„Zehn Gründe, warum wir die Verlierer des Euro sind“

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Wann immer die Eurokrise neu entflammt, übertreffen sich die Kommentatoren im In- und Ausland mit dem mahnenden Hinweis, dass wir Deutschen die eigentlichen Profiteure des Euro seien. Die Einführung der Einheitswährung hätte erst die Grundlage für Export- und Beschäftigungsboom gelegt. Nur so konnten die deutschen Unternehmen Markanteile gewinnen und der Produktionssektor in den anderen Euroländern derart schrumpfen. Demzufolge wäre es auch nur richtig, wenn wir uns nun besonders solidarisch zeigen und die Kosten für die Eurorettung tragen. Es wäre ja in unserem eigenen Interesse.

Wirklich? Man kann das auch ganz anders sehen: Der sprichwörtliche Mann auf der Straße dürfte nämlich nicht zu den Gewinnern der Gemeinschaftswährung gehören. Wo immer man genauer hinblickt, muss man erkennen, dass der Euro zu einer Verringerung des deutschen Wohlstandes und der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit geführt hat, nicht zu einer Verbesserung. Dafür gibt es zahlreiche Gründe:

    1. Zu Zeiten der D-Mark stand die deutsche Wirtschaft unter konstantem Aufwertungsdruck. Die Währung der Haupthandelspartner, der französische Franc, die italienische Lira oder auch der US-Dollar werteten in schöner Regelmäßigkeit gegenüber der Mark ab. In der Folge war die deutsche Wirtschaft zu anhaltenden Produktivitätszuwächsen gezwungen. So wuchs die Produktivität in den Jahren vor der Euroeinführung deutlich schneller als in der Zeit danach. Seit dem Jahr 2000 liegt die Entwicklung der Produktivität hinter den Fortschritten in den meisten Industrieländern inklusive der heutigen europäischen Krisenländer wie Spanien.
    2. In der Folge wuchs das BIP pro Kopf ‒ der entscheidende Indikator für die Entwicklung des Wohlstands ‒ ebenfalls langsamer als vor der Einführung des Euro. Lief die Entwicklung bis 2000 noch halbwegs parallel zur Schweiz ‒ wenn auch auf tieferem Niveau ‒ so ist Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich zurückgefallen. Wir haben uns darauf konzentriert, billiger zu produzieren ‒ statt besser. Dies wird nachhaltig die Entwicklung der deutschen  Wirtschaft belasten.
    3. Die deutschen Konsumenten haben bis zur Einführung des Euro von den Abwertungen der anderen Länder profitiert. Importierte Waren und Urlaube wurden billiger. Seit dem Jahr 2000 hat sich dies geändert. Um weiterhin billig Urlaub machen zu können, musste man außerhalb des Euroraums reisen. Die Importe wurden teurer und Gleiches gilt für den Urlaub. Türkei statt Griechenland war das Motto. Damit sank die Kaufkraft des Durchschnittdeutschen.
    4. In den ersten Jahren nach der Einführung des Euro profitierten die anderen Länder von dem deutlich tieferen Zinsniveau, welches sie der von der Bundesbank auf die EZB übergegangenen Glaubwürdigkeit verdankten. Dabei waren die Zinsen für die heutigen Krisenländer zu tief, was einen einmaligen, schuldenfinanzierten Boom in diesen Ländern auslöste. Die Zinsen für Deutschland, welches unter anderem an einem überhöhten Wechselkurs zur Euroeinführung litt, waren dagegen zu hoch. Die EZB musste einen Mittelweg gehen, der ‒ wie sich herausstellte ‒ für alle Länder der falsche war. Die Rezession in Deutschland war deshalb tiefer und länger, als sie ohne den Euro gewesen wäre. Die Regierung war gezwungen, Ausgaben zu kürzen und die Arbeitsmarktreformen durchzuführen, die zu geringeren Löhnen in Deutschland führten. In Summe stagnierten die Einkommen der Durchschnittsbürger mehr als 10 Jahre lang. Deutschland war der kranke Mann Europas, während Spanien als Musterbeispiel für eine gute wirtschaftliche Entwicklung galt. Erst später wurde deutlich, dass es in Spanien nur eine gigantische, schuldenfinanzierte Immobilienblase war.
