Frühere Schulden­solida­rität soll heutige be­gründen

Nicht nur ich lese die Veröffentlichungen des NBER, auch andere – so die Süddeutsche Zeitung (SZ), um zu zeigen, dass es völlig normal ist, Geld in andere Staaten zu transferieren:
  • „(…) gerade werden in der Corona-Krise weltweit Tausende Milliarden Euro und Dollar eingesetzt (…) Volkswirtschaftsprofessor Christoph Trebesch (hat sich) auf Schuldenkrisen spezialisiert. Seit vielen Jahren arbeitet er dabei mit der Harvard-Koryphäe Carmen Reinhart zusammen, und gemeinsam mit dem Kieler Ökonomen Sebastian Horn haben die drei mehr als 200 Jahre internationaler Finanz-Kooperation und Rettungskredite untersucht, von 1790 bis 2015. ‘Coping with Disasters: Two Centuries of International Official Lending ist soeben beim NBER veröffentlicht worden (…).“ – bto: Es ist immer spannend, in die Geschichte zu blicken bei diesen Themen.
  • Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass zwar viel über die Finanzierung von Krisen durch Kredite durch private Investoren berichtet wird, aber wenig über den zweiten, den Markt für zwischenstaatliche Kredite. (…) Jetzt liegen die Informationen erstmals systematisch aufgearbeitet vor, nachdem Horn, Reinhart und Trebesch sich durch Budgetarchive und Vertragssammlungen in aller Welt gewühlt und einen gewaltigen Datensatz zusammengetragen haben. Das Forschungsinteresse lautete: Was fließt an Krediten zwischen Staaten? Wie groß ist das im Verhältnis zu privaten Kapitalflüssen? Die Antwort wird viele überraschen: Die Geldsummen, die sich Staaten untereinander leihen, sind riesig, oft ein Vielfaches dessen, was in privaten Märkten international transferiert wird.“ – bto: Dass dies a) nicht groß bekannt gemacht wird, wundert nicht. b) Dass das jetzt so prominent in den Medien ist, wundert ebenfalls nicht, weil wir ja gerade dabei sind, 135 Milliarden Euro plus x „zu verleihen“ bzw. zu schenken.
  • Rettungspakete wie das für Griechenland in der Euro-Schuldenkrise nach 2010 sind im historischen Vergleich nicht ungewöhnlich, sondern kommen immer wieder vor. Besonders die Transfers in Kriegszeiten und globalen Finanzkrisen sind enorm.“bto: Das verstehe ich jetzt nicht. Haben unsere Politiker und die Medien (auch die SZ!) nicht immer geschrieben, wir hätten damit einen Gewinn gemacht?
  • Eine Grafik in der Studie zeigt das Schuldenvolumen der öffentlichen Hand in jährlichen Säulen. Das Bild hat erste Ausschläge zwischen 1790 und 1815, das war die Zeit der napoleonischen Kriege. Steil nach oben gehen die Säulen der Verschuldung im Ersten Weltkrieg, jährlich auf etwa zwölf Prozent des amerikanischen Bruttosozialprodukts, also der größten Volkswirtschaft der Welt. Ähnlich hoch, aber nicht ganz so gewaltig (zehn Prozent) sind die Zahlen für den Zweiten Weltkrieg.“ – bto: Auf heute übertragen sollte Deutschland dann 350 Milliarden mobilisieren. Da haben wir ja schon rund 50 Prozent aus dem Merkel-Macron-von der Leyen-Plan. Problem: Damals waren die Schulden insgesamt tiefer, wir müssten es also skalieren. Eher 700 bis 1000 Milliarden. Problem ist aber, dass selbst diese Summen nicht ausreichen werden.

Hier übrigens das Chart, was die SZ nur beschreibt:

 

Quelle: NBER

  • Während es im 19. Jahrhundert zwischen den großen Kriegen oder Krisen wieder ruhig wurde an der Schuldenfront, sieht man seit 1945 stetig hohe internationale Transfers von zwei, drei Prozent der jährlichen US-Wirtschaftsleistung, ehe diese sich nach der Finanzkrise 2008/2009 auf etwa fünf Prozent verdoppeln; immer noch sehr viel weniger also als in Weltkriegszeiten.“ – bto: Und da es heute ja um Wiederaufbau geht, darf man schon etwas großzügiger sein. Oder?

