Säkulare Stagnation – à la Eiszeit – wirklich das Problem?

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Ich halte bekanntlich viel von der Annahme geringerer Wachstumsraten aufgrund von Demografie, Produktivität und Überschuldung. Die These wird von anderen unter dem Stichwort „säkulare Stagnation“ propagiert, die jedoch die Hauptursache in den Ersparnisüberschüssen sehen, vor allem von China und Deutschland.

Doch stimmt die These überhaupt? Charles Gave vertritt eine andere These:

  • „So We Are In Secular Stagnation really?  I would advise readers to consider the chart below. (…) both the US and France have seen a slump in their “structural” GDP growth rate, as shown by the seven year moving average. (…) Yet, (…) it is clear that this growth slump has hardly been generalized. Since the late 1970s, Sweden, the UK and Switzerland have seen their growth rates rise structurally, and the same pattern can be found with Canada, Germany and Australia.“ bto: was natürlich ein berechtigter Einwand ist.

Quelle: Gavekal

  • „So why have certain economies tumbled into relative decline, while others have not? A useful approach may be to compare France and the UK, which are similar in size, population and demographic profile. (…) The obvious point  is that between 1955 and 1981, France’s economy massively outperformed the UK’s. Since 1981, the reverse has been true.“ bto: Das spricht dafür, dass es eine wirkungsvolle Politik gegeben hat.

Quelle: Gavekal

  • „Under Margaret Thatcher, the UK forged a new path by lessening the role of civil servants in managing economic activity. In France, François Mitterrand expressly aimed to expand the scope of government.“ bto: Man sollte auch anmerken, dass es in UK eine sehr einseitige Orientierung auf den Finanzsektor gegeben hat mit einer Konzentration auf London. Ich würde das skeptischer beurteilen auf mittlere Sicht.

Quelle: Gavekal

  • „The next task is to explore potential cause-and-effect linkages between public spending and the divergence in the structural growth rates of France and the UK. As such, consider the chart below which reconciles growth and government spending in the two economies.“ bto: Ein hoher Staatsanteil korreliert mit geringeren Wachstumsraten. Das zeigen übrigens auch andere Studien, u. a. von der OECD.

Quelle: Gavekal

  • „(…) beyond a certain threshold (that varies by country) more state spending causes the structural growth rate  to fall.“ bto: Das kann man auch erwarten, schrumpft doch der produktive Sektor der Wirtschaft.
  • „In the US, a similarly straight forward picture emerges, with the big increase in government spending that took place after 2009 being the main cause of the subsequent decline in the US’s structural growth rate.“ bto: Ich denke, dass dies ein möglicher Erklärungsansatz ist, es jedoch zusätzlich mit der Verschuldung zusammenhängt.

Quelle: Gavekal

  • „To conclude, secular stagnation is an idea of ivory towered economists.  Schumpeter showed how bloated government and unnecessary regulation crimps activity. The perhaps unfashionable answer remains to privatize state enterprises, deregulate markets and break up too-big-too-fail banks. In simple terms, some government is good; too much government is bad.“ bto: Und was wird die Antwort sein? MEHR Staat. Klar, oder?

GaveKal: „Secular Stagnation?“, 21. Juni 2017

13 Antworten
  1. MSt says:

    Bei staatlichen Ausgaben muss man aber unterscheiden. Investitionen in Bildung ( Kitas, Schulen), Gesundheit (Schwimmbäder, Stadions), Forschung, sozialer Wohnungsbau zur Vermeidung der Ghettobildung etc. führen nicht sofort zu BIP Wachstum. Langfristig wird das aber der Punkt sein, an dem sich Spreu vom Weizen trennt. Insofern wäre MEHR Staat fokussiert auf die originären Staatsaufgaben durchaus nicht schlecht.

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  2. Dietmar Tischer says:

    Die Auffassung, dass die Ausweitung der Staatsaktivitäten einen Einfluss auf das Wachstum hat, ist angebracht und Sachverhalt mit den entsprechenden Daten muss eingearbeitet werden in eine stimmige Erklärung.

    Mein Ansatz:

    Ausweitung der Staatsaktivitäten mit steigender Staatsverschuldung hat seine URSACHE in nachlassendem Wachstum, was erfolgen musste angesichts des Booms unmittelbar nach WK II mit der Befriedigung elementarer Bedürfnisse.

