SPIEGEL: 500 Euro für jeden? Milliarden-Geschenk soll die Wirtschaft ankurbeln

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Der SPIEGEL vom 5. Januar titelt: „500 Euro für jeden? Milliarden-Geschenk soll die Wirtschaft ankurbeln.“ In diesem Zusammenhang werde auch ich zitiert mit der Forderung: „Es muss massiv sein, wenn es etwas bringen soll.“ Hier zunächst der Link zur englischen Version:

Der Spiegel: Operation Helicopter: Could Free Money Help the Euro Zone?, 6. Januar 2015

Aus diesem Grunde hier die Zusammenfassung, weshalb ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass die EZB das Geld lieber den Bürgern als den Banken geben sollte:

  • In Europa sind viele Ländern überschuldet und zwar Staat, Nichtfinanz-Unternehmen und private Haushalte.
  • Der Anteil nicht mehr bedienbarer Schulden dürfte bei drei bis fünf Billionen Euro liegen.
  • Die Geldpolitik hat den „Schuldenturm“ vor dem Einsturz bewahrt, kann ihn aber nicht abtragen, weil bei Überschuldung Inflation nur durch Zerrüttung des Vertrauens in Geld erzielt werden kann. Alle wollen nämlich „Deleveragen“ also Schulden abbauen, was deflationär wirkt (und damit den Schuldenberg relativ noch erhöht, siehe Irving Fisher).
  • Die Lösung kann nur eine Schuldenrestrukturierung sein, entweder ungeordnet über Pleiten oder (besser!) geordnet über einen Schuldentilgungsfonds, bei dem die Gläubiger auch verzichten. Kosten für Deutschland wären eine Billion plus x. Ein Blick in die Kommentare auf diesen Seiten gibt einen sehr guten Überblick über den zentralen Konflikt, in dem wir uns befinden. Gläubiger versus Schuldner. Ich habe sehr viel Sympathie für die Sicht der Gläubiger. Auch für die Sicht, dass gerade jene, die bereits seit Jahren hohe Steuerlasten tragen, erneut zur Kasse gebeten werden. Gerecht ist das nicht. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Profiteure der jahrzehntelangen Schuldenwirtschaft andere sind. Doch glaube ich, es nutzt uns nichts, wenn wir auf unser Recht pochen. Die Schuldner können nicht zahlen, und je länger wir wider besseren Wissens auf unseren Forderungen bestehen, desto größer wird der Anteil der Forderungen, die nicht bedient werden können. Besser ist dann allemal, wie bei einer Unternehmensinsolvenz, gemeinsam eine Sanierung zu versuchen, bei der alle Beteiligten einen Beitrag leisten.
  • Die Politik scheut sich in diese Richtung zu gehen, weshalb die Last weiter bei der EZB bleibt. Da diese das Problem nicht durch Inflation lösen kann, gibt es drei Optionen für die Geldpolitik.
  • 1: Weiter wie bisher, was zwar noch stabilisierend wirkt, aber nur Spekulation anheizt, während die Schulden weiter schneller als die Wirtschaft wachsen. Geht nicht ewig gut.
  • 2: Kauf von Staatsanleihen und danach „Annullierung“ ‒ das wäre der Schuldentilgungsfonds ohne demokratische Legitimierung und auch ohne Gegenleistung für die Gläubiger (wie echte Reformen) und trägt die Gefahr in sich, dass die Bevölkerung das Vertrauen in Geld verliert und/oder der Geldüberhang dann doch den Weg in die Realwirtschaft findet. Folge: Ketchup-Inflation.
  • 3: Eine wirksamere Version von 1. wäre, Geld direkt an die Bürger zu zahlen, weil a) gerechter, da alle und nicht nur Banker/Spekulanten verdienen. b) Hilft den echten Schuldnern, was c) dann auch den Banken hilft. d) Belebt den Konsum. Risiko ist auch hier ein Vertrauensverlust, aber geringer als bei 2.
  • Um wirksam zu sein, muss es ein bedeutender Betrag sein. Ich denke 5.000 Euro sollten es mindestens sein. Wenn man schon diesen Weg geht, dann massiv. 10.000 Euro pro Kopf würde rund drei Billionen entsprechen.

Wie gesagt: Mir wäre der transparente Weg der Restrukturierung lieber, aber ich denke, die letzten fünf Jahre lehren, es wird nicht kommen. Dann droht Chaos.

