Der strukturelle Niedergang Deutschlands

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal am 6. September 2016 bei bto und wurde kontrovers diskutiert. Angesichts der Bedrohung für unsere Schlüsselindustrie (oft diskutiert, zuletzt heute Morgen) finde ich eine Wiederholung angebracht:

Bekanntlich halte ich die Wirtschaftspolitik in Deutschland für völlig verfehlt. Wir unterliegen einer Wohlstandsillusion, während,

Nun ein weiterer, ernüchternder Blick aus der NZZ hinter die schon fast potemkinschen Kulissen hier bei uns:

  • „Kurzfristig sehen die Zahlen zwar gut aus, aber mittelfristig bröckelt das Fundament. In vielen Bereichen geht es mit der grössten Volkswirtschaft Europas strukturell bergab.“  bto: Das ist sichtbar, wenn man mit offenen Augen durch das Land geht.
  • „Im Doing Business Report der Weltbank hat sich Deutschland von 2009 bis 2015 zusammen mit Luxemburg und Belgien am meisten verschlechtert und ist bei den Wirtschaftsreformen das Schlusslicht in der EU. In einer Rangliste der attraktivsten Firmenstandorte liegt Deutschland gerade noch im oberen Drittel. Die Standortqualität lässt aus Sicht der Geschäftsleute also nach.“  bto: weil diese eben nicht nur auf die hohlen Worte der Politiker hören!
  • „Die Lohnstückkosten steigen ausserdem seit 2011 deutlich schneller als im Rest des Euro-Raums, worunter die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte leidet. Inzwischen hat das Land nach Berechnungen der Commerzbank fast ein Drittel des Wettbewerbsvorteils verloren, den es sich in den ersten zehn Jahren der Währungsunion durch die Reformen in der Ära von Kanzler Gerhard Schröder mühsam erarbeitet hatte. Entsprechend stagniert seit 2012 der Weltmarktanteil der deutschen Exporte.“  bto: Das wäre ja politisch erwünscht, wir würden den Krisenländern so helfen, zumindest in der Theorie. In Wirklichkeit verlieren wir Weltmarktanteil!
    c49544a8-aa50-499d-9755-aacb8bb4a61bQuelle: NZZ
  • „Die nachlassende Wettbewerbsfähigkeit durch schneller als die Produktivität steigende Löhne und die Einführung eines Mindestlohns dürften mittelfristig auf die Gewinne der Unternehmen in Deutschland drücken und bremsend auf ihre Investitionen wirken.“  bto: Schon heute wird nicht investiert, zumindest nicht in Deutschland.
  • „Ferner tragen der Fachkräftemangel in etlichen Branchen und die um 5 Punkte auf rund 50 % gestiegenen Unternehmenssteuern zu einer Verschlechterung des Standorts bei, zumal andere Länder ihre Unternehmenssteuern gesenkt haben.“
  • „Laut der Deutschen Bank ist die Brutto-Profitquote, ein häufig verwendetes Mass der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, in den Jahren vor der Finanzkrise von 40 % auf 46 % im Jahr 2007 gestiegen. Seitdem ging es aber wieder abwärts auf derzeit noch rund 41 %.“

d76dfcc0-2fee-4489-bd7a-2ef64b00786aQuelle: NZZ

  • „Während Deutschland bei der Strassenqualität bis 2010 zu den Top 5 der 150 analysierten Länder zählte, ist das Land nun auf Platz 13 abgerutscht. Inzwischen liegt sogar Spanien vor der Bundesrepublik.“
  • „Studien kommen auf eine Investitionslücke von 6,5 Mrd. bis 7,2 Mrd. €. Die Investitionen reichen nicht einmal, um auch nur die Substanz zu erhalten.“  bto: Wir leben von der Substanz und leihen unser Geld dem Rest der Welt! Irre.

c19a2877-81fc-4f33-bdbd-d28b28869a02

Quelle: NZZ

  • „Spätestens ab 2030 läuft das deutsche Rentensystem in grössere Unwägbarkeiten. Eine langsame Erhöhung des Rentenalters scheint hier unumgänglich. Längst geht die Tendenz aber in die andere Richtung. Die Bundesregierung hat die Arbeitsmarktreformen der Schröder-Jahre zum Teil zurückgedreht und gibt nun Geld für Konsumzwecke wie die Rente mit 63, die Mütterrente und das Elterngeld aus.“
  • „Dass die deutsche Fassade trotz der strukturellen Verschlechterungen noch glänzt, ist auch der extrem expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) geschuldet. Sie verbilligte die Schuldenaufnahme des Staates enorm und schwächte den Euro stark, was der ohnehin exportstarken deutschen Wirtschaft zugutekommt.“

bto: Es ist so offensichtlich, wie unsere Politiker das Land abwirtschaften. Aber wir wollen es nicht wahrhaben.

