Meine Forderung: Vermögen für alle!

Dieses Essay von mir erschien in der WirtschaftsWoche:

Studien belegen, dass höhere Vermögen mit einer größeren Zufriedenheit der Bürger einhergehen. Auch Menschen mit geringem Einkommen sind zufriedener, sobald sie über Vermögen verfügen. Vermögen bedeutet Unabhängigkeit. Vermögen bedeutet Glück.

Umso bedauerlicher, dass man es mit Vermögensbildung in Deutschland nicht leicht hat. Jüngstes Beispiel ist die Forderung von Grünen und Linken, den Bau von Einfamilienhäusern zu verbieten. Mit Blick auf Zersiedelung und Klimaschutz sollen Städte verdichtet und Wohnraum beschränkt werden. Absehbare Folge: Die Preise bestehender Einfamilienhäuser gehen weiter nach oben. Gewinner sind einmal mehr diejenigen, die schon etwas besitzen, während es für jene, die Vermögen bilden wollen, noch schwerer wird.

Dabei ist Besitz schon heute sehr ungleich verteilt. Nach Berechnungen des DIW gehören 10 Prozent der Erwachsenen rund 67 Prozent des Vermögens in Deutschland. Auf die Top-1-Prozent entfallen 35 Prozent. Kein Wunder, dass der Ruf nach mehr Umverteilung von Eigentum politisch populär ist.

Schaut man genauer hin, stellt man jedoch fest, dass die ungleiche Vermögensverteilung nicht daran liegt, dass die Reichen in Deutschland besonders reich sind. Die Top-10-Prozent verfügen über ähnlich viel Vermögen wie die reichen Franzosen und Italiener. Ganz anders sieht es beim Rest der Bevölkerung aus. Während bei uns die ärmere Hälfte der Bürger nur etwas mehr als 12.000 Euro pro Kopf besitzt, liegt der Wert in Frankreich mit 28.000 Euro bei mehr als dem doppelten und in Italien mit 42.000 Euro dreieinhalbmal so hoch. Dies erklärt nicht nur, weshalb die Vermögensverteilung bei unseren Nachbarn gleichmäßiger ist, sondern auch, warum das Privatvermögen der Italiener und Franzosen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt bei über dem Fünffachen des jeweiligen BIP liegt, verglichen mit weniger als dem vierfachen hierzulande. Wir hinken um mehr als 40.000 Euro pro Kopf hinterher.

An Bereitschaft zum Sparen mangelt es nicht, trotz einer im Vergleich hohen Steuer- und Abgabenbelastung. Der Spruch „Spare, dann hast Du in der Not“ scheint tief in der deutschen DNA verankert zu sein. Die Präferenz für Sparbuch und Lebensversicherung als vermeintlich „sichere“ Geldanlagen ist hingegen ein Problem. Obwohl damit in der derzeitigen Phase der Niedrigzinsen kein Ertrag zu erwirtschaften ist, glauben mehr als 50 Prozent das Zinstief „aussitzen“ zu können. Ein höheres Risiko einzugehen und so Renditechancen zu erhöhen, wird von über 80 Prozent abgelehnt. Dies, obwohl unzählige Studien belegen, dass Aktien und Immobilien nachhaltig mehr Ertrag abwerfen.

Die Folgen sind fatal: Legt man 1000 Euro an und reinvestiert den jährlichen Ertrag, so hat man bei einer Anlage zu einem Prozent Zins nach dreißig Jahren ein Vermögen von 1350 Euro; legt man sein Geld zu sechs Prozent an, ein Vermögen von 5743 Euro. Bessere Aufklärung über Erträge, Kosten und Risiken einzelner Anlageformen ist dringend erforderlich.

Wesentlicher Baustein für Vermögensbildung sind neben Aktien Immobilien. Doch leider sind wir Deutschen ein Volk von Mietern, die Eigentumsquote ist in keinem anderen Land der Eurozone so niedrig wie bei uns. Beim ärmsten Fünftel der Gesellschaft beträgt der Anteil der Haus- oder Wohnungseigentümer hierzulande nur 16 Prozent. In Frankreich sind es in dieser Gruppe 30 Prozent, in Italien 51 Prozent und in Griechenland sogar 63 Prozent.

Während Haushalte mit selbst genutztem Wohneigentum in Deutschland über 400.000 Euro Nettovermögen verfügen, liegt der Wert bei Mietern nur bei 50.000 Euro. Hätten wir in Deutschland eine ähnlich hohe Eigentumsquote wie in den Nachbarländern, wäre nicht nur die Vermögensverteilung deutlich gleicher, wir hätten sogar in Summe ein um ca. 11 Prozent höheres Vermögen.

Will man den 90 Prozent der Bürger helfen, zu den europäischen Nachbarn aufzuschließen und Vermögen zu bilden, muss man offensichtlich hier ansetzen. Doch dieselben Politiker, die eine zunehmende Ungleichheit der Vermögensverteilung beklagen, befördern sie mit ihren Maßnahmen. Mietpreisbremse, Mietendeckel und mieterfreundliche Änderungen am Mietrecht tragen nicht zur Eigentumsförderung bei. Das liegt daran, dass entgegen den offiziellen Verlautbarungen vor allem besserverdienende Bevölkerungsgruppen von den Eingriffen in den Markt profitieren. Obwohl sie sich Eigentum leisten könnten, bevorzugen sie es, günstig zu mieten. In Extremform ist das in Berlin zu beobachten, wo der Mietendeckel Bewohnern großer und teurer Wohnungen die größte Ersparnis verspricht. Hier würden höhere Mieten einen Anreiz zur Vermögensbildung darstellen.

