„Keine Panik, sondern Gold aufstocken“

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Der Goldpreis ist wieder unter Druck. Experten raten vom Kauf ab. Zinserhöhung in den USA, steigender Dollar und die Stabilisierung des Finanzsystems sprächen gegen Gold. Zeit also, das Gegenteil zu tun: zuzukaufen.

Im Juli habe ich mich das letzte Mal mit Gold beschäftigt. Seither gab es zwar einige Ausschläge in beide Richtungen, aber der Trend zeigt weiter nach unten. Auch Argumente für diesen Preisverfall werden geliefert: Inflation nicht in Sicht, Krisen überwunden, Zinsen – zumindest in den USA – im Aufwind. Auch Starinvestor Warren Buffet muss als Begründung herhalten: wenn sogar ein konservativer Investor wie er nichts von Gold halte, weshalb sollte man es dann kaufen, so die breit geäußerte Meinung.

Wertaufbewahrungsmittel

Richtig ist: Gold nimmt tatsächlich an der allgemeinen Entwicklung des Wohlstands nicht teil. So stimmt es zwar, dass man sich im alten Rom für den Gegenwert einer Unze Gold eine gute Toga kaufen konnte, während man heute für 1.000 Euro einen guten Anzug bekommt. In Relation zum verfügbaren Einkommen sind Anzüge heute jedoch deutlich günstiger als Togen im alten Rom. Der Fortschritt hat den Wohlstand deutlich vergrößert. Besonders eindrücklich wird dieser Nachteil von Gold, wenn man auf die Phase der industriellen Revolution zurückblickt. Wer im 15. Jahrhundert Gold gekauft hat und dieses in der Familie über Generationen immer weiter vererbt hat, erzielte über 500 Jahre einen realen Verlust von rund 90 Prozent.

Dies ist auch der Hintergrund für die Abneigung Warren Buffets. Gold ist unproduktiv, so wie auch Kunst, Oldtimer, Wein und ähnliche Sammlerstücke. Deren Wert basiert ausschließlich auf der Erwartung einer Wertsteigerung, die wiederum von der Erwartung weiterer Wertsteigerung getrieben sind. Je tiefer das Zinsniveau, desto höher ist der potentielle Preis, weil die Opportunitätskosten entsprechend geringer sind. Wer nun also mit Blick auf die Mini-Zinserhöhung in den USA und die angeblich abnehmenden Krisengefahren vom Gold abrät, sollte das gleiche auch mit Kunst und anderen Sachwerten tun. Aus dem Blickwinkel der Geldanlage wäre alles gleichermaßen falsch.

Wenn man aber aus der berechtigen Angst um sein Vermögen in Sachwerte diversifizieren möchte – und ich würde angesichts der ungelösten Schuldenkrise und der Politik der Notenbanken dringend dazu raten – dann ist Gold naheliegender als diese exotischen Anlageklassen. Der wesentliche Vorteil von Gold liegt darin, dass es homogen, international akzeptiert und relativ kompakt ist. Je homogener und kompakter ein Gut, desto besser kann es im Krisenfall genutzt werden.

Krise noch lange nicht vorbei

Regelmäßige Leser dieser Kolumne kennen meinen skeptischen Blick auf die Lage der Weltwirtschaft und der Eurozone: ungelöste Schuldenprobleme, überforderte Politiker und Notenbanken, die sich für die Retter der Welt halten, indem sie immer großzügiger Geld zur Verfügung stellen. Selbst wenn jetzt tatsächlich die erste Zinserhöhung in den USA kommt, dürfte sie eher dazu dienen, wieder Raum für künftige Zinssenkungen zu schaffen und keine echte Trendwende sein. Die Weltwirtschaft ist einfach zu hoch verschuldet, als dass sie höhere Zinsen verkraften könnte. Helikoptergeld wird das Thema der nächsten Jahre, nicht Zinsen von fünf Prozent. Wer zweifelt, dem empfehle ich einen Blick nach Japan. Wir im Westen sind drauf und dran, die dortige Politik zu wiederholen. Statt Schulden zu bereinigen, wird mit immer mehr Schulden und billigem Geld Zeit gekauft. Ausgang des Experiments: völlig unklar.

Damit bleiben wir im Spannungsfeld von Deflation und Inflation, in der Eurozone noch potenziert um das reale Szenario eines chaotischen Zerfalls. Grund genug für mich, weiterhin nach Alternativen außerhalb des Systems zu suchen.