Wieso Geldpolitik nicht funktioniert und welche Nebenwirkungen sie hat, bringt ein Interview in der FINANZ und WIRTSCHAFT auf den Punkt:

    • „Wir leben in einer Welt geistiger Umnachtung. Rund um den Globus lassen die Zentralbanken die Geldpresse auf Hochtouren laufen. Wie die Geschichte zeigt, hat Gelddrucken aber noch nie funktioniert. Schon als das Römische Reich unterging, wurden die Silbermünzen gestreckt, um mehr Geld zu schaffen. Ebenso liess Reichsbankpräsident Rudolf Havenstein während der Hyperinflation in der Weimarer Republik die Druckmaschinen Tag und Nacht laufen. Nun begehen wir den gleichen Fehler erneut.“
    • „In meinem Büro hängt ein Zitat des Ökonomen Ludwig von Mises, gemäss dem jede Kreditausdehnung letztlich in allgemeiner Verarmung endet. Von Mises hat auch gesagt, dass ein Boom nur so lange anhält, wie das Kreditvolumen in immer höherem Tempo wächst. Genau in diesem Teufelskreis stecken die Zentralbanken.“
    • „Wie lange das globale Experiment der Zentralbanken noch weitergehen kann, weiss ich nicht. Es fühlt sich aber mehr und mehr so an, als ob wir uns dem Tag nähern, an dem alles ausser Kontrolle gerät und im Chaos endet.“
    • „Der Markt ist aber auch heute zu annähernd 25% überbewertet. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen den Gewinn pro Aktie durch Rückkäufe künstlich aufblähen und für solche Tricks ein Rekordvolumen an Schulden anhäufen. Die Einnahmen hingegen halten nicht mit. So ist das Kurs-Umsatz-Verhältnis heute höher als in den Jahren 2000 und 2007.“
    • „Derzeit sind so gut wie alle Preise manipuliert: Zinsen werden künstlich tief gehalten, Aktien gepusht und Gold nach unten gedrückt. Am Terminmarkt wird mit riesigen Kredithebeln gezielt versucht, technisch wichtige Widerstandslinien des Goldpreises zu brechen. Diese Angriffe finden nachts oder frühmorgens statt, wenn der Handel dünn ist. Kurzfristig mag das funktionieren. Klar ist aber, dass die Nachfrage nach physischem Gold steigt. Auch ist die Leasing-Rate für Gold momentan negativ, was sehr selten ist und auf Engpässe hindeutet.“

FINANZ und WIRTSCHAFT: «Gelddrucken hat noch nie funktioniert», 18. November 2014

bto: Die Geldpolitik nähert sich dem Ende und wird ‒ so unglaublich es klingen mag ‒ noch aggressiver werden. Und dann doch lieber zugunsten der eigentlichen Schuldner wie oben diskutiert. Gut ausgehen dürfte das Ganze, wie gesagt, nicht. Weiterführende Erläuterungen und Kommentare zu dem Thema finden sich hier:

QE kommt, nutzt nichts und zeigt den Kaiser nackt

Bürger retten statt Banken – Warum die EZB jedem EU Bürger 10.000 Euro zahlen sollte

Das internationale Geldsystem ist ohne Anker

Central Banks and the global Debt Overhang

7 Antworten
  1. thewisemansfear says:

    In meinen Augen brächte eine solche Geldverteilaktion maximal etwas Zeitaufschub. Wenn man sich die Ungleichgewichte bei Vermögen und Einkommen anschaut, ändert eine Einmalzahlung an alle nur den Offset des Systems nach oben. Die Masse unten hat dann wieder etwas mehr Luft zum durchschnaufen, aber an der (Macht-)Konzentration oben hat sich nur marginal was geändert. Es dauert dann wieder eine gewisse Zeitspanne, bis es wieder nicht mehr weiter geht. So lange sich niemand an das Verteilungsthema ran traut, wirkt die verordnete „Medizin“ nicht effektiv.

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      • thewisemansfear says:

        Ja, und weiterführend Untersuchungen, wie sich Ungleichgewichte in Form von Kapital- bzw. Machtkonzentration herausbilden und wie man diese zukünftig vermeiden will. Sonst steht man auch nach einem Schuldenschnitt (wie beim Helikopter als 1x Sache gedacht) nach einer Weile wieder am Anfang (wo wir jetzt sind).

  2. Heinz-Dieter Steinmann says:

    So schön der Vorschlag mit dem Helikoptergeld auch für viele Einzelne ist, was wären die realen Folgen?
    1. verschuldete Personen/Haushalte würden nicht konsumieren dürfen, z.B. in Energiespartechnik was ihnen im weiteren helfen würde, sondern sie wären gezwungen Schuden zu bedienen. Das Geld landet wo?
    2. Millionen von Menschen die Hartz 4 beziehen(und damit einiger Grundrechte beraubt sind) müssten von diesem Helikoptergeld leben. Kein Effekt in der Kaufkraft nur im Staatssäckel. Oder sinkt etwa die Arbeitslosenversicherung dadurch?
    3. Eine Regierung, die eine so katastrophale Wirtschaftspolitik wie die Groko betreibt, würde von allen Personen/Haushalten, die noch liquide sind und tatsächlich einen Kaufkraftzuwachs erführe, bestätigt. Damit werden dann alle wirklich wichtigen Änderungen der Wirtschaftspolitik( Stärkung der Binnenkaufkraft durch vernünftige Lohnentwicklung)auf später verschoben. Der folgene Crash wird umso schlimmer.

