Sind wir in Wirklichkeit die Gewinner von Draghis Politik?

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Heute Morgen war die Wirkung von Mario Draghis Politik Thema auf bto. Gerade hier in Deutschland wird sie als Enteignung der Sparer gesehen. Aber in Wahrheit wurden wir von unseren Politikern enteignet und die EZB hat den Schaden bisher nur kaschiert.

Ergänzend nun ein Auszug aus dem Kommentar von Martin Sandbu in der FT, der jeden Tag wirklich exzellente Betrachtungen abgibt:

  • „At the core of the issue, of course, is that in a situation of low inflation and weak demand, the role of monetary stabilisation is to encourage spending and investment and discourage excess saving. (…) If monetary stimulus benefits net spenders and disadvantages net savers, that is precisely the point: a feature, not a bug.“ bto: Genauso ist es. Es geht ja um die Enteignung der Gläubiger zulasten der Schuldner. Und weil wir das nicht offen wollen, machen wir es indirekt.
  • „If the amount of savings you want to place exceeds the demand for funds by those who want to spend and invest more than they produce, expect the rate to fall. That is the natural behaviour of market economies, not the fault of central bank policy.“ bto: hm. Jetzt wissen wir natürlich, dass es noch andere Gründe für die tiefen Zinsen gibt. Demografie etc. Und die Eurozone bzw. Deutschland ist ja nicht alleine. Zudem ist das Konzept von Ersparnis und Investition schon fragwürdig in einer Welt, in der Geld aus dem Nichts und vor allem für unproduktive Zwecke erzeugt wird.
  • „Besides, low interest rates benefit Germans too. No lesser institution than the Bundesbank has just calculated that German taxpayers have saved €250bn during the past decade thanks to the ECB’s monetary policy, which has reduced the cost of servicing the public debt of Germany’s various levels of government.“ bto: Na, wenn das keine erfreuliche Nachricht ist? Doch wie steht es um die faulen Schulden, die wir immer mehr auf die Bücher nehmen? TARGET2?
  • „Finally, there is the export sector. Two recent speeches by Benoît Coeuré of the ECB and Lael Brainard of the Federal Reserve have highlighted the international spillovers from central bank asset purchase programmes, or quantitative easing. These are designed to encourage portfolio rebalancing — or investors selling off safe securities to invest in riskier ventures, driving down credit costs in the process.“ bto: Das ist ja mal interessant. Der Punkt, dass QE zu einer Kapitalflucht aus der Peripherie und zu einer Explosion der TARGET2-Forderungen geführt hat, wird gar nicht angesprochen!
  • „It was also associated with a depreciation of the currency, another benefit to a large net exporting nation such as Germany. We may hear disproportionately about the grumbles from German savers. But German taxpayers, borrowers and exporters have benefited from ECB policy.“ bto: auch hier eine eindeutige Umverteilung zu den Schuldnern.

So sehr ich Sandbu schätze, hier ist er zu kurz gesprungen!

→ FT (Anmeldung erforderlich): „There is much for Germany to like about the ECB“, 26. Juli 2017

14 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    Sandbu: „It was also associated with a depreciation of the currency, another benefit to a large net exporting nation such as Germany.“ Da sage ich einfach nur: Quatsch. Wir profitieren nicht davon, dass der Euro-Wechselkurs runter geht. Einzelne Unternehmen profitieren davon. Dann müsste Venezuela aufgrund starker Exportlastigkeit (Öl) und stark sinkenden Wechselkursen ja enorm profitieren. Sieht für mich in den Nachrichten aber nicht so aus, als ob das alle Venezolaner auch so sehen. Umgekehrt stemmt die Schweiz die Aufwertung des Frankens bestens. Fakt ist, wenn der Wechselkurs sinkt, sinkt die Kaufkraft der Währungsinhaber, also aller Bewohner des Währungsraums. Mir kann keiner erklären, warum das in Zeiten des Fachkräftemangels in Deutschland wünschenswert sein soll.

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  2. MFK says:

    Als Angehöriger der Berliner Oberschicht mit Villa im Grunewald, der sein Leben im wesentlichen mit ererbten Aktienportfolio und selbst genutzem Grundvermögen bestreitet, verstehe ich die Aufregung meiner werten Mitforisten in keiner Weise. Die exorbitanten Mieterhöhungen tangieren mich nur peripher und meine Dividendeneinnahmen und capital gains nehmen an der kalten Progression nicht teil. Natürlich haben „wir Steuerzahler“ deshalb € 250 Mrd. gespart. Dass der Pöbel deshalb auch keinen cent weniger Steuern zahlt, merken die doch sowieso nicht. Die Enteignung der Gläubiger interessiert mich auch nicht. Nur Trottel investieren in Staatsanleihen. Naja, wer seine Rente auf konventionelle Weise mit Geldanlage sicher stellen will, hat halt Pech gehabt. Mit diesen Leuten haben unsere Kreise eh nichts zu tun. Selber Schuld, hätten sie was ordentliches gelernt, hätte die das nicht nötig. Das einzige, das mich aufregt ist, dass die doch jetzt unseren Porsche Cayenne Diesel, den meine Frau als Zweitwagen nutzt, stilllegen wollen. Wie sollen jetzt unsere Kinder in die Schule kommen. Die Grünen wähle ich jetzt jedenfalls nicht mehr.

