Best of 2017: „Vor dem nächsten Großbrand“

Wie immer zum Jahreswechsel ein Rückblick auf die Highlights des vergangenen Jahres, Artikel, von denen ich denke, dass es sich lohnt, sie nochmals zu lesen. Dieser Kommentar erschien im August bei manager magazin online und bei bto:

Zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise klopfen sich Notenbanker und Politiker auf die Schultern: Das Schlimmste läge hinter uns und die Erholung sei geschafft. Ein Irrtum. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Krise wieder mit voller Wucht ausbricht.

Ihren Platz in den Geschichtsbüchern hat die Präsidentin der US-Notenbank, Janet Yellen, so gut wie sicher. Schon bald wird man ihre Aussage, es gäbe „keine Finanzkrise mehr zu unseren Lebzeiten“ als ein weiteres Beispiel für die Hybris der wirtschaftspolitisch Verantwortlichen zitieren, egal ob diese in Regierungen oder Notenbanken sitzen. Auch „Super-Mario“ dürfte es ähnlich ergehen, hat er zwar unstrittig mit seinem radikalen Eingreifen den Euro zunächst gerettet, die Grundprobleme jedoch massiv vergrößert.

Zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise loben sich die damals wie heute Verantwortlichen für die gelungene Bewältigung der Krise und die Erholung von Wirtschaft und Finanzmärkten. Dabei zeigt eine nüchterne Betrachtung, dass sie das zu Unrecht tun.

Die Krise ist noch lange nicht vorbei. Stattdessen wurde auf Zeit gespielt, ohne die Krisenursachen zu bereinigen. Schlimmer noch: Mit ihrem Tun legen sie die Basis für eine noch größere Krise.

Krise nicht erkannt

Zunächst lohnt es sich, daran zu erinnern, dass Notenbanker und Politiker die letzte Krise nicht kommen sahen. Allein dies spricht schon für eine erhebliche Skepsis, wenn heute Aussagen getroffen werden, wonach die Krise „überwunden sei“, es keine neue Krise mehr zu „unseren Lebzeiten“ geben kann oder wie der britische Notenbankchef Mark Carney kürzlich festhielt wir heute ein „sicheres, einfacheres und faireres Weltfinanzsystem“ hätten.

Das erinnert fatal an US-Notenbank Chef Ben Bernanke, der obwohl er über die große Depression geforscht hat – die Wiederholung derselben nicht kommen sah. Noch 2007 hielt er die Subprime-Krise für ein kleines Problem, welches die US-Wirtschaft nicht nachhaltig beeinflussen würde. Yellen, Draghi, Carney und Co. sollten von den Fehlern ihrer Vorgänger lernen. Niemand kann mit Bestimmtheit vorhersagen, dass es wirklich zu keiner Krise kommt, was vor allem daran liegt, dass sie die eigentliche Krisenursache nicht erkennen (wollen).

Krise nicht verstanden

Bis heute gibt es kein gemeinsames Verständnis für die Ursachen der Krise. Da wird über die „Finanzkrise“ gesprochen, ausgelöst von zweifelhaften Krediten im US-Immobilienmarkt, die über allerlei Umwege in den Portfolios der Investoren in aller Welt – vor allem in Deutschland – landeten. Da wird von der „Eurokrise“ gesprochen, deren Ursache man gerne in der überbordenden Staatsverschuldung einzelner Sünderländer verortet, die nun mal über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Die Wahrheit ist eine andere: Beides sind Überschuldungskrisen gewesen und sind das immer noch. Seit Mitte der 1980er-Jahre haben wir es weltweit, vor allem in den USA, Europa und Japan mit einer explodierenden Verschuldung von Staaten, privaten Haushalten und Unternehmen zu tun. In den zwanzig Jahren bis zum Krisenausbruch 2007 haben sich die Schulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt mehr als verdoppelt. Real haben Unternehmen mehr als dreimal so viele Schulden wie zuvor, Staaten mehr als viermal und private Haushalte mehr als sechsmal so viel.

Schuld an dieser Entwicklung waren Politiker und Notenbanker. Im gemeinsamen Bestreben die Wirtschaft zu beleben, haben sie immer mehr auf Schulden gesetzt. Die Notenbanken haben auf jeden kleinen Schock mit Zinssenkungen reagiert, ohne sie anschließen wieder ausreichend zu erhöhen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kritisiert schon lange dieses asymmetrische Verhalten. Belohnt wurde, wer Schulden machte.