Quelle: NBER

  • „(…) Staaten helfen sich gegenseitig mit viel, viel Geld – und ganz besonders übrigens tun sie das in hochintegrierten Räumen wie dem Euro-Gebiet: ‘Das ist vernünftig, sagt Trebesch: ‘Die Probleme der einen werden sonst auch die Probleme der anderen sein.’ Rettungspakete an fremde Staaten hatten schon immer das Ziel, auch die eigene Wirtschaft zu schützen, insbesondere die im Ausland aktiven Exporteure und Banken.“ – bto: Es ist schwer vorstellbar, dass man das ohne Einfordern eines entsprechenden Eigenbeitrags getan hat. Heutzutage ist es aber die Umverteilung von ärmer zu reicher –  was auch aufgrund der Tatsache, dass es sich eben nicht um Kriege, sondern selbst verschuldete Notlagen handelt –, die zumindest etwas aufstößt. Hinzu kommt, dass das Argument der Sicherung eigener Exporte und Banken ebenfalls nicht unproblematisch ist und eine Umverteilung innerhalb des Landes bedeutet.
  • Derzeit haben mehr als 100 Länder beim Internationalen Währungsfonds angeklopft; der hat dafür eine Billion Dollar an Rettungsmitteln zur Verfügung. Aber selbst wenn davon alles bereitgestellt würde, handelt es sich zusammen mit den 750 Milliarden Euro, die die Europäische Union (über mehrere Jahre) zur Verfügung stellen will, um eine im historischen Vergleich nicht ungewöhnliche Summe – zumal völlig offen ist, wie viel Geld am Ende wirklich benötigt werden wird. Man wird wohl höher liegen als in der Finanz- und Euro-Krise nach 2008, aber an die Transfers während der Weltkriege wird man nicht herankommen, denn diese entsprächen heute zwei Billionen Dollar Rettungskrediten – pro Jahr.“ – bto: Nehmen wir fünf Jahre, entspricht das zehn Billionen. In Coronomics schlage ich einen Schuldentilgungsfonds vor, der für die Eurozone in der Größenordnung von acht Billionen liegt. Und das wird auch nötig sein.

Interessant: Die Zombie-Studie des NBER habe ich nicht gefunden in den deutschen Medien. Die Studie zur „Normalität“ von Rettungsgeldern erscheint pünktlich zur ohnehin nicht geführten Diskussion über den Einstieg in die Transferunion.

→ sueddeutsche.de: „Wenn das ganz große Schuldenrad gedreht wird“, 11. Juni 2020

Kommentare (21) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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    Dieter Krause sagte:

    @ Richard Ott
    Und gleichzeitig ist Großbritannien nicht Schuld am Ausbruch des Krieges, obwohl es eine Neutralitätsgarantie gegenüber Belgien abgegeben und dann dementsprechend gehandelt hat?

    Sie müssen einfach noch mal richtig nachlesen: Die Neutralitätsgarantie Großbritanniens für Belgien datiert aus dem Jahr 1839(!). Zu den Garantiemächten gehörte damals auch Preußen (später Deutsches Reich). Die Briten wollten damit schlicht verhindern, dass der ganze Kanalbereich auf dem Festland nicht noch mal so von einer Großmacht wie durch Frankreich unter Napoleon beherrscht wird (die ab 1796 auch Holland besetzt hatten). Dem deutschen Reichskanzler von 1914, Bethmann Hollweg, war das selbstverständlich alles bekannt! Bismarck hat deshalb 1870 – während des deutsch-französischen Krieges – die Neutralität Belgiens respektiert, weil er wußte, dass er dann sofort auch die Briten mit am Hals hat. – Wenn man so wie Sie solche völkerrechtlichen Verträge in Frage stellt oder negiert, dann herrscht im zwischenstaatlichen Verhältnis nur noch die nackte Anarchie oder? Marschieren z.B. die Russen unter Putin in Estland oder Litauen ein (so wie unter Stalin im Jahr 1940) – dann marschiert die NATO, da Beistandspakt! So sind nun mal Verträge: Verstöße dagegen haben politische (und manchmal auch militärische) Folgen! – Im übrigen wollten die Briten 1914 mit ihrem Kriegseintritt auch verhindern, dass Deutschland den Kontinent so beherrscht wie um 1810 Napoleon! Über 200 Jahre lang – von 1688 bis 1940 – war die wichtigste außenpolitische Doktrin der Briten gegenüber dem europäischen Festland das Gleichgewicht der Kräfte: Erst gegen Ludwig IV., dann gegen Napoleon, dann gegen das Deutsche Kaiserreich unter dem Trottel Wilhelm II. – und dann gegen Hitler!