    Westdeutschland z. B. hatte zum Anfang der 70er Jahre etwa eine Staatsverschuldung von ca. 20% des BIP und Mitte der 70er Jahre bereits mehr als eine Mio. Arbeitslose. Nur zu verständlich, dass da der Staat kompensierend herangezogen wurde, um für mehr Nachfrage zu sorgen und nicht beschäftigte Menschen direkt zu absorbieren – mit STEIGENDER Staatsverschuldung.

    Das würde ich als grundlegende Tendenz ansehen, allerdings mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen, die für jedes Land einzeln betrachtet und bewertet werden müssen. Ich stimme MSt zu, dass nicht jede (zusätzliche) Staatsaktivität per se als wachstumshindernd einzustufen ist.

    In Frankreich mit seinem zentralistischen Verwaltungssystem und einer ausgesprochenen Industriepolitik hat das andere Wirkungen gehabt als in UK, wo Thatcher der Lähmung der Wirtschaft ein Ende bereitet hat durch die Entmachtung der Gewerkschaften.

    Wenn nun ein höherer Staatsanteil tendenziell mit geringeren Wachstumsraten korreliert, dann ist klar wohin das c. p. führt, wenn man den Staatsanteil erhöht: zu noch geringeren Wachstumsraten und noch höherer Verschuldung.

    Das muss man zu allem anderen, wie dem demografischen Trend etc. ADDIEREN.

    Insofern ist es m. A. n. falsch, eine GEGEGENTHESE aufstellen zu wollen.

    TATSACHE ist, dass die Nachfrage zu gering ist mit Bezug auf den Output vorhandener Produktionskapazitäten und daher zumindest in den entwickelten Volkswirtschaften nicht hinreichend investiert wird, um zu hohen Wachstumsraten zu kommen.

    In vielen Ländern haben wir daher eine hohe Arbeitslosigkeit, besonders eine hohe Jugendarbeitslosigkeit aufgrund der Sozialgesetzgebung (hoher Kündigungsschutz für Ältere), so dass wir die perverse Situation zu verzeichnen haben, dass die Eltern für ihre Kinder arbeiten müssen, um sie zu unterhalten (statt die Kinder für die Eltern) und immer mehr Menschen von der Beschäftigung in der Güterproduktion in die viel schlechter bezahlten Dienstleistungsberufe migrieren müssen wie in USA.

    Das Phänomen kann man angemessen als Säkulare Stagnation bezeichnen.

    Es geht nur noch um die genaue Ursachenbestimmung und die Einordung zukünftiger Trends, etwa der Effekte, die Automatisierung haben wird.

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  3. Johannes says:

    Nach diesem Beitrag ist die Frage mit ja zu beantworten:

    ,Man muss die Frage stellen: Wie kommt es dazu, dass wir mitten in der größten industriellen Revolution, die die Menschheit je erlebt hat, ein Produktivitätswachstum von null sehen? Die digitale Revolution soll 50 Prozent aller Arbeitsplätze in den nächsten 10 bis 15 Jahren überflüssig machen. Wenn zugleich die Zahl der Arbeitsplätze nicht abnimmt, dann müsste sich das eigentlich in Wirtschaftswachstum umsetzen. Der Kehrwert von 50 Prozent ist 2. Die Wirtschaft müsste sich demnach in den nächsten 10 bis 15 Jahren verdoppeln, um die bestehende Beschäftigungsrate aufrecht zu erhalten. Das entspricht einer Wachstumsrate von mindestens 5 Prozent. Davon ist jedoch bisher nichts zu sehen. Noch dazu ist der derzeitige täuschende Frieden nicht von Dauer. Da sie Ihre Kapitalkosten nicht verdienen, fragen die „Zombieunternehmen“ überdurchschnittlich viele Kredite nach. Sie infizieren auf diese Weise still und unauffällig die Kreditportfolien der Banken und werden in einer Zinswende, die früher oder später schon deshalb kommt, weil der EZB irgendwann das Kaufmaterial für ihre Anleihekäufe ausgehen wird, in einer Welle von nachgeholten Pleiten untergehen. Leider besteht die Gefahr dass die Banken und auch viele gesunde Unternehmen, die mit den „Zombies“ in Geschäftsbeziehungen stehen, mit hinabgezogen werden.‘

    http://app.wiwo.de/finanzen/geldanlage/verkehrte-finanz-welt-wie-die-ezb-zombieunternehmen-foerdert/20157976.html

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  4. Dietmar Tischer says:

    Ich werfe einmal folgende These in den Ring:

    Das Wachstum durch Geld- und Fiskalpolitik nachhaltig zu beschleunigen, ist gescheitert.