2008 war es dann so weit. Die Welt schien am Ende der Verschuldungskapazität angelangt. Der „Minsky-Moment“ war erreicht, der Zeitpunkt, zu dem schuldenfinanzierte Blasen platzen benannt nach dem verstorbenen US-Ökonomen Hyman Minsky, den zu Lebzeiten keiner der Akteure ernst nahm und dessen Gedanken auch heute viel zu wenig Beachtung finden. Statt anzuerkennen, dass die schuldenfinanzierte Wohlstandsillusion an ihre Grenzen stößt, wurde alles getan, um die Verschuldungskapazität zu erhöhen und eine weitere Runde mit noch mehr Schulden anzustoßen.

Schulden wachsen weiter

Die Verschuldungskapazität hängt vom beleihungsfähigen Eigenkapital oder Einkommen und von den Zinsen ab. Je höher das Eigenkapital und das Einkommen und je tiefer die Zinsen, desto mehr Schulden lassen sich schultern. 2008 stiegen die Kosten für Kredite drastisch, nicht zuletzt, weil das Vertrauen der Kreditgeber in die Zahlungsfähigkeit der Schuldner deutlich zurückging. Zugleich verfielen der Wert des Eigenkapitals und die Einkommensaussichten verschlechterten sich wegen der sich abzeichnenden Rezession. Was bei moderater Verschuldung im Einzelfall ärgerlich ist, erweist sich bei zu hoher Verschuldung als Brandbeschleuniger für eine große Depression. Keiner hat das besser beschrieben als Irvin Fisher in seiner „Debt-Deflation-Theory of Great Depressions“. In der Tat waren wir 2008 auf dem besten Weg eine Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er-Jahren zu erleben. Der Absturz war anfangs sogar weit dramatischer als achtzig Jahre zuvor.

Richtigerweise haben die Verantwortlichen alles darangesetzt, dies zu verhindern. Mit staatlichen Konjunkturprogrammen und Null- und Negativzins haben sie die Verschuldungskapazität wiederhergestellt. Vermutlich hätte es dennoch nicht gereicht, wäre China nicht mit einem gigantischen schuldenfinanzierten Konjunkturprogramm eingesprungen. Damit wurde nicht nur die Schuldentragfähigkeit im Westen erhöht, sondern zugleich noch neue Verschuldungskapazität in der Welt mobilisiert.

Mit erheblichem Erfolg! Weltweit ist die Verschuldung auf über 325 Prozent des BIP gestiegen, 50 Prozentpunkte mehr als noch 2007. Angetrieben vom billigen Geld aus den USA und Europa wurde überall auf Pump gelebt. China bleibt dabei mit einer Vervierfachung der Verschuldung seit dem Jahr 2000 und einem Anstieg von rund 120 Prozent des BIP auf über 280 Prozent einsamer Spitzenreiter – wie hier schon mehrfach diskutiert.

Politiker und Notenbanker haben es also geschafft, die weltweite Verschuldungskapazität durch Erhöhen der Anzahl der Schuldner und das Senken der Finanzierungskosten nochmals deutlich auszuweiten und haben diese Situation ausgiebig für ihre Finanzpolitik bzw. ihren Gewinn genutzt. Damit wurde die Politik, die uns in die Krise von 2008 geführt hat, noch konsequenter fortgesetzt. Das Problem ist nur, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir vor dem nächsten „Minsky Moment“ stehen, dann allerdings mit noch mehr Schulden und schon rekordtiefen Zinsen.

Kein Wunder, dass schon nach der nächsten Möglichkeit gesucht wird, die Verschuldungskapazität zu erhöhen. Nichts anderes steht hinter den Rufen nach einem Euro-Finanzminister und mehr „Solidarität“ Deutschlands. Es geht nur um eines: mehr Schulden zu ermöglichen, um das System noch eine Runde weiter zu bekommen.

Zeit, die Systemfrage zu stellen

Es ist Zeit, dass wir unsere Wirtschaftspolitik grundlegend hinterfragen. Seit Mitte der 1980er-Jahre setzen wir darauf, mit immer mehr Schulden kurzfristiges Wachstum zu erzielen. Dabei nimmt die Produktivität der neuen Schulden immer mehr ab. Nachdem jahrzehntelang die Wirtschaft im Einklang mit der Verschuldung wuchs, werden heute weltweit immer mehr Schulden gebaucht, um überhaupt noch Wachstum zu erzielen. Die Ursache liegt in der überwiegend unproduktiven Verwendung der Schulden. Wir kaufen uns damit gegenseitig vorhandene Vermögenswerte zu immer höheren Preisen ab. Im Unterschied zu Investitionen in neue Produkte und Dienstleistungen wächst dadurch die Wirtschaft jedoch kaum, wenn man von dem Zusatzkonsum durch den Reichtumseffekt steigender Vermögenspreise absieht.

