Zentralbanken: als wären wir im Krieg

Man muss es sich schon vor Augen halten: Die Bilanzen der Notenbanken sind weltweit so explodiert, dass man denken könne, wir befänden uns im Krieg. Die Folgen könnten ähnlich blutig sein, meinen zwei Kommentatoren eines englischen Assetmanagers:

  • Zunächst erinnern sie an eine Serie von Morden in den 1930er-Jahren an führenden Vertretern aus Wirtschaft und Politik in Japan: „The first name on their death list was Inoue Junnosuke, a former Finance Minister, an austerity advocate and former governor of the Bank of Japan (BOJ); he was shot as he visited a nursery school. The next name was Dan Takuma, head of the Mitsui Group, the Japanese Goldman Sachs; he was shot in front of his office in the fashionable Nihonbashi district. Further attacks on the BOJ and Mitsubishi Bank followed but were unsuccessful. The world of cosmopolitan finance had collided with nationalist resentment. The liberal elite was stunned, unable to provide answers to the social turmoil of the time; and with the establishment paralysed, the public began to sympathise with the killers’ aims.“ – bto: Nein, ich halte Gewalt weder für berechtigt, noch für wünschenswert etc. Ich denke nur, es zeigt, wohin wir kommen können, wenn das geldpolitische Großexperiment, siehe Beitrag von heute Morgen, vor die Wand fährt.
  • „Enter Finance Minister Takahashi Korekiyo. He placated the nationalists by championing massive deficit financing, via the BOJ, to pull Japan out of its economic morass. Japan’s economy soon embarked on a period of economic growth with stable prices, full employment and humming factories, an economic nirvana. Seven decades later these results were heralded a success by another central banker trying a similar trick – Ben Bernanke.“ – bto: Also war die Politik des billigen Geldes damals a) Folge der politischen Lage, b) erfolgreich. Also, warum nicht?
  • „Korekiyo’s plan was to fund government spending by having the BOJ directly purchase all the government-issued bonds. The hope was that, when conditions and inflation improved, the bonds would be sold back into the market. Four years later, the BOJ’s balance sheet was 90% of GDP, and the economy (and for economy read military) was totally dependent on government spending financed by the BOJ.“ – bto: Da stehen wir nun noch nicht. Die Bilanzen der Notenbanken sind zwar deutlich gewachsen, aber wir haben noch keine direkte Finanzierung von Staatsausgaben. Das kommt als Nächstes!
  • „As the first modest hint of inflation arrived Korekiyo attempted to sell government bonds publicly, but the auction failed. With this failure it became clear that the bonds which had been stuffed onto the BOJ’s balance sheet could never be sold. Korekiyo’s struggle to ‘cut up the credit card’ culminated in him suffering a similar fate to Junnosuke and being cut up in an attack of army machetes. As the BOJ’s balance sheet crossed 100% of GDP, there could be no turning back, the road to conflict had been primed by the BOJ’s swollen balance sheet and the money that had flooded into the military.“ bto: Unter Hitler passierte übrigens das Gleiche. Auch hier war die Notenbank stark in die Finanzierung der Aufrüstung involviert.
  • „The current Bank of Japan’s balance sheet has now again crossed that fabled 100% of GDP and it is getting close to owning 45% of outstanding government bonds. There is no end in sight with the BOJ buying $60 billion a month of government debt. At this current pace the modern BOJ will by 2019 be the proud owner of 60% of the local bond market. There is no longer a market price for a Japanese Government Bond, it is an asset whose price is set by the BOJ. The key difference between today and the 1930s is that Japan now has an open capital account, therefore the only untethered market price is the currency. The Yen’s continued devaluation will be deep and comprehensive, while Japanese equities will continue to rise, adjusting to the currency loss.“ – bto: Und es fließt nicht in Militärausgaben, sondern in allgemeine Konjunkturprogramme.
  • Central banks continue to act as the enablers to their respective governments. They provide funding that papers over the underlying social anxiety, delaying our much needed dialogue. When historians look back and see the cavalier balance sheets of the central banks they would rightly assume there was a world war going on as every central bank balance sheet is now approaching or exceeding levels not seen since 1945. However, the worrying truth is that there are no external enemies to overcome; the central bankers are only maintaining the growth trajectory that we demand.“ – bto: Der „Feind“ ist ja auch im Inland. Die unterfinanzierten Sozialstaaten stehen vor dem Offenbarungseid.
  • „The current social contract is mired in the quicksand of global finance. It is being kept alive by the corpulent balance sheets of central banks, who do their government’s bidding so that the politicians do not have to put unpleasant choices in front of their electorates. This cowardly behaviour gives rise to slogans and sloganeers, who provide familiar but false checklists of remedies. Take bank controlAmerica FirstOne Belt, One RoadEin Volk, ein Reich, ein FuhrerCentral banks are currently furnishing the excess credit that, in the past, has been followed by an orgy of blood. – bto: Wenn auch der Vergleich hinkt, ist es doch eine sehr interessante Beobachtung. Es kann nicht gut enden, die Frage ist, welches der Endspielszenarien wir erleben werden.

clarmond.co.uk: „An Orgy of Blood“, Oktober 2017

52 Kommentare
  1. RW sagte:

    Das Deutsche Reich war schon vor dem Beginn des 2. Weltkriegs faktisch pleite. Mit dem Beginn des 2. Weltkriegs wurde ein historisch nie dagewesener Raubzug der Nazis durch Europa unternommen, der von millionenfachen Mord an Juden, sogenannten Untermenschen usw. begleitet wurde. Nur das Ausplündern der besetzten Länder brachte das System der Nazis (und den Krieg) immer noch einen Schritt weiter Herr Dr. Stelter, das ist das Endspiel mit dem Ergebnis 55 Millionen Tote und einen zerstörten Kontinent. Wollen wir das wieder haben? Da ist mir lieber jeder Euro recht, der aus dem Nichts erschaffen wird.

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    • Dietmar Tischer sagte:

      @ RW

      >Wollen wir das wieder haben? Da ist mir lieber jeder Euro recht, der aus dem Nichts erschaffen wird.>

      Das ist eine FALSCHE Alternative.
      Denn der Euro wird nicht zu erhalten sein, auch nicht mit „Geld aus dem Nichts“.

      Er wird SCHEITERN an den REALEN Welt, an der er nichts ändern kann.

      Im zweistellen Prozentbereich ARBEITSLOE Jugendliche wie in der Peripherie UND auch dort ALTERNDE Gesellschaften sind eine Kombination, die dramatische Zukunftsszenarien erwarten lässt.

