Draghi hat Zeit gekauft – und uns offene Verluste erspart

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Kritik an der EZB und an Mario Draghi ist (auch bei bto) populär. Doch man muss klar sagen, dass es ohne die EZB und die berühmten drei Worte den Euro wohl nicht mehr gäbe und wir im Zuge des chaotischen Auseinanderfallens erhebliche Verluste erlitten hätten. Unbenommen bleibt natürlich, dass

  • der Euro keine langfristige Überlebenswahrscheinlichkeit hat;
  • wir so oder so erhebliche Verluste erleiden werden;
  • diese Verluste mit jedem Tag größer werden,
  • weshalb wir einen echten Politikwechsel brauchten, aber nicht bekommen.

Das alles wissen wir. Dennoch ist es besser, die EZB schiebt den Zeitpunkt auf, um eine Lösung zu ermöglichen, die geordnet ist und zugleich hilft, den Schaden zu kontrollieren und damit zu begrenzen.

Niemand Geringerer als die Allianz-Tochtergesellschaft PIMCO führt das in einem Beitrag für die FT aus:

  • „Having bought time for countries and the wider region to address structural vulnerabilities, how much progress has been made? From our perspective as an investor, the conclusion is — not nearly enough.“ bto: So ist es! Noch deutlicher kann man es nicht sagen.
  • „Without a mutualised debt instrument or supranationalised banking system, periphery sovereigns such as Italy and Spain remain prone to act more like a corporate bond in periods of cyclical weakness.“ bto: PIMCO fordert eine Vergemeinschaftung aller privaten und öffentlichen Schulden. Nur so kann man es verstehen.
  • „What makes the bonds of periphery countries act more like credit rather than risk-free debt? They face a fundamental contradiction: their economies need to grow fast to reduce debt but growth must stay weak if competitiveness is to be regained through internal devaluation.“ bto: das klassische Problem. PIMCO wünscht sich sodann mehr Nachfrage aus Deutschland und den Niederlanden.
  • „With average euro area inflation very low, internal devaluation is politically and financially destabilising. (…) low potential growth rates and negligible inflation prevent debt levels from falling much during cyclical upswings. Debt sustainability remains elusive.“ bto: So kann man es auch ausdrücken. Aber auch bei höherer Inflation zahlen die Schuldner eigentlich nicht. Oder?
  • „The bank resolution regime imposes heavy burden-sharing on private bank creditors without having repaired the banking system first. Pockets of bad legacy debt persist. Moreover, much of the system remains poorly profitable and in desperate need of consolidation. Forced to issue expensive bail-in-able debt, weak banks become weaker still, thus reinforcing procyclicality.“ bto: Das kritisiere ich auch immer. Es ist doch schwachsinnig, die Investoren dazu zu bringen, wissentlich in insolvente Banken zu investieren, die dann ein Bail-in vornehmen.
  • „ECB asset purchases have served as integral bridge financing for periphery sovereigns to smooth private sector deleveraging. But as core countries like Germany and the Netherlands, with current account surpluses averaging more than 8 per cent of GDP, fail to deliver stronger domestic demand, the periphery is condemned to deflate to retain competitiveness.“ bto: Auch mit entsprechend mehr Ausgaben bei uns würde sich am Problem nichts ändern.
  • „Against a backdrop of weak growth, elevated unemployment and fragile banks, the high bar for political intervention remains a recipe for accidents. Despite three years of above-trend growth, investors should keep their seat belts on. Europe is still unsafe at any speed.“ bto: Das genau ist die Zusammenfassung!

Die FT zeigt dann noch einige Abbildungen zu den Folgen des Handelns von Mario Draghi:

Zunächst die Feststellung, dass wir eine Erholung haben, aber eine schwache:

Quelle: FT

Und dann der Beweis, wie sehr die schwachen Länder am Tropf der EZB hängen:

Quelle: FT

Noch klarer kann man es nicht sagen: Zeit gekauft, die nicht genutzt wurde. Fasten Seat Belts!

→ FT (Anmeldung erforderlich): „Mario Draghi’s ‘whatever it takes’ outcome in 3 charts“, 25. Juli 2017

→ FT (Anmeldung erforderlich): „Fasten seat belts, Europe is unsafe at any speed“, 24. Juli 2017

4 Kommentare
  1. Wolfgang Selig says:

    Zur Analyse der Aussagen von PIMCO gehört m.E., in welchen Euro-Ländern sich PIMCO mit welchen Beträgen an der Staatsfinanzierung beteiligt hat. PIMCO ist kein uneigennütziger neutraler journalistischer oder wissenschaftlicher Beobachter, sondern ein Mitspieler. Und zwar ein wichtiger. Die Vergemeinschaftung von Schulden ist vielleicht im Interesse von PIMCO, aber ist sie auch im Interesse Deutschlands?
    Und noch etwas: Wurde Zeit gekauft? Ja! Wurde die Zeit genutzt? PIMCO sagt eher nein, aber das sehe ich anders. Erst die jahrelange Durststrecke in den südlichen Ländern bringt dort langsam die politische Einsicht, dass man auf Kosten anderer Länder schlecht dauerhaft leben kann. Die aktuelle Arbeitsmarktentwicklung in Spanien zeigt das langsam. Der Euro sollte von Anfang an als politisches Vehikel dazu dienen, die europäische Einigung unumkehrbar zu machen. Das wird nicht wirklich gelingen, aber es wird die europäischen Mentalitäten zumindest ein wenig annähern, so wie die deutsche Zollunion 1834 die Gründung des deutschen Reiches 1871 befördert hat. Außerdem ermöglicht die Durststrecke allen im Euro-Raum engagierten Privatleuten und -unternehmen, das Chaos des Auseinanderbrechens durch Umschichtung ihrer Vermögenswerte in Ruhe vorzubereiten, was 2009 wohl bei den meisten nicht geklappt hätte. Das wird nie bei allen klappen, aber die Quote an vorbereiteten Personen dürfte inzwischen deutlich höher sein. Trotzdem ist der Rat „Fasten seat belts“ natürlich uneingeschränkt zu unterstützen. Nur sollte man nicht erwarten, dass die in vielen Jahrhunderten gewachsenen Mentalitäten sich in wenigen Legislaturperioden grundlegend ändern.

