und wohl einige EU-Politiker wollten das wohl nicht glauben.

Um zu verstehen, wie Trump die EU und die Rolle Deutschlands sieht, muss man sich in Erinnerung rufen, wer den neuen Präsidenten zu dem Thema gebrieft hat: Nigel Farage, der langjährige Anführer der UK Independence Party (UKIP), der, rhetorisch begabt, im EU-Parlament für Aufregung gesorgt hat und der letztlich mit dem Brexit-Votum sein Lebensziel erreicht hat. Was wird er wohl Trump erzählt haben? Vermutlich etwas sehr Ähnliches, wie in diesem Kommentar aus dem Telegraph steht, den ich bei bto schon am 26. Mai 2016 also vor dem Brexit-Votum gebracht habe:

Bekanntlich sind die englischen Medien nicht unbedingt deutschfreundlich, wenn man von Ausnahmen wie der Begeisterung für Jürgen Klopp absieht. Insofern darf es nicht überraschen, dass gerade auch in der aktuellen Brexit-Debatte antideutsche Töne zu hören sind. Dennoch kann und sollte man sie nicht so einfach von der Hand weisen, weil sie einen sehr berechtigten Kern haben: die völlig verfehlte deutsche Wirtschaftspolitik und das Verweigern einer konstruktiven Lösung für die Probleme der Eurozone. Dabei wäre eine Änderung sehr wohl auch in unserem Interesse, wie ich mehrfach und sicherlich am klarsten in „Der Irrsinn der Doppel-Null“ beschrieben habe.

Denn, was ist die Kritik, hier stellvertretend aus dem Telegraph?

  • „The key to German success is this: it participates in a weak currency (whose value would collapse without it) enabling its exports to sell far more cheaply than had it retained the Deutschmark. Therefore, it continues to grow in economic strength relative to its partners – including us – but especially those in the eurozone, notably France and Italy, who would benefit greatly from restoring the Franc and the Lira.“ – bto: Das ist keine falsche Beschreibung, wenngleich natürlich die Lösungen, die viele vorschlagen, wie zum Beispiel deutlich höhere Löhne, hier die Probleme  letztlich nicht lösen. Schon gar nicht die von Italien und Frankreich, auch eine Transferunion nicht. 
  • „Any net exporter in the EU also benefits hugely from the vast and incomprehensible welter of EU regulations on products and employment law, which keep external competitors at arm’s length and pile costs on them if they wish access to the single market.“ – bto: Das mag stimmen, ist aber nun mal eines der Ziele eines gemeinsamen Binnenmarktes; davon profitieren alle, die im Markt sind.
  • Germany is so rich, and getting richer at the expense not least of its partners, that it can afford to pretend globalisation isn’t happening.“ – bto: In diesem Satz sind zwei Nachrichten: zunächst der Irrtum, dem wir selber aufsitzen, nämlich, dass wir reicher würden. Das ist natürlich Quatsch, wie ein Vergleich der Vermögen pro Kopf in Europa zeigt. Wir könnten unsere Autos auch verschenken. Andererseits lullt uns die gute Konjunktur derart ein, sodass wir in der Tat ziemlich viel Blödsinn machen. Siehe Rentenreformen. 
  • „(…) there will be (a crisis)  in the eurozone.(..) Germany’s economy “will not come off lightly”, not least because its clients and customers will find its goods suddenly more expensive. And when Germany starts to struggle, God help the rest of the EU: because when the German chequebook closes, economies it is shoring up – such as Greece’s – will be on their own. And Greece’s economy is one-eleventh the size of France’s, which is a basket-case, and cannot go on as it is.“ – bto: weshalb wir eben in einer Wohlstandsillusion leben.
  • „Mr Cameron deleted a passage about controlling immigration from a speech he made because he was told it would upset the Germans. That is the reality of our relationship with the EU: if we choose to stay in, the Germans will ensure that we become ever more obedient to their policies – so stand by for their next project, Turkey’s admission to the EU, and all that would entail.“ – bto: Dadurch sieht man, dass die Politik der Bundesregierung in der Tat zu einer Spaltung der EU beiträgt.
  • „It is not just that our fathers and grandfathers fought in two world wars to allow Britain the right to continue to rule itself, rather than to be ruled by Germans: Mr Cameron plainly won’t admit that German domination of the EU means it has conquered without war, and signing up to the EU is signing up to the Fourth Reich.“ – bto: O. k., der Autor ist ein stramm Konservativer und das ist natürlich eine Unverschämtheit. Das Problem ist nur, dass diese Stimmung zunimmt, siehe auch die heute Morgen gezeigten Umfragen. 
  • Germany runs Europe without firing a shot. It forces far weaker partners to stay in a currency zone that is crippling them, and uses its economic muscle to dictate immigration and other key policies.“ – bto: Leider ist da etwas dran. Und es ist zudem nicht in unserem Interesse, was wir tun. 