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      • RW sagte:

        Der Standpunkt war aber von den beiden Herren ohne das Ende sowohl in Japan (2 Atombomben) als auch in Deutschland (totale Niederlage, Holocaust, deutsche Teilung) gedacht. So haben nämlich die von den Notenbanken finanzierten Systeme geendet. Wenn ich also aus der Geschichte weiß, wie solche Systeme enden, muss ich wirtschaftliche Entwicklung forcieren. Die Alternative wäre die Einführung von „Reichsarbeitsdiensten“…….

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ RW

        Mit Verlaub: Sie verstehen das Argument nicht.

        Ich argumentiere nicht mit – wie Sie mir unterstellen – „Ich will“, sondern bin der Meinung, dass Ihre Rettungsperspektive, der angesichts des 2. Weltkriegs nur das Beste zu wünschen wäre, NICHT REALISIERBAR ist. Ihre Alternative ist daher keine m. A. n.

        Sie sagen:

        >Wir müssen in Europa diese Jugendlichen von der Straße holen. Das geht nur durch entsprechende Wirtschaftsentwicklung und Lastenausgleich, um die wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa anzugleichen.>

        Wer könnte etwas dagegen haben?

        Niemand.

        Es wird aber nicht geschehen.

        Aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen wird die Eurozone vielmehr zerfallen.
        Alles deutet darauf hin. Macron, die einzige verbliebene Lichtgestalt – aus meiner Sicht eher eine flackernde Kerze – wird Entscheider auf seiner Augenhöhe nicht dazu bringen, seinen Visionen zu folgen.

        Der Grund, ob er Ihnen gefällt oder nicht:

        Es würde ihre Situation in ihrem Land verschlechtern.

        So einfach, und – wenn SIE so wollen – so schlimm ist es.

    • Ondoron sagte:

      @RW
      Sie sollten auch wissen, dass Hitler von der Wallstreet finanziert wurde. Machen Sie sich mal Gedanken über die Geopolitik Roosevelts und Churchills. Dann werden diese einseitigen Narrative aus den Schulbüchern zumindest ergänzt.
      Und dann vergleichen Sie mal das Kommunistische Manifest mit dem Wahlprogramm und der Politik der NationalSOZIALISTEN. Können Sie bei Rahim Taghizadegan nachlesen in seiner Monographie „Links-Rechts“. Auch die Funktion einer Zentralbank, wie sie im Kommunistischen Manifest dargelegt ist.
      Das Nachplappern von schwülstigen Narrativen ist doch etwas billig.

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    • NoFiatMoney sagte:

      @RW, Sie meinen offensichtlich das von den National-Sozialisten so benannte 3. Reich? Denn das Kaiserreich wurde von daran lange interessierten Kreisen ja bekanntlich 1918 bereits beerdigt. Oder meinen Sie, daß die Weimarer Republik schon faktisch pleite war, bevor die Nationalsozialisten an die Macht befördert wurden?

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    • Jacques sagte:

      @RW

      Manchen ist auch nichts zu peinlich zu posten oder?
      Sie denken also der Krieg war eine unbedingte Folge der Wirtschaftspolitik der Nazis? Irgendwie scheinen Sie Ursache & Wirkung und die Zusammenhänge nicht zu begreifen.
      Aus den strategischen Zielen der Nazi Führung folgte eine entsprechende Aufrüstungs- und Wirtschaftspolitik. Das die extreme Aufrüstung langfristig volkswirtschaftlich ungünstig ist, steht historisch bei jeder Aufrüstung außer Frage.

      Der Krieg resultierte also nicht aus der Wirtschaftspolitik, sondern weil der Krieg an sich gewünscht war! Ausplünderungen sind auch historisch gesehen nichts besonderes.

      Was sie noch zusammenhangloses von den Jugendlichen auf den Straßen faseln, geht dann noch weiter. Der EURO ist die URSACHE dieser Jugendarbeitslosigkeit, entweder beseitigt man die Ursache oder man doktert (so wie die letzten Jahre) an den Folgen und Symptomen herum. Ein Lastenausgleich, welcher politisch gesehen völlig undurchführbar ist, würde zu NICHTS führen. Wenn das Geld dann nämlich verbaucht ist, braucht man frisches, so wie im Sozialismus!

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    • Thomas sagte:

      Das NS System war ein Schneeballsystem. Es musste immer weiter ausgreifen und immer radikaler werden um nicht zu kollabieren. Der Kollaps war das zwangsläufige Ende.
      Gibt auf YT Vorlesung von Hitlers Wirtschaftsverständnis: „Warum alles Verstaatlichen wie Stalin wenn alle tun was ich will? Wenn sie sich weigern kann ich ihre Fabriken immer noch verstaatlichen.“

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  2. Michael Stöcker sagte:

    „Also war die Politik des billigen Geldes damals a) Folge der politischen Lage, b) erfolgreich.“

    Sie war eine Folge der politischen Lage und sie war erfolgreich, weil Geldpolitik UND Fiskalpolitik in die gleiche Richtung liefen. Die Fixierung auf die schwarze Null ist in einer solchen Situation brandgefährlich. Sogar die Sado-Monetaristen aus dem Lager der Bundesbank scheinen dies mittlerweile verstanden zu haben: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/jens-weidmann-bundesbank-chef-betont-hilflosigkeit-bei-abschwung-a-1218540.html

    LG Michael Stöcker

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  3. Alexander sagte:

    Vor 70 Jahren ist die Welt durch den II Weltkrieg explodiert; heute können wir mangels kampffähiger Männer nur noch implodieren. Die Zentralbanken verwandeln alles in ein schwarzes Loch, mehr Schulden, mehr Pfänder, mehr Umsatz, mehr BIP, mehr Steuern, mehr Umverteilung…..am Ende verschmilzt alles…..

    Die Gravitationskraft des Notenbank „schwarzen Loches“ macht Migration erst attraktiv, denn unser Wohlstand scheint aus dem Nichts zu kommen und alle sollen teilhaben.

    Wir werden scheitern, weil Geldpolitik keine Innovation, keine Bildung (für Migranten) und keine marktfähigen Pfänder aus dem Nichts „drucken“ kann.

    Das Ende ist ausdrücklich willkommen und zu begrüßen,
    denn diese marxistische Welt ist der Mühe nicht wert.

