Produktivitätsfortschritte: ja oder nein?

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Man schreibt mir: „Hallo Herr Stelter, ich wollte Sie auf folgenden interessanten Artikel aufmerksam machen. Im Gegensatz zu Ihrem Artikel bei bto, ist hier die Rede von steigender Produktivität. Wenn die Produktivität trotz dieser Trends stagniert, bedeutet das, dass die Fortschritte in Digitalisierung/Automatisierung die globalen BIP-Rückgänge durch Krise, Demografie, etc. (noch) nicht ausreichend kompensieren?

Demografie und Produktivität sind die entscheidenden Hebel für das nachhaltige Wachstum einer Wirtschaft. Darauf habe ich bei bto immer wieder hingewiesen (ist ja auch altbekannt). Lesenswert:

Produktivitätswachstum bleibt schwach
Produktivitätswachstum auf dem Niveau von 1840
In der Sackgasse
Produktivitätszuwächse wären nett

Doch nun zu diesem Artikel. Es ist ein Interview mit Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom MIT. Die beiden untersuchen seit Jahren die Auswirkungen des technischen Fortschritts. In ihrem Buch „The Second Machine Age – Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird“ zeichnen sie ein grundsätzlich optimistisches Bild der von Hightech geprägten Zukunft. Ich habe sie neben dem Pessimisten Robert Gordon in meinem Buch Eiszeit auch zitiert. Denn Gordon und die MIT-Professoren bilden beide Seiten der Argumentation ab – die skeptische und die grundsätzlich optimistische. 

Bevor wir die Argumente der Optimisten zusammenfassen, eine Anmerkung: Ich bin auch optimistisch, was die technischen Möglichkeiten und die Aussichten betrifft. Dennoch muss man feststellen, dass sich der technologische Fortschritt nicht in höherem nominalen BIP niederschlägt. Im Gegenteil drückt er das BIP mehr, weil alte Unternehmen und Geschäftsmodelle leiden und das Neue nicht schnell genug das Alte ersetzt. Dies ist auch die Folge der falschen Wirtschaftspolitik und des billigen Geldes, was die Anpassung erschwert. Auch dazu habe ich schon vor einiger Zeit kommentiert: → Wer rechnen kann, investiert nicht.

Nun zu den Kernaussagen:

