„Weltmeister oder Vampir?“

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Heute Morgen habe ich das Thema der deutschen Außenhandelsüberschüsse erneut diskutiert. In diesem Zusammenhang fiel mir ein Beitrag aus dem Jahr 2014 wieder ein: „Weltmeister oder Vampir?“

Tenor: Es liegt an den unzureichenden Investitionen im Inland, dass wir einen Ersparnisüberhang haben, den wir dann im Ausland schlechter anlegen. Schlussfolgerung: Investitionshemmnisse vor allem die Unsicherheit, die sich aus der Energiewende ergibt beseitigen und das Geld im Ausland intelligenter anlegen. Stimmt.

Leider hat die F.A.Z. den Beitrag zu dem Thema nur in der Printausgabe veröffentlicht. Unter dem Titel „Vampir Deutschland“ schrieb Professor Peter Bofinger unter anderem folgendes:

  • „Diese Argumentation (Anmerkung bto: dass deutsche Exportüberschüsse Folge der zu hohen Sparleistung sind) geht implizit von einem Finanzsystem mit einer Warenwährung aus, beispielsweise Korn. In einer solchen Korn-Ökonomie bedeutet Sparen den Verzicht auf den Konsum von Körnern und zugleich die Bereitschaft, die nicht konsumierten Körner einem Investor zur Verfügung zu stellen. Dieser sät das Korn aus und zahlt nach der Ernte das ihm geliehene Korn mit einem Aufschlag als Zins an den Sparer zurück. In dieser Modellwelt sind Banken reine Intermediäre: Sparer vertrauen die ersparten Körner einer Bank an, die darauf spezialisiert ist, zuverlässige Kreditnehmer zu finden. Die Sparentscheidung ist damit die Voraussetzung für Investitionen. Dementsprechend müssen erst Ersparnisse an das Ausland übertragen werden, bevor das Ausland Waren im Inland kaufen kann.“ bto: Und wir wissen, dass dieses Modell nicht stimmt. Ich habe es auch verwendet, wenn ich den Zusammenhang von Ersparnis und Handelsüberschüssen erklären wollte.
  • „Doch wir leben in einer Welt, in der Güter nicht gegen Körner, sondern gegen Geld getauscht werden. Hier kann investiert werden, ohne dass zuvor gespart worden ist. Wenn eine Bank A einem Investor einen Kredit geben möchte, muss sie nicht auf Einlagen warten. Die Einlage entsteht automatisch, wenn dem Kunden der Kreditbetrag auf seinem Konto gutgeschrieben wird. Tätigt der Kunde eine Überweisung auf ein Konto bei einer anderen Bank B, wandert die Einlage dorthin. Sie bleibt dem Bankensystem jedoch erhalten. Wenn sich die Banken vertrauen, erhält Bank A von Bank B einen Interbankkredit, der die bei Bank A durch die Überweisung geschaffene Liquiditätslücke schließt.“  bto: eine perfekte Beschreibung der Situation. Die Funktionsweise unserer Geldordnung habe ich hier erläutert.
  • „Die Banken in den Peripherieländern konnten so ihre Kredite über Jahre hinweg massiv ausweiten. Die Ausleihungen der spanischen Banken stiegen von 1999 bis 2008 von 450 Milliarden Euro auf 1850 Milliarden Euro, ohne dass die Spanier mehr gespart hätten. Die Sparquote ging sogar leicht zurück. Bei einem kumulierten spanischen Leistungsbilanzdefizit von 544 Milliarden Euro (1999 bis 2008) zeigt sich, dass der Boom auch nicht primär vom Ausland alimentiert wurde.“  bto: wobei die Lieferanten von Waren mit eben diesen Kreditansprüchen „bezahlt“ wurden.
  • „Für Deutschland führte der Kreditboom im Euroraum zu stark steigenden Exporten. Sie nahmen von 1999 bis 2008 um rund 79 Prozent zu, während sich die Importe nur um 58 Prozent erhöhten. Die in dieser Phase unter einer nahezu stagnierenden Binnennachfrage leidende deutsche Wirtschaft erhielt so massive Wachstumsimpulse. Bei sinkenden Reallöhnen kam es zu einem deutlichen Anstieg der Gewinne und damit der Ersparnisse deutscher Unternehmen.“  bto: richtig. Es war ein Verschulungsboom, der uns „gerettet“ hat. 