Ermöglicht wird das Ganze von einem Bankensystem, das fast unbegrenzt neues Geld schöpfen kann, indem es Kredite gewährt. In unserem Geldsystem wird neues Geld überwiegend (zu rund 90 Prozent) durch das Bankensystem geschaffen. Steigende Nachfrage nach Vermögenswerten führt dabei zu einem Preisanstieg, der wiederum eine höhere Beleihungskapazität für alle Vermögenswerte ermöglicht. Wir sind damit abhängig von steigenden Vermögenswerten, neuen Schuldnern und immer tieferen Zinsen. Die Zinsen müssen morgen noch tiefer sein, einfach weil sie heute schon tief sind.

Nur mit immer mehr Risiken bleibt das System am Laufen. Das Problem ist dabei, dass wir nicht einfach aufhören können. Die ausstehenden Schulden müssen bedient werden, soll es nicht zum Kollaps kommen. Dies bedingt, dass zumindest in Höhe der Zinsen auf der ausstehenden Schuld neue Schulden aufgenommen werden. Denn woher sonst soll das Geld denn kommen?

Es gibt keinen einfachen Weg aus unserer selbst gewählten Misere. Wir haben uns von der Schuldendroge abhängig gemacht und brauchen eine ständig steigende Dosis. Bleibt sie aus, ist der „Minsky Moment“ da der ultimative Crash.

Dass es auch ohne die Droge geht, konnten wir in den 1950er- und 1960er-Jahre gut beobachten. Natürlich stieg auch damals die Verschuldung deutlich an. Da die Schulden jedoch einer produktiven Verwendung zugeführt wurden, wuchs auch die Wirtschaft entsprechend. Die Schuldenquoten blieben also stabil bzw. gingen sogar zurück.

Um das zu erreichen, müssten wir das Bankensystem wieder auf die eigentliche Rolle als Vermittler von Krediten reduzieren, als Versorger für die Realwirtschaft. Damit einhergehend muss eine Limitierung der Kreditvergabe durch deutlich höhere Eigenkapitalanforderungen realisiert werden. Zu prüfen ist zudem eine Abschaffung der Geldschöpfungsmöglichkeit des Bankensystems durch eine Umstellung auf Vollgeld.

Lösung nicht in Sicht

Yellen und Draghi ist gemein, dass sie als Vertreter des Systems alles dafür tun, das System am Laufen zu halten. Ihre Mission ist klar: Die Verschuldung muss weiter steigen, denn nur dann kommt es nicht zum finalen Crash. Zugleich sind sie die Letzten, die ernsthaft einen Systemwechsel betreiben. Zu groß sind die Interessen am Status quo. Wer hätte nicht gerne das Recht und die Möglichkeit, legal Geld aus dem Nichts zu schaffen und damit reale Assets zu kaufen und Erträge zu erwirtschaften?

Damit bleiben wir jedoch in einem System gefangen, das zwangsläufig auf die nächste Krise zusteuert. Wie bei Waldbränden ergibt sich ein dramatisches Szenario: Je mehr kleinere Feuer gelöscht werden, desto größer die Gefahr eines Großbrandes. Da wir den Großbrand von 2008 gelöscht haben, laufen wir Gefahr, dass das nächste Feuer noch brutaler wird. Und zugleich haben wir deutlich weniger Löschwasser zur Verfügung: Die Verschuldungskapazität ist noch mehr ausgeschöpft, die Zinsen noch tiefer. Gut möglich, dass das nächste Feuer auch die Notenbanken hinwegfegt.

→  manager-magazin.de: „Vor dem nächsten Großbrand“, 28. Juli 2017

Kommentare (18) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Dietmar Tischer sagte:

    Zur Verschuldung der staatstragenden Mittelschicht in China:

    https://www.welt.de/wirtschaft/article172217116/China-Haushalte-verschulden-sich-immer-staerker.html

    Daraus:

    „Nach Berechnungen der Akademie für Sozialwissenschaften waren die Haushalte zwischen 2004 und 2008 nur mit 17 bis 19 Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt verschuldet. Doch bis zum dritten Quartal 2017 stieg der Wert auf mehr als 48 Prozent an. In absoluten Zahlen standen die Verbraucher mit 39,1 Billionen Yuan (fast eine halbe Billion Euro) bei den Banken in der Kreide – ein um 23,2 Prozent höherer Wert als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

    2016 stieg die Sparquote der Haushalte zudem erstmals langsamer als ihre Verbindlichkeiten. Und auch 2017 vergrößerte sich der Abstand um weitere fünf Prozent. Ein Alarmzeichen für alle, die zuletzt immer wieder auf die hohe Sparquote der privaten Haushalte als Rettungsanker gegen die hohe Verschuldung von Staat und Unternehmen verwiesen hatten.