Aktien sind diese Alternative übrigens nicht. Ein Blick in die Geschichte lehrt, dass Aktien in Phasen abnehmender und tiefer Inflation am besten performen. Sowohl hohe Inflation wie auch eine breite Deflation sind hingegen für Aktionäre keine gute Zeit. Blickt man zudem auf die aktuelle Bewertung an der US-Börse, so kann man nur zu dem Schluss kommen, dass die besten Zeiten hinter uns liegen. Nur in der New Economy Blase waren Aktien teurer in den letzten 100 Jahren wenn man bereinigte Kennziffern wie das gleitende Kurs-Gewinn-Verhältnis (Shiller-PE) zugrunde legt.

Märkte nicht rational

Warren Buffet verweist zu Recht immer wieder darauf, dass die Kapitalmärkte eben nicht rational sind. Vielmehr gibt es Herdenverhalten, Über- und Unterschießen von Bewertungen. Bei Gold wird derzeit an den Terminmärkten auf fallende Kurse gesetzt. Spekulanten sind so deutlich gegen Gold positioniert, wie schon lange nicht mehr. Fundamental wird diese Schwäche von der abnehmenden Nachfrage aus Indien und China gefördert. Der Verfall der Rohstoffpreise tut ein weiteres, um die Stimmung gegen Gold zu fördern. Schon kursieren Kursziele von weit unter 1.000 Euro; die Deutsche Bank prognostizierte bereits im Juli eine Marke von 750 US-Dollar.

Schon allein aus markttechnischen Gründen bin ich versucht, dagegenzuhalten. Immer wenn alle das Gleiche denken, kommt an den Finanzmärkten ziemlich sicher das Gegenteil – siehe die Gegenbewegung des Euro in der letzten Woche.

Doch auch aus einer langfristigen Perspektive sollte ein rationaler Investor an Gold festhalten. Wohin man auch blickt, drohen erhebliche Vermögensverluste. Gefangen in Überschuldung und Stagnation und mit Blick auf die erheblichen ungedeckten Versprechen für Renten und Gesundheitsleistungen einer überalternden Gesellschaft werden die Politiker garantiert den Weg des geringsten Widerstandes gehen: die Notenpresse. Mein oft zitiertes Bild von der „Ketchup-Inflation“ kann schneller kommen, als man denkt. Ich jedenfalls möchte dann nicht ohne eine Alternative zu unserem Geldsystem dastehen.

Die Goldskeptiker mögen sich an Warren Buffet orientieren. Ich halte es hier eher mit Ray Dalio, einem der erfolgreichsten Hedgefonds-Manager der Geschichte, der immer auch einen Anteil seines Vermögens in Gold hält.

→  WirtschaftsWoche Online: „Keine Panik, sondern Gold aufstocken“, 10. Dezember 2015

12 Antworten
  1. OK says:

    Ausgewogene Analyse. Die absoluten Goldfreaks sind häufig Endzeitapokalyptiker, die im Grunde auf die Ankunft des sozialen/politischen Antichristen warten (in Form des 3. Weltkriegs, mind. aber eines Bürgerkriegs und eines Unterdrückungsstaats à la 1984, gesteuert jeweils natürlich von der New World Order). Die Goldhasser auf der anderen Seite sind Gesundbeter, Traumtänzer und Systempropagandisten, für die eine schwere Finanzkrise jeweils höchstens woanders passieren und dann aber mit den richtigen Mitteln verlässlich eingedämmt werden kann. Wer sich nicht der einen oder anderen Seite zugehörig fühlt, kann als logischerweise nicht umhin kommen, trotzdem einen gewissen Goldanteil zu halten, eben um einen Mittelweg zwischen den Extremen zu gehen.

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  2. Matthias says:

    Hallo Herr Stelter,

    warum ist eine hohe Inflation keine gute Zeit für Aktionäre? Ich dachte bisher, dass dann die Aktienkurse entsprechend mitsteigen sodass der Aktienbesitzer am wenigsten wertverlust erleidet während der Geldbesitzer immer höhere Verluste erleidet da sein Geld ja immer weniger wert ist!

    Ich als Laie verstehe das leider nicht so recht! Wären Sie so nett und könnten Sie mir das kurz erklären?

    Danke und viele Grüße
    Matthias

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  3. Axel says:

    Sehr geehrter Hr. Stelter

    Können Sie mir bitte einen Link nennen, bzw. erklären, wie sich die ungedeckten (Renten, Investitions, etc.)) Ausgaben der BRD (USA) erklären laßen? Welcher Bemeßungszeitraum, welche Inflationsraten und welche Steuereinnahmen werden hier zu Grunde gelegt? Wenn diese wirklich so orbitant hoch sind, sind dann die kosten für die Flüchtlingskrise überhaupt noch relevant und ist dann das Schicksal der Währung nicht sowieso schon besiegelt?
    Für eine Stellungsnahme, bzw. gesonderten Artikel, wäre ich Ihnen sehr verbunden!