    Die Schere zwischen Arm und Reich geht mit leichter Verschnaufpause dann umso schneller auf.
    Eine zukunftsfähige Lösung ist nur gesamteuropäisch machbar. EIN Staat, EIN Steuersystem, Eurobonds und EIN Sozialsystem für die gesamte EU. Dazu unter Planung der demografischen Entwicklung ein angemessener Schuldenschnitt in der gesamten EU um Bankrun und Zusammenbrüche zu verhindern. Direkte Wahlen zu einem Parlament das tatsächlich die Entscheidungen trifft, ein umfassendes Transparenzgesetz für ALLE politischen Ebenen und ein Sonderkündigungsrecht für Abgeordnete durch seine Wähler könnte uns vielleicht noch Demokratie UND Wohlstand bewaren.

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  3. Hermann Oetjens says:

    Statt Schuldenschnitt wäre m. E. eine einmalige Vermögensabgabe nach dem Vorbild des Lastenausgleichs von 1952 sinnvoller, weil das alle Vermögen und nicht nur die Geldvermögen betreffen würde (BVerfG!). Der IWF hat im Oktober vorigen Jahres eine solche Idee ebenfalls ins Gespräch gebracht. In Deutschland beläuft sich der Schuldenberg auf ca. 2 Bill, die Privatvermögen dagegen auf ca. 10 Billionen Euro. Mit 20 % einmaliger Vermögensabgabe, gestreckt auf 30 Jahre (=> 20/30 = 0,67 % p.a.) wären die Staatsschulden den Vermögenden überlassen, die auch am meisten von der Schuldenpolitik profitiert haben. Die auf diese Weise entstehenden Forderungen des Staates (= Staatsvermögen in der Form des Miteigentums am Privatvermögen) ließe sich zertifizieren und ggfs. handeln. Der Staat würde fortan die Gläubigerposition beziehen und nicht mehr Schuldner sein. Die öffentlichen Hände würden mit einem Schlage der Zinszahlungen ledig, so dass wieder Spielraum für Investitionen entsteht. Die „Schuldenbremse“ würde sich erübrigen, so dass wieder eine – hoffentlich vernünftige – Kreditfinanzierung auch des Staates wieder möglich würde, die allerdings fortan – wie jede vernünftige Kreditfinanzierung – Tilgungen vorzusehen hätte, anstatt wie bisher die Altschulden durch unbegrenzte Prolongierung zu ´verewigen´ ( Näheres – auch mit Literaturhinweisen – http://www.oetjens.info).

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Das ist eine interessante Überlegung. Allerdings finde ich es problematisch, die Vermögenden als die „Nutznießer“ der Staatsverschuldung zu geißeln. Letztlich ist es doch so: Die Politiker sind nur deshalb gewählt, weil sie es schaffen, mehr Geld auszugeben, als einzunehmen. Jetzt könnte man meinen, man hätte die „Vermögenden“ nur früher schon richtig besteuern müssen, statt sich von ihnen Geld zu leihen (Trittin). ABER: Vielleicht wäre das nicht durchstzbar gewesen und dann hätte man auf der anderen Seite weniger ausgeben können, zum Beispiel für den Sozialstaat. Insofern sind alle die Nutznießer, die in der Zeit steigender Verschuldung gelebt haben. Leidtragende sind die, die zur Zeit des Deleveragings leben, weil sie entweder mehr Steuern zahlen und/oder weniger Leistungen bekommen.

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  4. Richard Urban says:

    Herr Oetjens hat Recht, nur wird das in den Qualitätsmedien nicht einmal ansatzweise diskutiert. Wenn ein demokratischer Staat nur durch Erfüllung seiner finanziellen Pflicht gegenüber seiner Bevölkerung (Bildung, Gesundheitswesen, Infrastruktur, etc) sich mit inzwischen 2 Billionen verschulden muß, während dem 10 Billionen Ersparnisse gegenüberstehen, ist die einzige Lösung eine 20%ige Lastenausgleichsabgabe. Bedenkt man, daß der Wohlstandszuwachs in den letzten 20 Jahren ausschließlich den reichsten 5% zugute kam, steht somit auch schon der Verteilungsschlüssel fest. Alle anderen Pseudolösungen sind nicht nur radikal unsozial, sondern auch ökonomisch falsch.

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