    Es ist ein Tabu, darüber zu debattieren, was passiert, wenn die kommunistische Partei ihr Versprechen nicht mehr halten kann, dass es Chinas Mittelschicht immer besser gehen wird – solange sie die Alleinherrschaft der KP nicht herausfordert.“

    Natürlich ist in China alles anders.

    Wenn man nicht die Augen verschließt, erkennt man allerdings Entwicklungen, die eindeutig Parallelen zu dem aufweisen, was wir u. a. in USA erlebt haben.

    Entscheidend sind nicht die speziellen Umstände.

    Entscheidend ist der FORTSCHREITENDE Verschuldungsmechanismus.

    Antworten
    • Avatar
      working poor sagte:

      China hat 1,4 Milliarden Einwohner.

      Ca. 8 Renminbi sind 1 Euro, deshalb sind es ca. 5 Bio. Euro private Immobilienkredite (BIP ca. 10 Bio. EUR p.a., das jedes Jahr um 6% wächst).

      Ca. 5.000 Milliarden Euro Bankschulden bei zeitgleich vorhandenem und investiertem hohem Eigenkapital von mindestens 30% sind ca. 3.600 Euro je Einwohner, deren Einkommen jetzt und in Zukunft weiter ansteigt.

      Denn es ist ein großer Unterschied, sich heute hoch zu verschulden jedoch wissend, daß man zukünftig deutlich mehr verdienen wird anstatt wie hier, wo der Normalverdiener inflationsbereinigt das gleiche oder weniger wie vor 20 Jahren verdient.

      Antworten
    • Avatar
      NINJA loan sagte:

      Ich denke, es gibt zur Situation in Amerika (und hier) gravierende Unterschiede:

      – Die Einkommen der Kreditnehmer wachsen, so daß sich deren Schuldentragfähigkeit in der Zukunft erhöht.
      – Es ist weiterhin – auch im Rahmen des steigenden Wohlstands – ein Bedarf nach Immobilien vorhanden. Ggf. nach einer Krise zu gesunkenen Preisen, aber immerhin.
      – In Amerika wurden Immobilien zum Teil über 100% beliehen, während in China bei Finanzierung durch das offizielle Banksystem eine Eigenkapitalquote von 30% vorgesehen ist. Natürlich gibt es ein Schattenbankensystem, wo sich zukünftige Krisen als erstes bemerkbar machen werden. Das ist aber eher ein innerchinesisches Problem.
      – In China gibt es eine gesetzlich vorgeschriebene Zinsspanne von 300 Basispunkten, die den Banken gute Gewinne und ein stets wachsendes Eigenkapital bescheren. Siehe dazu die Profitabilität der großen chinesischen Banken, die über der von amerikanischen Banken liegt und sich trotzdem aus dem klassischen Bankgeschäft und nicht aus dem Investmentbanking speist.
      – In Amerika gibt es keine persönliche Haftung bei Immobilienkrediten. D. h. der Kreditnehmer kann den Schlüssel an die Bank zurückgeben und trägt bei Fremdfinanzierung das Risiko sinkender Marktpreise nicht persönlich.
      – Trotz dieser Ausgangslage wurden amerikanische Immobilienkredite verbrieft und in alle Welt verkauft, während China einen im wesentlichen geschlossenen nationalen Kapitalmarkt besitzt.

      Antworten
    • Avatar
      Dietmar Tischer sagte:

      @ working poor + NINJA loan

      Sie haben zu recht dargelegt, dass vieles in China anders ist.

      Ich bestreite dies überhaupt nicht, habe es auch gesagt.

      Es geht mir um etwas anderes, um folgende Frage:

      In welchen Zustand kommt die Volkswirtschaft in China, wenn der VERSCHULDUNGSMECHNANISMUS sich so wie in den westlichen Volkswirtschaften entwickelt?

      Ihre Position ist, so wie ich Sie verstehe, implizit folgende:

      Sie kommt nicht in den Zustand, in dem wir sind, weil – wie Sie meinen – die BEDINGUNGEN fundamental andere in China sind, u. a. diese:

      >… es ist ein großer Unterschied, sich heute hoch zu verschulden jedoch wissend, daß man zukünftig deutlich mehr verdienen wird anstatt wie hier…>

      und

      >– Die Einkommen der Kreditnehmer wachsen, so daß sich deren Schuldentragfähigkeit in der Zukunft erhöht. >

      Ich glaube, dass beide Feststellungen richtig sind – für den Zustand HEUTE.