    1838 begann die Londoner Konferenz zwischen Belgien und den Niederlanden. Sie befasste sich neuerlich mit Folgen aus der belgischen Revolution und endete am 19. April 1839 mit der Unterzeichnung des Vertrags von London, auch (nl) Verdrag der XXIV artikelen oder (fr) Traité des XXIV articles genannt.
    Nach dem Londoner Protokoll vom 20. Januar 1831 waren erneut Unzufriedenheiten aufgeflammt und Truppen in Marsch gesetzt worden; 1833 war ein Waffenstillstand geschlossen worden. Bestrebungen des niederländischen Königs Wilhelm I., die Gebiete von Luxemburg und Limburg zurückzugewinnen, führten zu neuerlichen Spannungen zwischen beiden Staaten und riefen auch Frankreich auf den Plan. Die Konferenz endete im Ergebnis damit, dass die Gebiete zwischen der belgischen und der niederländischen Krone geteilt wurden. Die Neutralität Belgiens wurde im Londoner Protokoll am 19. April 1839 von den europäischen Großmächten garantiert.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Londoner_Konferenz_(1838%E2%80%931839)

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    Carl Dull sagte:

    Werden da gerade die Ausgaben aus Zeiten in denen Staaten um das Überleben kämpften und an einem Tag mehr Männer starben als während der gesamten COVID-19-Pandemie mit einer besseren Grippe verglichen?
    Wobei die ökonomischen Probleme an einem zu weiten Teilen übertriebenen Lockdown liegen?
    Gaga!

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    Dieter Krause sagte:

    Die wirtschaftlichen Verwerfungen der Corona-Pandemie kann man gar nicht mit den Schulden aus den beiden Weltkriegen vergleichen, da bei Kriegen immer auch die Schuldfrage eine Rolle spielt (interessant finde ich in dem Zusammenhang übrigens, das die klugen Briten nach 1815 auf Reparationen aus Frankreich verzichtet haben – Deutschland hat das 1871 anders gemacht, und 5 Mrd. Goldfranc nach dem Krieg von 1870/71 von Frankreich an Reparationen erpreßt – Vorbild dann für die Franzosen 1918 in Versailles). Vor 1914 waren die Briten übrigens ein globaler Netto-Gläubiger – nach Ende des Ersten Weltkrieges auch ein Netto-Schuldner (bei den USA)! Die USA haben freilich das meiste ihres Geldes nie wieder gesehen – weil Deutschland seine in Versailles festgelegten Reparationen nur in geringem Maße bezahlte, dadurch auch Frankreich und Großbritannien nicht ihre Schulden in den USA (nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise von 1929 zahlte sowieso so gut wie gar niemand mehr etwas). Weshalb die USA in den 1930er Jahren bis 1940 dann stets von Briten und Franzosen bei Waffenkäufen BARZAHLUNG(!) verlangten! US-Präsident Roosevelt hat das 1941 dann mit seinem Leih-und-Pacht-Gesetz ausgehebelt: Wir leihen Briten und Russen unsere Schiffe, Panzer und Kanonen – und bekommen es dann von ihnen nach Ende des Krieges zurückerstattet! Sie haben natürlich nichts zurückbekommen… – Mitterand wollte übrigens noch von Gorbatschow 1987 das Geld der französischen Anleihen für das zaristische Rußland (zur Finanzierung des dortigen Eisenbahnbaus sowie zur Kriegsfinanzierung) zurück erstattet haben, da die Bolschewiki sich nach 1917 natürlich weigerten, diese Anleihenschulden in Frankreich zu begleichen (es waren mehrere Milliarden Gold-Franc). Er hat von Gorbatschow auch keinen Franc davon zurück bekommen!