→ NZZ: „Mit Deutschland geht es strukturell bergab“, 25. August 2016

5 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    Widerspruch, Herr Dr. Stelter, wir wollen es schon wahrhaben! Fast alle Leute klagen über Schlaglöcher, undichte Dächer in Schulen, Staus, Wohnungsmangel, unpünktliche Züge und langsames Internet, um nur einige Themen zu nennen. Das Problem sind die notwendigen Lösungen, die eine saturierte Gesellschaft teilweise (und in manchen Fällen mehrheitlich) für sich persönlich nicht akzeptieren will. Wer befürwortet denn Politiker, die die gegenleistungslosen (und oft sinnlosen, da korruptionsanfälligen) Geldtransfers in andere Länder stoppt, auch wenn das heißt, sich international unbeliebt zu machen? An der Wahlurne kaum einer. Wer rät denn seinen Kindern von volkswirtschaftlich weitestgehend zweckfreien Studiengängen ab und empfiehlt eine Ausbildung zum Handwerksmeister in einem Mangelberuf (z.B. Elektro)? Schauen Sie sich den Elternabend einer typischen 4. Grundschulklasse vor dem Übertritt an – mehr sage ich dazu nicht. Welcher junge Mensch will sich noch selbstständig machen? Wer akzeptiert denn die demographische Entwicklung bei der Planung seines eigenen Renteneintritts? Wer freut sich denn noch über einen Neubau in der Nachbarschaft und gründet nicht gleich eine Bürgerinitiative dagegen?
    Zur Wahrheit gehört es, dass die Leute das Abwirtschaften zwar nicht mögen, aber die dafür nötigen Gegenmaßnahmen sollen bitte andere Leute vollkommen störungsfrei für die eigene Person umsetzen, nicht man selbst.

    Antworten
      • Wolfgang Selig says:

        Hallo Michael,
        Ihr Kommentar tut mir gut! Ich kann die allgemeine Politikerschelte, auch wenn sie auf so hohem Niveau wie bei Herrn Dr. Stelter erfolgt, nicht mehr hören. Einfach mal selbst politisch aktiv werden oder mit solchen Personen vertraulich sprechen. Alternativ mal einen altgedienten Polizisten fragen, was er bei Themen wie G20-Gipfel oder auch nur einem normalen Verkehsunfall mit notwendiger Straßensperre von der Reaktion bestimmter Teile der Bürgerschaft bzgl. der Rückendeckung für die Polizei hält.

  2. Udo Werninger says:

    Was macht der Einzelne mit diesen Erkenntnissen? Insbesondere auch in Bezug auf den eigenen Nachwuchs. Ist es eigentlich verantwortungslos, Nachwuchs in die Welt zu setzen unter diesen Rahmenbedingungen? Die Allgemeinplätze mit guter Ausbildung und möglichst breiter Sprachenaufstellung sind natürlich als Ziel immer vorhanden.

    Mich würden sehr die Ansichten der anderen interessieren, besonders von Herrn Tischer und Herrn Stöcker, deren Kommentare ich an vielen Stellen mit dem Prädikat “besonders wertvoll“ kennzeichnen würde.

    Antworten
  3. Arne Reising says:

    Guten Abend Herr Stelter, ich selber bin Mitte Dreißig seit mehr als 20 Jahren mal wieder das Gefühl, dass endlich großflächig in die deutsche Infrastruktur investiert wird. Ich lebe in Schleswig-Holstein und abgesehen von Teilen des Ruhrgebiets und Bremerhaven haben wir sicher mit die schlechtesten Straßen / Infrastruktur Deutschlands. Immer wenn ich beruflich in anderen Bundesländern unterwegs war/bin (vornehmlich Bay, BW und Sachsen) war ich schon sehr erstaunt, was es da für ein Gefälle gibt (Schulen, Gemeindehäuser, Rathäuser, Schwimmbäder, Straßen usw.) Ich bin auch der Meinung, das sich grade die Bundesländer im Osten und südlich der Linie Frankfurt am Main in einem guten Zustand befinden. In fast jedem Ort in den man derzeit bei uns kommt, werden Straßen saniert, legen die Stadtwerke Glasfaserkabel, werden Schulen neu gebaut und Wohngebiete erschlossen. Wenn das noch 5 Jahre so weiter geht sieht es in Deutschland schon ganz anders aus. Wer in „Weltstädten“ wie London oder New York mal außerhalb der Downtown Möchte da ganz sicher nicht wohnen und die Infrastruktur ist dort wirklich erbärmlich (U-Bahn New York ist wirklich unterirdisch schlecht und dreckig mit uralter Technik). Wer in Großbritannien oder den USA nicht das Glück hat ein Stipendium zu ergattern oder vermögende Eltern hat, die einem eine Privatschule ermöglichen, kommt sicher liebend gerne das deutsche Bildungssystem in Anspruch nehmen. Ich schätze Ihren Blog wirklich sehr, aber grade mit Blick auf die USA stehen wir wirklich nicht so schlecht da. Das sauberste Land mit der besten Infrastruktur (mit einer großen Bevölkerung) ist für mich das viel gescholtene Japan – bei einer Bevölkerung von unter 10 Millionen sind sicher Dänemark, Norwegen und die Schweiz ganz weit vorne.

    Herzliche Grüße
    Arne Reisin

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.