      Deshalb und aufgrund anderer Gegebenheiten steht China im Verschuldungszyklus auch woanders als wir und die USA.

      Ich bestreite aber, dass die Bedingungen in China DAUERHAFT so anders sein KÖNNEN, dass der Verschuldungsmechanismus nicht zu einer Situation wie unserer führt, nämlich wachstumshemmend wirkt.

      Begründung dafür:

      China wird nicht dauerhaft die WACHSTUMS- und INFLATIONSRATEN haben, die es erlauben würden, eine zunehmende Verschuldung ohne Dämpfungswirkung zu tragen oder gar abzubauen wie etwa in USA nach WK II.

      Das ist zugegebenermaßen kein Wissen, sondern erst einmal nur eine Überzeugung.

      Allerdings beruht sie auf dem Wissen – und das ist empirisch fundiertes Wissen –, dass wirkmächtige Megatrends wie Globalisierung, demografische Entwicklung, die auch für China ein Thema ist trotz der Zwei-Kind-Politik seit 2015, nicht mit Geld-, Fiskalpolitik oder Regulierung außer Kraft zu setzen sind.

      Ich glaube, dass die chinesische Führung sehr besorgt ist über die Entwicklung der Verschuldung. Wenn der Chef der chinesische Notenbank in aller ÖFFENTLICHKEIT von der Gefahr eines Minsky Moments redet, dann sollte man aufhorchen und das sehr ernst nehmen.

      .

      Antworten
  2. Avatar
    Wolff Baer sagte:

    Man kann viele Erklärungen und Rechtfertigungen für das unglückselige Wirken der unproduktiven Finanzindustrie und ihren Exekutiven, den überflüssigen und volksschädigenden Notenbanken finden.

    Tatsache ist, daß alleine durch die Abschaffung der meisten Regularien wie z.B. in den USA ab der Clinton-Regierung, und der amerikanische Mittelstand seit dem Greenspan-Finanz-Regime mehr oder weniger ausgelöscht wurde.

    Ich halte es mit Prof.Harald Lesch, der öffentlich verkündet hat, daß er weite Teile der Finanz-Industrie für Verbrecher hält, die ungestört von den ihr hörigen Regierungen ihre schädlichen und unproduktiven Geschäfts-Modelle betreiben.

    Fast alle Finanz-Desaster und Wirtschafts-Krisen werden von der Finanz-Mafia ungestraft angezettelt und wohlwollend von vielen unseren Volkswirten „wissenschaftlich“ analysiert und sogar teilweise akzeptiert.

    Fast könnte man die geschwätz- und diskussionsfreudigen Volkswirte als Komplizen der Finanz-Ganoven bezeichnen, wenn sie allen Ernstes die Entwertung unserer Währung fordern und gleichzeitig es für eine gute Idee halten, wenn der Staat mit Helikoptern Geld über seine Wahl-Idioten abwirft.

    Antworten
  3. Avatar
    Dietmar Tischer sagte:

    >… werden heute weltweit immer mehr Schulden gebaucht, um überhaupt noch Wachstum zu erzielen. Die Ursache liegt in der überwiegend unproduktiven Verwendung der Schulden.>

    Da sich eine überwiegend produktive Verwendung NICHT erzwingen lässt – im nötigen Umfang auch nicht durch die viel beschworene Fiskalpolitik – ist keine Lösung in Sicht.

    Auch hinsichtlich der Alternative – Bereinigung durch Insolvenzen oder Forderungsverzicht, d. h. Entwertung der Kredite – ist keine Lösung in Sicht.

    Das ist der Stand der Dinge.

    Eine denkbare und nicht nur denkbare, sondern auch praktizierbare, d. h. DURCHSETZBARE ist schon im Gange, beispielhaft in Japan, aber auch bei uns:

    >Vermutlich wird uns nichts anderes übrigbleiben, als sie bei den einzigen Schuldnern abzuladen, die über eine praktisch unbegrenzte Verschuldungskapazität verfügen: den Notenbanken.>

    Das ist der erste Schritt.

    Der zweite ist die UMSTELLUNG des Geldsystems:

    Helikoptergeld statt Schuldgeld.

    Damit werden zwar nicht die REALWIRTSCHAFTLICHEN Bedingungen geändert, aufgrund derer eine zu hohe Verschuldung generiert worden ist, aber die Begrenzungen durch diese Verschuldung wird aufgehoben.