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    • Michael Stöcker sagte:

      Bei Ihnen ist das Glas immer halb leer. Ökonomie hat sehr viel mit dieser unseligen Einstellung zu tun (self fulfilling prophecy). Ich empfehle Ihnen ein paar Tage mit Kindern und/oder Enkelkindern zu verbringen statt Ihre Zeit mit dem von Ihnen empfohlenen tätowierten Muskelpaket zu verplempern, dessen Name mir glücklicherweise wieder entfallen ist. Hier gibt es noch etwas mehr geistige Anregung und passt gut zum Antiausteritätsprogramm der Japaner in der Weltwirtschaftskrise: https://youtu.be/fDP6przcXVA

      LG Michael Stöcker

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      • Alexander sagte:

        Mein Glas ist randvoll und der Staat ganz giereig das Ergebnis barbarischer Wertschöpfung so hoch zu kollektivieren, wie nur möglich. Natürlich nur der gerechten Sache wegen, d.h. den Sprung ins postmorderne Zeitalter vorfinanzieren :o)

        Der Postmodernismus=Neomarxismus frisst sich selbst, denn er lügt pausenlos. Wir haben uns alle grenzenlos lieb, aber wehe der Umsatz bricht ein (vgl. 2009) dann kommt die Steuerprüfung und hinterfrägt Altersersparnisse.

        Notenbanken leben direkt vom verdeckten Gewaltmonopol des Staates. Je mehr Notenbanken missbraucht werden (vgl. Heinsohn Infla/Delfa 2013), desto mehr muss der Staat sein wahres Wesen zeigen, d.h. Begehrlichkeit gegen fremdes Eigentum.

        Die geschenkten Menschen geben Europa den Rest, denn sie überfordern ausgereizte Systeme und ihre Finanziers. Zugleich importieren sie barbarisches Potential welches Europa gar nie kannte.

        In den USA derselbe Missbrauch und „End the Fed“ als Wahlkampfslogan schon 2012. Von denen hat jeder gedient und sein M16 im Schrank, frei von Angst:
        https://www.youtube.com/watch?v=9yewKCcFSvQ

        Den Muskelprotz können sie nicht diffamieren, denn er versucht der Dekonstruktion des Postmodernismus ein Gegengewicht zu stellen. Die gesellschaftliche Realtität gibt Jack Donovan recht und sein Slogan ist einfach „violence is golden“ – das Volk wird das Geldmonopol brechen und transgender Philosophen sind Auslaufmodelle.

        Darauf werde ich trinken, den guten Tropfen habe ich schon.

      • Thomas sagte:

        @Alexander: Zugleich importieren sie barbarisches Potential welches Europa gar nie kannte.
        Treblinka und Maidanek. Sowietische Gulags, ethnische Säberungen, Giftgaskrieg in WK 1…etc. pp.
        Wir haben jetzt kein Pech. Wir haben unfassbares Glück gehabt in der BRD aufzuwachsen. Eine Singularität die nun zu Ende geht.

      • Alexander sagte:

        @ Thomas

        >Treblinka und Maidanek. Sowietische Gulags, ethnische Säberungen, Giftgaskrieg in WK 1
        Entschuldigung, ich bin zu sehr von den Formen staatlich legalisierter Morde abgestumpft – also genau ein Beispiel eines falsch geprägten postmodernen Bürgers.

        @Jasim
        Für die Wesen aus der gynozentrischen Blase ist das natürlich wirres Zeug.

  4. Dietmar Tischer sagte:

    „Blutorgie“ liest sich nicht gut und liegt im Augenblick unvorstellbar weit weg.

    Der Mechanismus erscheint harmloser zu sein, führt aber geradewegs in Richtung einer Blutorgie.

    Ich sehe ihn so:

    Die friedliche INTERNATIONALE Kooperation generiert in den entwickelten Volkswirtschaften keine hinreichend positiven Zukunftsperspektiven mehr, weil die unterm Strich wohlstandsmehrenden Aspekte internationaler Kooperation von konträren Megatrends überlagert werden (relative Warensättigung, Demografie, Automatisierung, jetzt auch noch Arbeitswanderung etc., etc.)

    Daraufhin Abkehr der Bevölkerung zu NATIONALISTISCHEN Alternativen mit Slogans wie

    >‚Take bank control‘… ‚America First‘… ‚One Belt, One Road‘… ‚Ein Volk, ein Reich, ein Fuhrer‘>

    Da jedoch auf diesem Weg auch nicht mehr Wohlstand geschaffen werden kann, sondern absehbar weniger, werden noch RADIKALERE an die Macht kommen.

    Irgendwann wird die Parole sein:

    Sucht die Schuldigen im Inland und findet die anderen im Ausland.

    Ab diesem Punkt: Gnade uns Gott.

    Das alles auf dem Boden akkommodierender Notenbanken und mit dem FALSCHEN Bewusstsein, dass wir NICHTS falsch gemacht haben.

    Haben wir auch nicht, ABER hier mit der unvergleichlich besten Feststellung des Beitrags:

    >the worrying truth is that there are no external enemies to overcome; the central bankers are only maintaining the growth trajectory that we demand.>

    WIR WOLLEN, dass der Wachstumspfad eingehalten wird.

    Von Dir, Notenbank, erwarten wir, dass Du verdammt noch mal tust „Whatever it takes …“

    Antworten
  5. Wolfgang Selig sagte:

    bto: „…Die unterfinanzierten Sozialstaaten stehen vor dem Offenbarungseid….“

    Das ist m.E. der Kernsatz Ihres Kommentars. Die zugesicherten Ansprüche bezüglich Renten, Pflege, Gesundheitsversorgung, Sozialhilfe, Kindergeld, Erziehungsgeld, Arbeitslosengeld, etc. sind weltweit in vielen Gesellschaften nicht mehr zu finanzieren und müssen zurückgeführt werden. Geht aber nicht, weil davon die Mehrheit der tatsächlich zur Wahl gehenden Wähler betroffen wäre, die wiederum Politiker mit dieser Einstellung nicht wählen wollen. Viele können auch gar nicht, weil die Alternative für sie persönlich verheerend wäre.

    Also bleibt nur der Weg der immer stärkeren Staatsfinanzierung durch die Notenbank mit der schrittweisen Entwertung der Ersparnisse. Frisst sich dann halt schrittweise in die Inflationsraten der Konsumgüter rein. Mal schauen, wie es weitergeht…

    Antworten
      • Wolfgang Selig sagte:

        @Herrn Stöcker: Stimmt, in 10 bis 20 Jahren werden wir schlauer sein. Es gibt sicherlich deflationäre Tendenzen, angefangen bei den Versuchen zum selbstfahrenden Auto (Einsparpotential ca. 4 Billionen $ p.a.) über die schon existierenden Handelseinflüsse (ebay, Walmart, Amazon, etc.) bis hin zum ordinären technologischen Fortschritt in Allerweltsdingen. Aber ob diese wirklich die inflationären Tendenzen überkompensieren können (und seitens der Geld- und Fiskalpolitik dürfen), halte ich doch für sehr unwahrscheinlich. Aber ausschließen würde ich es ähnlich wie Sie nicht zu 100 %.