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  2. Dietmar Tischer says:

    >diese Verluste mit jedem Tag größer werden,

    weshalb wir einen echten Politikwechsel brauchten, aber nicht bekommen.
    Das alles wissen wir. Dennoch ist es besser, die EZB schiebt den Zeitpunkt auf, um eine Lösung zu ermöglichen, die geordnet ist und zugleich hilft, den Schaden zu kontrollieren und damit zu begrenzen.>

    Das verstehe ich nicht.

    Wenn die Verluste mit jedem Tag größer werden und wir den benötigten Politikwechsel nicht bekommen, um das abzustellen (mit welcher mehr oder weniger geordnet ablaufenden Lösung auch immer), dann ist es NICHT besser, dass die EZB das Überleben des Euro aufschiebt.

    Stop the bleeding wäre angesagt.

    Unabhängig davon würde ich sagen:

    Die EZB ist auf dem Pfad, auf dem die Fed immerhin in einem Punkt ERFOLGREICH war:

    Sie hat die amerikanische Volkswirtschaft monetär so akkommodiert, dass die Migration von den höher bezahlten Jobs im produzierenden Gewerbe zu den schlechter bezahlten im Dienstleistungsgewerbe OHNE Kollaps erfolgen konnte.

    Dies löst nicht das hier richtig beschriebene Problem und hat in USA auch ein neues geschaffen, nämlich „Abgehängte“ und den Politikwechsel hin zum Protektionismus, der bereits beginnt, Formen eines Wirtschaftskriegs anzunehmen .

    Antworten
    • Wolfgang Selig says:

      Ich verstehe Ihre Bedenken, aber ich glaube, Herrn Dr. Stelter geht es nicht um die Minimierung der finanziellen Schadenshöhe (das kann man aber auch vertreten!), sondern um die praktische Handhabung des Eurozerfalls. Er schreibt: „…Lösung zu ermöglichen, die geordnet ist und zugleich hilft, den Schaden zu kontrollieren und damit zu begrenzen.“ Ich denke, damit ist nicht nur der rein monetäre Schaden gemeint, sondern durchaus auch der menschliche sowie der Vertrauensschaden. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Leute im Zweifelsfalle buchstäblich Hunger leiden müssen, wenn bei einem UNGEORDNETEN Verfahren ihr einziges Tauschmittel aus einem dann eingefrorenen Bankguthaben besteht und kein Geld mehr für Lebensmitteleinkäufe im Hause ist und keine Barreserve außerhalb des Bankensystems deponiert ist. Dann braucht man sehr schnell eine landesweite Notlösung. So habe ich die einleitenden Worte zumindest interpretiert.

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      • Dietmar Tischer says:

        Bei Verlusten denke auch nicht vorrangig an die finanzielle Schadenshöhe.

        Ich denke vor allem an die Kompetenzverluste, die durch anhaltende Arbeitslosigkeit entstehen:
        Wer über längere Zeit keine Arbeit hat, verliert die Fähigkeit, im sich wandelnden Prozess der Wertschöpfung sich ändernd und anpassend zu behaupten und seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

        Das ist das ganz große Drama in der Peripherie der Eurozone und selbst in Frankreich mit mehr als 20% Jugendarbeitslosigkeit. Es ist wirklich ungeheuerlich, vor allem wenn man erkennt, was anderswo in der Welt vor sich geht (China, auch Indien und USA mit den technologischen Innovationen).

        >„…Lösung zu ermöglichen, die geordnet ist und zugleich hilft, den Schaden zu kontrollieren und damit zu begrenzen.“>

        Meinem Verständnis nach gibt es entweder eine geordnete Lösung, bei der die Schäden festgestellt und so verteilt werden, dass sie allen Beteiligten als fair und damit akzeptabel erscheinen. Das Ergebnis wäre immer noch eine Währungsunion, aber eine ganz andere.

        Das wäre wünschenswert.

        Oder es gibt einen Zerfall – und der ereignet sich, wie auch immer ausgelöst, plötzlich und ist so UNGEORDNET, dass die Menschen sich nicht darauf einstellen können, nach der Devise „Rette sich wer kann“ reagieren und fassungslos das Ergebnis betrachten. Es ist die Vernichtung ihrer Existenz (in welcher Variante auch immer).

        Das ist so wie bei den Bildern eines plötzlichen Hochwassers, wie wir sie dieser Tage auch aus Deutschland sehen.

        Ein Drittes, etwa ein „geordneter Zerfall“, ist für mich nicht vorstellbar angesichts der weltweiten Verschuldungskrise.

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