    Das ist ein unbestreitbarer Vorteil.

    Ebenso klar ist der unbestreitbare Nachteil:

    Bei Helikoptergeld gibt es keine WIRKSAME Begrenzung der Geldmenge – das Desaster ZUNEHMENDER Inflation ist nicht auszublenden.

    Mal sehen, wann man mit welchen kunstvoll gestrickten Mechanismen versuchen wird, es auszublenden.

    Antworten
    • Avatar
      Johannes sagte:

      „Bei Helikoptergeld gibt es keine WIRKSAME Begrenzung der Geldmenge – das Desaster ZUNEHMENDER Inflation ist nicht auszublenden. Mal sehen, wann man mit welchen kunstvoll gestrickten Mechanismen versuchen wird, es auszublenden.“

      An diesem Punkt bin ich inzwischen auch angekommen. Wir stehen an der Seitenlinie und können „fasziniert“ (mehr oder weniger) dass Schauspiel beobachten. Und dabei Vorsorge treffen (so gut es im Rahmen der individuellen Möglichkeiten halt geht).

      Herrn Stelter und allen Foristen nachträglich ein gutes und v.a. gesundes neues Jahr!

      Antworten
  4. Avatar
    Double K sagte:

    Ich finde die extrem negative Sichtweise der internationalen Verschuldung kontraproduktiv:

    Amerika hatte nach 1945 mehr und vor allen Dingen unproduktive Staatsschulden aus dem gewonnenen 2. Weltkrieg als heute und konnte sich trotzdem bis 1980 davon befreien:

    https://media.diepresse.com/images/uploads_1152/d/4/8/683336/usstaatsschulden_uebersteigen_prozent_bip20110804115426.jpg

    Vergleichbar ist es China möglich, aus den hohen, jedoch zum überwiegenden Teil für nützliche Dinge wie Infrastruktur aufgenommene Schulden in Dekaden wirtschaftlich herauszuwachsen.

    Nur der Westen wird voraussichtlich den bisherigen wirtschaftlichen Weg Japans gehen müssen, auf dem diese ca. zwei Dekaden Vorsprung haben.

    Antworten
    • Avatar
      Dietmar Tischer sagte:

      Abgesehen davon, dass der Artikel nicht von Staatsschulden, sondern von ÜBERSCHULDUNGSKRISEN (Staaten, private Haushalte, Unternehmen) redet:

      Ja, man kann mit hohem Wachstum die Staatsschulden und auch die Gesamtverschuldung abbauen. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn mehr Menschen in Arbeit kommen, dadurch mehr Einkommen erzielt wird, das zu erhöhter Nachfrage führt und damit die Verschuldungsdynamik abschwächt, in aller Regel dabei auch durch Inflation.

      Dies war wie von Ihnen verwiesen nach 1945 in USA der Fall.

      Auch China wächst stark, allerdings bei extrem WACHSENDER Verschuldung.

      Der Chef der chinesischen Notenbank hat darüber öffentlich große Besorgnis geäußert.

      Der Sachverhalt, um die wir nicht mit Blick auf dieses oder jenes Land herumkommen, ist:

      >Weltweit ist die Verschuldung auf über 325 Prozent des BIP gestiegen, 50 Prozentpunkte mehr als noch 2007. >

      Und weiter:

      Sie nimmt nicht ab, sondern weiter zu.

      Diese Feststellung ist nicht einer extrem negativen Sichtweise entsprungen und sie ist auch nicht kontraproduktiv. Sie ist mehr als besorgniserregend.

      Antworten
      • Avatar
        Drei-Länder-Fonds 94/17 sagte:

        In China haben sich die Einkommen der Arbeitnehmer in den letzten 20 Jahren verzehnfacht, während hier inflationsbereinigt seit den 90er Jahren keine Lohnzuwächse stattfinden.

        Es ist natürlich naiv anzunehmen, daß sich die bisherige Entwicklung so fortsetzen wird, zumal der Ausgangswert zu Beginn Mitte der 90er Jahre recht niedrig war, vergleichbar dem Einkommen in Afrika heute.

        Nichtsdestotrotz gibt es diese Entwicklung und sie wird China helfen, die öffentlichen, privaten und Unternehmensschulden im Vergleich zu hier einfacher zu bewältigen, wo es eine solche Entwicklung gerade nicht mehr gibt.

        Deswegen griff man hier zu Tricks wie der Euroeinführung und aktuell Null- und Niedrigzinsen, um noch ein Wirtschaftswachstum zu manipulieren, was es unter normalen Umständen nicht mehr gibt.