        Dann erwarte ich mir von meinem Computer im Jahr 2038 aber auch, dass er mit angeschlossenem 3-D-Drucker wie bei Captain Picard auf dem Raumschiff Enterprise mir einen heißen Tee, Earl Grey macht und ein Roboter analog „Data“ mir bei Bedarf die Gehhilfe reicht.^^ Nur dann ist m.E. der Produktivitätsfortschritt groß genug, dass wir das Sozialsystem auch ohne eine große Zahl qualifizierter Neuarbeitnehmer durchfüttern können…

    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Wolfgang Selig, Michael Stöcker

      Das SZENARIO von P. Diamandis:

      Dematerialisierung der Welt, Minimalisieren der Kosten, Demonetisierung der Lebensweise …. dafür immaterielle Netze für Kommunikation und Unterhaltung, Automatisierung von Gesundheit, Pflege etc. …

      Kurzum:

      Dank TECHNOLOGISCHER Prozesse ist in der NACHKAPITALISTISCHEN Welt alles anders und besser.

      Denn erkennbare Änderungen durch Digitalisierung, von denen es MEHR geben wird (glaube auch ich) und die mit den genannten Faktoren verbunden sind, SORGEN dafür, dass die heutigen Probleme NICHT AUFTRETEN und damit nicht WIRKSAM werden bzw. als ÜBERWUNDEN anzusehen sind.

      Das ist reines Wunschdenken.

      Diamandis ÜBERSPRINGT die Mechanismen des – wenn sein Szenario wahr werden sollte – ÜBERGANGS, in dem bestehende ANSPRÜCHE nur konfliktbeladen abgebaut werden können, wenn überhaupt.

      Das ist methodisch eine riesige LEERSTELLE.

      Daher völlig klar:

      Ihre REALEN Befürchtungen, W. Selig, können mit VISIONEN nicht aus der Welt geschafft werden.

      Antworten
  6. ZIRP sagte:

    Der „Krieg“ besteht darin, den bisherigen (Massen-)Wohlstand in Sozialleistungen, Krankenversicherung und Renten aufrecht zu erhalten, der durch die regulären Steuereinnahmen nicht mehr finanziert werden kann.

    Vielleich noch nicht hier in Deutschland, aber durchwegs bereits in Südeuropa.

    Japan als Anschauungsbeispiel, das nun bereits seit Dekaden so wirtschaftet.

    Antworten
    • markus sagte:

      @ZIRP:

      Genau so ist es. Und da es seit Jahren so funktioniert, bedeutet dies, dass die Gesellschaft (gemeint alle Einwohner) es schaffen können bzw. es ja schaffen. Allerdings muss bei solch strukturellen (und nicht konjunkturellen) Problemen ehrlich diskutiert werden und entweder die Steuern erhöht werden oder aber die Ausgaben reduziert. Auch sollte diskutiert werden wie mit einer Verschlimmerung der Lage (mehr Rentner, weniger Arbeiter) umzugehen ist. Das heißt es muss ausdiskutiert werden, wie der Wohlstand verteilt wird. Sich die Zustimmung reicher einflussreicher Bürger zu erkaufen, die Vermögen (teilweise uneinbringbar) anlegen anstatt mehr Steuern zu zahlen ist ebensowenig die Lösung wie vielleicht zu viel Rente zu zahlen. Eine ehrliche Diskussion über Verteilung (jetzt und nicht per Kredit in die Zukunft geschoben) muss geführt werden.

      Antworten
      • ZIRP sagte:

        @ markus:

        Man sollte nicht so viel (um-)verteilen, sondern wieder angemessene Verhältnisse schaffen. Dazu gehört die Rückabwicklung der gescheiterten Einheitswährung Euro. Letztlich hat durch den Euro die wirtschaftliche Ungleichheit in Europa zugenommen. Wirtschaftlich starke Länder benötigen eine tendenziell starke, zur Aufwertung neigende Währung, wirtschaftlich schwache Länder eine zur Abwertung neigende Währung. Bedenke die heute jungen Arbeitslosen in Südeuropa, die später wenigstens eine Rente bekommen müssen (finanziert durch wen?), mit der sie in drei bis vier Dekaden ansatzweise überleben können. Wie dies mit den heute schon zerstörten Erwerbsbiographien möglich sein soll, weiß ich nicht.

        Der heutige EU & EZB Sozialismus ist ein riesiger Fehler, der irgendwann den Verantwortlichen auf die Füße fallen wird. Siehe nur die schon heute vielen Slums mit Afrikanern und anderen Nationalitäten in Italien. Was wird aus diesen Menschen in drei bis vier Dekaden? Es gibt in Europa keine Industrien mehr, die diese Menschen beschäftigen könnte. Dafür errichten die Chinesen solche in Afrika gerade neu, in denen die vielen jungen Männer in Gummibooten zukünftig Arbeit und Einkommen fänden (wohl aber diesen nicht angenehm genug). In Spanien ziehen sozialistische Politiker gerade nach, das Sozialsystem an alle Welt zu verschenken. Immerhin gibt es dort noch über 1 Mio. leerstehende Wohnungen aus dem letzten Boom als Heimat für die Neuankömmlinge.

      • markus sagte:

        @ZIRP:
        Ich meinte das nicht nur zwischen Staaten sondern auch vor allem innerhalb von Staaten. Kredite werden von der Politikern benutzt, um längst überfällige Verteilungskämpfe, die, wenn sie rechtzeitig auftreten, auf zivile Weise erfolgen können (Tarifstreits, Streiks, Wahlen), massiv hinauszuzögern, um diese ja nicht in der eigenen Amtszeit zu haben.

        Wenn ich sehe, wie ca. 80-90% meiner älteren (Babyboomer-) Kollegen gut verdienend in die Altersteilzeit gehen statt in die normale Rente, wohl wissend, dass diese signifikant mehr verdienten als jüngere Kollegen mit gleicher Qualifikation und Stellung, wird mir schlecht.

  7. NoFiatMoney sagte:

    Zitat:

    „…The fact is that the original objective of central banks was not consumer‐price
    stability; consumer‐price indices did not even exist when most of them were
    founded. Central banks were established to provide war financing to governments.