  • „Warum tragen digitale Innovationen dazu bei, dass das Durchschnittseinkommen der Amerikaner stagniert und dass so viele Arbeitsplätze mit mittleren Qualifizierungsanforderungen wegfallen? In diesem Gespräch erklären die Wissenschaftler, dass digitale Technologien zwar zu schnellerem Wirtschaftswachstum führen, dass aber nicht alle gleichermaßen davon profitieren. Die jüngsten Daten zeigen dies bereits. Anders als die industrielle Revolution dürfte die digitale Revolution Märkte schaffen, in denen einige wenige alles haben und der Rest leer ausgeht.“ – bto: Wir haben es mit verschiedenen Themen zu tun: a) der Schaffung von Wirtschaftswachstum. Ich frage mich, wo man das schon sieht? b) der Verteilung des Wohlstandszuwachses.
  • Digitale Technologien sind für die geistigen Kräfte des Menschen das, was in der industriellen Revolution die Dampfmaschine und ähnliche technische Entwicklungen für die Muskelkraft waren. Mit ihrer Hilfe können wir viele Grenzen sprengen und in beispiellosem Tempo Neuland betreten.“ – bto: das glaube ich auch. Die Veränderung ist fundamental.
  • Wie sich diese Entwicklung letztlich vollziehen wird, ist unklar. Genau, wie es Jahrzehnte gedauert hat, die Dampfmaschine so weit zu verbessern, dass sie zum Motor der industriellen Revolution werden konnte, braucht es Zeit, die digitalen Technologien zu verfeinern.“ – bto: Vor allem gibt es die Beharrungskräfte der alten Industrien und Gesellschaften!
  • „Kein ökonomisches Gesetz sagt, dass technischer Fortschritt den Kuchen automatisch größer macht oder alle gleichermaßen profitieren. Digitale Technologien können wertvolle Ideen, Prozesse und Innovationen zu sehr niedrigen Kosten kopieren. Dies führt zu gesamtwirtschaftlichem Reichtum und zu Wohlstand für die Innovatoren, aber es verringert die Nachfrage nach bestimmten Arbeitskräften.“ – bto: Hier liegt eines der Kernprobleme: Unser Ponzi-Schema braucht dringend einen wachsenden Kuchen!
  • „Werfen wir einen Blick auf die vier zentralen Kennziffern für den Zustand einer Volkswirtschaft: Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Arbeitsproduktivität, Zahl der Arbeitsplätze und Durchschnittseinkommen der privaten Haushalte. (…) In den 80er Jahren geriet das Wachstum des durchschnittlichen Haushaltseinkommens ins Stottern. (…) Der gesamtwirtschaftliche Reichtum im Sinne von Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Produktivität setzt den Aufwärtstrend fort, während es mit dem Einkommen und den Karriereaussichten für die typischen Arbeitnehmer bergab geht.“ – bto: Und das ist noch geschönt durch die massive Schuldenaufnahme!
  • Die Abkopplung hat nicht nur mit Änderungen des Gesellschaftsvertrags zu tun. Deutsche, Schweden und US-Amerikaner haben unterschiedliche Vorstellungen von Kapitalismus, dem Umgang mit Menschen und so weiter. (…) Aber es scheint eine Kraft zu geben, die in all diesen Ländern wirkt, und diese Kraft ist unserer Meinung nach die Technologie.“
  • Die Studie zeigt, dass in den Tätigkeitsbereichen, die leicht von Computern übernommen werden konnten, vor allem Angehörige der Mittelschicht anzutreffen waren. Die Aushöhlung der Mittelschicht ist einer der Hauptgründe für den Rückgang des Durchschnittseinkommens. Das zweite Maschinenzeitalter entwickelt sich anders als das erste, denn es setzt zwar den langjährigen Trend zu materiellem Überfluss fort, nicht aber den der wachsenden Nachfrage nach Arbeitskräften.“ – bto: daher die Angst in Deutschland. Statt es als Chance zu betrachten, bremsen wir. 
  • Von 2002 bis 2007 schöpfte in den Vereinigten Staaten das oberste Prozent zwei Drittel des Gewinns aus dem Wirtschaftswachstum ab. (…) Steve Kaplan von der University of Chicago hat herausgefunden, dass auch Unternehmer, Topmanager und die Prominenz aus Medien, Unterhaltung, Sport und Rechtswissenschaften dazugehören. Diese Stars blicken wiederum zu den Superstars auf, deren Wohlstand sogar noch stärker gestiegen ist. Während auf das oberste Prozent rund 19 Prozent des gesamten Einkommens in den USA entfielen, konnten die obersten 0,01 Prozent ihren Anteil am nationalen Gesamteinkommen zwischen 1995 und 2007 sogar von 3 auf 6 Prozent verdoppeln. Für die noch höheren Einkommensgruppen gibt es kaum zuverlässige Daten, aber einiges deutet darauf hin, dass es noch extremer wird: Aus jeder Untergruppe der Superstars zieht eine kleinere Gruppe davon, die noch mehr verdient.
  • Untersuchungen von uns und anderen kamen zu dem Ergebnis, dass der Anstieg der Arbeitsproduktivität Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts von der IT getrieben war. Doch das währte nicht lange: Mitte der 2000er Jahre war das Wachstum der Arbeitsproduktivität bereits wieder auf das Niveau vor 1996 zurückgegangen, und seitdem ist es relativ niedrig geblieben. Natürlich spielt auch die Rezession 2008 eine Rolle, denn letztlich ist die Produktivität ja das BIP dividiert durch die Arbeitsstunden. Wenn also das BIP absackt, sinkt in der Regel auch die Produktivität.“ – bto: Das ist der entscheidende Punkt!! Es kommt auf das nominale BIP an, wenn man nominale Dollar schuldet!
  • Ein anderes Teil des Puzzles ist aber die Tatsache, dass viele Aspekte des digitalen Prozesses im BIP nicht erfasst werden. Wikipedia ist im Gegensatz zur alten Printversion der Encyclopædia Britannica kostenlos. Deshalb fließt Wikipedia nicht in die Berechnung des BIP ein, obwohl es weit mehr Menschen einen Mehrwert bietet als das klassische Nachschlagewerk. Und, noch wichtiger: Es ist eine zeitliche Verzögerung zu beobachten zwischen der Entwicklung neuer Technologien und dem Zeitpunkt, zu dem die Vorteile in den Statistiken ablesbar sind. Das heißt, die jüngsten technologischen Errungenschaften haben sich in den Produktivitätszahlen noch nicht vollständig niedergeschlagen.“ – bto: Man könnte jetzt argumentieren, die geringeren Kosten führen zu mehr Ersparnissen und damit weniger Schulden, weil die Haushalte leichter ihre Schulden abbauen können. Nicht wirklich sichtbar. Das mit dem verzögerten Effekt wäre nett.
  • „Gibt es überhaupt noch Arbeitsplätze für Menschen, wenn das zweite Maschinenzeitalter weiter voranschreitet? Ja, weil Menschen in drei Bereichen immer noch weit überlegen sind. Der erste ist Kreativität im Spitzenbereich, die erstklassige neue Geschäftsideen hervorbringt, revolutionäre wissenschaftliche Erkenntnisse, spannende Romane und so weiter. (…) Die zweite Kategorie sind Emotionen, zwischenmenschliche Beziehungen, Pflege, Erziehung, Coaching, Motivation, Führung und so weiter. (…) Der dritte Bereich ist Geschicklichkeit und Mobilität. Es ist unglaublich schwer, einen Roboter dazu zu bringen, durch ein volles Restaurant zu gehen, Speisen zu servieren oder Geschirr zurück in die Küche zu bringen und es in die Spüle zu stellen, ohne es zu zerbrechen – und all das natürlich, ohne die Gäste zu verschrecken.“
  • Die Mittelschicht wird weiter schrumpfen, Wachstum werden wir ganz unten und ganz oben erleben.“ – bto: was bedeutet, dass das Median-Einkommen deutlich sinkt. Das ginge dann nur über massive Beststeuerung. 