        Genau dies ist auch der Grund, warum Leute wie Dr. Thomas Middelhoff wirtschaftlich gescheitert sind, weil sie in den 90er Jahren mit hohen Krediten über Immobilieninvestitionen auf eine weitere wirtschaftliche Entwicklung wetteten, wie sie hier seit den 50er Jahren bekannt war, damals jedoch gerade geendet hatte.

      • Avatar
        landlord sagte:

        Mal als kleines Beispiel:

        Wir hatten in den 70er Jahren Grundstücke mit Abrißhäusern aus dem Beginn des 20. Jahrhundets, wo seit den 50er Jahren vergessen wurde, die Mieten zu erhöhen. Die Leute zahlten dort ca. DM 1,00 bzw. EUR 0,50 je Quadratmeter.

        Mitte der 90er Jahre hatten wir Werkswohnungen aus den 70er Jahren, wo die Leute noch die preiswerten Mieten der früheren Fabrik von DM 4,00 bzw. EUR 2,00 je Quadratmeter bezahlten.

        Für die Abbruchhäuser wären heute um die EUR 5,00 je Quadratmeter drin, wenn es sie noch gäbe und in den früheren Werkswohnungen, die es noch gibt, werden um die EUR 7,00 je Quadratmeter bezahlt.

        Angesichts dieser Miet- und zeitgleich auch Wertsteigerungen war es nie ein Problem, alles zu belasten und auch einen – für die jeweilige Zeit – hohen Preis dafür zu bezahlen.

        Heute funktioniert dies wegen den geringen Lohn- und Gehaltssteigerungen während der letzten 20 Jahre, was sich voraussichtlich zukünftig kaum ändern wird sowie den hohen Reparatur- und Sanierungskosten nur noch eingeschränkt.

        Auch hatten wir in den 60er Jahren Wiesen nahe der wachsenden Stadt, die dann Bauland wurden. Andere anderswo auch, nur wurden diese Grundstücke kürzlich Landschaftschutzgebiet, so daß bis heute die einstmals gezahlten, spekulativ überhöhten Preise der 70er Jahre nicht wieder erreicht wurden. Dabei träumten jene davon, entsprechend den in direkter Nachbarschaft stattfindenden Bebauungen, in kurzer Zeit Millionär zu werden…

        Das, was es hier so nicht mehr gibt, gibt es jedoch in fast allen sich entwickelnden Teilen der Welt. Und dort funktioniert es auch noch!

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Drei-Länder-Fonds 94/17

        >Nichtsdestotrotz gibt es diese Entwicklung und sie wird China helfen, die öffentlichen, privaten und Unternehmensschulden im Vergleich zu hier einfacher zu bewältigen, wo es eine solche Entwicklung gerade nicht mehr gibt.<

        Es ist richtig, dass es in China eine andere, nämlich positivere Einkommensentwicklung als in den reiferen Volkswirtschaften gegeben hat und immer noch gibt.

        Deshalb hat das Land – bisher – eine andere Verschuldungsdynamik als wir sie seit längerem haben:

        ABER lesen Sie diesen Bericht:

        http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/in-china-explodieren-die-immobilienpreise-15366886-p2.html?printPagedArticle=true – pageIndex_1

        Wenn er stimmt, dann lassen Feststellungen wie diese nichts Gutes erahnen:

        „Für viele Chinesen ist die Investition in eine Wohnung die einzig sichere Geldanlage. Wer das erforderliche Eigenkapital zusammenbekommt und kreditwürdig ist, wird jederzeit einen Wohnungskauf der Miete vorziehen. Denn bislang kannte die Entwicklung der Immobilienpreise nur eine Richtung: nach oben“ …

        Allein letztes Jahr stiegen die Wohnungspreise in Peking und Schanghai um jeweils ein knappes Drittel. Wer jetzt noch dabei sein will, der muss tief in die Tasche greifen. Aber trotz hoher Preise wird weiter gekauft…

        …Man kauft am Stadtrand und verkauft dann wieder, um sich allmählich dem Zentrum zu nähern. Alle Käufer rechnen fest damit, dass die Preise weiter steigen…

        … Die Käufer glauben, dass die Regierung es nicht zulassen wird, dass die Immobilienblase platzt.“

        Um nicht zuzulassen, dass die Immobilienblase platzt, muss die Regierung was SICHERN?

        Es darf keine Rezession geben mit Arbeitslosigkeit, Verdienstausfall, nicht bedienten Krediten und Zwangsversteigerungen bzw. insolventen Banken.