  • „Es war also nicht die deutsche Ersparnis, die den Kreditboom in den Peripherieländern ermöglicht hat. Der dortige Kreditboom führte vielmehr zu steigenden Gewinnen und einer hohen Ersparnis der Unternehmen. Ohne die Überhitzung in diesen Ländern wären in Deutschland nach der Euro-Einführung die Lichter ausgegangen. Die deutschen Unternehmen hätten keine Ersparnisse erzielt, sondern Verluste erlitten.“  bto: wobei diese Ersparnisse doch nur eine Forderung gegen jene darstellen, die sich verschuldet haben.
  • „Woran liegt es, dass Ersparnis in einer Welt mit Papiergeld völlig andere Effekte hat als im Körner-Modell? In einer Welt ohne Geld ist die Sparentscheidung identisch mit einer Investitionsentscheidung. In einer Welt mit Papiergeld kann ein Unternehmen beschließen, den Gewinn nicht zu reinvestieren, sondern als Geldvermögen zu halten. Das hat einen ähnlich negativen Effekt auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wie die Entscheidung eines privaten Haushalts, zu sparen, indem er abends nicht ausgeht. Im Gegensatz zum Sparen in Sachvermögen bremst Geldsparen die Wirtschaft aus.“  bto: Auch das trifft zu!
  • „Ein Leistungsbilanzüberschuss ist Ausdruck eines kollektiven Geldsparens. Der Übergang von einer defizitären deutschen Leistungsbilanz im Jahr 1999 zu einem Überschuss von 181 Milliarden Euro 2007 spiegelt die Tatsache, dass die deutschen Exporte sehr viel stärker gestiegen sind als die deutschen Importe. Für unsere Partnerländer hatte der deutsche Überschuss also einen negativen Nachfrageeffekt. Bei einer im Jahr 2007 ausgeglichenen deutschen Leistungsbilanz hätten die deutschen Importe um 181 Milliarden Euro höher ausfallen müssen. Das wäre tatsächlich ein Transfer an Kaufkraft für diese Länder gewesen.“  bto: weshalb sich jetzt auch Widerstand regt.
  • „Der Leistungsbilanzüberschuss und damit die an das Ausland vergebenen Kredite förderten somit nicht die Nachfrage im Ausland. Sie sorgten vielmehr dafür, dass Ausländer über den Kauf deutscher Produkte die Nachfrage in Deutschland befeuern können.“  bto: mit der entsprechenden Verschuldungswirkung.
  • „Leistungsbilanzüberschüsse sind also kein Bluttransfer, der die Defizitländer belebt. Sie zeigen vielmehr, dass eine Volkswirtschaft nur einen Teil der im Ausland erzielten Einnahmen für Importe einsetzt und damit wie ein Vampir dem globalen System Kaufkraft entzieht. Deutschland ist mit diesem Modell nur bedingt erfolgreich gewesen. Es hat zwar eine Lohnmoderation ohne Deflation ermöglicht. Doch da die aus dem Ausland geliehene Dynamik auf Sand (genauer: Immobilien) gebaut war, sind bei den dabei erworbenen Schuldscheinen massive Abschreibungen erforderlich gewesen.“  bto: bingo! Da haben wir wieder das Eichhörnchen.

btoDie Argumentation von Bofinger hat etwas. Dennoch würde ich dafür plädieren, nicht so sehr die Ursachen der Überschüsse zu diskutieren, sondern viel dringender die Schlussfolgerung. Wie können wir sicherstellen, dass wir den Wohlstand erhalten, statt ihn im Ausland zu verlieren. Lieber die Straßen in Deutschland reparieren, statt in Athen?

4 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    Ihre Schlussfolgerung ist richtig, aber das Problem ist, dass Deutschland in den letzten Jahren konsumtive Beschlüsse gegenüber investiven bevorzugt. Ob Elterngeld, Betreuungsgeld, Rente mit 63 oder Mütterrente – nichts davon war investiv (egal, wie man diese Entscheidungen politisch sonst bewertet). Politisch hat sich das für Frau Merkel und die CDU gelohnt, also wird so weitergemacht. Investive Projekte wie Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen führten bei Politikern zu anderen Erkenntnissen…

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  2. A. Middendorf says:

    Um den Wohlstand zu erhalten muss die deutsche Politik erstens die Zahlungsbilanz – nicht die Leistungsbilanz – ausgleichen, und zweitens eine Änderung der Eigenkapitalvorschriften herbeiführen.