    Later, their mission was expanded to include the role of lender of last resort. It was
    not until the excessive inflation of the 1970s that central banks discovered – or, in a
    sense, rediscovered – the desirability of keeping the value of money stable.
    But how to measure the value of money? One approach centers on prices, with the
    consumer price index appearing to be the most obvious indicator. The problem is
    that the relationship between the money supply (which ultimately determines the
    value of money) and prices is an unstable one.
    For starters, the lag time between changes in the money supply and price
    movements is long, variable, and unpredictable. Given this, targeting consumer
    prices in the next 2‐3 years will not guarantee that the value of money remains
    stable in the long term….“

    Axel Weber, 08.06.2015, in seinem Artikel „Rethinking Inflation Targeting“

    Antworten
  8. Carsten Pabst sagte:

    Lieber Herr Selig,
    ihre Erwartung ist evtl. berechtigt (auch wenn von mir jetzt komplett aus dem Zusammenhang gerissen!!) nur der Zeithorizont kann sich verkürzen:
    Dann erwarte ich mir von meinem Computer im Jahr 2038 aber auch, dass er mit angeschlossenem 3-D-Drucker wie bei Captain Picard auf dem Raumschiff Enterprise mir einen heißen Tee, Earl Grey macht und ein Roboter analog „Data“ mir bei Bedarf die Gehhilfe reicht.^^
    Ihrer Erwartung könnte entsprochen werden:
    https://m.youtube.com/watch?v=vsx3Ax4ur3Y
    Hoffe, der Link funktioniert. Ab Minute 19. Und Sie müssen in diesem Fall nicht bis 2038 warten. Wie sagte Spock: Faszinierend! Und die Einschätzung von Thomson ab Minute 56 ist wahrscheinlich auch nicht abwegig.
    Freundliche Grüße
    Carsten Pabst

    Antworten
  9. Richard Ott sagte:

    „This cowardly behaviour gives rise to slogans and sloganeers, who provide familiar but false checklists of remedies. ‚Take bank control‘… ‚America First‘… ‚One Belt, One Road‘ … ‚Ein Volk, ein Reich, ein Fuhrer‘“

    Was für ein gefährlicher Blödsinn. Hier werden politische Slogans von Brexit (also der Leave-Kampagne), Trump, dem Neue-Seidenstraße-Infrastrukturprojekt und Hitler aneinandergereiht. Was soll das?

    Dass Brexit-Leave, Trump und Hitler jeweils miteinander verglichen werden, ist ja mittlerweile ein ausgelutschtes Thema. Wenn ich besonders gutwillig wäre, dann könnte ich zugestehen, dass alle diese 3 Themen irgendwie mit dem Aufstieg von „Rechtspopulismus“ assoziiert werden können. Ich glaube, man tut Trump und Leavern unrecht, wenn man sie mit dem Diktator und Kriegsverbrecher Hitler in eine Reihe stellt, aber geschenkt. Doch was hat das mit One-Belt-One-Road mit all dem zu tun? Soll dieses Projekt jetzt auch einen „Rechtspopulismus“-Frame bekommen?

    Oder ist die Gemeinsamkeit, dass alle diese 4 Slogans mit Ereignissen in Verbindung stehen, welche die Machtposition von transatlantischen Globalisierern schwächen – und der Artikel ist in dahingehender Hinsicht parteiisch?

    Antworten
    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Richard Ott

      >Was für ein gefährlicher Blödsinn … Was soll das?>

      Der Autor legt dar, dass die VERWEIGERUNG der Politiker, die Wähler – nach Lage der Dinge – mit UNANGENEHMEN Alternativen zu konfrontieren, s. A. n. der Grund dafür ist, dass mit den aufgeführten Parolen bestimmte Typen gewählt und FALSCHE, d. h. nicht wirksame Heilmittel verabreicht werden.

      Er will einen PROZESS aufzeigen – das sollten doch auch Sie erkennen können.

      Es geht somit nicht um gefährlichen Blödsinn, sondern darum, ob diese Sicht richtig oder falsch ist. Fakt ist jedenfalls, dass in letzter Zeit vermehrt „Typen“ an die Macht gekommen sind. Man sollte sich um eine Erklärung dafür bemühen.

      Ich halte den Ansatz für richtig, aber UNVOLLSTÄNDIG:

      In Demokratien MÜSSEN sich Politiker DERART verweigern, wenn sie nicht scheitern wollen.

      Die Bevölkerung müsste sich SELBST mit den unangenehmen Alternativen konfrontieren, tut es aber nicht, sondern wählt REGELMÄSSIG jene, die mit ihren Versprechen implizit behaupten, dass es keine gibt.

      Das ist m. A. n. das TIEFERLIEGENDE Problem.

      Antworten
      • Thomas sagte:

        Der Nationalismustrend ist da und wird weiter gehen. Da kann man sachlich dagegen argumentieren wie man will.

        An der Stelle kurz der Hinweis für besonders Interessierte: Ab den 1940er Jahren gab es viele sozialpsychologische Experimente, die man

        a) heute durch keine Ethikkomission bekäme und
        b) so nicht mehr durchführen könnte, weil die Versuchsteilnehmer zu aufgeklärt sind und sich nicht mehr natürlich verhalten (oder hätten Sie heute noch so viel Respekt vor einem „Dr. der Wissenschaft“, dass sie einen anderen Menschen mit Strom foltern? Vermutlich nicht. Aber wenn die Staatssicherheit es verlangt? Ich denke schon …)

        Für die Befürworter von Lastenausgleichen, Rettungspaketen etc. pp. als einen zentralen Startpunkt:

        Tajfel (1971) – Social Identity Theory

        When divided into artificial (minimal) groups, prejudice results simply from the awareness that there is an “out-group” (the other group).

        When the boys were asked to allocate points to others (which might be converted into rewards) who were either part of their own group or the out-group, they displayed a strong in-group preference. That is, they allocated more points on the set task to boys who they believed to be in the same group as themselves.

        This can be accounted for by Tajfel & Turner’s social identity theory, which states that individuals need to maintain a positive sense of personal and social identity: this is partly achieved by emphasizing the desirability of one’s own group, focusing on distinctions between other “lesser” groups.

        Jetzt hätte ich selber vor 20 Jahren vielleicht noch gesagt: Ach, alte Kamellen, heute sind die Menschen weiter. Aber die aktuellen Entwicklungen zeigen mir kristallklar auf: Das ist heute so gültig wie zuvor.

        Und noch einen Gedankanstoß:
        Whether authoritarian or democratic leadership is better for a group depends on the group’s priorities. If the group *values task accomplishment more than anything else* [meine Hervorhebung], including how well group members get along and how much they like their leader, then authoritarian leadership is preferable to democratic leadership, as it is better able to achieve group goals quickly and efficiently.

        „Make America great again.“

        Kann man drüber lachen. Sollte man aber nicht. Der Claim funktioniert.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Thomas

        Als ich Ihren Verweis auf die 1940er Jahre las, dachte ich an Adorno und seine „Studien zum autoritären Charakter“.