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    Dieter Krause sagte:

    @ Daniel Stelter
    Die Bundesrepublik zahlte bislang 71 Milliarden Euro für von den Nazis begangenes Unrecht – pauschal an Staaten, aber auch an einzelne Opfer.
    https://www.sueddeutsche.de/politik/reparationen-deutschlands-fuer-zweiten-weltkrieg-summe-der-schande-1.2395520

    Wie hoch waren gleich noch mal die Schäden, die Deutschland, das den Ersten und den Zweiten Weltkrieg begonnen hat, in Europa angerichtet hat (vor allem dann, wenn man die Toten der anderen Staaten mit solchen Werten ansetzt wie die Amerikaner ihre Toten nach 9/11)? – Ich würde Ihnen dringend raten, von solchen Kommentaren zukünftig die Finger zu lassen, Herr Stelter, wenn Sie das Thema nicht auch unter einem ethisch-politischen Gesichtspunkt zu betrachten gewillt sind!

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      Horst sagte:

      https://www.bpb.de/apuz/182558/julikrise-und-kriegsschuld-thesen-und-stand-der-forschung?p=all

      Zumindest in Bezug auf die (alleinige) Verantwortung für den Ausbruch des 1. Weltkrieges ist sich die Zunft der Historiker weltweit uneins.

      102 Jahre nach dem Ende dieses Krieges halte ich diesen Umstand für mehr als erstaunlich, dies jedoch als Exkurs in die eigene Meinungswelt.

      Ich rate Ihnen daher dringend, Ihren Kenntnisstand und -horizont zu erweitern, bevor Sie anderen Ihre wohlgesonnenen Hinweise „überhelfen“.

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        Dieter Krause sagte:

        @ Horst
        Zumindest in Bezug auf die (alleinige) Verantwortung für den Ausbruch des 1. Weltkrieges ist sich die Zunft der Historiker weltweit uneins.

        Es geht nicht um die Kriegsursachen (die waren sehr wohl beidseitig gut verteilt). Es geht um den KRIEGSAUSLÖSER! Und da hat Deutschland den lokalen Konflikt zwischen Österreich und Serbien sehr wohl durch seine unbedingte Beistanderklärung gegenüber Österreich (die ein Bismarck den Österreichern übrigens niemals gegeben hat: „Diese Balkanhammeldiebe sind nicht die Gebeine eines preußischen Grenadiers wert!“) von Anfang Juli 1914 („Ich gehe mit euch – mit den Serben muss endlich mal abgerechnet werden!“ – Kaiser Wilhelm II.) zu einem europäischen Großkrieg aufgeblasen! Deutschland hat auch ZUERST Kriegserklärungen an Rußland und Frankreich geschickt (vorher auch noch an Belgien – bei Luxemburg hat man das gleich weggelassen, da wohl deutsches Staatsgebiet). Und erst nach dem Überfall Deutschlands auf Belgien sind die Briten dann mit in den Krieg ein getreten (ab dem 4. August 1914 – 24.00 Uhr), weil sie dessen Neutralität vertraglich mit garantiert hatten. Der damalige deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg hat sich später darüber maßlos aufgeregt: „Wegen eines Fetzens Papiers!“ nannte dieser politische Wirrkopf die britische Neutralitätsgarantie Belgiens! – Sie müssen vielleicht noch mal ein paar Nachhilfestunden zu den Gründen und dem Anlaß des Ausbruchs des Ersten Weltkreiges belegen – ich habe vor 2014 (100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges) alle verfügbaren deutschsparchigen und auch viele englische bzw. franzöische Bücher seit 1914 dazu gelesen – vor allem die diplomatischen Quellensammlungen (in der Deutschen Bücherei in Leipzig sowie in der Staatsbibliothek in Berlin)!