    Leistungsbilanzüberschüsse lassen sich ja nicht ohne weiteres in Inlandsinvestitionen umwandeln. Gerade „Made in Germany“ ist doch gekennzeichnet durch hohe Fixkosten (F&E, High-Tech-Produktionsanlagen) und niedrige variable Kosten. Extrembeispiel SAP-Software. Auf diese Exporte zu verzichten würde – wenn überhaupt – nur im Umfang des geringen variablen Kostenanteils helfen.

    Bei der Verwendung der Überschüsse muss man dann die betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Perspektive unterscheiden. Bezogen auf das einzelne Unternehmen gibt es kaum Gründe anzunehmen, dass Gewinne schlechter genutzt oder reinvestiert werden als ausländische Unternehmen dies tun. Bezogen auf den Staat kommt es dann auf die Verwendung der Steuern an. Hier konkurrieren konsumtive Zwecke mit Investitionen in die Infrastruktur. Diese Zielkonkurrenz ist rein innerdeutsch, und in der Folge schlechte Infrastruktur lässt sich nur zum kleinen Teil mit Leistungsbilanzüberschüssen begründen.

    Trotzdem sind Leistungsbilanzüberschüsse und auch Schäubles schwarze Null eine Gefahr aus zweierlei Gründen:
    1. Qualität der Auslandsinvestitionen
    2. Akkumulation von Notenbankgeld in Deutschland

    Der erste Grund ist offensichtlich und hier vielfach genannt, dass nämlich die „Investition“ in Schuldtitel in einer überschuldeten Welt zu einem Verlust eines guten Teils des eingesetzten Kapitals führen kann und wird. Der zweite Grund kommt zum Tragen, wenn die Target-Forderungen bei einem Auseinanderbrechen der Eurozone ganz oder teilweise verloren gehen. Auf inländischen Konten in Euro aufgehäufte Gewinne gehen zwar dem Eigentümer bei einer Währungsreform wahrscheinlich nicht nominell verloren, aber die inländischen Geldvermögensbesitzer würden kollektiv Kaufkraft in Höhe der verlorenen Target-Forderungen verlieren, oder die Bundesbank müsste über Steuern rekapitalisiert werden. Aus dieser pessimistischen Perspektive kann – volkswirtschaftlich betrachtet – ein schlechter Schuldtitel das geringere Übel im Vergleich zum Totalausfall einer gleich hohen Target-Forderung sein (spieltheoretisches Dilemma: für das einzelne Wirtschaftssubjekt ist vielleicht Geldvermögen besser). Viel besser freilich wären für Deutschland Auslandsinvestitionen in Kapitalgesellschaften, Infrastrukturprojekte oder Gold. Aber die Eigenkapitalvorschriften für Kapitalsammelstellen verbieten das quasi – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und noch einmal kurz zu Schäubles Null: In einer Welt, in der Schulden absehbar zunehmend vergemeinschaftet werden, und in der aufgrund der aufgetürmten Target-Forderungen mehr Geldschöpfung in Deutschland (und idealerweise dessen Ausgabe im Ausland) volkswirtschaftlich (nicht fiskalisch) vorteilhaft wäre, ist das Sparen bescheuert.

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    • Horst says:

      „Gerade „Made in Germany“ ist doch gekennzeichnet durch hohe Fixkosten (F&E, High-Tech-Produktionsanlagen) und niedrige variable Kosten.“

      Marketingkosten haben Sie ausgelassen. In vielen Branchen (z.B. Pharma) übersteigen die Kosten hierfür die der F&E bei weitem.

