Ist die US-Unternehmensverschuldung doch kein Problem?

Immer wieder habe ich bei bto über die gestiegene Verschuldung der US-Unternehmen und daraus erwachsene Risiken gesprochen. Sogar der IWF hat vor den Folgen der gestiegenen Verschuldung gewarnt. Nun könnte es sein, dass das alles nicht so schlimm ist wie gedacht, weil die Schulden sich nur auf einzelne Sektoren beziehen und zugleich die Gewinne auf Rekordhoch sind:

  • „If you are looking for reasons to worry about the stock market, few things beat U.S. corporate leverage. (…) corporate debt has never been greater as a percentage of gross domestic product. (…) Deutsche Bank AG chief global strategist Bankim Chadha, (…) attempted in a report to show that the corporate debt issue had been overstated. He makes some very valid points (…)“ – bto: Und diese Punkte schauen wir uns an:

Quelle: Deutsche Bank, Bloomberg

  • „Chadha argues that we should be more interested in net debt, which subtracts out cash holdings, and compares that to profits rather than GDP. After all, it is from profits that the debt must ultimately be repaid. This leads to a radically different picture:“ – bto: Was für ein schönes Bild! Die Verschuldung ist kein Problem, wenn man sie so bereinigt und dann über Zeit anschaut. Es sind wirklich gute Nachrichten und ich muss gestehen, Alarmismus ist nicht angebracht.

Quelle: Deutsche Bank, Bloomberg

  • „He also points out that leverage is heavily concentrated in the most relatively safe and boring sectors, led by utilities and real estate, which have reliable cash flows:“ – bto: Das ist sinnvoll. Denn zum einen bekommen diese Sektoren am leichtesten Kredit, zum anderen wirkt der Leverage-Effekt hier über Zeit deutlich renditesteigernd.

Quelle: Deutsche Bank, Bloomberg

  • „In particular, it is a story about utilities.“ – bto: Das zeigt das Chart deutlich. Zwar ist die Verschuldung zum Teil deutlich gestiegen, aber von sehr tiefen Niveaus aus (zumindest, wenn man es mit Versorgern und Immobilienfirmen vergleicht).

Quelle: Deutsche Bank, Bloomberg

  • „But there are still reasons for concern. (…) Rather than compare to profits, which many believe to be unrealistically high, the following chart compares investment-grade net debt to earnings before interest, tax, depreciation and amortization, which is a decent measure for cash flow. Non-financial corporates look almost as leveraged on this measure as they have at any time since the peak hit during the dot-com boom two decades ago. Excluding the tech sector, where companies are able to borrow against impressively high cash flows, corporate investment-grade debt looks as though it is at a historic high. Even if the debt is primarily taken on by companies with relatively strong cash flows, it is worth asking why they did not borrow so much before:“ – bto: Ich finde, das ist ein gewichtiges Argument: vor allem die Bezugnahme auf die Cashflows, die eben nicht so verzerrt sind durch Leverage, das tiefe Zinsniveau und die Gestaltung der Jahresabschlüsse.

Quelle: Bloomberg

  • „(…) this chart from Andrew Lapthorne, the chief quantitative strategist at Societe Generale (shows) in the era of quantitative easing following the financial crisis, net debt has increased far faster than cash flows:“ – bto: Irgendwie mussten die Aktienrückkäufe ja finanziert werden und wenn Geld nichts kostet.

Quelle: SocGen, Bloomberg

  • „A further issue (…) is the obvious and persistent dilution of credit quality.“ – bto: intensiv besprochen bei bto.

Quelle: Bloomberg

  • Debt with the highest AAA ratings has almost ceased to exist. And the greatest increase in debt volume by far has come in the lowest-quality investment-grade credits and in below-investment-grade. It looks like corporate borrowers are gaming the ratings firms (and not for the first time) by making sure they borrow as much as they can while not suffering the downgrade that would lead to higher borrowing costs. While Chadha’s numbers are for the larger companies in the S&P 500, Lapthorne produces this alarming data showing that the net debt of the smaller companies in the Russell 2000 has run far ahead of their cash flows:“ – bto: Dieses Chart hatte ich auch schon mal.