„It’s not war we should fear, but what the Germans do in peace.“ – bto: Auch das ist natürlich völlig übertrieben. Es zeigt aber, wie eine merkantilistische Ausrichtung nur auf den Export die Freundschaft nicht befördert.

Hier noch eine ebenfalls bereits an dieser Stelle gezeigte Abbildung. Sie zeigt die Outperformance der deutschen Wirtschaft in vergangenen Perioden: Immer, wenn es uns relativ deutlich besser ging, folgten Spannungen. Natürlich ist das zu vereinfachend. Aber es sollte zu denken geben:

→ The Telegraph: „The Fourth Reich is here – without a shot being fired“, 15. Mai 2016

9 Antworten
  1. Johannes says:

    Zur Erinnerung: In den entscheidenen Verhandlungen die damals zur Wiedervereinigung führten, bestand Frankreich beharrlich darauf, dass Deutschland die DM zugunsten einer supranatinonalen Währung aufgibt.

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-73989788.html

    „Die Behauptung, dass die deutsche Einheit einem Tauschgeschäft zu Lasten der D-Mark zu verdanken ist, gehört eindeutig dazu. „Einen solchen Handel hat es nie gegeben“, bekräftigt Schäuble. Die Frage der Europäischen Währungsunion habe bei den Entscheidungen zur deutschen Einheit „höchstens am Rande eine Rolle gespielt“.
    Steinbrück dagegen ist sich seiner Sache sicher. Wer mit französischen Regierungsvertretern rede, sagt er, erhalte die These dutzendfach bestätigt.“

    Und weiter schreibt der Spiegel :

    “ Nun zeigen bislang geheime Dokumente aus dem Archiv des Auswärtigen Amtes, die dem SPIEGEL vorliegen, dass die Verknüpfung noch viel enger war als bislang bekannt. Gegen die Wiedervereinigung drohte sich eine breite westeuropäische Allianz zu formieren, und das deutsch-französische Verhältnis stand kurz vor dem Bruch. Unverblümt warnte Mitterrand damals die Bonner Regierung, sie könnte in Europa bald so isoliert dastehen „wie 1913″ – jener Zeit vor dem Ersten Weltkrieg also, als sich das Kaiserreich einer englisch-französisch-russischen Allianz gegenübersah.
    Die Papiere zeigen auch: Hätten Bonn und Paris ihre Differenzen in jenen dramatischen Tagen nicht überwunden, wäre die Geschichte womöglich anders verlaufen: bei den internationalen Verhandlungen über die deutsche Einheit genauso wie in Sachen Währungsunion. “

    Das Kind names Euro wurde nicht zu dem, was v.a. Frankreich sich erhofft hatte. Im Gegenteil; Deutschlands Exportindustrie profitiert inzwischen immens infolg de Schwäche des Euro und dominiert wirtschaftlich Europa.

    Deutschlanf müsste um des wirtschaftlichen Friedens willen, den Euro aufgeben. Und auch um des inneren Friedens willen: eine echte Transferunion überlebt in Deuschland politisch keine Partei.

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  2. Matthias says:

    Es ist für mich einfach unfassbar was die Merkel mit ihrer Masseneinladung angerichtet hat. Die von ihr befeuerte Massenmigration hat den BREXIT ermöglicht, die Osteuropäer zusammengeschweißt und gegen Deutschland aufgebracht, Wilders, Le Pen & Co. sind dadurch immer stärker geworden, ein Riss geht durch Europa, durch die Gesellschaft, durch ganze Familien und sogar die gesamte EU steht vor dem Kollaps.

