„Money Mania“: Finanzkrisen als Preis für Fortschritt?

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Passend zur Diskussion von heute Morgen ein Kommentar aus dem Jahr 2014:

Sind Finanzkrisen nur der Preis, den wir für wirtschaftlichen Fortschritt bezahlen müssen? Das Buch „Money Mania“ (Link) analysiert die Geschichte der Finanzkrisen bis ins Altertum („Kaiser Augustus war der erste Keynsianer“). Schlussfolgerung:

  • Finanzkrisen ähneln sich: Es gibt die gleichen Abläufe im Rom der Antike, im England des 18. Jahrhunderts und im Jahr 2008.
  • Es genügt nicht, Herdenverhalten und Irrationalität als Ursachen zu sehen. Auch billige Kredite genügen nicht als Begründung (bto: wobei es ohne sicherlich keine Finanzkrisen gäbe!).
  • Vielmehr liegt es an der Komplexität des Finanzsystems. Nicht erst seit „Collateralised Debt Obligations“ und „Structured Investment Vehicles“ gibt es komplexe Finanzinstrumente. Die Griechen und Römer waren durchaus fortschrittlich, was Finanzinstrumente betrifft. Und weil die Komplexität schneller wächst, kommt es auch häufiger zu Krisen.
  • Deshalb sollte man auf die Krise auch nicht mit mehr Komplexität – zum Beispiel neue Bankenregulierung,  die dann ohnehin nur wieder umgangen wird – antworten. Besser: das Kreditwachstum in der Volkswirtschaft beschränken. (bto: völlig richtig. Zwar gibt es Kritiker einer solchen „makroprudenziellen Steuerung“, aber eine Begrenzung durch Kapitalunterlegungsregeln nach Wirtschaftssektoren ist noch lange keine Verstaatlichung des Bankensystems.)
  • Außerdem müssen die Banken verkleinert werden. Ein „Too-big-to-fail“ darf es nicht mehr geben (auch richtig).

FT (Anmeldung erforderlich): „Human nature means financial crises are the cost of progress“, 27. April 2014

Darüber hinaus betont der Autor, dass es eine Parallele zwischen Finanz- und Wirtschaftskrisen und dem wirtschaftlichen Fortschritt gibt. Viele große Erfindungen fallen in die Zeit von Blasen und Finanzkrisen. Demzufolge wären die Krisen der Preis, den wir für den Fortschritt bezahlen müssen.

Das sehe ich anders. Zum einen haben wir aus der Krise von 2008 nicht wirklich etwas gelernt. Zumindest sehe ich keinen Fortschritt bei Regulierung und fundamentalen Reformen. Stichwort: ungebremstes Schuldenwachstum. Aber das kann auch daran liegen, dass die Krise noch lange nicht zu Ende ist, sondern im Unterschied zur Depression der 1930er-Jahre in Zeitlupe abläuft.

Der Zusammenhang von Krisen und Fortschritt ist zwar gegeben. Doch ist die Wechselwirkung eine andere. Dabei halte ich es mit der Theorie der langen Wellen der Konjunktur von Kondratieff.

Die gegenwärtige Situation lässt sich als „Winterphase“ einer sogenannten Kondratieff-Welle beschreiben. Nikolai Kondratieff, Ökonom und politischer Berater im Ministerium für Landwirtschaft und Finanzen, war 1920 Gründungsdirektor des Konjunkturinstituts in Moskau. Es sollte die ökonomische Lage der Sowjetunion und der wichtigsten kapitalistischen Länder beobachten.

Mit einer Vielzahl an Indikatoren – darunter der langfristigen Bewegung von Großhandelspreisen, Löhnen und Zinsen – ermittelte Kondratieff drei große Wellen der wirtschaftlichen Entwicklung von 1790 bis 1920 und prophezeite in der Verlängerung völlig korrekt die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre. Seine Theorie wurde später von dem österreichischen Wirtschaftswissenschaftler und Harvard-Professor Joseph Schumpeter aufgegriffen, der – zu Ehren des russischen Kollegen – von Kondratieff-Zyklen sprach. Kondratieff erlebte es nicht mehr, dass seine Theorie allgemeine Anerkennung fand: Er wurde 1938 hingerichtet, weil er Stalins Landwirtschaftsreform kritisiert hatte. Wahrscheinlich hat es ihm auch nicht gerade geholfen, dass er dem Kapitalismus zutraute, die Weltwirtschaftskrise zu überstehen.