Quelle: SocGen, Bloomberg

  • „This is alarming, even if it does not imply a risk of imminent disaster for the S&P 500. The presence of leverage increases risks and it is plain that a lot of companies have taken the opportunity to stretch themselves to an unprecedented extent. Even if this corporate leverage doesn’t drive investors out of equities broadly, balance-sheet quality is likely to be a critical issue for anyone picking stocks. Avoiding the many companies that have over-levered looks imperative.“ – bto: Das stimmt.

Außerdem lässt sich festhalten:

  • Der Analyst der Deutschen Bank wollte auffallen. Ist aber nach hinten losgegangen, wenn Bloomberg ihn so einfach und deutlich zerlegt.
  • Die US-Unternehmensverschuldung ist ein Problem, weil sie sich auf die schwächeren Unternehmen konzentriert
  • und schon vor der Krise mit einer deutlichen Verschlechterung der Qualität einhergeht.
  • Die Schulden wurden für Konsum verwendet, nicht für Investitionen. Das macht sie noch problematischer.

Ohnehin halte ich mehr von Handlungen als von Studien. So berichtet die New York Times, dass die Wall Street sich schon auf das Schlachtfest mit gefallenen Unternehmen und deren Anleihen vorbereitet. Es werden entsprechende Experten eingestellt:

  • „Wall Street is hiring like gangbusters — because of a looming global credit crunch that could roil markets, and torpedo funds and businesses. Firms are signing on professionals to profit off a mountain of near-junk corporate debt, according to insiders. The Street is thought to be gearing up for the doomsday scenario some are expecting: a massive wave of corporate debt defaults, bankruptcies, restructurings and widespread layoffs.(…) hedge funds and banks snatch up teams of traders, credit and legal analysts, and managers tasked with profiting from this rising tide of high-risk corporate debt worldwide.“ – bto: So verdient man doppelt; erst am Verkauf der Papiere, dann an den Problemen.
  • „The US is awash in BBB-rated bonds. In the past decade, the triple-B bond market — a notch above junk — has catapulted from $686 billion to $2.5 trillion, an unsurpassed record, (…) Many worry about a surge of triple-B bonds being downgraded to junk, a step that would result in huge losses for many funds — some now leveraged to the hilt — and also undermine economic confidence. And while subprime was center stage during the 2008 financial crisis, this bad corporate debt could be the cause of the next recession.“ – bto: was den Bankern egal ist, Hauptsache die Kasse klingelt!

→ nypost.com: „Wall Street prepares to profit off looming global credit crunch“, 8. April 2019

17 Kommentare
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    Richard Ott sagte:

    bto: „He also points out that leverage is heavily concentrated in the most relatively safe and boring sectors, led by utilities and real estate, which have reliable cash flows.“

    Naja, ob Energieversorger auch in Zukunft noch ein „sicherer und langweiliger“ Sektor sein werden -selbst in den USA- wenn der CO2-Wahn der Klimagläubigen weiter um sich greift? Genauso wie Greta ist ja auch Alexandra Ocasio-Cortez keine Comicfigur, die Frau gibt es wirklich und ihre „Green New Deal“-Ideen sind genau so irre wie Gretas Panikmache.

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      Jens Happel sagte:

      Auch Klimaskeptiker sollten zur Kenntnis nehmen, dass die Energieerzeugung von Strom durch Windkraft zur Zeit konkurenzlos günstig ist, da kann weder Kohle noch Atom mithalten. Atomenergie bedarf in Europa mittlerweile sehr großzügiger Investitionen durch den Staat, siehe UK und Finnland.

      In den USA machen „grüne Energien“ mittlerweile 13% im Energiemix aus.

      https://www.iwr.de/news.php?id=28699

      Und würde die EU eine CO2 Steuer einführen, wie dies Dr.Stelter fordert, was ich ebenfalls begrüße, würde Braunkohle noch schneller in Deutschland verschwinden, als durch die tüdelige Kohlekommision.