        Ich hatte mich nie damit befasst, das Vorhaben lediglich als eine verständliche Reaktion derer, die der Katastrophe gerade noch entkommen waren, angesehen.

        Ich habe nicht den Überblick wie Sie, aber vielleicht sollte man vermehrt Antworten auf die Frage suchen, was Menschen „formt“. Und das, so meine ich, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Eltern immer weniger EINFLUSS auf die Erziehung ihrer Kinder haben (wollen?)

        WOHER kommen die Wertvorstellungen, die sich Kinder aneignen, sei es individuell oder in der Gruppe?

        Die Frage ist aktuell, finde ich, angesichts der Figuren, die mit beklemmender Selbstverständlichkeit ans Ruder streben oder schon dran sind.

        Hierzu ein recht aktueller, lesenswerter Artikel, wie
        ich finde:

        https://www.zeit.de/2016/48/theodor-w-adorno-faschismus-autoritarismus/komplettansicht

      • Richard Ott sagte:

        @ Dietmar Tischer

        Ich verstehe die Intention und den Prozess den Sie beschreiben schon – und wieso Brexit, Trump und Hitler als Beispiele genannt werden. Es ist nicht meine Sicht, aber ich kann die Argumentation zumindest nachvollziehen. Aber was hat „One Belt – One Road“ damit zu tun? Halten Sie diese Infrastrukturprojekte für „nicht wirksame Heilmittel“? Und wo sind die Wähler, welche die Planer dieses Projektes in China „gewählt“ haben? Die Kommunistische Partei Chinas hält doch gar keine allgemeinen Wahlen ab!

        Welchen Sinn hat es, in dem Zusammenhang dieses Absatzes „One Belt – One Road“ zu erwähnen?

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        Ich verstehe Sie und gebe Ihnen recht, dass „One Belt – one Road“ auf den ersten Blick nichts mit einer bestimmten politischen Figur zu tun hat.

        Es ist ein Mega-Projekt, nicht nur Infrastruktur im herkömmlichen Sinn verstanden.

        Die Verbindung, die der Autor m. A. n. sieht, liegt in der Agenda, die bestimmte Politiker vorantreiben, etwa Trump mit „Make America great again“.

        Übersetzt könnte das für „One Belt – one Road“ heißen:

        Macht China groß, in dem Ihre dem Land Wege überall hin ebnet, u. a. in Afrika Straßen finanziert, um leichten Zugang zu den Rohstoffen zu erhalten.

        Jedenfalls bucht der Autor „One Belt – one Road“ unter Heilmittel, die nichts nützen, sondern den Leuten etwas vorgaukeln, um nicht unangenehme Alternativen auftischen zu müssen.

        Ich stimme Ihnen zu, dass das eine einseitige Sicht ist.

        >Halten Sie diese Infrastrukturprojekte für „nicht wirksame Heilmittel“?>

        Ich stecke nicht tief genug drin, um Ihnen eine Antwort zu geben, von der ich überzeugt bin, dass sie vertretbar ist.

        Tendenziell würde ich sagen:

        Es kommt auf die Konditionen an.

        Wenn China „vorfinanziert“, um später verschuldete Staaten mit ihren Bodenschätzen bezahlen zu lassen, wäre das eine Art neuer Kolonialismus.

        >Und wo sind die Wähler, welche die Planer dieses Projektes in China „gewählt“ haben?>

        China ist weiter als der Westen.

        In China kann man auf die Wähler verzichten, weil man die Demokratie „übersprungen“ hat – von Mao DIREKT zu AUTORITÄRER Herrschaft im Kapitalismus.

        Bis wir so weit sind, müssen wir uns noch etwas anstrengen („anstrengen“ ist hier doppeldeutig zu verstehen)

  10. Thomas sagte:

    @Hr. Tischer
    Ich habe gerade den zeit.de-Artikel gelesen…

    Ich hatte bei meinem Kommentar heute Mittag ganz allgemein an die Ergebnisse aus der Forschung zu Gruppeninteraktionen gedacht.

    Im zeit.de-Artikel wird ja die Gruppe „Trump, Le Pen oder AfD“ gebildet (ich nehme an, es sind deren Wähler gemeint) und – so mein Eindruck – anschließend recht deutlich diffamiert und isoliert:
    „Überzeugte sind für Argumente unerreichbar, auch wer sich auf ihre Emotionen einlässt, belohnt diese nur.“; „Die Politik muss zur Mehrheit sprechen statt zu den Verhetzten.“; „Vor dem „großen Unbehagen“ in Überlegenheitsfantasien zu flüchten ist eine dauerhafte Option.“

    Puh. Ich sage, dass diese Gruppe sich „ganz normal“ menschlich verhält und keine abweichende Psychologie hat, wie der Artikel suggeriert. Wenn man nichts (mehr) hat, auf das man stolz sein kann, wertet man sich auf, indem man andere abwertet. Normal. Beispiel Deutschland: Wenn es eine Krise gibt (und was Krise ist, ist subjektiv – für viele ist irreguläre Massenimmigration eine Staatskrise) und der Gruppenführer (in unserem Falle also die Kanzlerin) ein schwaches Bild abgibt, passt das nicht für diejenigen, die die Krise empfinden. Da geht die Tendenz zum Anpacktypen, dem autoritären Führungsstil. Das mindeste wäre ein Rücktritt gewesen. Statt dessen: „Nee, ich hab alles richtig gemacht.“ Kommt bei der Gruppe nicht gut. Wenn die Medien dann auch noch geballt gegen die Empfindungen dieser Gruppe anschreiben und sie diffamieren, machen sich die Medien – das darf wohl nicht überraschen – völlig unbeliebt. Und jetzt kommt einer, der sagt: Die Medien lügen, ich kann die auch nicht leiden. Ja, was passiert? Konsistenztheoretisch wertet das den Medienkritiker auf. Oder wieder hier in D: SPD kümmert sich mehr um die Outgroup als die Ingroup und wundert sich über sinkende Wählerzahlen.

    Man könnte fortfahren. Was will ich sagen… die Menschen reagieren menschlich und sind nicht durcheinander oder verhetzt. In Anbetracht der äußeren Umstände und dem Verhalten z.B. der Parteien ist das alles erwartbar.

    Um den Bogen zurück zu Ihrem Post zu bekommen.

    >Die Frage ist aktuell, finde ich, angesichts der Figuren, die mit beklemmender Selbstverständlichkeit ans Ruder streben oder schon dran sind.