        Es muss vielmehr eine wachsende Anzahl von Beschäftigten mit hinreichend hohem Einkommen geben, um die Nachfrage nach Immobilien in Gang zu halten.

        Es darf andererseits keine zu hohe Inflation geben, um die Zinslast für Finanzierung und Refinanzierung der Immobilien nicht außer Reichweite der Käufer geraten zu lassen.

        Es wäre ein Wunder, wenn die Regierung dies KONTINUIERLICH schaffen würde angesichts der Exportabhängigkeit des Landes.

        Was auf jeden Fall nicht zu schaffen sein wird, ist ein weiteres zweistelliges Wachstum der Immobilienpreise.

        Was ist, wenn diese „sichere Geldanlage“ zwar noch sicher ist, aber keine Wachstumsrendite mehr abwirft?

        Wie steht es dann mit der Loyalität der chinesischen Mittelschicht zur Partei?

        Wie steht es mit der Loyalität der Wanderarbeiter, wenn andererseits immer mehr von ihnen NIE in Reichweite einer „sicheren Geldanlage“ Immobilie kommen?

        Mit dem Immobilienboom in China wird Dynamit angehäuft.

        Allerdings, auch das ist richtig:

        Wenn es knallt, dürfte dieser in jeder Hinsicht autoritäre Staat die Schäden leichter kompensieren können.

        Das ist ein schwacher Trost.

      • Avatar
        Drei-Länder-Fonds 94/17 sagte:

        In den 60er und 70er Jahren stiegen hier (und auch in den USA) die Börsen trotz hoher Teuerung nicht weiter an sondern schwankten nur, auch deswegen, weil alle Arten von Grundstücksspekulationen und Immobiliengeschäfte lukrativer waren.

        Ähnlich kann man den Niedergang des chinesischen CSI 300 – Index von ca. 4.000 Punkten ab Anfang 2010 auf ca. 2.000 Punkte Mitte 2014 begreifen trotz zeitgleich stark wachsender Wirtschaft und boomenden Immobilienmärkten dort:

        https://www.finanzen.net/index/CSI-300

        Letztlich sind – auf Sicht von Dekaden – selbst die heutigen hohen Preisenicht zu viel und werden übertroffen, wenn das wirtschaftliche Wachstum fortschreitet und nicht eine Situation wie in Japan am Ende der 80er Jahre eintritt.

    • Avatar
      Johannes sagte:

      „Vergleichbar ist es China möglich, aus den hohen, jedoch zum überwiegenden Teil für nützliche Dinge wie Infrastruktur aufgenommene Schulden in Dekaden wirtschaftlich herauszuwachsen.“

      So wie es aussieht (zumindest für mich), versucht die chinesische Regierung ihren Bürgern auf dem selben Weg zu „Wohlstand“ zu verhelfen wie die amerikanische Regierung, nämlich über Immobilienbesitz. Zugleich befördert sie damit einen ganzen Industriezweig (wie Spanien zwischen 2001 und 2006…). Natürlich sind die Verhältnisse zwischen den USA und China nicht 1:1 vergleichbar (z.b. sind die Eigenkapitalanforderung in China höher, als damals in den USA, die bei Null lagen). Aber das Prinzip ist dasselbe und die absehbaren Folgen ebenso. Die wachsende private Verschuldung wird – früher oder später – zu einem Konsumrückgang führen und damit zu deflationären Zweitrundeneffekten in China führen. Wer springt dann in die Bresche?

      http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/in-china-explodieren-die-immobilienpreise-15366886.html

      Antworten
      • Avatar
        landlord sagte:

        Es werden dort – ähnlich wie hier früher auch – wirtschaftliche Krisen stattfinden, die – auf längere Sicht – wiederum Chancen für den sind, der sie zu nutzen versteht:

        http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41406422.html

        http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13519072.html

        Wegen den deutlich höheren Eigenkapitalanforderungen in China ist das Bankensystem dort besser geschützt als hier, speziell in Amerika ohne persönliche Haftung des Kreditschuldners und mit Verbriefung dieser Schulden.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Johannes

        Sorry, hatte übersehen, dass Sie den Artikel von FAZ.net schon vor mir verlinkt hatten.

        Sehe die Situation wie Sie.

        Denn es ist ökonomisch VÖLLIG klar, dass sich keine Bevölkerung dieser Welt durch einen fortwährenden Immobilienboom andauernden Wohlstand verschaffen kann.

        Es gibt keinen fortwährenden Immobilienboom und damit auf dieser Basis auch keinen andauernden Wohlstand.

        Unklar ist nur, wann der Immobilienboom durch welches Ereignis endet.

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.