    Damit bleibt nur noch EIN Mittel, es zu beschleunigen:

    ENTWERTUNG

    Nur zur Vergegenwärtigung, nicht um in der Analogie die Lösung zu sehen:

    Kriege entwerten durch Zerstörung materiell derart, dass es in der Folgen zu einem Neustart mit dynamischem Entwicklung kommen MUSS, weil eine extreme Nachfrage besteht.

    Es gilt nur noch, die Befriedigung der Nachfrage unter förderlichen Bedingungen – Lastenausgleich, Währungsreform etc. – in die richtigen Bahnen zu lenken. Gelingt das, kann man ohne Widerrede befürchten zu müssen, auch schon mal „Wohlstand für alle“ versprechen.

    Dieser Mechanismus ist Gott sei Dank bis auf weiteres außer Kraft gesetzt.

    Wie also kann man entwerten?

    Der Staat kann es durch Regulierung – und er will es erklärtermaßen auch tun.

    Die Bundesregierung hat es bereits mit der Entwertung der Atomkraftwerke getan, auch wenn das vordergründig nicht aus Gründen des Wachstums und Beschäftigung geschehen ist.

    Frankreich und GB wollen ab 2040 den Verkauf bzw. die Zulassung von Automobilen mit Verbrennungsmotor verbieten.

    Es wird nicht die letzte derartiger Maßnahme sein, die angekündigt wird.

    Ich frage mich allerdings:

    Wie soll das funktionieren?

    Was werden die Menschen tun, wenn sie sagen wir 2035 ein Auto kaufen wollen bzw. müssen?

    Werden Sie angesichts der Unsicherheiten, was nach 2040 der Fall ist, überhaupt ein Automobil kaufen?

    Oder kaufen sie ein sehr altes, um das Risiko eines hohen Wertverlusts zu begrenzen, oder kaufen sie ein E-Mobil mit den Nachteilen, die es möglicherweise auch dann noch haben wird?

    Wenn die Lage nicht so dramatisch wäre, würde ich sagen:

    Hier lacht das Abenteuer.

    Wenn letztlich der STAAT bestimmt, was Wohlstand ist, sind wir in einem völlig anderem Modus des Wirtschaftens.

    Die Folgen sind nicht absehbar.

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    • Johannes says:

      ,Damit bleibt nur noch EIN Mittel, es zu beschleunigen:

      ENTWERTUNG‘

      Ich finde Ihre These sehr interessant. Entwertung per Gesetz – ist nicht so tödlich und unangenehm wie per Krieg, aber – zielgenau eingesetzt- ebenso wirksam. Dies meine ich nicht ironisch.

      Per Gesetz geschaffene und vollziehbare Entwertung. Das hat Potential.

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    • U. Werninger says:

      @Hr. Tischer: Danke für die interessante These „Entwertung der Atomkraftwerke“, wenngleich natürlich noch interessant ist, welche zusätzlichen Entwertungsoptionen bestehen, um dies bei individuellen Entscheidungen zu berücksichtigen.

      Gibt es hier noch über das Eigentum hinausgehende Entwertungsoptionen. Arbeitsleistung lässt sich m.E. nur durch Besteuerung „entwerten“, wodurch gewisse Gesellschaftsschichten nicht betroffen wären. Hintergrund ist, dass ich nur bei einer Entwertung, die breite Gesellschaftsschichten betrifft, eine gewisse Grundakzeptanz sehe.

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      • Dietmar Tischer says:

        Wahrscheinlich gib es weitere Entwertungs-Optionen.

        Welche es sind und wann sie unter welchen Umständen evtl. realisiert werden, weiß ich nicht.

        Ich würde allerdings zwischen Entwertungs-Optionen und Belastungs-Optionen unterscheiden:

        Bei Entwertungsoptionen geht es m. A. n. darum, Nachfrage zu schaffen, die es im Idealfall durch Innovationen geben müsste und im schlimmsten Fall durch Kriege nach Kriegen gibt.

        Belastungsoptionen werden ausgeübt, um Umverteilung zu realisieren oder Liquidität zu sichern.