    Was Erziehung und was Genetik ist, ist schwer zu trennen. Ich gehe davon aus, dass vieles vom oben beschriebenen genetisch ist, denn wir sehen komplexes Gruppenverhalten ja auch im Tierreich. (Ich weiß nicht einmal, ob sich die Psychologie damit überhaupt groß befasst hat. Wie will man das auch untersuchen? Vielleicht gibt es soziologische, kulturvergleichende Beobachtungen? Das weiß ich nun nicht.) Mit der Erziehung erreicht man dennoch viel. So ging die „neue rechte Gruppierung“ (so wie zeit.de sie wohl wahrnimmt) ja zur Wahl und demonstrieren und wird politisch aktiv. Das ist gelerntes Verhalten, da zeigt sich Kultur.

    Aber und darauf will ich eigentlich hinaus: Das nun in Zeiten, wo es sehr friedlich zugeht und der materielle Wohlstand auch bei den Armen noch recht hoch mit Blick auf die Grundbedürfnisse ist. Insofern hoffe ich, dass die Grundbedürfnisse gedeckt bleiben.

    Mich persönlich ärgert, wie die Medien Gräben schaffen und Fronten verhärten und die Politik uneinsichtig Kurs hält. Das Wissen, warum Nationalismus im Kommen ist, ist eigentlich vorhanden. Statt sich nun mit den Ursachen zu beschäftigen (wenn man den nun der Meinung ist, dass sei nicht gut), erklärt man nennenswerte Teile der Bevölkerung zur Persona non grata.

    Aber dann wiederum: Auch die (linken) Medien und Politiker verhalten sich ganz und gar sozialpsychologie-theoriekonform und damit auch nicht rationaler als die vermeintlich Verhetzten.

    Antworten
    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Thomas

      Ich verstehe Ihre Distanz, wobei ich im Artikel weniger Diffamierung, aber natürlich schon eine deutliche Distanzierung sehe.

      Emotionen gibt es immer und überall und manchmal erreicht man emotionale Menschen nicht.

      Es ist aber nicht richtig, dass – wie der Artikel meint – die Politik zur Mehrheit statt den Verhetzten sprechen muss.

      Wir müssen alle erreichen, wobei der Aufwand bei den Verhetzen ungleich größer und mitunter umsonst ist.

      Ich fand den Artikel interessant, weil er zurückblendet auf das Individuum, den „Charakter“ und ZUGLEICH die Psychoanalyse, die in die damaligen Studien einfloss, infrage stellt.

      Sie sagen:

      >Was Erziehung und was Genetik ist, ist schwer zu trennen. Ich gehe davon aus, dass vieles vom oben beschriebenen genetisch ist, denn wir sehen komplexes Gruppenverhalten ja auch im Tierreich.>

      Stimme zu, wobei ich allerdings nicht sicher bin, ob Gruppenverhalten im Tierreich auch von „Erziehung“ im Sinne von Anleitung geprägt ist wenigstens insoweit, dass man sagen kann: Die Evolution verlangt AUCH Anleitung, d. h. vermittelte Kompetenz und befähigt nicht nur zu Gruppenverhalten.

      Obwohl bei mir die Überzeugung gewachsen ist, dass die Evolution uns FUNDAMENTAL prägt, treibt mich eine Frage um, die HINTER Ihre folgende Feststellung zurückgeht:

      >Wenn man nichts (mehr) hat, auf das man stolz sein kann, wertet man sich auf, indem man andere abwertet. Normal.>

      So scheint es zu sein und das hat was mit der GRUPPE zu tun, mit Interaktion, mehr Anerkennung durch andere, wenn man nochmals andere klein macht.

      WARUM aber kann man – das INDIVIDUUM – auf nichts mehr stolz sein (nichts mehr hat, wo doch so viel verfügbar ist) und BRAUCHT daher womöglich die Gruppe, um überhaupt so etwas wie Stolz erfahren zu KÖNNEN?

      Offensichtlich hat dies etwas mit FEHLENDER Erziehung ab der frühesten Kindheit zu tun. Ich höre immer wieder: Wenn es um Kinder geht, ist ACTION angesagt. Wenn da die Eltern nichts bieten, z. B. beim Kindergeburtstag, ist das nicht förderlich für das Kind, weil andere es dann als „defizitär“ einordnen.

      Das ist mir fremd.

      Ich kann mich tagelang mit einem Buch und meinen Gedanken beschäftigen. Das ist normal für mich, ich habe es so „gelernt“. In der Nachkriegszeit war kaum etwas anderes möglich.

      Muss es nicht für jeden sein und sollte es in Extremform vielleicht auch nicht.

      Aber so viel vermitteltes und weiterentwickeltes SELBSTWERTgefühl sollte man schon besitzen, dass man sich auch durch UNABHÄNGIGKEIT von der Gruppe zu bestätigen vermag.

      Ich will nicht spekulieren, aber womöglich wäre es besser um die Gesellschaft bestellt, wenn die Menschen in diesem Sinne unabhängiger wären.

      Zu den Medien:

      Es gibt nicht die Medien, es gibt diese und jene Medien.
      Die im Mainstream verstärken natürlich das, was eh schon dominiert.

      Insofern folgen sie Mechanismen, die quasi allgemein gültig sind:

      Nur das Abseitige und besser noch das Abartige verkauft sich den Massen gut.

      Erwarten Sie nichts von den Medien, wenn es darum geht, Gräben zuzuschütten oder die Fronten aufzuweichen. Für die Politik können sie allerdings gefährlich werden: Jede Woche zweimal „Pflegenotstand“ im TV kann richtig teuer werden und Stimmen kosten.

      Einfach vergegenwärtigen:

      Ein Tatort-Krimi, der mit einem Abendessen beginnt (im Film), ist ein toter Krimi.

      Ich verstehe zwar nicht, warum die Leute Tote sehen müssen, damit es spannend ist, aber offensichtlich ist das so.

      Es nicht zu verstehen, scheint mein Problem zu sein.

      Antworten
      • Thomas (ursprünglicher Poster :) sagte:

        @Hr. Tischer: Bei Zeiten überlege ich mir noch einen Zusatz zum Namen :)

        Vielen Dank noch für die Antwort.

        >Aber so viel vermitteltes und weiterentwickeltes SELBSTWERTgefühl sollte man schon besitzen, dass man sich auch durch UNABHÄNGIGKEIT von der Gruppe zu bestätigen vermag.
        >Ich will nicht spekulieren, aber womöglich wäre es besser um die Gesellschaft bestellt, wenn die Menschen in diesem Sinne unabhängiger wären.