    Diese Frau ist einfach brandgefährlich … und dabei grinst die in die Kamera und mimt die Unschuld vom Lande.

    Was diese Frau angerichtet hat, ist eine Katastrophe (hoch zehn) und wenn ich sie, ihr Grinsen und ihre leeren Worte, dazu ihre Parteiklatscher, irgendwo sehen muss, wird mir nur noch schlecht.

    Etwas anderes fällt mir dazu nicht mehr ein!

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  3. prestele says:

    Der zitierte Artikel beschreibt Ängste ohne den Wahrheitsgehalt der Argumente zu prüfen. Etwa die Prognose:“so stand by for their next project, Turkey’s admission to the EU” ist – schlicht formuliert hanebüchener Unsinn. Es waren gerade das UK und die USA, die aus unterschiedlichen Gründen immer wieder die Aufnahme der Türkei in die EU gefordert haben. Und schließlich die zitierte Graphik, auch hier wird wieder mit der Wahl des Betrachtungszeitraum (2008-2015) eine „fake news produziert“. So zeichnet der Zeitraum 2002-2012 ein ganz anderes Bild:
    Quelle: http://www.wirtschaftswurm.net/2013/wirtschaftswachstum-mal-langfristig-2002-2012/

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  4. Dietmar Tischer says:

    >„The key to German success is this: it participates in a weak currency (whose value would collapse without it) enabling its exports to sell far more cheaply than had it retained the Deutschmark. Therefore, it continues to grow in economic strength relative to its partners – including us – but especially those in the eurozone, notably France and Italy, who would benefit greatly from restoring the Franc and the Lira.“

    bto: Das ist keine falsche Beschreibung, …>

    Stimmt, das ist keine falsche Beschreibung, aber eine, die nicht zum Kern des Problems vordringt.

    Egal, was wir tun, wir können NICHT ungeschoren davonkommen.

    Mit einer STARKEN Deutschen Mark hatten wir auch Erfolg und die anderen daran gemessen relativen Misserfolg so sehr, dass sie nur zu begierig waren, uns – die wir willig dabei waren – in der Währungsunion einzufangen. Verhandlungen dazu übrigens schon VOR der Wiedervereinigung. Italien musste entgegen allen ökonomischen Vorbehalten mit rein, insbesondere auf Wunsch Frankreichs, um aus dessen Sicht ein „Gleichgewicht der Kräfte“ herzustellen. Das ökonomische Kalkül war klar: Die anderen wollten dem Abwertungsdruck ihrer Währungen entgehen und wir den unkomplizierten größeren Mark haben.

    Und jetzt, mit einem schwachen Euro, ist es auch wieder nicht recht.

    Fazit:

    Wir sind zu stark, um es dem Rest Europas recht zu machen UND wir sind zu schwach, um den Rest Europas zu dominieren.

    Diese Dilemma lässt sich nicht auflösen, ohne dass es zu schwerwiegenden Verwerfungen kommt.

    Ich bin nicht einmal sicher, ob es sich überhaupt auflösen lässt.

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    • Johannes says:

      „Diese Dilemma lässt sich nicht auflösen, ohne dass es zu schwerwiegenden Verwerfungen kommt.“

      So ist es. Ein klassisches Schachmatt für Europa.

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  5. Andreas Müller says:

    Guter Beitrag! Die Stunde der unangenehmen Wahrheit rückt näher.
    Jochen Fricke schlägt im SPIEGEL in dieselbe Kerbe:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/donald-trump-gefaehrdet-das-deutsche-exportmodell-kolumne-a-1130804.html
    Und Flassbeck hat es schon Mitte der Woche getan:
    https://makroskop.eu/2017/01/deutschland-droht-ein-waehrungskrieg/
    Nur der Jurist Wolfgang Schäuble und seine zahlreichen Anhänger glauben immer noch, dass sie allein auf dem richtigen Weg sind, dass alle anderen die Ökonomie gegen sich haben. Auch wenn sie es nicht zugeben: sie ahnen bereits, dass das Spiel demnächst aus ist, dass das Böse wieder stärker war als das Richtige.
    Trump wird mühelos in Südeuropa und Frankreich Verbündete finden, sich vielleicht schon entsprechend auf die französischen Präsidentschaftswahlen auswirken. Von ihnen allen kann niemand billig verlangen, dass sie ihre Arbeitnehmer und Volkswirtschaften opfern, damit alles so weitergeht wie vor langer Zeit dummerweise vereinbart.
    Man kann nur froh sein, dass dieses autistische Deutschland ein militärischer Zwerg ist und dieses Mal garantiert nicht auf eine Clausewitz’sche Lösung sinnen wird.