        Ich habe gerade gelesen, dass eine Studie der Bertelsmann-Stiftung (!) festgestellt hat, dass eine große Zahl von Gemeinden in Deutschland eigentlich bankrott sind und sich nur noch durch „Dispo-Kredite“ über Wasser halten – TROTZ blendender Konjunktur.

        Man kann sich schon mal ausmalen, was das u. a. vermutlich heißt (neben Leistungskürzungen):

        Erhöhung der Grundsteuer.

        Das ist Ausübung einer Belastungs-Option mit Umverteilung.

  5. Michael Stöcker says:

    Zum Thema Wachstum: Relevant ist nicht das BIP, sondern das pro Kopf BIP. Zudem: Mehr Wachstum durch Verlagerung von Eigenleistung in den Markt erhöht zwar das BIP, aber nicht unbedingt den Wohlstand. Ich hatte hierzu kürzlich das Beispiel Coca Cola und McDonald‘s gebracht. Man könnte auch selber gesundes Essen kochen und Wasser trinken und würde sodann nicht sooft zum Arzt gehen, Insulin spritzen und Cialis schlucken.

    Wir sollten uns doch mal von diesem irren Paradigma lösen und beginnen, ein wenig systemischer zu denken: https://www.youtube.com/watch?v=1BHOflzxPjI&t=319s

    LG Michael Stöcker

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    • Dietmar Tischer says:

      >Relevant ist nicht das BIP, sondern das pro Kopf BIP.>

      Der Meinung bin ich nicht.

      Denn Wohlstand bemisst sich nicht nur nach einem Durchschnittswert, wie er beispielsweise mit BIP/Kopf für die materielle Dimension angegeben werden kann.

      Um von Wohlstand reden zu können, muss man auch das gesellschaftliche Konfliktpotenzial einbeziehen, auch wenn man es nicht berechnen kann.

      Zu dem, was ich meine, eine aktuelle Entwicklung:

      Die Sozialausgaben sind im letzten Jahr – wie in den Jahren zuvor, also nicht nur ein Effekt des Flüchtlingszustroms von 2015 – schneller als das die Wirtschaft gewachsen. Und das bei brummender Konjunktur und nahe Vollbeschäftigung sowie mehr oder weniger konstanter Bevölkerungszahl!

      Hier:

      http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/888-milliarden-sozialstaat-waechst-schneller-als-die-wirtschaft-14317356.html

      Glauben Sie, dass man mit einer Fixierung auf das BIP/Kopf das Konfliktpotenzial abdeckt, das sich hier entwickelt?

      Ich glaube es nicht.

      Ich bin vielmehr überzeugt davon, dass wir ein wachsendes BIP brauchen UND darüber hinaus die gesellschaftliche Einsicht bzw. Akzeptanz, dass selbst bei einem WACHSENDEM BIP – was keineswegs durchgängig gesichert ist – praktisch ALLE Abstriche an ihren ehemals festgeschrieben Rechtsansprüchen bzw. an ihren überkommenen Erwartungen machen müssen.

      Damit sage ich nicht, dass die Qualität des BIP bezüglich Gesundheitskosten etc. keine Rolle spielt.

      Das ist auch ein Thema, aber ein anderes.

      Weil das auch ein Thema ist, kann man aber nicht wie Sie behaupten, dass das BIP nicht relevant sei.

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  6. Wolfgang Selig says:

    Erfassen wir mit einer solchen Darstellung externe Effekte korrekt? Nehmen wir als fiktive Beispiele ein Land in Lateinamerika oder Zentralafrika, das Tropenholz exportiert. Je schneller der Export dieser Exporte wächst, umso schneller nähern wir uns dem Ende der Ressourcen. Idealtypisch wächst der Export jährlich um,10 Prozent und schrumpft dann nach Jahrzehnten um je 40,Prozent. Man übertrage das Beispiel auf Fischbestände, Ölquellen oder Erzvorräte. Gerne auch auf Bauland oder das städtische Parkplatzangebot. Meine empirisch nicht belegte These lautet, dass wir zu viele Effekte in der VWL nicht einbeziehen. Ohne Schallschutz, Luftreinhaltung, Kanalisation u.ä. könnten wir schneller wachsen. Trump versucht es gerade in einigen Bereichen damit. Ist das dann ein Erfolg?

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