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  3. vlim says:

    Mit dem Unterschied zwischen einer Körner-Ökonomie und einer Papiergeld-Ökonomie habe ich mich auch schon beschäftigt und deswegen schreibe ich hier heute zum ersten mal einen Betrag. Im Grunde kann man diesen Unterschied auf die wesentlichen zwei Arten von Geld herunterbrechen, nämlich auf „Warengeld“ und „Schuldgeld“. Diesen beiden Arten von Geld haben grundsätzlich ganz andere Eigenschaften und weil man die nicht versteht, versteht man die Krisenursachen nicht. Zunächst zähle ich darum erstmal negativen Eigenschaften von Schuldgeld auf.
    1.) Alles Geld entsteht durch Kreditaufnahme, deshalb ist alles in Umlauf befindliche Geld zinstragend. Das heißt, Wenn ich mir Bargeld von der Bank hole, und dieses unter mein Kopfkissen lege, dann hat jemand anderes dafür einen Kredit aufgenommen und muss Zinsen dafür zahlen.
    2.) Wenn man Schulden zurück zahlt, verschwindet das Zahlungsmittel, also das durch Kredit geschöpfte Geld wird durch die Tilgung in der Bankbilanz wieder vernichtet. Somit wirkt Schuldentilgung im in diesem System deflationärer, als wenn ich auf dem Geld sitzen bleibe (unter dem Kopfkissen), es sozusagen dem Wirtschaftskreislauf vorübergehend entziehe, um beispielsweise im Alter, wenn ich weniger Einkünfte habe, davon zu leben. Dass das Geld bei Schuldentilgung verschwindet, ist meiner Ansicht nach der Hauptgrund, warum sich eine Volkswirtschaft nicht aus einer Krise heraus sparen kann. Wie Marriner Eccles schon sagte, ohne Schulden hätten wir kein Geld.
    3.) Durch die Kreditaufnahme wird nur der Kreditbetrag geschöpft, aber nicht der Betrag für die Zinsen. Für den Zinsbetrag müssen neue Kredite aufgenommen werden.
    4.) Schuldgeld führt zu zwingend Handelsbilanzungleichgewichten, weil es keinen symmetrischen Austausch von Handelswaren erzwingt, sondern von Waren gegen Schuldtitel.
    5.) Schuldgeld kann unbegrenzt erschaffen werden. Da es nicht an Ressourcen gekoppelt ist, können die Schuldversprechen bis weit entfernt von jeglicher Realität ausgeweitet werden.

    Kommen wir nun zum Warengeld
    1.) Warengeld stellt einen Vermögenswert dar. Bei seiner Entstehung entstehen nicht automatisch bzw. zwangsläufig Zinsforderungen. Das heißt, wenn ich z.B. einen Goldklumpen im Garten vergrabe, muss niemand dafür Zinsen zahlen.
    2.) Warengeld kann zwar auch verliehen werden (wobei dies echtes „Verleihen“ ist, nicht so bei der Kreditgeldschöpfung), es wird dann auch jemand Zinsen dafür zahlen müssen (Stichwort: Konsumverzicht des Verleihers), aber wenn das Geld zurück gezahlt wird verschwindet es nicht, sondern es hat dann nur ein anderer Marktteilnehmer. Das Geld bleibt im System und Schuldentilgung führt nicht zur Deflation.
    3.) Da nicht die gesamte Geldmenge zinstragend ist, sondern nur die verliehene Geldmenge, sind die Zinsforderungen im Gesamtsystem niedriger als im Schuldgeldsystem. Da durch die Wertschöpfungsprozesse immer Waren entstehen, kann es eigentlich nie zur Geldknappheit kommen, weil Warengeld äquivalent mit Waren ist. Das bedeutet dann natürlich, das man sich nicht auf eine Art von Warengeld festlegt, sondern konkurrierende Arten von Warengeld im Wettbewerb zulassen muss.
    4.) Warengeld würde nicht zu Handelsbilanzungleichgewichten führen, weil ja Waren gegen Waren (-geld) getauscht würden, Schulden würden unmittelbar mit dem Austausch beglichen.
    5.) Warengeld wäre nicht beliebig vermehrbar, weil es an Ressourcen gekoppelt ist. Astronomische Verschuldungsorgien wären im Warengeldsystem nicht möglich.

    Übrigen Thomas Mayer hat diesen Zusammenhang längst erkannt, er befürwortet darum ein Aktivgeldsystem.
    hier ein Video Thomas Mayer bei Phönix, ab der 24. Minute kommt er zum Thema.

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