„Keine Angst vor der alternden Gesellschaft – was für eine Irreführung“

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Zum Jahreswechsel kamen endlich die guten Nachrichten! „Keine Angst vor der alternden Gesellschaft Sechs Gründe, warum die Demografiebombe entschärft wird“ titelte manager magazin online. Da ich dort auch gelegentlich schreibe, will ich auch nicht so kritisch sein, doch aus meiner Sicht ist der Artikel reichlich naiv. Vor allem berücksichtigt er nicht die finanziellen Folgen der ungedeckten Versprechen in Höhe von mehr als 400 Prozent des BIP. Nun ja, hier also die Gründe, weshalb wir uns keine Sorge machen müssen:

  • Erstens: Der Wandel geschieht langsam, es gibt also Zeit zur Anpassung. Echte Schocks in der Bevölkerungsentwicklung mit einem plötzlichen massiven Einbruch der Geburtenzahlen gab es nur infolge der beiden Weltkriege.“ – bto: Wir haben diese Zeit bisher aber nicht genutzt und sogar das Gegenteil getan, man denke nur an die letzte Rentenreform. 
  • Zweitens: Zuwanderung kann vieles ändern. Die (optimistische) Prognose der Statistiker geht von einem jährlichen Gewinn von 200.000 Menschen für das Land aus. In diesem Jahr jedoch kamen mehr als eine Million Flüchtlinge.“ – bto: Der Link geht übrigens zu dem von mir heftig kritisierten Beitrag, wonach die Flüchtlinge ein zweites Wirtschaftswunder auslösen. Das ist nun mal – leider reines Wunschdenken! Die Flüchtlinge werden netto kosten und nichts bringen.  Es kommt halt schon auf die Struktur und Qualifikation der Zuwanderung an.
  • Drittens: Es gibt noch andere Variablen wie die Lebenserwartung oder vor allem die Geburtenrate, die das zukünftige Bild ändern können. Die bewegen sich zwar langsam und haben eher Einfluss auf die fernere Zukunft. Aber auch hier gibt es Anlass zur Hoffnung.“ – bto: In dem verlinkten Artikel steht dann: „Eine Frau im gebärfähigen Alter brachte nach den neuesten Zahlen also im Jahr 2014 – statistisch gesehen 1,47 Kinder auf die Welt.“ Man braucht übrigens 2,1 Kinder, um die Bevölkerung stabil zu halten.
  • Viertens: Selbst, wenn die demografische Gefahr nicht entschärft wird, nimmt sie nicht stetig zu, sondern rollt in einer Welle an, die dann auch wieder ausrollt. Bereits jetzt hat die Phase der größten Herausforderung begonnen, weil die Babyboomer-Jahrgänge der Nachkriegszeit in Rente gehen. In den 2030er-Jahren werden sie fast alle bereits im Ruhestand sein. Wenn die Sozialsysteme die kommenden 15 Jahre überstehen, sind sie für die nachfolgende Zeit ziemlich sicher fit zumindest aus demografischer Sicht.“ – bto: Es erschließt sich mir nicht, wie die unfundierte Hoffnung, sie würden das überstehen, die Basis für Optimismus sein kann.
  • Fünftens: Deutschland hat bereits Phasen hinter sich, in denen sich die aktiven Jahrgänge zwischen 20 und 64 Jahren (die jüngeren arbeiten ja idealerweise noch nicht) beinahe in die Minderheit gerieten, bevor sich das Verhältnis wieder besserte. Vor allem in den 70er-Jahren hatten rein rechnerisch wenige Angehörige der mittleren Generation viele Alte und zugleich besonders viele Junge mitzuversorgen. Der Sozialstaat ist nicht kollabiert.“ – bto: Die Kosten für Junge liegen tiefer, die Lebenserwartung und das Rentenniveau lagen tiefer, die Arbeitszeit war höher. Wichtig ist aber: Es gibt Inflation. Wie ich bereits vor einigen Wochen geschrieben habe, droht genau dies auch wieder: Inflation bei stagnierenden bzw. sinkenden Renten und verfallenden Vermögenspreisen. Der Beitrag kommt heute Nachmittag nochmals bei bto.
  • Sechstens: Entscheidend allerdings ist, was die Grafik zur Bevölkerungsstruktur nicht zeigt: Ob es gut oder schlecht um die Finanzierung des Unterhalts für die nicht Erwerbsfähigen steht, hängt vor allem an Konjunktur, Arbeitsmarkt und Verteilungsfragen. Die demografische Entwicklung ist nur eine Rahmenbedingung.“ – bto: Das stimmt. Aber welche überragende Bedeutung die Demografie hat, zeigt auch der Beitrag vom letzten Freitag

Fazit: Es ist viel Hoffnung und wenig Fakten. Vor allem sollte man es nicht zur Grundlage seiner Vermögensstrategie machen.