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        Richard Ott sagte:

        @Herr Happel

        „Auch Klimaskeptiker sollten zur Kenntnis nehmen, dass die Energieerzeugung von Strom durch Windkraft zur Zeit konkurenzlos günstig ist, da kann weder Kohle noch Atom mithalten“

        Das stimmt nicht. Kohle und Gas sind ungefähr genau so teuer wie Onshore-Windkraft und Großanlagen-Photovoltaik, jedenfalls in Deutschland. Atom ist teurer aber dafür anders als PV und Windkraft grundlastfähig, dito Offshore-Wind, wobei der natürlich auch nicht grundlastfähig ist, aber dafür trendy. Wenn Sie Stromquellen nutzen wollen, die nicht grundlastfähig sind, dann brauchen Sie zusätzliche Stromspeicher, und die kosten extra.

        Aber ich bin ganz grundsätzlich neugierig: Können Sie mir die Daten zeigen, auf denen Ihre Behauptungen beruhen?

        Verstehen Sie eigentlich, welche Probleme Sie für hoch geleveragete Stromversorgungsunternehmen verursachen, wenn Sie ganz schnell (die heilige Greta fordert ja immer, dass alles super schnell gehen muss, sonst geht 2030 die Welt unter) eine CO2-Steuer einführen, die Braunkohlekraftwerke jetzt sofort unrentablel, macht während die Investition in die Kraftwerke auf 30 oder 50 Jahre Laufzeit kalkuliert wurde?

      • Avatar
        ikkyu sagte:

        @ J. Happel

        Sie müssen auch die Systemkosten des Flatterstroms berücksichtigen.

        Diese bestehen z.B. aus den Kosten für die Speicher (welche?), für den Netzausbau, für die vermehrten Eingriffe zur Netzstabilisierung oder für den höheren Verschleiß der fossil befeuerten Kraftwerke durch das erzwungene Rauf- und Runterfahren.

        Abgesehen davon sind die geologischen Bedingungen in den USA für die Nutzung von Erneuerbaren Energien nicht mit Deutschland vergleichbar (siehe z.B. Prof. Dr. Pelte), so dass Sie hier Äpfel mir Birnen vergleichen.

        In Europa ergeben die realen Einspeise-Daten von 2016 folgendes Bild für die Windenergie:

        „Die intuitive Erwartung einer deutlichen Glättung der Gesamtleistung in einem Maße, das einen Verzicht auf Backup-Kraftwerksleistung ermöglichen würde, tritt allerdings nicht ein. Das Gegenteil ist der Fall, nicht nur für ein einzelnes Land, sondern auch für die große Leistungsspitzen und -minima zeigende Summenzeitreihe der Windstromproduktion 18 europäischer Länder. Für das Jahr 2016 weist die entsprechende Zeitreihe (Stundenwerte) einen Mittelwert von 33.000 MW und ein Minimum von weniger als 6.500 MW auf. Dies entspricht trotz der europaweit verteilten Windparkstandorte gerade einmal 4 % der in den betrachteten 18 Ländern insgesamt installierten Nennleistung. Windenergie trägt damit praktisch nicht zur Versorgungssicherheit bei und erfordert 100 % planbare Backup-Systeme nach heutigem Stand der Technik.“

        https://www.vgb.org/studie_windenergie_deutschland_europa_teil1.html

        Genauso wie Herr Ott freue ich mich auf die konkreten Daten für Deutschland, aus denen Sie Ihre Behauptung abgeleitet haben.

  2. Avatar
    dan cody sagte:

    Schon erstaunlich, wie jetzt ein Ökonom nach dem Anderen umfällt:
    Man schnuppert an der MMT und erkennt dort Chancen, muss man ja auch, sonst verliert man den Anschluss.
    Aber gerade die Hemmungen, deutschen Ängste, waren Bedingung fuer ihr Entstehen.
    Jetzt, wo sie gesellschaftsfähig wird, ist aber auch ihr Ende in Sicht.
    Sie wird scheitern, keine Ahnung warum.
    So wird es kommen, so kommt es immer.

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