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  6. Endor says:

    Ehrlich gesagt kann ich dieses „Trump-gebashe“ nicht mehr lesen. Die hiesigen Medien Beschwören grade heute den Teufel in Ihm zu sehen. Und der Kommentar von Herrn Gabriel (unserer Wirtschaftsadministration auf Teilzeit, für diejenigen die es vergessen haben) grenzt schon fast an Kriegstreiberei. Amerika hat nun einen Präsidenten der wirtschaftliche zusammenhänge zu begreifen scheint und entsprechend seines Amtes (er ist das nationale Oberhaubt der Amerikaner und somit ist es auch seine Pflicht) diese bestmöglich für sein Land ausspielt. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Wenn ich mich hier umsehe/lese dann steht in fast jeden der User-Kommentare (und auch in vielen Artikeln) das eben diese wirtschaftliche Weitsicht und aber auch der politische Wille dies umzusetzen für uns (deutsche) bei unseren Politikern vermisst wird. / wir in Abhängigkeiten innerhalb der EU feststecken, die eben nicht Deutschland an erster Stelle dienen – wodurch ich schlussfolgere, dass die hier ansässigen Wirtschaftsinteressierten eben auch an einem Staatsoberhaupt interessiert sind, welches zum Protektionismus / Nationalismus neigt und die oberste Priorität bei der Sicherung der deutschen Wirtschaft sieht… auch verständlich – mir gehts ja auch so. Bloß dann bitte nicht dieses scheinheilige rumgemeckere…

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    • Dietmar Tischer says:

      Sie liegen völlig falsch.

      Es gibt unter den ernst zu nehmenden Stimmen kein Trump bashing. Auch nicht von Gabriel.

      Trump ist demokratisch gewählter Präsident der USA und somit von Amts wegen legitimiert durchzusetzen, was er für richtig hält (soweit er institutionell festgelegte Grenzen einhält).

      Was er für richtig hält, ist ein Kampfansage an einen großen Teil des amerikanischen Volkes und den Rest der Welt. Die Reaktionen von Besorgnis bis Ablehnung sind berechtigt.

      Abgesehen davon zeugt Ihre Auffassung von einer geradezu erschreckenden Naivität, wenn Sie sagen:

      >Amerika hat nun einen Präsidenten der wirtschaftliche zusammenhänge zu begreifen scheint …>

      Er kann ja eine andere Welt wollen und zwar eine solche, die Amerika wieder „great“ macht. Wer aber auch nur das kleine Einmaleins wirtschaftlicher Zusammenhänge in der EXISTIERENDEN Welt beherrscht, weiß, dass man mit dem, was ER versprochen hat, scheitern MUSS – auch als mächtigster Mann der Welt.

      Es geht nicht einmal darum, ob es wünschenswert oder nicht wünschenswert ist, die verlorenen Jobs wieder zu haben. Sie sind UNWIDERRUFLICH verloren und zwar nicht nur Kohle und Stahl betreffend, sondern in großem Ausmaß z. B auch die in der Automobilproduktion. Der Dealmaker Trump hat nicht die Weitsicht, dies zu erkennen.

      Es mag schon sein, dass Trump mehr für die USA herausholen wird als Regierungen vor ihm. Wenn es ihm gelingt, dann vor allem auf Kosten eines UNEINIGEN Europas, das schon durch den Brexit bedingt mit offener Flanke agieren muss.

      Die Uneinigkeit Europas ist UNSER Problem, nicht ob Deutschland oder sonst jemand an erster Stelle steht. Mit wachsendem Nationalismus in Europa wird dieses Problem größer.

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