        Nur eine Anmerkung, die mir gerade in den Sinn kommt: Wir betrachten jetzt gerade die (potenziell) negativen Auswirkungen. Andererseits braucht es auch diese Gruppeninteraktionen um zu schaffen: Einer hat eine Idee, überzeugt und motiviert die Gruppe, die arbeitet gemeinsam auf ein Ziel hin. Gruppenstolz, dass man (mit Blick auf das Ziel) besser ist als die anderen, weil man dieses erreicht hat, gehören dann auch dazu.

        >Ich verstehe zwar nicht, warum die Leute Tote sehen müssen, damit es spannend ist, aber offensichtlich ist das so. Es nicht zu verstehen, scheint mein Problem zu sein.

        Als damals die Debatte zu „Killerspielen“ los ging wegen der Amokläufe, hatte ich noch einmal zum Thema recherchiert. Mein Eindruck war am Ende: Eine ganze Zahl von Theorien, warum Menschen gerne Gewalt gucken oder virtuell ausüben, aber keine abschließende Erklärung. Insofern sind Sie mit dem Unverständnis in guter Gesellschaft.

        >Ich kann mich tagelang mit einem Buch und meinen Gedanken beschäftigen.

        Ich habe hier an der Stelle und im Kontext der zahlreichen bto-Diskussionen einen Lesetipp: Die Renaissance der Menschheit: Über die große Krise unserer Zivilisation und die Geburt eines neuen Zeitalters (Charles Eisenstein)

        Ein etwas arg schwergewichtiger Titel in der deutschen Übersetzung. Das englische Original ist bescheidener: The Ascent of Humanity – Civilization and the Human Sense of Self.

        Ich habe es erst zu 1/3 gelesen, aber fand bislang viele interessante und relevante Betrachtungen zu unserer Zivilisation. Was es so interessant macht: Der Autor betrachtet, was wir stammesgeschichtlich sind und wie Lebewesen in Einklang mit der Natur leben und inwieweit wir uns kulturell auf einem falschen Pfad befinden.

        Sicherlich kann kein Buch zum Thema abschließend sein; aber dieses finde ich sehr angenehm zu lesen, ruhiger Stil, interessante Blickwinkel, überhaupt nicht „new-agey“. Food for Thought!

  11. Thomas sagte:

    Wenn die Herrschenden nicht mehr weiterwussten war Krieg immer die Lösung. Neustart. Aus bekannten Gründen geht das im Westen nicht mehr zwischen den Ländern. Kann es sein das die Herrschenden unbewusst!!! mittels der Drittweltmigranten den Krieg in die westlichen Länder holen. Die Migranten als Opferlämmer und Blitzableiter?

    Antworten
    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Thomas

      Die Migranten als Blitzableiter – das glaube ich nun wirklich nicht.

      Erstens werden die Drittweltmigranten NICHT geholt, sondern sie kommen, weil unser Wohlstand sie magnetisch anzieht.

      Zweitens geht bei den – wie Sie sagen – „Herrschenden“ schon jetzt das große Zittern um.

      Überlegen Sie nur einmal:

      Die SPD rackert, rackert und rackert im Umverteilungs-Business und die AfD – gerade einmal da, aber noch nichts geleistet –, ist schon fast auf Augenhöhe mit der SPD.

      Und warten Sie erst einmal die kommenden Landtagswahlen in Bayern und Hessen ab, danach fließt richtig Blut bei Schwarz und Rot, vermute ich.

      Kurzum:

      Nicht um zu viele Ecken denken.

      Antworten
    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Thomas

      Nachtrag:

      Wie ich gerade lese, will Nahles für die SPD um Intellektuelle und Kulturschaffende werben.

      http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/andrea-nahles-haelt-bruch-der-grossen-koalition-fuer-denkbar-15721884.html

      Eine wirklich intelligente Strategie, ich sage ja schon lange, dass die SPD keine Arbeiterpartei mehr ist.

      AfD, legt einfach die Füße hoch und haltet die (viel zu oft) dumme Klappe.

      Es wird schon, die anderen müssen nur so weiter machen.

      Antworten
      • Thomas M. sagte:

        Herrlich… es erinnert mich an Produktentwicklung in der freien Wirtschaft. Da gibt es zwei Philosophien.

        a) Man guckt, was die Kunden wollen oder ihnen fehlt, und entwickelt das.
        b) Man nimmt, was man hat oder machen will, und guckt, wie man es in den Markt bekommt.

        b) funktioniert meiner Erfahrung nach nur, wenn man ein Monopol hat oder die Kunden vertraglich oder aufgrund von Wechselbarrieren gefangen sind.

        Nun denn. Da die SPD offensichtlich die vielen modernen Malocher, die in Call-Centern und Lieferdiensten arbeiten, nicht auf dem Schirm hat, und sich inhaltlich lieber an Einwanderer richtet, die nicht wählen dürfen, und Stammwählergruppen von bestehenden Parteien gewinnen möchte, möchte ich attestieren:

        „Die SPD ist stets pünktlich zur Wahl angetreten und hat sich stets um gute Ergebnisse bemüht. Für die weitere Zukunft wünschen wir ihr alles Gute.“

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Thomas M.

        >a) Man guckt, was die Kunden wollen oder ihnen fehlt, und entwickelt das.>

        GENAU das macht die SPD – allerdings guckt sie 100 Jahre nach HINTEN und glaubt, dass die Menschen, die sie sich dabei vorstellt, HEUTE Kunden sein können.

        Die 180°-Wende wird sie nicht hinkriegen, weil sie damit ihr SELBSTVERSTÄNDNIS zerstören würde.

        Wie es aussieht und wenn sich die Dinge so weiterentwickeln, wird sie mehr und mehr an Bedeutung verlieren und verlöschen.

        Jubel ist allerdings nicht angebracht, weil sie in der Vergangenheit ein STABILISIERENDER Faktor war, was an sich nicht schlecht ist.

        Ich hoffe, dass wir diesbezüglich der SPD nicht nachtrauern müssen, auch wenn wir von ihre an sachlicher Gestaltung nichts oder nichts wirklich Wegweisendes zu erwarten hätten.

  12. waltomax sagte:

    In der Welt strebt doch ein jedes Wachstum gegen einen Grenzwert. Auch Technologien, wie der Verbrennungsmotor, haben eine Optimierungsgrenze. KONDRATIEFF hat recht, dass nur Basisinnovationen neue Zyklen der Wertschöpfung einleiten können. Und genau an diesen fehlt es. Daher erleben wir eine breite Marktsättigung, in welcher Gelddrucken nichts hilft.
    Bleibt zu diskutieren, unter welchen Bedingungen es zu neuen Basisinnovationen kommen kann.

    Antworten

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