Der klassische Kondratieff-Zyklus ist eine lange Welle der ökonomischen Entwicklung, die in der Regel 50 bis 60 Jahre anhält und in vier Phasen zerfällt:

Phase 1: Der „Frühling“ basiert auf Innovationen und der Umsetzung neuer Technologien und ist eine Expansionsphase, die den allgemeinen Wohlstand steigert und schließlich eine Inflation produziert. Diese Phase dauert rund 25 Jahre.

Phase 2: Der „Sommer“ hält nur flüchtige fünf Jahre lang an. Die Expansion erreicht ihren Höhepunkt, dann entstehen Probleme. Überproduktion führt zu Engpässen bei den Ressourcen, was die Kosten treibt und die Gewinne sinken lässt. Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich.

Phase 3:  Der „Herbst“ währt rund zehn Jahre. In dieser Phase kommt es zur ersten Rezession des Kondratieff-Zyklus, danach tritt die Wirtschaft in eine Zeit mit stabilem, aber niedrigem Wachstum ein. In dieser Hochphase steigt dank niedriger Inflation und guter Wirtschaftsaussichten die Kreditaufnahme.

Phase 4: Der „Winter“ zieht sich im Schnitt über 18 Jahre hin. Er beginnt mit einem durch die hohe Verschuldung der Herbstphase ausgelösten langwierigen, rezessionsähnlichen Abschwung, der bis zu drei Jahren anhalten kann. Darauf folgt eine Periode von bis zu 15 Jahren mit niedrigen Wachstumsraten, bis der nächste Frühling kommt.

Welche treibenden Kräfte stehen hinter diesen Wellen der wirtschaftlichen Entwicklung? Die Wissenschaftler streiten über die Antwort. Für manche spiegeln die Wellen die sich verändernden Muster der Kapitalakkumulation oder der Verfügbarkeit von Rohstoffen und Nahrung, andere erklären die Wellen mit Kriegen oder sozialen Umstürzen. Doch nach der vorherrschenden Theorie – wie sie Schumpeter formuliert hat – ist technische Innovation die eigentliche Triebfeder der wirtschaftlichen Entwicklung.

Wissenschaftler haben insgesamt vier oder fünf Kondratieff-Wellen seit Ende des 18. Jahrhunderts identifiziert und ihnen die technischen Errungenschaften, die sie ausgelöst haben, zugeordnet. Die erste Welle, das Zeitalter der industriellen Revolution (1780 bis 1840), wurde von der Erfindung der Dampfmaschine und dem Wachstum der Textilindustrie beherrscht. Der Bau von Eisenbahnen und das Wachstum der Stahlindustrie standen hinter der zweiten Welle (1840 bis 1890). Initialzündung für die dritte Welle war die kommerzielle Nutzung der Elektrizität in großem Umfang (1890 bis 1940). Die vierte Welle ist mit der Entwicklung der Petrochemie und dem Aufkommen der Autoindustrie verbunden, durch die das 50 Jahre früher erfundene Auto zum Massengut wurde.

Manche sagen, die vierte Welle sei noch nicht vorbei, die Welt befinde sich in deren Winterphase, also in einer Periode verlangsamten Wachstums. Andere identifizieren eine kurze fünfte Welle seit 1980/1985, angetrieben von den neuen Informations- und Telekommunikationstechnologien. Aber auch nach dieser Sicht befinden wir uns aktuell in der Herbst- bzw. Winterphase. Allerdings sprechen viele Argumente dafür, dass die Zyklen technischer Innovation kürzer werden.

Ob nun vierte oder fünfte Welle – sollte die Theorie der Kondratieff-Wellen zutreffend sein, durchleben wir derzeit eine Abschwungphase, die einige Jahre anhalten kann. Die Grundlage für den nächsten Aufschwung wäre in der Expansion neuer Industrien zu sehen. Ansatzpunkte für solche Industrien erblickt man in der Biotechnologie, der Materialtechnik und der Umwelttechnologie. Auch die heute Morgen diskutierte Revolution im Automobilbau passt dazu.