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        Richard Ott sagte:

        @Herr Krause

        „Und da hat Deutschland den lokalen Konflikt zwischen Österreich und Serbien sehr wohl durch seine unbedingte Beistanderklärung gegenüber Österreich [ausgelöst(?)]“
        (…)
        „Und erst nach dem Überfall Deutschlands auf Belgien sind die Briten dann mit in den Krieg ein getreten (ab dem 4. August 1914 – 24.00 Uhr), weil sie dessen Neutralität vertraglich mit garantiert hatten.“

        Interessante Logik. Deutschland ist also Schuld am Ausbruch des Krieges, weil es eine unbedingte Beistandserklärung gegenüber Österreich-Ungarn abgegeben und dann dementsprechend gehandelt hat?

        Und gleichzeitig ist Großbritannien nicht Schuld am Ausbruch des Krieges, obwohl es eine Neutralitätsgarantie gegenüber Belgien abgegeben und dann dementsprechend gehandelt hat?

        Da bekomme ich ja fast den Eindruck, dass Sie eine ganz merkwürdige „Deutschland ist immer alleine an allem schuld“-Ideologie haben und sich dann die Realität entsprechend zurechtbiegen…

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      Richard Ott sagte:

      @Herr Krause

      „Wie hoch waren gleich noch mal die Schäden, die Deutschland, das den Ersten und den Zweiten Weltkrieg begonnen hat, in Europa angerichtet hat“

      Wie groß waren gleich nochmal die Gebiete, die Deutschland nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg nach seinen Niederlagen als Reparationen abtreten musste? Und wie hoch war der Wert der Industrieanlagen und der Infrastruktur, die von der Sowjetunion nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus Ostdeutschland (also der „sowjetischen Besatzungszone“) abgebaut und in die Sowjetunion transportiert wurden?

      Der Auslöser für den Ersten Weltkrieg war übrigens der Mordanschlag eines serbischen Nationalisten auf den Thronfolger von Österreich-Ungarn. Das wird aber gerne vergessen, denn vom kleinen Serbien gibt es finanziell nicht viel zu holen – und Österreich-Ungarn existiert als Staat schon längst nicht mehr, der wurde nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Vertrag von Trianon ja regelrecht tranchiert.

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        Dieter Krause sagte:

        @ Richard Ott
        Wie groß waren gleich nochmal die Gebiete, die Deutschland nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg nach seinen Niederlagen als Reparationen abtreten musste? Und wie hoch war der Wert der Industrieanlagen und der Infrastruktur, die von der Sowjetunion nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus Ostdeutschland (also der „sowjetischen Besatzungszone“) abgebaut und in die Sowjetunion transportiert wurden?

        Aha, unser AfD-Groupie! Ich dachte eigentlich immer, dass die Polen Schlesien und Pommern bekommen haben – nicht die Russen, Herr Ott! Waren die Polen auch Siegermacht des Zweiten Weltkrieges? Und war Elsaß-Lothringen nicht 1871 von Deutschland erst annektiert worden? – Es war alles ein bisschen komplizierter, wie Sie das hier beschreiben. Im übrigen waren die Kriegszerstörungen durch die deutschen Armeen in der Sowjetuion viel größer und viel umfangreicher als die Kriegsreparationen, die am Ende aber nur Ostdeutschland an die Russen bezahlte. Wäre es nach dem Gangster Hitler und seinen berüchtigten Barbarossa-Befehl vom Frühjahr 1945 gegangen, hätten selbst die Deutschen nach Ende des Krieges nur noch in Erdlöchern gehaust. – Aber da Sie so an den deutschen Ostgebieten hängen: Sammeln Sie doch mal für einen Kauf Ostpreußens von Rußland! Die Enklave Kaliningrad kostet die Russen jedes Jahr angeblich mehr als zwei Milliarden Dollar. Fragen Sie mal Präsident Putin, ob er Ostpreußen nicht – so wie Napoleon 1804 Louisiana an die USA – an Deutschland verkaufen möchte (1990 hat Kohl in der Frage übrigens abgewunken). Aber selbst die stramm nationale AfD denkt momantan nicht an einen Kauf Ostpreußens von Rußland – selbst in der AfD alle nur Verzichtspolitiker oder, Herr Ott?
        https://www.spiegel.de/politik/deutschland/wiedervereinigung-moskau-bot-verhandlungen-ueber-ostpreussen-an-a-695928.html

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        Dieter Krause sagte:

        @ Richard Ott
        Der Auslöser für den Ersten Weltkrieg war übrigens der Mordanschlag eines serbischen Nationalisten auf den Thronfolger von Österreich-Ungarn. Das wird aber gerne vergessen, denn vom kleinen Serbien gibt es finanziell nicht viel zu holen – und Österreich-Ungarn existiert als Staat schon längst nicht mehr, der wurde nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Vertrag von Trianon ja regelrecht tranchiert.