Und jetzt kommt, was sich wie eine Agenda von bto liest: „Welches wirtschaftliche Umfeld würde die neuen digitalen Möglichkeiten optimal erschließen?

  • Der erste ist die Bildung. Die Schulen der Primar- und der Sekundarstufe müssen relevante und wertvolle Fähigkeiten vermitteln, das heißt, Dinge, die Computer nicht gut können. Dazu gehören Kreativität, soziale Kompetenz und die Fähigkeit, Probleme zu lösen.
  • Der zweite Bereich ist die Infrastruktur. Erstklassige Straßen, Flughäfen und Netzwerke sind Investitionen in die Zukunft und die Grundlage für Wachstum.
  • Drittens brauchen wir mehr Unternehmertum. Junge Unternehmen, vor allem schnell wachsende, sind die beste Quelle für neue Arbeitsplätze. Aber in den meisten Branchen und Regionen gibt es heute weniger Gründungen als vor 30 Jahren.
  • Der vierte Bereich ist die Einwanderung. Viele der talentiertesten Menschen kommen nach Amerika, um sich hier ein Leben und eine Karriere aufzubauen, und es gibt eindeutige Belege dafür, dass Unternehmen, die von Einwanderern gegründet wurden, starke Triebfedern für Beschäftigungswachstum waren. – bto: Wichtig – es ist von qualifizierter Einwanderung die Rede!
  • Der fünfte Bereich ist die Grundlagenforschung. Unternehmen konzentrieren sich in der Regel auf die Anwendung, deshalb muss der Staat die Grundlagenforschung fördern. Der Großteil unserer modernen technischen Errungenschaften, vom Internet bis hin zum Smartphone, hat irgendwo in seinem Stammbaum ein staatlich gefördertes Forschungsprogramm.

Man lege zum Vergleich mal die aktuelle Politik in Deutschland daneben:

  • schlechte Schulen
  • verfallende Infrastruktur
  • unternehmensfeindliche Atmosphäre
  • falsche Einwanderung: ungesteuert, statt auf Qualifikation achtend (was die Qualifizierten übrigens abschreckt!)
  • Kürzen der Mittel, wohin man blickt.

Aber wir erhöhen die Renten!

Harvard Business manager: „Die große Abkopplung“, September 2015

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