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  3. Dietmar Tischer says:

    >Zudem ist das Konzept von Ersparnis und Investition schon fragwürdig in einer Welt, in der Geld aus dem Nichts und vor allem für unproduktive Zwecke erzeugt wird.>

    Wollen Sie das wirklich sagen?

    Es ist nicht fragwürdig, dass Ersparnisse (= Nicht-Konsum) gleich den Investitionen sind (im einfachsten Modell der VW).

    Sie wissen doch besser als ich, dass dies der REALWIRTSCHAFTLICHDEN Identität geschuldet ist, der zufolge das Volkseinkommen nur durch C und I entstehen kann.

    Fragwürdig ist vielmehr dies:

    Wenn bei schwachem Konsum auch die Investitionen schwächeln, d. h. mehr Investitionen nur über TIEFERE Zinsen zu realisieren sind, versuchen die Banken BEI diesen niedrigen ihre Margen drückenden Zinsen im RENDITEWETTBEWERB über die Ausweitung des Kreditvolumens, ihre Gewinne zu halten und zu steigern – mit der FOLGE, dass die Zinsen weiter fallen und die unproduktive Verschuldung wächst.

    Sandbu liegt daher richtig mit dieser Aussage:

    >That is the natural behaviour of market economies, not the fault of central bank policy.“>

    Und jetzt noch einmal nachdenken, was die „Schuld“ der Zentralbank ist …

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Also, zunächst habe ich in vielen Beiträgen bei bto gezeigt, dass es viele Gründe für tiefere Zinsen gibt, u.a. den Ersparnisüberhang. Ausserdem bestreite ich nicht die volkswirtschaftliche Identität. Was ich jedoch ansprechen wollte war: es ist eine andere Ablauflogik. Beispiel: wir haben nicht die großen Handelsüberschüsse WEIL wir so viel sparen. Wir haben die Überschüsse, weil andere Länder auf KREDIT wachsen und bei uns kaufen, was dann zu entsprechenden Einkommenm bei uns führt, die wir wiederjum nicht voll ausgeben, sondern als Kredite vergeben…. Ich finde die Badewannentheorie die schlechtestes wenn es um die Zinsen geht, eben weil die Geld=Kreditschaffung der Banken zunächst von der Ersparnis unabhängig ist, sondern die Ersparnis nachlaufend eintritt. Besser verdeutlicht?

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      • Felix Kurt says:

        Herr Dr. Stelter, wie so oft von Ihnen gut und anschaulich beschrieben.
        Die Krux ist dann, dass einerseits das internationale, grenzüberschreitende Geld- und Kreditangebot transparent und damit zu einem hohen Maße markt-effizient verteilt wird, inkl. Verkäufer-Finanzierung, und dass andererseits die Qualität und sonstige wettbewerbsrelevante Eigenschaften (z. B.: Preis, Service, Ersatzteilgarantie, Lieferfähigkeit, Firsten, usw., usw, . . . .) nicht in gleichem Maße einer Arbitrage unterliegen.

        Was – bei attraktiver Marge – dann an den anderen Wettbewerbern liegen mag.

        Das Geschäft machen wollen, aber den Kredit nicht/nicht in dem Umfang zu geben, hätte wahrscheinlich einen dämpfenden Effekt auf das Geschäftsvolumen an sich. Also am Ende eine Kalkulationsfrage?

      • Dietmar Tischer says:

        Ja, vor allem:

        Sie sind damit unangreifbar(er).

        Das was Sie sagen bezüglich unserer Überschüsse ist ja richtig. Damit ist aber nicht das Konzept von Sparen und Investitionen fragwürdig, sondern es muss ein anderes Konzept herangezogen werden, um sie zu erklären.

        Sicher vergeben wir aufgrund unserer Überschüsse AUCH Kredite. Entscheidend ist aber, dass die Käufer unserer Exporte KREDITFÄHIG sind. Und das sind sie vor allem wegen der realwirtschaftlich zu erklärenden weltweit niedrigen Zinsen und dann – m. A. n. jedenfalls – insbesondere durch den Renditewettbewerb der Banken.

        Mit diesen Wirkmechanismen im Hintergrund geht es hier darum, WIE Draghis Politik einzuschätzen ist für uns.

        Wenn man die niedrigen Zinsen nicht ursächlich bei der EZB verorten kann und die Geldschöpfung der Geschäftsbanken als weitgehend unabhängig von der Geldpolitik der EZB erfolgt, dann muss man die Rolle der EZB auch differenzierter sehen als es vielfach geschieht.

        Sie reduziert sich damit allerdings nicht einfach darauf, dass die EZB mit Ihrer Geldpolitik einfach „nachgezogen“ hätte (M. Stöcker).

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