    Mit freundlichen Grüßen Axel

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber Axel,

      Da gerade nur auf dem IPad suchen Sie am besten nach „measuring unfunded liabilities of European countries“ da finden sie eine Studie aus dem Jahr 2009. Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich hat auch ein Paper dazu. „Unfunded liabilities“ und „BIS“ sollten bei der Suche genügen. Ich habe die Links auf meinem Laptop, der ist aber gerade in Reparatur.

      Die Beträge sind erheblich. Die Kosten für andere Dinge spielen insofern eine Rolle als sie die Lösung der ungedeckten Verbindlichkeiten noch schwerer machen. Außer sie sagen: mit Volldampf in die Pleite ist besser …

      Danke für Ihr Interesse.

      Dst

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  4. Hansjörg Pfister says:

    Vielen Dank für diese sehr gute Darstellung,
    Einen Aspekt hätte ich noch beizutragen: Platin (seltener und fast immer auch teurer als Gold gewesen) ist inzwischen billiger als Gold. Rhodium ist inzwischen auf seinem Allzeittief. Die beiden Anlagemetalle Gold und Silber halten sich entgegen dem allgemeinen Rohstoff Trend, insbesondere dem der Industrie – Edelmetalle, dagegen recht wacker (Silber mit einer höheren Volatilität). Ein Umstand der für Gold spricht und vielleicht auch für physisches Platin und Rhodium als kleine Beimischung, allerdings könnte der Abwärts Trend hier natürlich noch eine Zeit anhalten.

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  5. HN says:

    Aber was, wenn ein Bargeldverbot mit einem Goldhandelsverbot kombiniert wird? Wie tauscht man sein Gold dann noch in die dann aktuelle Währung um?
    Oder was, wenn alles Gold bei Strafandrohung an den Staat abzuliefern ist? Richtig, das gab es auf deutschem Boden schon einmal, ist gar nicht so lange her…
    Schwarzmalerei? Bei einer Regierung, die unsere Verfassung nach Belieben ignoriert und Gesetze bricht, und angesichts der Entwicklung in den letzten 12 Monaten finde ich es lohnenswert, zum Schutze des Vermögens alle Szenarien durchzuspielen.

    Vor Gold müssen sich die Herrschenden fürchten, denn das ist eine Währung, die nicht manipulierbar, von ihnen nicht beherrschbar ist. Eine Zeitlang mag man sie an den Terminmärkten in den Keller prügeln können, aber spätestens wenn der Ketchup aus der Flasche ploppt funktioniert das nicht mehr.

    Lieber Herr Stelter,
    Ihre Seite ist zu meiner Lieblingslektüre avanciert und ich freue mich über jeden Ihrer Artikel, die ein Lichtblick in der aktuellen Medienlandschaft sind!
    Ich vermisse bei Ihren Szenarien allerdings die Berücksichtigung von Vermögensabgaben. Ich glaube mittlerweile nicht mehr, dass die Schuldenkrise nur mit Inflation oder Pleiten gelöst wird. Um das Endspiel zu verzögern wird man vorher noch auf das Vermögen der Bürger zugreifen. Hehre Vorwände gäbe es genug, bezeichnet als „Flüchtlings-Soli“, „Infrastrukturabgabe“, „Bildungsbeitrag“…selbstverständlich alles nicht zweckgerichtet verwendet.

    Übrigens: Auch über Zwangshypotheken wurde im Bundestag schon gesprochen, das als Hinweis an die Fans von Betongold. Die Idee ist doch charmant, eine Vermögensabgabe, der sich kein Betroffener entziehen kann und die aufgrund der Digitalisierung der Grundbücher schnell umgesetzt ist: Auf jedes Grundstück wird im ersten Rang eine Zwangshypothek eingetragen, die fällig wird bei einem Immobiliengeschäft (Verkauf/ Vererben etc.). Die bilanzielle Überschuldung nähme ab.

    Undenkbar? Hoffentlich! Es hängt davon ab, für wie verbindlich die Regierung die Verfassung hält…

    Mit besten Grüßen,
    HN – ein Goldfan ;-)

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  6. simi says:

    Gold in Ehren, aber ich bevorzuge das „digitale“ Gold der Zukunft: Bitcoin
    Die selben Eigenschaften wie Gold, nur wird es zukünftig zum präferierten digitalen Zahlungsmittel. Und nein, hier in den DM „braucht“ das niemand wirklich, aber in den EM, wo kaum jemand ein Bankkonto aber die meisten ein Handy haben, wird Bitcoin sich in den nächsten Monaten/Jahren rasant durchsetzen.

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