Konferenz „The Future of Money“: Giralgeld, Digital Cash, Vollgeld und Kryptowährungen

Die Organisatoren der Konferenz „The Future of Money – 10 Years after Lehman and Nakamoto“ haben mich gebeten, die Leser von bto auf die Veranstaltung hinzuweisen. Aus Termingründen kann ich leider nicht teilnehmen, finde aber die Agenda und die Teilnehmer interessant. Deshalb an dieser Stelle ausnahmsweise ein Hinweis:

Wie wird das Geld(system) der Zukunft aussehen? Welche Rolle spielt die Digitalisierung? Was ist Vollgeld und wie funktionieren Kryptowährungen? Diesen und weiteren spannenden Fragen gehen hochrangige internationale Geldexperten auf der Konferenz: „The Future of Money – 10 Years after Lehman and Nakamoto“ am 24. November in Frankfurt nach. Unter anderem sprechen der Chefvolkswirt der OECD, der ehemalige Gouverneur der spanischen Zentralbank und der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Unser bestehendes Geldsystem ist kompliziert. Bis heute verstehen der Großteil der Bürger aber auch viele Ökonomen und Politiker nicht, wie es funktioniert. Viele tun sich weiterhin schwer, Banken als die Produzenten des Geldes zu begreifen, die sie eigentlich sind. lm Zuge dieser Unwissenheit, der Digitalisierung des Geld- und Finanzsystems und der dadurch vereinfachten Gelderzeugung der Banken kommt unser Schuldgeldsystem langsam an seine Grenzen: Die westliche Welt und zunehmend auch die Schwellenländer sind hoch verschuldet, das weltweite Bankensystem ist weiterhin fragil und bedroht die Stabilität ganzer Länder und es gibt nicht wenige Ökonomen, die schon wieder vor dem nächsten Crash warnen.

Die Digitalisierung der Wirtschaft macht zunehmend auch nicht mehr vor den Fundamenten des Geldsystems halt: Das bestehende Geldsystem steht seit einigen Jahren durch Kryptowährungen, die über Blockchains und anderen „Distributed Ledger Technologien“ dezentral übertragen werden, unter Beschuss. Eine Entnationalisierung des Geldes, wie sie Friedrich August von Hayek vorsah, scheint für viele Anhänger von Kryptowährungen zum Greifen nah. Die meisten Ökonomen meinen jedoch, dass Kryptowährungen wohl (aktuell) keine Bedrohung für das Geldsystem darstellen, da sie keine der drei Funktionen von Geld erfüllen. Trotzdem wird spätestens seit 2017 stark über die zugrunde liegende Technologie und der Möglichkeit der Digitalisierung von Werttransaktionen diskutiert. lm Zuge dessen haben vermehrt Zentralbanken angekündigt, ihr eigenes „Digital Cash“ zu erschaffen.

Ob die neuartige Blockchain-Technologie für solches digitales Bargeld genutzt wird oder nicht, spielt geldsystematisch erst mal keine Rolle. Sicher wäre jedoch, dass bei der Einführung von digitalem Bargeld die Struktur des heutigen zweistufigen Geldsystems dramatisch verändert werden würde: Dem sogenannten „Giralgeld“ der Banken – dem Guthaben auf Ihrem Bankkonto – stünde dann ein sicheres digitales Geld direkt von der Zentralbank gegenüber. Warum sicher? Zentralbanken können im Gegenzug zu Geschäftsbanken nicht pleitegehen. Bürger hätten somit die Wahl, ihr Geld sicher bei der Zentralbank zu verwahren und nicht als Kredit an die Bank halten zu müssen.

Diese Möglichkeit könnte die Geldschöpfungsfähigkeit wegen massivem Abfließen von Liquidität aus dem Geschäftsbankensektor stark einschränken und Banken dazu veranlassen, die Kundengelder mit mehr Zentralbankgeld decken zu müssen. Ein Extremszenario wäre, dass Banken alle Kundengelder in Zentralbankgeld decken müssten – ein 100-Prozent-Reservesystem wäre das Resultat. Um das Geldsystem dramatisch zu vereinfachen und sicherer zu machen, könnte jedoch gleich die Zentralbank das gesamte Geld erzeugen und Banken zu reinen Mittelsmännern zwischen Sparern und Kreditnehmern werden – so, wie sich die meisten Menschen schon heute das Geschäft von Banken vorstellen.

Eine Umstellung auf ein solches Vollgeldsystem könnte enorme Vorteile mit sich bringen: unter anderem eine massive Entschuldung von Staaten und privaten Haushalten, eine massive Reduktion von Boom- und Bust-Zyklen, ein stabiles Geldsystem ohne Angst vor Bankenruns und die Möglichkeit der Liberalisierung des Finanzsektors.