Da gibt Bill Gross nämlich ganz andere Hinweise:

  • Brot und Spiele haben schon im alten Rom funktioniert und das geht auch heute: mit Sport, Handys und Apps werden die Massen unterhalten, damit sie nicht realisieren, dass die Hälfte der US-Bürger keine Arbeit hat und die Reallöhne seit den 1980ern stagnieren. bto: Das ist Bill Gross, NICHT der Anführer der Linken!
  • Zugleich geht es den „1-Prozent“ dank Zinsen von null und hohen Assetpreisen so gut wie noch nie. Daran werden auch die Wahlen nichts ändern, egal ob sie uns acht Jahre Hillary bescheren oder nicht. bto: interessant, dass er gleich eine Wiederwahl mit einrechnet.
  • Dabei wissen die 99 Prozent noch nicht, wie schlecht es ihnen gehen wird in 15 bis 20 Jahren, wenn die Rechnung wirklich präsentiert wird: die ungedeckten Versprechen für Gesundheitsversorgung und Renten. bto: Wer jetzt denkt, dies gilt nur für die USA, der irrt! Das gilt überall in unserem Ponzi-System im Westen.
  • Die US-Regierung hat zurzeit offizielle Schulden von rund 16 Billionen US-Dollar, fast 100 Prozent des BIP. Der Gegenwartswert der künftigen Verpflichtungen für die Krankenversicherung Medicaid (35 Billionen) und Medicare (23 Billionen) und Sozialversicherung (8 Billionen) summieren sich auf 66 Billionen bzw. 400 Prozent des BIP. Wir sind pleite, merken es nur noch nicht. bto: weshalb ich auch nur den Kopf schütteln kann über Beiträge wie im mm. Die USA sind nicht alleine. Wer es nicht glaubt, dem empfehle ich erneut:→  BIS Working Paper 300: The future of public debt: prospects and implications, März 2010. Wer das liest, kann nur zu dem Schluss kommen: Das kann man nicht mehr so schmerzlos lösen, wie es sich der Autor wünscht.
  • In Zukunft werden wir unsere Ersparnisse aufbrauchen für das Alter. Dies bedeutet aber, dass die Assetpreise fallen werden. Zum einen, weil es mehr Verkäufer gibt, zum anderen, weil diese Assets immer auch die künftige Ertragskraft spiegeln.
  • Gross empfiehlt: mehr Geld in den künftigen Boom-Märkten zu investieren, wo die Demografie besser ist und sich auf die unweigerliche Inflation einzustellen, die beginnt, sobald die knappen Arbeitskräfte zu Lohnsteigerungen führen und einzurechnen, wie die Assetpreise, die von den Boomern getrieben wurden, nun wieder fallen. Geringe künftige Renditen sind die Folge, zusätzlich befeuert vom Nullzinsumfeld.

bto: Mir macht das schon Sorgen, denn es bedeutet nichts anderes als sehr intensive Verteilungskämpfe.

→  manager magazin online: „Keine Angst vor der alternden Gesellschaft – was für eine Irreführung“, 29. Dezember 2015

→  Zero Hedge: Bill Gross Warns Of Demographic Doomsday, 7. Januar 2016

8 Antworten
  1. Johannes says:

    „bto: Mir macht das schon Sorgen, denn es bedeutet nichts anderes als sehr intensive Verteilungskämpfe.“

    Sie sind nicht allein.

    Antworten
  2. Dietmar Tischer says:

    Wir sind schon jetzt in demografisch bedingten Verteilungskämpfen und allmählich dämmert es, was das heißt:

    Mehr Konsum, weniger Investitionen.

    Damit sind wir bezüglich der Wohlstandsgenerierung in einer Abwärtsspirale.

    Dieser Trend wird sich verstärken, je gravierender die demografische Entwicklung wird – und sie wird gravierender.

    Auch ohne andere, erschwerende Aspekte wie die z. B. die Globalisierung mit einzurechnen, kann man sagen:

    Wir stehen vor Verteilungskonflikten, wie wir sie nach WW II noch nie hatten. Und da wir auch keine Erfahrung mit der Anpassung nach unten haben, ist nicht abschätzbar, ob unsere bzw. die zukünftige Gesellschaft das einigermaßen zivilisiert hinkriegt.

    Die Risiken, dass es nicht gelingt, sind hoch.

    Wer die Dinge immer noch oder schon wieder schönredet, handelt unverantwortlich

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Zugleich verstärken wir die Verteilungskonflikte durch die Zuwanderung überwiegend Unqualifizierter. Die wirklich Vermögenden können aus dem System flüchten (Privatschule, etc.), was den Druck auf die Mittelschicht weiter verstärkt.

      Antworten
  3. Philipp H. says:

    Nur eine Frage: Wenn Inflation kommt, wird dann nicht das Schuldenproblem weginflationiert? M.E. wäre das schlecht für Rentner und generell für Leute mit kleinen Einkommen und ohne Assets. Für das „System“ insgesamt wäre aber Inflation doch die Rettung, oder?

    Antworten
  4. UlliBaba says:

    Verehrter Herr Stelter,

    danke für Ihre grossartigen Beiträge (Ich verzichte bereits weitgehend auf zerohedge) und die tolle Bündelung. 2 Punkte sind mir aufgefallen:
    Im Punkt 4 des MM Artikel eine Fehleinschätzung wiedergegeben, die aus anderen rentenrelevanten Bereichen fehlerhaft abgeleitet wird: Zur Stabilisierung des Rentensystems wird immer wieder auf
    bisher ungenutzte Potentiale (Frauen, Migranten, früherer Berufseinstieg) hingewiesen. Durch höhere Beitragszahlungen kommt es zu einer aktuellen Entlastung des Systems. Aber es entstehen zukünftige Ansprüche, die dann die Situation verschlechtern werden. So ignoriert man bei der Reproduktionsrate den gravierenden Sachverhalt, das nur bei zeitnaher Erhöhung der Kinderzahl pro Frau auf 2,1 Kinder es sich um einen temporären Effekt (ca.25 Jahre Dauer) handelt, bei stabiler niedriger Kinderquote diese Situation sich aber perpetuiert, mit allen negativen Folgen.
    Natürlich kann mann durch weitere Maßnahmen gegensteuern. Im Übrigen halte ich die GRV für ein
    kleines Problem verglichen mit dem echt staatlichen Sektor.

    Mein zweiter Punkt bezieht sich auf die USA: Die Fed kann doch alle öffentlichen Schulden monetarisieren, oder?

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.