Der Zusammenhang zwischen Finanzkrisen und technischem und wirtschaftlichen Fortschritt scheint damit zu bestehen. Aber er ist nicht zwangsläufig. Den Fortschritt könnten wir auch ohne Krisen haben.

Der Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität in der Herbstphase, in der die alten Industrien weniger wachsen und eher über Konsolidierung und Kostensenkung versucht wird, die Margen zu halten und die neuen Industrien noch zu klein sind, um die Wirtschaft zu ziehen, müsste akzeptiert werden. Stattdessen versuchen Politik und alte Industrien über Schulden die Wachstumsraten hoch zu halten. Dann ist die Krise, ausgelöst durch die Schuldenlast, nicht mehr zu vermeiden. Doch ich bin nicht so optimistisch. In 60 Jahren, wenn es wieder so weit sein sollte, wird man die gleichen Fehler wieder machen.

8 Kommentare
  1. Dietmar Tischer says:

    >Den Fortschritt könnten wir auch ohne Krisen haben.>

    Ja, aber nicht politisch-soziale STABILITÄT.

    >Der Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität in der Herbstphase, in der die alten Industrien weniger wachsen und eher über Konsolidierung und Kostensenkung versucht wird, die Margen zu halten und die neuen Industrien noch zu klein sind, um die Wirtschaft zu ziehen, müsste akzeptiert werden. Stattdessen versuchen Politik und alte Industrien über Schulden die Wachstumsraten hoch zu halten. Dann ist die Krise, ausgelöst durch die Schuldenlast, nicht mehr zu vermeiden.>

    Das ist genau meine Rede.

    >In 60 Jahren, wenn es wieder so weit sein sollte, wird man die gleichen Fehler wieder machen.>

    Kommt darauf an, wie sich die Welt in der Zwischenzeit verändert hat.

    Ich glaube, dass man NICHT wie selbstverständlich davon ausgehen kann, dass die Entwicklung NUR zyklisch verläuft.

    Ich halte die Annahme, dass die neuen Industrien die Wirtschaft „ziehen“ können, wenn sie nur groß genug sind, für unbegründet.

    Ich sehe jedenfalls eine Tendenz zu mehr Fun & Freizeit, Sport & Spiel, Entertainment und Events angetrieben durch universelle Verfügbarkeit mittels der modernen Medien.

    Was ist mit der Beschäftigung der Menschen und ihrer Einkommenserzielung, wenn demgegenüber herkömmlichen Konsum- und Produktionsmodellen quantitativ verlieren?

    Der Fortschritt ist keine KONSTANTE, bei der lediglich Qualifikation, Kompetenz und Kapitaleinsatz getauscht werden.

    Denken in Zyklen blendet dies aus.

    Antworten
  2. Johann Schwarting says:

    Hallo Herr Dr. Stelter

    1.) „… Es gibt die gleichen Abläufe im Rom der Antike,…“

    Kaiser Tiberius hat vor fast 2000 Jahren schon versucht, die Preise der den Krediten zugrunde liegenden Pfänder zu erhöhen, indem er „Vermögende verpflichtet, zwei Drittel ihres Geldes in Immobilien anzulegen, um den Preisverfall zu stoppen“. Die deflationären Depression konnte trotzdem nicht verhindert werden.

    http://www.dasgelbeforum.net/ewf2000/forum_entry.php?id=2686

    2.) Das

    „… Besser: das Kreditwachstum in der Volkswirtschaft beschränken. (bto: völlig richtig…“

    ist so wohl nicht richtig. In einem KGS müssen die Verschuldungssummen steigen, weil die Preise der Pfänder, die als Besicherung der Kredite dienen, in umlauffähig gemachte Schulden ausgedrückt werden. Die Preise sind von der Nachfrage aus der Verschuldung des Publikums abhängig. Kaufen die Privaten mittels der Ausweitung der Kreditlinien, so wird die Bewertbarkeit der Pfänder aufrechterhalten. Wegen des Vorher-Nachher-Problems müssen die bestehenden Kreditlinien in der Ökonomie ausgedehnt werden. Bei zurückgehenden Verschuldungssummen fallieren die variablen Preise der Pfänder, die den nominal festen Krediten als Sicherheit dienen. Es müssen immer neue Kredite bzw. ein Aufschulden bis zum Ende her, um die alten Kredite am Leben zu halten und die Besicherung der Kredite der Nachschuldner zu gewährleisten – sonst brechen die Kredite der Schuldner und damit die Banken zusammen. Es gibt keine Wertsteigerung von Vermögen bei gleichbleibender bzw. sinkender Verschuldung. MfG JS