Aus dem gleichen Grund sind Umwandlungsverbote, die verhindern sollen, dass Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden, genau das falsche. Gerade im Umfeld der niedrigen Zinsen könnten Mieter laufende Kosten sparen und zugleich Vermögen bilden. Besser wäre es, den Mietern zu helfen, ihr bereits vorhandenes Vorkaufsrecht zu nutzen. Zum Beispiel in dem Nachrangdarlehen gewährt werden, die als Eigenkapitalersatz genutzt werden können.

Auch das Steuerrecht behindert die Bildung von Eigentum. So stieg die Grunderwerbssteuer seit 1997 von bundesweit 2 Prozent auf bis zu 6,5 Prozent. Gerade für die Käufer selbst genutzter Immobilien eine übermäßige Belastung und damit ein Kauf-Verhinderungsinstrument. Ebenso ist bereits absehbar, dass die offiziell als „aufkommensneutral“ angekündigte Reform der Grundsteuer zu einer deutlichen Belastung der Immobilieneigentümer führen wird.

Ein sinnvoller Anreiz zur Vermögensbildung wäre die steuerliche Abzugsfähigkeit von Hypothekenzinsen für selbst genutzte Immobilien. Das ist in anderen Ländern weit verbreitet und man sollte darüber nachdenken, sie in bestimmten Rahmen auch in Deutschland einzuführen. Sie erleichtert es Bürgern mit ausreichendem Einkommen, aber unzureichendem Vermögen, Eigentum zu erwerben.

Selbst wenn es offiziell zu keinem Verbot der Einfamilienhäuser kommt, sorgt die Politik durch Auflagen schon jetzt dafür, dass Bauen immer teurer wird. Gepaart mit den steigenden Preisen von Bauland, nicht zuletzt getrieben vom billigen Geld der EZB, wird der Traum von Eigentum immer unerschwinglicher. Wer noch nicht Eigentümer ist, für den wird es immer schwerer, die Seite zu wechseln. Die Ungleichheit nimmt weiter zu.

Die Politik hat alle Hebel in den Händen, um die Situation zu verbessern. Doch Hoffnung besteht kaum. Es bewahrheitet sich, was der Ökonom Wilhelm Röpke bereits vor über sechzig Jahren prophezeit hat: Die auf den Ausbau des Sozialstaats fokussierte Politik bewirkt eine zunehmende Abhängigkeit vom Staat, die Zerstörung des Mittelstandes und den Verlust des Freiheitsankers „Privateigentum“. Dabei dient, würde ich ergänzen, die politisch verursachte Ungleichheit als Vorwand, um die Macht der Politik weiter zu sichern.

Steigen, wie absehbar, die Preise von Immobilien in diesem Umfeld weiter an, sind zusätzliche Belastungen populär. Die Nicht-Eigentümer werden es begrüßen, die Eigentümer stärker zu belasten. Höhere Grundsteuern, höhere Erbschaftssteuer und sogar eine Wiederauflage der Hauszinssteuer der Weimarer Republik sind in der Diskussion, würden doch so die „Profiteure der Corona-Krise“ einen fairen Beitrag leisten.

Die Ungleichheit wird dadurch sicherlich sinken, aber zum Preis eines insgesamt geringeren Vermögensniveaus. Der Abstand zu unseren Nachbarländern, denen wir im Rahmen der europäischen Solidarität mit Milliarden beistehen, würde noch größer. Dass dabei eine Umverteilung von arm zu reich stattfindet, stört interessanterweise wiederum die Politiker nicht, die die Ungleichheit in Deutschland besonders kritisieren.

Das dicke Ende droht noch für das Volk der Mieter und Sparbuchbesitzer: die Rückkehr der Inflation. In den kommenden Jahren dürfte das der Fall sein, getrieben von der demografischen Entwicklung, einer Tendenz zur Deglobalisierung und der planwirtschaftlich organisierten Klimaschutzpolitik. Befeuert von einer EZB, die sich mit Blick auf die untragbaren Schulden der Euroländer noch mehr als schon jetzt in den Dienst der Staatsfinanzierung stellen wird. Während unsere Nachbarn mit hohem Immobilien- und Aktienbesitz die Inflation relativ unbeschadet überstehen, droht uns eine massive Vermögensvernichtung.

Wollen wir auch im Jahre 2040 noch ein glückliches und wohlhabendes Land sein, das sozialen Ausgleich garantiert und seiner Verantwortung für Europa und die Welt gerecht wird, müssen wir heute gegensteuern. Die Lösung kann nur in einer Gesellschaft der Eigentümer liegen. Es ist an der Politik, eine solche Gesellschaft nicht zu verhindern, sondern die Voraussetzungen für einen krisenfesten Vermögensmix ihrer Bürger zu schaffen.

wiwo.de: “Vermögen für alle!”, 7. März 2021