    5. Um die Wirtschaft wieder auf Trab zu bringen, setzte Deutschland auf die Wiedergewinnung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit über Kostensenkung statt über Produktivitätsverbesserung. Die stagnierenden Löhne führten zu geringeren Steuereinnahmen, während die Exporte zulegten. Somit hat der Euro es Deutschland nicht „erlaubt“, Handelsüberschüsse zu erzielen ‒ der Euro hat diese erzwungen. Die geringe Binnennachfrage ist der Hauptgrund dafür, dass die Wirtschaft sich auf den Export konzentrierte.
    6. Die deutschen Unternehmen haben von der Lohnzurückhaltung und dem schuldenfinanzierten Boom in den anderen europäischen Ländern profitiert. Die Exporte boomten. Dabei ist es wichtig, zwei Aspekte dieser Entwicklung zu beleuchten: a) Der Schulden- und Konsumboom in den heutigen Krisenländern führte zu einer Übernachfrage nach Gütern und Kapital, die per Definition nur aus dem Ausland kommen konnte. b) Diese Güter und die Finanzierung hätten theoretisch von überallher kommen können. Dank der durch Kostensenkung gestiegenen Wettbewerbsfähigkeit konnten deutsche Unternehmen davon überproportional profitieren. So ist festzuhalten, dass die Eigentümer der exportorientierten Unternehmen am meisten von der Euroeinführung profitierten. Bei den börsennotierten Unternehmen sind dies übrigens zu einem überwiegenden Teil ausländische Investoren, gegeben die Abneigung der Deutschen vom Aktienmarkt. Die weitere Gruppe der Profiteure sind die Beschäftigten der Exportunternehmen, die zwar stagnierende Löhne hatten, dafür aber einen Arbeitsplatz. Dabei muss man im Hinterkopf haben, dass zugleich auf den Binnenmarkt ausgerichtete Arbeitsplätze verloren gingen und das Lohnniveau insgesamt stagnierte.
    7. Aufgrund der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung nach Einführung des Euro, den gedämpften Steuereinnahmen und anhaltend hohen Kosten für Sozialleistungen und Aufbau Ost ging die Politik dazu über, die Ausgaben für Investitionen zu kürzen. Dies führte zu einer weiteren Senkung der Binnennachfrage in Deutschland.
    8. Ein Handelsüberschuss geht immer mit einem Ersparnisüberschuss einher. Dies führte zu einem enormen Kapitalexport in das Ausland. Teilweise als Direktinvestitionen, überwiegend jedoch als Kredit zur Finanzierung des Schuldenbooms in anderen Ländern. Wenig verwunderlich, dass deutsche Banken viel Geld im US-Immobilienmarkt verloren haben. Schon vor Jahren bezifferte das DIW die Verluste auf Auslandsinvestitionen auf mindestens 400 Milliarden Euro.
    9. Als die Krise in Europa offensichtlich wurde, haben deutsche Banken ihr Geld aus den Krisenländern abgezogen. Dabei wurden sie entweder von öffentlichen Geldgebern abgelöst ‒ Modell Griechenland ‒ oder aber die Bundesbank musste den Geldabfluss durch die Gewährung von TARGET2-Krediten ausgleichen. In Summe wurden so die von privaten Banken gegebenen Kredite ‒ unsere Ersparnisse ‒ durch direkte und indirekte Kredite des deutschen Staates ersetzt. Angesichts von mindestens drei Billionen fauler Schulden in Europa ist sicher, dass Deutschland als Hauptgläubiger einen großen Teil der Verluste tragen wird. Noch ist offen, auf welchem Wege dieser Verlust realisiert wird: durch Pleiten, eine geordnete Schuldenrestrukturierung oder eine Monetarisierung durch die EZB. In jedem Fall wird die Hauptlast den deutschen Bürger treffen.
    10. Alle Bemühungen, den Euro durch noch tiefere Zinsen über die Runden zu bringen, führen bereits für jeden offensichtlich zu einer Enteignung der Sparer. Ein schwacher Euro mag zwar der Exportindustrie erneut helfen, für den Mann auf der Straße bedeutet er jedoch höhere Kosten durch steigende Importpreise und verringert den Effekt des fallenden Ölpreises.