        Der Mord am österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand vom 28. Juni 1914 (bei seinem Staatsbesuch in Sarajevo – übrigens genau dem 625. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld, an dem 1389 das serbische Königreich gegen die Türken Schlacht und Unabhängigkeit verlor – damals die maximale Provokation für serbische Nationalisten) war nicht der Auslöser für den Ersten Weltkrieg. Wäre das so gewesen, hätte der österreichisch-ungarische Krieg gegen Serbien nämlich schon am 29. Juni 1914 begonnen! Es ging bei dem Krieg im übrigen auch gar nicht darum, bei „den Serben was zu holen“. Der war eher eine Sache der Ehre für die Österreicher – und der Zurückdrängung des serbsichen Nationalismus in Bosnien-Herzogowina und Kroatien (von den Östereichern seit 1878 annektiert). Und der Vertrag von Trianon war eben der eines der Verlierer des Ersten Weltkrieges – aber vorher haben die Ungarn in ihrem Reichsteil auch die Kroaten, die Muslime und Serben in Bosnien, die Slowaken sowie die Ukrainer in Galizien unterdrückt! Den Türken ging es übrigens nach 1918 genauso. Und die Serben waren eber einer der Sieger des Ersten Weltkrieges, weshalb sich die Kroaten (einer der Verlierer) Ende 1918 ganz schnell mit den Serben zu JUGOSLAWIEN vereinigt haben, bevor die Italiener – auch einer der angeblichen Sieger des Ersten Weltkrieges – die dalmatinische Küste besetzen konnten, um sich ihre Kriegsbeute zu sichern (sie wurden aber in Versailles von den Franzosen ausgetrickst, was dem Land ein paar Jahre später Mussolinis Diktatur bescherte). Am Ende ist dieser Staat dann aber an den serbischen Vormachtgelüsten gescheitert (erst 1941 – und dann noch mal 1989/90). Auch wenn Serben und Kroaten dieselbe Sprache sprechen – sie sind doch sehr verschiedene Völker, mit sehr unterschiedlichen religiösen Prägungen und sehr verschiedenen geschichtlichen Erfahrungen!

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    Dietmar Tischer sagte:

    >„(…) Staaten helfen sich gegenseitig mit viel, viel Geld – und ganz besonders übrigens tun sie das in hochintegrierten Räumen wie dem Euro-Gebiet: ‘Das ist vernünftig’, sagt Trebesch: ‘Die Probleme der einen werden sonst auch die Probleme der anderen sein.’>

    Sich gegenseitig zu helfen, auch mit viel Geld, ist UNBESTREITBAR vernünftig.

    Die deutsche Regierung hat begriffen, dass es höchste Zeit ist, derart zu helfen, weil sonst die Probleme der ANDEREN zu Problemen bei UNS führen würden, die möglicherweise kaum beherrschbar wären – nachhaltig dramatischer Einbruch der Exporte und damit ein nicht mehr finanzierbarer Sozialstaat.

    Also, RATIONAL begründbare Entscheidung:

    Merkel-Macron-Plan.

    Das ABSEHBARE Problem wird dabei aber AUSGEBLENDET:

    Wir und andere Helfer-Länder SCHWÄCHEN sich dadurch.

    Das ist eine Zeit lang erträglich – insbesondere weil auch die Notenbanken „Hilfsgelder“ generieren können –, aber nicht DAUERHAFT so.

    In der EU wird dieser Stabilisierungsmechanismus POLITISCH beendet werden.

    Es wird dann der Fall sein, wenn unsere Probleme zu GROSS sein werden, um den anderen, die uns sowieso nicht helfen können, weiter helfen zu WOLLEN.

    Wie immer:

    Es wird lediglich Zeit gewonnen.