    Antworten
  3. Wolfgang Selig says:

    Eines hat sich gegenüber 1790 ff. massiv geändert: die Folgen für die Umwelt. Wenn wir weitere 50 Jahre mit Klimaerwärmung, Überfischung, Abholzung des Regenwaldes u.ä. fortfahren, ändern sich die Randbedingungen des Wirtschaftens auf der Erde. Keiner weiß, wie sich das auf den Kondratieffzyklus auswirken wird. Es könnte m.E. einerseits zum Innovationstreiber aus Not werden (Stichwort CO2-Verringerung in der Mobilität u.a.), aber auch zum Bremser (Stichwort öffentliche Mittel für Deicherhöhungen statt Forschungsförderung u.ä.). Gefühlt halten sich beide Tendenzen m.E. derzeit die Waage, aber für eine Aussage dazu bin ich nicht qualifiziert.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      > … ändern sich die Randbedingungen des Wirtschaftens auf der Erde.>

      Sie haben vollkommen Recht, untertreiben aber gewaltig.

      M. A. n. werden sich auch die Randbedingungen für Konflikte aller Art bis hin zu Kriegen ändern.

      Wenn so, werden vermutlich auch Zyklen etwas ganz anderes sein als wir es uns heute vorstellen können.

      Antworten
      • Wolfgang Selig says:

        Ich weiß nicht, ob ich untertreibe; ich wollte nur sachlich bleiben. Ich will Ihre Konfliktprognose keinesfalls ausschließen (ich halte sie selbst für relativ wahrscheinlich), aber ich habe auch keine gesicherten Belege dafür. Es wäre ja auch der utopische Fall denkbar, dass die Menschheit die Kleinstaaterei beendet und mal friedlich zusammenarbeitet. Schließlich führen wir heute auch keine Kriege mehr zwischen den Königreichen Preussen und Bayern oder müssen bei jeder Flussbrücke einen Raubritter fürchten. Die Erfahrung der letzten Jahrhunderte in Deutschland spricht aber eher für Ihre Theorie….

  4. Johannes says:

    Befinden wir uns tatsächlich (noch) im Winter des beschriebenen Zykluses, dann können die Zentralbanken „tun was sie wollen“, nur die gewünschte Inflation werden sie nicht herbeiführen können (Inflation „fällt“ nach diesem Modell in den Frühling). Das Handeln der ZB führt lediglich zu einem unnatürlichen Aufblähen der Asset-Preise (hier oft diskutiert). DAS war vormals so nicht möglich, da die „Vermehrung“ der Zahlungsmittel durch unterschiedliche „Bindungen“ (Gold, Silber ganz oder teilweise) zumindest gehemmt, wenn nicht gar unterbunden wurde.

    Dies konnte Kondratieff nicht berücksichtigen, weil es diesen „moderen“ Geldvermehrungsmechanismus zu seiner Zeit nicht gab. Insoweit wäre es bedeutsam, es fände sich jemand mit ausreichender Expertise, der diesen zusätzlichen und bedeutsamen Faktor in das Modell von Kondratieff einfließen lässt. Aber womöglich geschieht dies erst in 100 Jahren, wenn ausreichend „Beobachtungsmaterial“ verfügbar ist.

    Wir jedenfalls stecken mitten drin und ich bin – was die soziale und poltische Dimension – dieser Entwicklung anbetrifft bei Herrn Tischer, der es so formuliert:

    „M. A. n. werden sich auch die Randbedingungen für Konflikte aller Art bis hin zu Kriegen ändern.“

    Antworten

Dein Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Schreiben Sie etwas dazu!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.