Generationenkapital für Rentner ist richtig, aber zaghaft
Das zweite Rentenpaket wird von der Regierung als Riesenerfolg gefeiert – aber von vielen Experten kritisiert, und das zu Recht. Es ist ungerecht, weil es die Lasten in die Zukunft verschiebt und so die immer weniger werdenden Jungen noch mehr belastet. Es ist standortschädlich, weil Rentenbeiträge und Steuern steigen.
Man darf davon ausgehen, dass die qualifizierten Migranten, die wir anwerben wollen, rechnen können und einen großen Bogen um Deutschland machen. Ebenso kann man davon ausgehen, dass gut ausgebildete junge Menschen ihre Zukunft eher im Ausland sehen als in einem Land, das ihnen hohe und steigende Abgaben ohne entsprechende Gegenleistung in Form von Infrastruktur, einem guten Bildungssystem oder Digitalisierung verspricht.
Die mediale Kritik an den Reformvorschlägen konzentriert sich jedoch stattdessen auf das sogenannte „Generationenkapital“. Dieses ist der bescheidene Versuch, neben der gesetzlichen Rente einen Kapitalstock aufzubauen, um damit die künftigen Renten wenigstens zu einem geringen Anteil zu bezahlen. Das wird als „Casino-Rente“ bezeichnet, als „Spekulation“, die sich erst nach Jahrzehnten lohne.
Diese Kritik zeigt, wie schlecht es um die finanzielle Bildung der Deutschen gestellt ist. Alle Studien zeigen, dass bei langem Zeithorizont die Rendite von Aktien deutlich positiv ist. Laut dem Global Investment Returns Yearbook der UBS betrug die Aktienrendite nach Abzug der Inflation in den vergangenen 124 Jahren bei weltweiter Anlage 5,1 Prozent pro Jahr.
Dagegen konnten die Jüngeren von der Rentenversicherung schon vor dem aktuellen Reformvorschlag nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge nur eine Rendite von rund zwei Prozent erwarten – brutto, also ohne Abzug der Inflationsrate. Ein Vorsprung der Aktienanlage bleibt auch dann bestehen, wenn man die Zinskosten des Staates für die Finanzierung des Generationenkapitals abzieht. Diese betragen derzeit bei langfristiger Kreditaufnahme rund zweieinhalb Prozent pro Jahr.
Der Staat sollte der Bevölkerung Geld schenken
Wir hätten mit dem Einstieg in eine kapitalgedeckte Säule schon vor 30 Jahren beginnen sollen, wie es andere Länder, beispielsweise die Schweiz, vorgemacht haben. Dieses Versäumnis zu korrigieren, ist möglich. Nebenher könnten wir auch noch das Problem der geringen Vermögen der breiten Bevölkerung in Deutschland angehen.
Der Staat sollte jedem Deutschen unter 65 Jahren 25.000 Euro schenken. Bei überschlägig 55 Millionen Deutschen in diesem Alterssegment entspricht dies 1375 Milliarden Euro oder rund 33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Grenze der Begünstigung bei 65 Jahren ist darin begründet, dass ein Großteil des Vermögens in Deutschland ohnehin bei den über 65-Jährigen liegt und etwaige Guthaben von dieser Gruppe meist vererbt werden.
Die besagten 25.000 Euro würden als Einmalzahlungen auf individuelle Alterskonten bei einem staatlichen Fonds geleistet, der die Mittel nach dem Vorbild des norwegischen Staatsfonds global diversifiziert investiert. Die Norweger haben seit der Auflage des Fonds im Jahr 1998 immerhin 6,1 Prozent Rendite pro Jahr erwirtschaftet.
Mit Vollendung des 65. Lebensjahres und nach einer Haltedauer der eigenen Fondsanteile von mindestens zehn Jahren könnten die Begünstigten auf das erreichte Guthaben zugreifen. Durch gestaffelten Verkauf ihrer Anteile können sie sicherstellen, dass kurzfristige Turbulenzen an den Kapitalmärkten sie nicht zu sehr belasten.
So würden die Deutschen am Wohlstandszuwachs der Welt partizipieren, während bei uns allein aufgrund der demografischen Entwicklung der zu verteilende Kuchen bestenfalls stagniert.
Kritikern, die sich an der zusätzlichen Staatsverschuldung stören, sei gesagt, dass Deutschland selbst dann mit Schulden von weniger als 100 Prozent vom BIP immer noch weniger verschuldet wäre, als der Durchschnitt der Eurozone und deutlich geringer als Frankreich, Spanien und Italien.
Ein solcher Alterssicherungsfonds wäre endlich ein Sondervermögen, welches diesen Namen auch verdient. Ein Vermögen für alle Deutschen.
→ handelsblatt.com: „Generationenkapital für Rentner ist richtig, aber zaghaft“, 10. März 2024