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    • Avatar
      Horst sagte:

      https://www.nzz.ch/international/deutschland/die-warnung-vor-seuchen-sozialismus-war-berechtigt-mit-der-lockeren-schuldenpolitik-baut-der-deutsche-staat-seine-macht-aus-ld.1562026

      Anbei der andere Blick aus Zürich.

      „Sich gegenseitig zu helfen, auch mit viel Geld, ist UNBESTREITBAR vernünftig.

      Die deutsche Regierung hat begriffen, dass es höchste Zeit ist, derart zu helfen, weil sonst die Probleme der ANDEREN zu Problemen bei UNS führen würden, die möglicherweise kaum beherrschbar wären – nachhaltig dramatischer Einbruch der Exporte und damit ein nicht mehr finanzierbarer Sozialstaat.“

      Ich bin bereits heute mehr als gespannt, wem tatsächlich geholfen wurde, ist die Bilanz der Pandemie final zu betachten.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Horst

        Der Artikel in der NNZ geht am Thema vorbei.

        Denn unser Thema ist nicht die Entmündigung der Bürger.

        Es ist zwar richtig, was eine seiner Unterüberschriften behauptet, dass sich nämlich Wohlstand nicht kaufen lässt, aber darum geht es nicht beim hier behandelten Thema.

        Es geht darum, ob sich mit „Hilfsgeldern“ an ANDERE Wohlstandsverluste für die eigenen Bürger verhindern lassen.

        Das ist auf KURZE bis MITTLERE Sicht der Fall, wenn man annimmt, dass Eurozone/EU vom starker Dysfunktionalität oder gar dem Zerfall bedroht sind.

      • Avatar
        Horst sagte:

        Stimme Ihnen zu, Herr Tischer.

        Da jedoch auch hier am Blog immer wieder das leidige Thema der Schulden angesprochen wird, ist doch zumindest interessant, dass, gemessen am BIP Deutschland die höchste Neuverschuldungsquote auf sich nimmt.

        Diese Feststellung steht für mich in unmittelbarem Zusammenhang mit der Aussage von Herrn Krause: Schuldkultgeplagt nimmt Deutschland zur Bewältigung der ökonomischen Folgen der Pandemie einen nicht zu vernachlässigenden Anteil der globalen Neuverschuldung auf sich.

        Ad Wohlstand: Dieser basiert auf einem starken Mittelstand, dem, Stand der Dinge, der Boden unter den Füßen gerissen wird, bereit zur Übernahme größerer Marktteilnehmer, den großzügig geholfen wird, da sie zu groß sind, um zu fallen.

        Intertemporale Reparationsleistungen?

        Glatteisgefahr. Ich höre mich bereits zerreißen.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Horst

        Es lässt sich schon begründen, dass wir uns extrem hoch neu verschulden.

        Zum einen muss unsere Industrie in den Startlöchern stehen, wenn es irgendwo in der Welt etwas für uns zu verkaufen gibt – daher insbesondere auch das Kurzarbeitergeld.

        Zum anderen hängen wir wiederum wegen unseres Exports wie niemand sonst in der EU von der Kaufkraft anderer ab.

        Das ist der wesentliche RATIONALE Aspekt der deutschen Corona-Verschuldung.

        Was D. Krause hier einbringt, tut nichts zur Sache. Auch die Anwürfe gegen Dr. Stelter sind neben der Sache. Es geht lediglich darum, ob es mehr oder wenig üblich oder Ausnahme ist, dass sich Staaten untereinander Geld leihen oder durch Zuschüsse helfen. Ob dabei mit Blick auf „Schuld“ für irgendetwas gerechnet wird, ist völlig unerheblich für unsere Diskussion. Abwegig, hier überhaupt das Thema aufzumachen.

        Was spannend ist:

        Im gestrigen Podcast hat Dr. Stelter gesagt, dass seiner Rechnung nach die Summe, die DIREKT auf eine Konjunkturerholung zielt etwa Euro Mrd. 30 ausmacht (Reduzierung der MwSt.-Sätze und Kindergeld). Der Rest der EUR Mrd. 130 ist demnach für Investitionen, die überwiegend nicht sofort getätigt werden.