Auch wenn sich die Schweizer Bevölkerung trotz der möglichen Vorteile kürzlich gegen die Einführung eines solchen Vollgeldes entschied, hat die Debatte um die Zukunft des Geldes gerade erst begonnen. Fest steht, dass sie am Samstag, den 24. November auf der internationalen Geld-Konferenz „The Future of Money – 10 Years after Lehman and Nakamoto“ in der Frankfurt School of Finance and Management in Vorträgen und einer anschließenden Podiumsdiskussion weitergeführt wird.

Tickets gibt es ab 190 EUR netto.

11 Kommentare
  1. Arda Sürel sagte:

    Betrachtet man eine Bankbilanz, bedeutet ‚Vollgeld‘, dass die Summe der Sichteinlagen gleich der Summe des Reservekontos der Bank bei der Zentralbank zu sein hat. Alle Kundeneinlagen bei dieser Bank, die nicht auf Sichtkonten gebucht waeren, würden also Kredit an die Bank und eben nicht Geld darstellen.

    Dies bedeutet für die Bank, dass sie bei der Vergabe neuer Kredite sicherstellen muss, dass der Kreditbetrag entweder gleichtaegig abgehoben/überwiesen wird oder dass der Kreditbetrag am Tagesende nicht auf das Sichtkonto, sondern auf ein T+x Konto gebucht wird.

    Für den Einleger bedeutet dies, dass er sich bewusst sein muss, dass er für sein Geld keine Zinsen bekommt, dass er nur Zinsen bekommt, wenn er aus seinem Geld einen Kredit macht (T+x) und dass er für Überweisungen Gebühren zahlen muss.

    All dies sind keine Zusammenhaenge, die irgendwie revolutionaer daherkommen. Bei der Kreditvergabeentscheidung wird bei Banken ohnehin deren eigene Liquiditaetssituation (gegebener Betrag auf dem Reservekonto, Betraege, die zügig zum Reservekonto hinzu kommen können) mitbedacht. Und Einleger wollen (im Normalfall des Nicht-Euro-Chaos) eine Verzinsung für ihre Einlagen und spielen bei der Umbuchung vom Girokonto mit. Was haette sich geaendert?

    Zudem gibt es keine Garantie, dass eine Bank in schweren Zeiten nicht über das ‚erlaubte‘ Mass hinaus auf ihr Reservekonto zurückgreift. Die vermeintliche Sicherheit waere weg, überstiege die Summe der Sichteinlagen den Saldo des Reservekontos und sie ist bei Nicht-Sichteinlagen, die dann als ‚Kredit‘ gewertet waeren, ohnehin nicht gegeben.

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  2. Arda Sürel sagte:

    Die Blockchain-Technologie ist insofern ich es richtig verstehe, eine Möglichkeit zur Verwaltung von Datenbanken, die nicht auf einer zentralen Verwaltungseinheit sondern auf einer auf alle Teilnehmer dezentralisierten Verwaltung geschehener Transaktionen basiert und die zur Durchführung von Überweisungen benutzt werden kann.

    So gesehen scheint diese Technologie ökonomisch gesehen eine Funktion zu erfüllen,die strukturverwand ist mit Swift oder normalen nationalen Überweisungsmechanismen.

    Wie es geschehen soll, weiss ich nicht, aber falls es irgendwann einmal dazu kommt, dass man mittels der Blockchain-Technologie ’sparen‘, ‚anlegen‘, ‚Kredite vergeben‘, ‚Akkreditive öffnen‘ etc. kann, waere mir der Unterschied zum ohnehin gegebenen Finanzsystem recht unklar.

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    • Wolfgang Selig sagte:

      @Arda Sürel: Geht mir bzgl. der Unklarheit ähnlich. Vor allem stelle ich mir bei Blockchain die Grundfrage der Römer: Quis custodiet custodies? Übersetzt: Wer kontrolliert die Wächter? Der Normalbürger dürfte nicht in der Lage sein, die Blockchaintechnik vollständig zu durchdringen bzw. Manipulationen zu entlarven. Hier sind noch viele ungelöste Fragen.

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  3. Michael Stöcker sagte:

    Wer über die Zukunft des Geldes nachdenken möchte, der kann dies nur vor dem Hintergrund der Geschichte des Geldes machen. Und mit Gold hat das Ganze nur etwas für religiöse Realmystiker zu tun (sorry, Herr Berand). Da gibt es doch sicherlich ökologischere und ökonomischere Begrenzungsmöglichkeiten im Kreditzyklus. Und beim Thema Vollgeld bin ich auf der Seite von Herrn Sürel.

    Aus Zeitgründen hier nur ein paar Leseempfehlungen :

    JP Koning über die Kredittheorie des Geldes von Alfred Mitchell-Innes: http://jpkoning.blogspot.com/2018/11/the-credit-theory-of-money.html. Insbesondere auch die anschließende Diskussion.

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