Für den Durchschnittsdeutschen stellt sich die Situation so dar: Die Einführung des Euro führte zu einer langen Phase geringen Wachstums, hoher Arbeitslosigkeit und Lohnstagnation. Die Tage der billigen Urlaube in Italien und Griechenland waren vorbei. Der Staat hat Ausgaben für Sozialleistungen und Infrastruktur und Investitionen gekürzt.

Die Wirtschaft musste sich ihrerseits auf den Export konzentrieren, weil die Binnennachfrage gedrückt war und die Ersparnisse dazu genutzt wurden, Lieferantenkredite zu gewähren.

Jetzt, wo diese Kredite nicht bezahlt werden können, müssen wiederum die deutschen Sparer und Steuerzahler für den Schaden aufkommen.

Zu allem Überfluss werden wir auch noch von den anderen Ländern kritisiert.

Vor diesem Hintergrund ist die Aussage, dass wir Deutschen die Hauptnutznießer des Euro wären, schwer haltbar. Ohne den Euro hätte es die Schuldenparty im Süden nicht gegeben, aber auch nicht die großen Exportüberschüsse. Dafür einen höheren Lebensstandard und bessere Infrastruktur in Deutschland.

manager-magazin.de: „Zehn Gründe, warum wir die Verlierer des Euro sind“, 4. März 2015

6 Kommentare
  1. Heinz-Dieter Steinmann says:

    Hallo Herr Stelter,
    vielen Dank für Ihren hervorragenden Artikel. Es wird tatsächlich völlig verdrängt, das, wenn die deutsche Exportwirtschaft durch einen Crash des Euro über Nacht wieder mit eigener Währung und dann gültigen Wechselkursen bestehen müßte, der globale Markt unser billiger statt besser Produzieren brutal bestrafen wird.
    Wir haben in den letzten 12 Jahren nichts mehr in besser Produzieren investiert, sondern nur in besser Lohndrücken.
    Diesen Punkt übersehen Sie leider gern in Ihren Artikeln. Der Binnenmarkt braucht Kaufkraft- und zwar in der breiten Bevölkerung. Lohndumping über so viel Jahre ist auch ein Hauptgrund für die hohe Verschuldung der breiten Masse. Das Geld zu stark in wenigen Händen konzentriert bekommen wir nicht in den Binnenmarkt, Anlager schaffen ihr Geld in Märkte mit realen Verzinsungen, nicht in einen sterbenden Binnenmarkt ohne Wachstum wie bei uns in Deutschland. Ihre Kausalkette – Euroeinführung erzwang Exportorientierung – Lohndumping daher zwangsläufig – halte ich für den einen aber entscheidenden Denkfehler in Ihrem Artikel.
    Natürlich ist dem Klientel der Eigentümer der boomenden Exportfirmen ziemlich egal was ein
    “ Binnendeutscher“ verdient, beim Crash der Euro Zone werden aber auch diese zu den Hauptverlierern gehören. Hubschraubergeld UND Schuldenschnitt wird wahrscheinlich gleichzeitig nötig sein um das Schlimmste zu verhindern.

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  2. Klaus Haase says:

    Danke Herr Dr. Stelter für Ihren bemerkenswerten Artikel.

    Allerdings konnte ich ein zentrales Argument Ihres Textes nicht nachvollziehen. Wenn Sie mir helfen könnten, es nachzuvollziehen, wäre ich glücklich.

    Sie schreiben im Pkt. 2: „Wir haben uns darauf konzentriert, billiger zu produzieren – statt besser.“ Und im Pkt. 5: „Um die Wirtschaft wieder auf Trab zu bringen, setzte Deutschland auf die Wiedergewinnung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit über Kostensenkung statt über Produktivitätsverbesserung.“

    Vor der Einführung des Euros – schreiben Sie in Pkt. 1 – war das anders:

    „Zu Zeiten der D-Mark stand die deutsche Wirtschaft unter konstantem Aufwertungsdruck … In der Folge war die deutsche Wirtschaft zu anhaltenden Produktivitätszuwächsen gezwungen.“

    Meine Frage: Warum haben wir uns ab der Einführung des Euros – siehe Pkt. 2 – „darauf konzentriert, billiger zu produzieren – statt besser“? Oder in der Formulierung Ihres Pkt. 5: Warum „setzte Deutschland (nach Einführung des Euros) auf die Wiedergewinnung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit über Kostensenkung statt über Produktivitätsverbesserung“?

    Warum folgte die deutsche Wirtschaft nicht der alten Regel: Never change a winning strategy! Warum gab es den Wechsel von Produktivitätsverbesserungen zu Kostensenkungen?

    Dazu fehlt mir in Ihrem Artikel die Begründung. Besten Dank im Voraus, wenn Sie mich klüger machen könnten.

    Eine Vermutung habe ich, wie Sie antworten könnten. Aber mein vermutetes Argument überzeugt mich selbst nicht. Daher warte ich lieber auf Ihre Begründung.

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber Herr Haase,

      ja, in der Tat ungenau formuliert. Der Euro hat nach dem ersten Einführungsschock den Wettbewerbsdruck gesenkt, weil der Wechselkurs real immer günstiger wurde. Unsere Löhne stagnierten, die anderen stiegen im Boom deutlich an. Deshalb genügte es, „billiger zu sein als besser“. Vor dem Euro-Druck in gleicher Form, mit Einführung starker Druck wegen a) schlechtem Wechselkurs, b) Zinsen real zu hoch mit der unmittelbaren Folge Lohndruck, danach Erholung und „leichteres Umfeld“ wegen Lohndifferenz, ergo weniger Produktivitätswachstum.

      Hoffe, dies hilft.

      LG

      DST

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  3. Dieter Zorn says:

    Hallo Herr Stelter, endlich einmal eine klasklare Analyse zu diesem Thema. Man muss eben die Allokations- und insbesondere die Distributionseffekte derEuro-Einführung auf die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gut auseinanderhalten, wenn man zu einem gerechten Urteil kommen will. Mein Professor in Finanwissenschaften in Freiburg, Alois Oberhauser, hätte sich über Ihre Analyse total gefreut. Er war Neo-Keynesianer, der in solchen Kategorien dachte.
    BG D. Zorn

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