        Euro Mrd. 30 sind m. A. n. sehr dünn, damit ist möglicherweise nicht viel zu bewirken, speziell wenn fast jeden Tag neue COVID-Nachbeben, d. h. lokale Infektionswellen zu vermelden sind. Das verunsichert die Leute, auch wenn es keine flächendeckende zweite Welle gibt.

  6. Avatar
    Zweifler sagte:

    Wenn die nächste Coronawelle über DE hereinbricht, was ich nicht hoffe, wird das Land nicht mehr viel zu verleihen haben.

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  7. Avatar
    Johannes sagte:

    bto: „Die Studie zur „Normalität“ von Rettungsgeldern erscheint pünktlich zur ohnehin nicht geführten Diskussion über den Einstieg in die Transferunion.“

    Wie (wohl) bestellt, so geliefert. Damit soll offenkundig bereits im Vorfeld der kommenden Diskussion „Nörglern“ und „Zweiflern“ der Wind aus den Segeln genommen werden.
    „Normal“ war einmal ein Programm an der Waschmaschine – in der Politk ist „Normal(ität)“ ein nicht (mehr) erstrebenswertes Ziel, weil dann die Ablenkungen und das Framing der Bevölkerung nicht mehr so gut funktionieren.

    Hier noch einmal zur Auffrischung:

    „Mit Strategien aus der Verhaltensforschung will Kanzlerin Merkel die Deutschen zu Musterbürgern machen. Kritiker halten das sogenannte Nudging für eine hinterhältige Form der Gängelei.“
    https://www.welt.de/wirtschaft/article138326984/Merkel-will-die-Deutschen-durch-Nudging-erziehen.html

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    Richard Ott sagte:

    Interessante historische Charts, auf denen man sehr schön sieht, wie ruinös teuer die beiden Weltkriege des Industriezeitalters waren – besonders verglichen mit allen Kriegen vor 1860. (Den auch schon relativ hoch industrialisierten amerikanischen Bürgerkrieg sieht man gar nicht, weil der hauptsächlich mit innerstaatlichen Krediten finanziert wurde…)

    Aber es ist schon sehr merkwürdig, das ausstehende Kreditvolumen in der Einheit „Bruttokreditsumme in % der britischen Writschaftsleistung bis 1914 und in % der amerikanischen Wirtschaftsleistung danach“ zu messen.

    Die US-Wirtschaftsleistung war Anfang der 1940er Jahre 35% der weltweiten Wirtschaftsleistung, jetzt ist es nur noch knapp die Hälfte. Soll dahinter die Idee stecken, dass nur die Größe der Volkswirtschaft von dem Land mit der jeweiligen Weltreservewährung dafür relevant ist, wie hoch die zwischenstaatliche Kreditvergabe überhaupt sein kann? Wie passt das zum Beispiel dem immer größer werdenden Enthusiasmus Deutschlands, sein Geld (das nicht die Weltreservewährung ist) zu schlechten Konditionen an den Rest der Welt zu verleihen? Ich finde diese „Messeinheit“ völlig unsinnig.

    Dadurch sehen die internationalen Kredite der letzten Jahrzehnte in den Charts viel größer aus als ihr Anteil an der gesamten globalen Wirtschaftsleistung ist, und die internationale Kreditvergabe zur Zeit des 2. Weltkriegs relativ dazu viel unbedeutender als sie es tatsächlich war – 10% vom US GDP waren Anfang der 40er Jahre ungefähr 3,5% der globalen Wirtschaftsleistung.

    10% der deutschen Wirtschaftsleistung wären übrigens ungefähr 400 Milliarden Euro pro Jahr – hoffentlich sind die italienische und die Spanische Regierung schon im Sommerurlaub und lesen den Artikel von der Alpen-Prawda nicht, sonst kommen die gleich wieder auf Ideen…

    Antworten
    • Avatar
      Susanne Finke-Röpke sagte:

      @Herrn Ott:

      Die Beschriftung der Ordinate verstehe ich auch nicht. Meines Erachtens hat da jemand bewusst für Verwirrung gesorgt. Schließlich sind die USA nicht die Nachfolger des Vereinigten Königsreichs.

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      • Avatar
        RaS sagte:

        „Schließlich sind die USA nicht die Nachfolger des Vereinigten Königsreichs.“

        Vielleicht bezieht sich das auf die Eigenschaft als Imperium.

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